Chorherrenstift St. Michael Beromünster

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Chorherrenstift St. Michael Beromünster

In Beromünster, einem historischen Marktzentrum im Norden des Kantons Luzern, befindet sich das im Mittelalter gegründete Chorherrenstift St. Michael.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gründungssage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Geschichte des Chorherrenstifts entstand wegen der Namensform und Bemerkungen in frühen Archivquellen die nicht näher verifizierbare Legende, der Aargaugraf Bero habe das Stift im 10. Jahrhundert eingerichtet.

Stiftsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1036 regelte Graf Ulrich von Lenzburg die Schutzaufsicht über das Stift und die Verfügung über dessen Grundbesitz neu. In der Schenkungsurkunde von 1036, die nicht im Original, sondern nur in einer späteren Abschrift überliefert ist, wird die «dem Hl. Michael geweihte Chorherrengemeinschaft in der Ortschaft Beromünster» zum ersten Mal erwähnt.[1] Die Urkunde verweist im allgemeinen Sinn auf die Vorfahren des Grafen als Stifter der Institution. Die Kirche von Beromünster diente dem aargauischen Grafengeschlecht wohl als Grabstätte. 1045 bestätigte König Heinrich III. bei seinem Aufenthalt in Solothurn die Stellung und den Grundbesitz von Beromünster.

Das Lenzburger Stift lag ursprünglich auf dem Gebiet der alten Dorfsiedlung Gunzwil. Allmählich entwickelte sich neben der Konventanlage eine Dorfsiedlung mit Markt und einem eigenen Rat. Der Grundbesitz des Chorherrenstifts lag einerseits im Michelsamt, der Region um Beromünster mit Ermensee, und umfasste andererseits auch zahlreiche Güter und Rechte in einem weiten Gebiet des Mittellands, vor allem in den Kantonen Luzern, Aargau und Solothurn, zudem in der Innerschweiz und Streubesitzungen bis in die Nord- und Westschweiz und nach Süddeutschland. Dazu gehörten Patronatsrechte in vielen Pfarreien.

Beromünster kam nach dem Aussterben der Lenzburger im Jahr 1173 an die Grafen von Kyburg. Kaiser Friedrich I. bestätigte umgehend mit einer ausführlichen Urkunde die Besitzungen des Stifts; darin sind dem Kloster gehörende Rechte und Güter in ungefähr 100 Ortschaften aufgeführt.[2] 1264 ging das Stift St. Michael an die Habsburger über.

Bei der Eroberung des habsburgischen Aargaus durch die Eidgenossen 1415 kam das Stift mit dem ganzen Michelsamt an Luzern. Die bisher mehrheitlich adeligen Chorherren wurden nun mehr und mehr durch Söhne der Luzerner Patrizierfamilien abgelöst. Von deren Reichtum und Kunstverständnis zeugen noch heute die herrschaftlichen Stiftshäuser (Chorhöfe) rings um die Kirche.

Von 1470 bis 1475 arbeitete im Chorherrenstift Beromünster eine Druckerwerkstatt, welche der Chorherr Helias Helye (geb. um 1400) errichtet hat. Hier wurde als erstes das lateinische Nachschlagewerk zur Bibel Mammotrectus (deutsch etwa „Der an der Mutterbrust Genährte“) des Johannes Marchesinus (alias Giovanni Marchesini, gest. 1299) gedruckt; das Buch enthält Erklärungen schwieriger Wörter der Bibel (angeordnet in der Reihenfolge der biblischen Bücher) und umfasst in Kleinfolio-Format 300 Blätter, die Seite zu 2 Spalten und je 32 Zeilen. Der Druck ist in der Schlussschrift datiert auf den Vortag vor dem St. Martins Tag 1470 (10. November 1470) und ist das erste im Druck datierte Buch im Gebiet der heutigen Schweiz (Hain 10555; GW M20793; BSB-Ink M-153). – Neben einigen weiteren Drucken geistlichen Inhalts publizierte die Presse 1472 einen Tractatus De cometis des Zürcher Stadtarztes Eberhard Schleusinger (um 1430 bis nach 1488) als Büchlein in 12 Blättern im 2°-Format (H. 15512; GW 7252; BSB Ink S-202). Nach dem Tod des Chorherrn Heliae (gest. 20. März 1475) stellte die Druckerei ihre Arbeit ein.[3]

Die Erschütterungen beim Franzoseneinfall 1798 hat das Stift zwar überstanden, aber nicht ohne massive Einbussen. Schwerer als der Verlust eines grossen Teils des Kirchenschatzes und die finanzielle Belastung durch Kriegssteuern wog die Auflösung der Feudalrechte durch die Revolution. Dadurch verlor das Stift seine Besitzungen und die damit verbundenen Einkünfte. Seit dem Wessenberg-Konkordat von 1806, einer Übereinkunft zwischen dem Kanton Luzern und der Regierung des Bistums Konstanz, sind die 18 Chorherrenpfründen für betagte Geistliche der deutschsprachigen Bistümer der Schweiz reserviert.

