Chinidin

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Strukturformel
Struktur von Chinidin
Allgemeines
Name Chinidin
Andere Namen
  • (+)-(9S)-6′-Methoxycinchonan-9-ol
  • (+)-Chinidin
Summenformel
  • C20H24N2O2 (Chinidin)
  • C20H24N2O2·H2SO4·H2O (Chinidin·H2SO4·H2O)
Kurzbeschreibung

farbloser, kristalliner Feststoff[1]

Externe Identifikatoren/Datenbanken0[Ein-/ausblenden]
CAS-Nummer
  • 56-54-2 (Chinidin)
  • 6591-63-5 (Chinidin·H2SO4·H2O)
PubChem 5953
DrugBank APRD00136
Wikidata Q412496
Arzneistoffangaben
ATC-Code

C01BA01

Wirkstoffklasse

Antiarrhythmikum

Eigenschaften
Molare Masse
  • 324,43 g·mol−1 (Chinidin)
  • 782,94 g·mol−1 (Chinidin·H2SO4·H2O)
Aggregatzustand

fest

Schmelzpunkt

174–175 °C (Chinidin) [2]

Löslichkeit

schlecht in Wasser (0,5 g·l−1 bei 20 °C) (Chinidin)[2]

Sicherheitshinweise
Bitte die eingeschränkte Gültigkeit der Gefahrstoffkennzeichnung bei Arzneimitteln beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [1]
06 – Giftig oder sehr giftig

Gefahr

H- und P-Sätze H: 301
P: 301+310 [1]
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.
Vorlage:Infobox Chemikalie/Summenformelsuche vorhanden

Chinidin ist eine chemische Verbindung und gehört zu der Naturstoffgruppe der Chinolin-Alkaloide. Chinidinsulfat wird als Arzneistoff verwendet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chinidin gilt als das erste wirksame Antiarrhythmikum. Es wurde bereits 1847 von Ferdinand Ludwig Winckler (1801–1868) entdeckt, doch seine Wirkung gegen Arrhythmien konnte erst 1918 durch Maximilian Rupert Franz von Frey (1852–1932) nachgewiesen werden. Er belegte die Wirksamkeit bei Vorhofflimmern.[3]

Vorkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Rinde des Chinarindenbaumes findet man Chinolin-Alkaloide, darunter (+)-Chinidin.[4]

Das Chinidin kann aus der Rinde des Chinarindenbaums gewonnen werden.

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chinidin ist ein Diastereomer des Chinins und weist eine (8R,9S)-Konfiguration auf [Chinin besitzt (8S,9R)-Konfiguration]. Die Konfiguration am Kohlenstoffatom, an das die Vinylgruppe gebunden ist, ist bei diesen beiden chiralen Verbindungen gleich.

Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chinidin findet Einsatz als intravenöses und orales Antiarrhythmikum (Klasse 1A nach Vaughan Williams) bei Vorhofflimmern, Extrasystolen und ventrikulären Tachyarrhythmien. Seine Wirkung beruht auf der Bindung an offene Natriumkanäle. Die Wirksamkeit ist frequenzabhängig, da der Ionenkanal-Chinidin-Komplex sich nur langsam löst. Außerdem verringert die Substanz auch die Kaliumleitfähigkeit, was zu einer Verlängerung der Aktionspotentialdauer führt. Im Gegensatz zur Natriumleitfähigkeit nimmt diese Wirkung mit höherer Frequenz ab. Zusätzlich hemmt Chinidin Calciumkanäle der Herzmuskulatur und besitzt atropinähnliche Wirkungen. Dieser anticholinerge Effekt antagonisiert teilweise auch die Wirkung, daher kann bei niedrigen Dosierungen die Herzfrequenz zunehmen und die Überleitung verbessert sein. Bei hohen Dosierungen blockiert Chinidin die atrioventrikuläre Übertragung.

Chinidin wird bei oraler Gabe gut resorbiert. Die Halbwertszeit beträgt etwa 5 h und die Ausscheidung erfolgt überwiegend über die Niere.

Auf Grund seiner ausgeprägten Nebenwirkungen (AV-Block, Torsade de pointes, ventrikuläre Tachykardien sowie gastrointestinale Beschwerden aufgrund seiner atropinähnlichen Wirkung) wird es heute nur noch selten verwendet. Bei intravenöser Gabe bewirkt Chinidin eine starke Abnahme[5] des Gefäßwiderstandes.

Kombination mit anderen Arzneistoffen, welche kardiodepressiv wirken, sollte man unbedingt vermeiden, da es zu einer starken Vermehrung der Nebenwirkungen kommen kann. Bei Kombination mit Digoxin steigt dessen Plasmaspiegel stark an. Bei Kombination mit Loperamid kann es aufgrund einer Blockade des P-Glykoproteins an der Blut-Hirn-Schranke[6] zu Atemdepression kommen.

Es wird in Deutschland in Kombination mit Verapamil von Abbott unter dem Namen Cordichin im Handel vertrieben.[7]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Eintrag zu Chinidin in der GESTIS-Stoffdatenbank des IFA, abgerufen am 13. Februar 2017 (JavaScript erforderlich).
  2. a b The Merck Index: An Encyclopedia of Chemicals, Drugs, and Biologicals, 14. Auflage (Merck & Co., Inc.), Whitehouse Station, NJ, USA, 2006; S. 1385–1386, ISBN 978-0-911910-00-1.
  3. Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Christoph Friedrich, Ulrich Meyer: Arzneimittelgeschichte. 2., überarb. und erw. Aufl. Wiss. Verl.-Ges, Stuttgart 2005, ISBN 978-3-8047-2113-5, S. 163.
  4. Albert Gossauer: Struktur und Reaktivität der Biomoleküle, Verlag Helvetica Chimica Acta, Zürich, 2006, S. 495, ISBN 978-3-906390-29-1.
  5. Reinhard Larsen: Anästhesie und Intensivmedizin in Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie. (1. Auflage 1986) 5. Auflage. Springer, Berlin/ Heidelberg/ New York u. a. 1999, ISBN 3-540-65024-5, S. 73.
  6. Aktories: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, 9. Auflage.
  7. Rote Liste online, Stand: September 2009.
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diesen Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!