Boberhaus

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Das Boberhaus war ein Volksbildungshaus und „Grenzvolkshochschulheim“ in Löwenberg in der Provinz Niederschlesien im Deutschen Reich. Es diente von 1926 bis 1937 als Bildungsstätte für Jugendliche aller Parteien, Klassen und Bekenntnisse. Gefördert wurden auch die Erwachsenenweiterbildung, die Musikerziehung sowie der Austausch mit dem Ausland, insbesondere mit Südosteuropa.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Boberhaus wurde im Jahr 1925 auf Initiative des an der Universität Breslau lehrenden Soziologen Eugen Rosenstock-Huessy, dem erst 18-jährigen Helmuth James Graf von Moltke und Artur von Machui begründet. Es befand sich in einer Villa, die 1910 für den Löwenberger Apotheker Zwirner oberhalb des Bobertales nach einem Entwurf des Berliner Architekten Hans Poelzig errichtet und als „Haus Fichteneck“ bezeichnet wurde.[1] Nach der Eröffnung an Ostern 1926 wurde das Boberhaus durch die „Schlesische Jungmannschaft“ der Deutschen Freischar verwaltet. Finanziell unterstützt wurde das Boberhaus durch den Reichstagsabgeordneten des Waldenburger Wahlkreises Heinrich Brüning. Dem Beirat gehörten u. a. Gerhart Hauptmann, Gerhart von Schulze-Gaevernitz und Paul Löbe an.

Das erste Bundesarbeitslager der Deutschen Freischar fand 1927 statt. Im Oktober 1927 leitete Eugen Rosenstock-Huessy eine Tagung, die sich mit den Notständen in den Landeshuter, Waldenburger und Neuroder Bergbaurevieren befasste und die die selbsttragenden Kräfte in dieser Region mobilisieren sollte. Ein Ergebnis war die Gründung der Löwenberger Arbeitsgemeinschaft, deren Ziel es war „Arbeitslager für Arbeiter, Bauern und Studenten“ zu veranstalten. Das erste Lager wurde im März 1928 durchgeführt. Diese pädagogisch motivierten, freiwilligen Arbeitslager dienten dem konfessionell und weltanschaulich übergreifenden Erziehungsziel der Verbesserung des gegenseitigen Verständnisses in der Volksgemeinschaft. Teilnehmer waren mit je einem Drittel über 100 junge Männer aus den Bereichen Industriearbeiter, Landwirtschaft und Hochschule. In diesem „Löwenberger Arbeitslager“ wurde nach einer Ansprache durch Rosenstock-Huessy am Vormittag zunächst vier Stunden in verschiedenen Projekten körperliche Arbeit geleistet. Am Nachmittag wurden Vorträge durch verschiedene Referenten abgehalten. Weitere Arbeitslager wurden jeweils 1929 und 1930 durchgeführt. 1930 waren erstmals auch Frauen unter den Teilnehmern. Einer der Referenten war in den Jahren 1928 und 1929 Adolf Reichwein, der hier einige Mitglieder des späteren Kreisauer Kreises kennenlernte. 1928 referierte er über das Thema „Weltwirtschaftliche Zusammenhänge der Probleme in Deutschland und Schlesien“.

Nach dem Vorbild des Boberhauses entstanden in der Folge mehrere gleichartige Initiativen, die 1931 in den Freiwilligen Arbeitsdienst (FAD) überführt wurden. Die Deutsche Freischar gründete das „Bundeswerk Boberhaus“ und erhielt aus diesem Programm Fördermittel zur Durchführung ihrer Veranstaltungen.

1937 wurde das Boberhaus durch die Nationalsozialisten geschlossen und enteignet. Bei Kriegsende 1945 wurde das Gebäude zerstört. Als Folge des Krieges fiel Löwenberg zusammen mit dem größten Teil Schlesiens an Polen.

In der Nachkriegszeit bestand noch bis 1994 ein Boberhauskreis, der seine Mitglieder mit Rundbriefen über seine Aktivitäten informierte und sich entwicklungspolitisch engagierte. Eine Ausstellung im „Pferdestall“ der Begegnungsstätte Kreisau erinnert heute an die Aktivitäten des Boberhauskreises. Das ehemalige Boberhaus-Archiv befindet sich in Kaiserslautern.

