Candilis-Josic-Woods

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Wohnhausgruppe 918, Berlin-Märkisches Viertel

Candilis-Josic-Woods war ein französisches Architekturbüro, das von 1954/55 bis 1969 bestand[1] und vor allem in Frankreich und Deutschland tätig war.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegründet wurde das Architekturbüro 1955 von ehemaligen Mitarbeitern des Architekten Le Corbusier. So war Georges Candilis (1913–1995) der Projektleiter für Planung und Bau der Unité d’Habitation in Marseille gewesen, von 1947 bis 1952. Gemeinsam mit Shadrach Woods (1923–1973) gründete Candilis 1951 ein Architekturbüro. 1954/55 kam Alexis Josic (1921–2011) hinzu. Die Arbeit des Büros Candilis-Josic-Woods begann mit der Teilnahme an dem Architektenwettbewerb Opération Million, bei dem es nicht um eine konkrete Bebauung ging, sondern um allgemeine Ideen dazu, wie man die Baukosten einer Wohnung im Sozialen Wohnungsbau senken kann. Das Ziel war es, die Baukosten einer Dreizimmerwohnung von 1,5 Millionen Francs auf unter eine Million zu reduzieren.[2] Candilis-Josic-Woods gewannen den Wettbewerb und erhielten in der Folge viele Aufträge für die Planung von Wohnsiedlungen (Marseille, Bagnols-sur-Cèze, Aulnay-sous-Bois, Nîmes, Manosque, Aix-en-Provence, Toulouse, Berlin, Hamburg).

1965 eröffnete Alexis Josic ein eigenes Büro, war aber noch bis 1969 an den Planungen von Candilis-Josic-Woods beteiligt.[3] 1973 starb Shadrach Woods; sowohl Candilis als auch Josic arbeiteten danach separat als selbständige Architekten. Während der Arbeit an den Berliner Projekten in Dahlem und im Märkischen Viertel hatte das Büro Candilis-Josic-Woods eine Zweigstelle in Berlin. Hier arbeiteten unter anderem Manfred Schiedhelm und Myra Warhaftig. Da Manfred Schiedhelm der Projektleiter für den Bau der philologischen Institute der Freien Universität Berlin (genannt Rostlaube) war, wird an manchen Stellen die Architektengemeinschaft auch als Candilis-Josic-Woods-Schiedhelm bezeichnet.[4] „Vor allem Shadrach Woods hatte das Wettbewerbsprojekt entworfen; ihm wurde dann aber eine Professur in den USA angeboten, und er kehrte endgültig in seine Heimat zurück. So machte man Manfred Schiedhelm 1966 zum gleichberechtigten Partner im Büro Candilis Josic Woods und ließ ihn das Projekt selbständig realisieren.“[5]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Werk von Candilis-Josic-Woods ist eng verbunden dem Team 10 (oder Team Ten, Team X) des CIAM. Die Entwürfe von Candilis-Josic-Woods berücksichtigten die Ideen, die das Team Ten im Rahmen des CIAM entwickelte. Ihnen ging es vor allem um die Erweiterung der Planungsideale der klassischen Moderne. Sie betrachteten Architektur und Städtebau als komplexe Strukturen – anders als die auf möglichst große Klarheit ausgerichtete klassische Moderne. Inspiriert von den Ideen Strukturalismus versuchten Candilis-Josic-Woods universelle Elemente der Architektur zu finden, die je nach den Anforderungen der jeweiligen Bauaufgabe zu komplexe Strukturen zusammengesetzt werden konnten.

1962 beteiligten sie sich beim Wettbewerb zum Bau der Ruhr-Universität Bochum mit einem Entwurf für eine lineare Teppichbebauung. Der Beitrag von Candilis-Josic-Woods wurde nicht zur Ausführung ausgewählt. 1963 entwarfen sie im Rahmen des Wettbewerbs für die Bebauung des Römerbergs in Frankfurt am Main ebenfalls eine Teppichbebauung, die ebenfalls nicht ausgeführt wurde. Beim Wettbewerb für die philologischen Institute der Freien Universität Berlin entwarfen sie erneut eine komplexe Struktur von miteinander verbundenen Flachbauten, diesmal wurden sie mit der Ausführung beauftragt. Das Gebäude ist heute als Rostlaube bekannt und gilt als bedeutendes Werk des Architektonischen Strukturalismus. Laut Architekt Florian Nagler sei die Rostlaube „das wichtigste Gebäude des Strukturalismus.“[6]

Philologische Institute der Freien Universität Berlin, genannt Rostlaube
Stadterweiterung Le Mirail in Toulouse

Eine weitere bedeutende Planung von Candilis-Josic-Woods ist die Stadterweiterung Le Mirail in Toulouse. Während die Architekten an dem Plan für die Stadterweiterung arbeiteten, entschied sich die Stadt Toulouse, eine Universität mit in den Umfang der Planung aufzunehmen. Candilis-Josic-Woods änderten darauf hin ihren Entwurf entsprechend.[7] Die dortige Université Toulouse–Jean Jaurès hatte lange Zeit den Namen Toulouse-Le Mirail. Im Laufe der 1960er und 1970er Jahre wurde die Stadterweiterung zwar nicht exakt nach den Plänen von Candilis-Josic-Woods ausgeführt, jedoch verwirklichte das Büro eine große Anzahl von Hochbauten in dem Gebiet, sowohl für die Universität als auch Wohnbauten. In seiner Autobiografie äußerte sich Candilis enttäuscht darüber, dass der ursprüngliche Stadtplanungsentwurf im Nachhinein so stark verändert wurde.