Architektur und Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dank den archäologischen und baugeschichtlichen Untersuchungen im Stiftsareal sind Überreste von Kirchen und Kapellen aus dem Früh- und dem Hochmittelalter bekannt. Demnach standen auf dem Platz der Stiftskirche des 11. Jahrhunderts bereits eine Vorgängerkirche und eine ältere Kapelle, die nur bis 1693 bestehende St. Peters-Kapelle. Die Bauzeit der Stiftskirche passt nach dem baugeschichtlichen Befund offenbar in die Zeit ver der Niederschrift der Urkunde von 1036.[4] Das aufgehende Mauerwerk der frühromanischen Basilika ist im heutigen Bauwerk noch weitgehend erhalten. Der Kirchturm stammt wohl aus dem 13. Jahrhundert. Im 17. und 18. Jahrhundert liess das Stift die Kirche in drei Bauetappen renovieren und im barocken Stil ausschmücken. Im 17. Jahrhundert entstand das reich verzierte Chorgestühl in der Kirche. 1771 bis 1775 schuf Joseph Ignaz Weiss das Heiliggrab, die Deckengemälde und das Hochaltarbild.

Im Umkreis der Stiftskirche stehen die Chorherrenhäuser.

Kulturgüterbestand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Chorherrenstift St. Michael besitzt eine alte Bibliothek, zu der auch seltene Frühdrucke gehören, die in der Stiftsdruckerei entstanden. Aus Beromünster stammt das erste datierte gedruckte Buch in der Schweiz, das 1470 von Chorherr Helias Helye gedruckte Werk Mammotrectus.

Das Stift bewahrt bedeutende Archivquellen seit dem 11. Jahrhundert, eine reich ausgestattete Schatzkammer und einen Bestand an Paramenten auf.

Schule[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits im Jahre 1047 ist im Zusammenhang mit dem Stifter Ulrich I. von Lenzburg eine Schule erwähnt. Im Jahre 1226 lag die Schulleitung beim urkundlich erwähnten Scholasticus. Ab dem späten 16. Jahrhundert richtete sich die Schule nach dem Lehrplan der Jesuiten.[5] 1866 wurde die Stiftsschule zu einem Progymnasium mit Realklassen umgestaltet, der heutigen Kantonsschule Beromünster. 1964 wurde die Schule vom Stift losgelöst und bis 1977 erfolgte der Ausbau zur vollwertigen kantonalen Maturitätsschule.[6]

Pilgerort[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als traditioneller Anlass zum Pilgern gilt der „Auffahrtsumritt“ von Beromünster am Fest Christi Himmelfahrt. Er umrundet die 18 km lange ehemalige Grenze des Besitzes des Chorherrenstiftes. Jährlich nehmen tausende Pilger daran teil. Auch für individuelle Pilgerfahrten ist Beromünster ein Ziel.

Bildergalerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helene Büchler-Mattmann: Das Stift Beromünster im Spätmittelalter. 1976.
  • Peter Eggenberger: Das Stift Beromünster. Ergebnisse der Bauforschung 1975–1983, Rex-Verlag, Luzern Stuttgart 1986.
  • Gregor Egloff: Herr in Münster. Die Herrschaft des Kollegiatstifts St. Michael in Beromünster in der luzernischen Landvogtei Michelsamt am Ende des Mittelalters und in der frühen Neuzeit (1420–1700). (Luzerner Historische Veröffentlichungen, Bd. 38). Luzern 2003 ISBN 3-7965-1918-0.
  • Erster datierter Schweizer Druck, Gedenkschrift zur 500-Jahr-Feier in Beromünster, 1470–1970; Helyas-Verlag, Beromünster 1970 (darin Gottfried Boesch: Helyas Helye von Laufen, S. 30–68; Helen Mattmann: Inkunabelverzeichnis der Stiftsbibliothek Beromünster, S. 88–151; Bibliographie der Buchdruckerei in Beromünster, S. 170–172; ausfaltbare Stammtafel, die zeigt, dass Helias H. unehelicher Sohn des Konrad H., Stiftspropst am Fraumünster Zürich (ca. 1350–1423) gewesen ist).
  • Lothar Emmanuel Kaiser (Hrsg.): Wallfahrtsführer der Schweiz. Verlag Wallfahrtsführer, Emmen 2013.
  • Theodor von Liebenau: Urkundenbuch des Stiftes Bero-Münster, I. Band. 1036–1312, Stans 1906.
  • André Meyer: Stift und Stiftskirche St. Michael Beromünster. (Schweizerische Kunstführer, Nr. 669). Hrsg. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK. Bern 2000, ISBN 978-3-85782-669-6.

Fussnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Theodor von Liebenau: Urkundenbuch des Stiftes Bero-Münster, I. Band. 1036–1312, Stans 1906, S. 65. Urkunde in lateinischer Sprache.
  2. Liebenau, 1906, S. 75.
  3. Ferdinand Geldner: Die deutschen Inkunabeldrucker, ein Handbuch der deutschen Buchdrucker des 15. Jahrhunderts nach Druckorten; Verlag Anton Hiersemann, Stuttgart 1968–1970, 2 Bände, ISBN 3-7772-6825-9. Band 1, S. 185. – Martin Germann: Mittelalterliche Hilfsmittel zum Bibelstudium: Wie benutzte man eine karolingische Glossenhandschrift (Codex 258 der Burgerbibliothek Bern) und den «Mammotrectus», Beromünster 1470? – In: Librarium, Zeitschrift der Schweizerischen Bibliophilen-Gesellschaft, Jg. 47, 2004 Heft 3, S. 134–148, mit Abb. S. 137–140 (doi:10.5169/seals-388767).
  4. Eggenberger, 1986, S. 18.
  5. Anton Gössi: Beromünster (Stift). In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  6. Pirmin Meier: Schola Beronensis – 150 Jahre Kantonale Mittelschule Beromünster, 2016

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Chorherrenstift St. Michael Beromünster – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 47° 12′ 21,7″ N, 8° 11′ 23″ O; CH1903: 656906 / 228615