Leiter des Boberhauses[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1926–1927 Gerhard Klau (1898–1950), unterstützt durch[2]:
    • Ernst Seeliger (1885–1947) und
    • Roman Kapuste (1895−1983)
  • 1928–1929 Hans Dehmel (* 1896)
  • 1930–1932 Hans Raupach (1903–1997)
  • 1932–1933 Georg Keil (1905–1990)
  • 1933 bis zur Liquidierung 1937: Walter Greiff (* 1903)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eugen Rosenstock-Huessy: Hochschule und Arbeitslager. In: Schlesische Hochschulblätter 2, 1927, S. 17–19; „Das Arbeitslager für Jungarbeiter, Jungbauern und Jungakademiker in Löwenberg vom 14.–31. März 1928“. Freie Volksbildung (Neue Folge des Archivs für Erwachsenenbildung) 3, 1928: S. 217–224.
  • Artur von Machui: Aus unserer Gründungszeit. In: Die Volksgruppe. Beiträge zum schlesischen Volksbildungswerk. Frühjahr 1928, S. 2–4.
  • Adolf Reichwein: Ein Arbeitslager. In: Volkshochschulblätter für Thüringen, 10, 1928–29, H. 1, S. 14–19.
  • Ullrich Amlung, Nicole Hoffmann, Bettina Irina Reimers: Adolf Reichwein und Fritz Klatt. Ein Studien- und Quellenband zu Erwachsenenbildung und Reformpädagogik in der Weimarer Republik. Juventa, Weinheim 2008, S. 79–86.
  • Eugen Rosenstock und Carl Dietrich von Trotha (Hrsg.): Das Arbeitslager. Berichte aus Schlesien von Arbeitern, Bauern, Studenten. Eugen Diederichs, Jena 1931, S. 87–116.
  • Klaus Bergmann, Günther Frank: Bildungsarbeit mit Erwachsenen. Handbuch für selbstbestimmtes Lernen. Rowohlt, Reinbek 1977, S. 44–60 („Das Dritte Lager“ und „Stimmen“).
  • Georg Keil: Gelebte Koexistenz im Boberhaus. In: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung 10, 1978, S. 117–129.
  • Walter Greiff: Das Boberhaus in Löwenberg/Schlesien 1933–1937. Selbstbehauptung einer nonfonformen Gruppe. Thorbecke, Sigmaringen 1985.
  • Peter Dudek: Erziehung durch Arbeit. Arbeitslagerbewegung und freiwilliger Arbeitsdienst 1920–1935. Leske & Budrich, Opladen 1988.
  • Johann Georg Keil, Hans Dehmel u. a.: Vormarsch der Arbeitslagerbewegung. Geschichte und Erfahrung der Arbeitslagerbewegung für Arbeiter, Bauern, Studenten 1925–1932. Hrsg. Deutsches Studentenwerk. Reihe: Studentenwerk-Schriften Bd. 6; de Gruyter, Berlin 1932
  • Walter Greiff, Rudolf Jentsch, Hans Richter (Hrsg.): Gespräch und Aktion in Gruppe und Gesellschaft 1919–1969. Für Hans Dehmel im Auftrage des Boberhauskreises. Reihe: Quellen und Beiträge zur Geschichte der Jugendbewegung, Band 14. Dipa, Frankfurt 1970.
  • Peter Nasarski (Hrsg.): Deutsche Jugendbewegung in Europa. Versuch einer Bilanz. Textbeiträge von Gerhard Albrich, Hans Christian Brandenburg, Hans Christ, Hans Dehmel, Karl Epting, Rolf Gardiner, Rüdiger Goldmann, Sepp Großschmidt, Bernhard Heister, Willi Horak, Augustinus K. Huber, Wilhelm Jesser, Toni Kaser, Rudolf Kneip, Helmut Neumann, Kurt Oberdorffer, Erich Scholz, Elimar Schubbe, Friedrich Spieser-Hünenburg, Arved von Taube, Karl Thums, Erhard Wittek. Verlag Wissenschaft und Politik, Köln 1967.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. historisches Foto
  2. [1]

Koordinaten: 51° 6′ 14,7″ N, 15° 35′ 39,1″ O