Ausgeführte Bauten und Planungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jürgen Joedicke: Candilis, Josic, Woods – ein Jahrzehnt Architektur und Stadtplanung. Stuttgart: Karl Krämer 1968.
  • Georges Candilis: Bauen ist Leben – ein Architekten-Report. Archpaper, Edition Krämer, Stuttgart: Karl Krämer 1978, ISBN 3-7828-0452-X.
  • Tom Avermaete: Another Modern – The Post-war Architecture and Urbanism of Candilis-Josic-Woods, Rotterdam, Nai, 2005, ISBN 9789056624736.
  • Karl Kiem: Die Freie Universität Berlin (1967–73) – Hochschulbau, Team-X-ideale und tektonische Phantasie/The Free University Berlin (1967–73) Campus design, Team X ideals and tectonic invention, Weimar: VDG 2008, ISBN 978-3-89739-575-6.
  • Kenny Cupers: The Social Project – Housing Postwar France. Minneapolis: University of Minnesota Press 2014, ISBN 9780816689651.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Buildings by Candilis-Josic-Woods – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Harold Hammer-Schenk: Geisteswissenschaftliche Institute („Rostlaube“, „Silberlaube“) Mit Parkhaus und Mensa II. In: Martina Schilling (Hrsg.): Freie Universität Berlin – ein Architekturführer zu den Hochschulbauten. Braun, Salenstein 2011, ISBN 978-3-03768-017-9, S. 75.
  2. TEAM 10. Abgerufen am 20. Februar 2022.
  3. a b Bernard Marrey: Geroges Candilis. In: K.G. Saur Verlag (Hrsg.): Allgemeines Künstlerlexikon – die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. Band 16: Campagne – Cartellier. K.G. Saur, Leipzig 1997, ISBN 3-598-22740-X.
  4. Institutsbauten der Freien Universität Berlin - DETAIL inspiration. Abgerufen am 16. Februar 2022.
  5. Helmut Schulitz: Erinnerungen an Manfred Schiedhelm (1934–2011). In: bauwelt.de. Bauwelt, abgerufen am 16. Februar 2022.
  6. Anja Kühne: Die Freie Universität baut sich eine „Holzlaube“. In: Der Tagesspiegel Online. 30. August 2012, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 16. Februar 2022]).
  7. Georges Candilis: Bauen ist Leben – Ein Architekten-Report. Karl Krämer, Stuttgart 1978, ISBN 3-7828-0452-X, S. 201.
  8. Shadrach Woods architectural records and papers, 1923-2008, bulk 1948-1973 | Avery Drawings & Archives Collections | Columbia University Libraries Finding Aids. Abgerufen am 16. Februar 2022.
  9. Benoît Pouvreau: Ensemble de logements HLM, Cité Nouvelle puis Cité de l'Europe (1998). 16. Februar 2022, abgerufen am 16. Februar 2022 (französisch).
  10. The Cité de l’Etoile, Bobigny, 1956–1963, Georges Candilis, Alexis Josic, Shadrach Woods Architects. In: Docomomo International. 19. Januar 2021, abgerufen am 16. Februar 2022 (amerikanisches Englisch).
  11. Clare Melhuish: Aesthetics of social identity – re-framing and evaluating modernist architecture and planning as cultural heritage in Martinique. In: Planning Perspectives. Routledge, 2019, S. 4, doi:10.1080/02665433.2017.1389659 (ucl.ac.uk [PDF]).
  12. Marseille 15e - La Viste. In: culture.gouv.fr. Ministère de la Culture, abgerufen am 16. Februar 2022 (französisch).
  13. Cinque poesie di Fabio Pusterla. In: La ricerca. 1. Februar 2017, abgerufen am 16. Februar 2022 (italienisch).
  14. Bénédicte Chaljub: L’architecte face à la sauvegarde d’un de ses bâtiments : Le cas de la cité artisanale de Sèvres édifiée par Alexis Josic au sein de l’équipe Candilis/Josic/Woods. In: Conservation-restauration de l’architecture du mouvement moderne (= Histoire de l’art). Presses universitaires de Perpignan, Perpignan 2019, ISBN 978-2-35412-420-5, S. 127–131 (openedition.org [abgerufen am 19. Februar 2022]).
  15. Dietmar Brandenburger, Gert Kähler: Architektour – Bauen in Hamburg seit 1900. Vieweg + Teubner, Wiesbaden 1988, ISBN 978-3-528-08722-7, S. 171.
  16. Hamburgisches Architekturarchiv - Startseite. Abgerufen am 13. Februar 2022.