Cimetière des Innocents

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Der Pariser Friedhof „Cimetière des Innocents“ im 18. Jahrhundert

Der früher auf dem heutigen Gelände von Les Halles gelegene Cimetière des Innocents, zu Deutsch Friedhof der Unschuldigen, war bis zum Ende des 18. Jahrhunderts der größte innerstädtische Friedhof von Paris. Durch die stetig und schnell wachsende Bevölkerung stieg die Sterblichkeitsrate in folge von Hungersnöten und Seuchen so rasch an, dass die Institution Friedhof ihrer Aufgabe nicht länger gewachsen war. Es wurden Beinhäuser installiert, Massenbegräbnisse begangen (seit dem 14. Jahrhundert) und die allgemeine Liegezeit der Toten schließlich soweit verkürzt, dass die Leichen nicht mehr vollständig verwesen konnten. Als 1779 in der anliegenden Rue de la Lingerie einige Anwohner an den austretenden Faulgasen erstickt waren, wurde der Friedhof zum 1. November 1780 auf Geheiß des Polizeidirektors für immer geschlossen. Zu diesem Zeitpunkt lag das Niveau des Friedhofbodens bereits zweieinhalb Meter über dem der umliegenden Straßen.

In der darauf folgenden Zeit wurden die verbliebenen Gebeine in die Katakomben der Stadt verbracht, wo sie, gehäuft zu Stapeln, noch heute zugänglich und zu besichtigen sind. Nach der vollständigen Räumung wurde auf dem nun ehemaligen stark belasteten Gelände ein Viktualienmarkt, also ein Markt für Lebensmittel abgehalten, den späteren „Les Halles“.

Bekannt geworden ist der Friedhof unter anderem durch eine frühe Darstellung eines Danse Macabre, ein Fresko, das zwischen 1423 und 1424 in den umgebenden Arkaden angebracht wurde, und den Roman von Patrick Süskind: Das Parfum. In diesem Roman erblickt die Hauptfigur Grenouille auf einem unmittelbar angrenzenden Fischmarkt das Licht der Welt.

Auswirkungen

Die Auflösung dieses innerstädtischen Friedhofs läutete des Ende vieler weiterer innerstädtischer Friedhöfe, besonders in schnell wachsenden Metropolen, ein. So geschehen Mitte des 19. Jahrhunderts in Hamburg am Beispiel der Dammtorfriedhöfe, an deren Stelle die Parkanlage Planten un Blomen Pflanzen und Blumen entstanden ist. Die dabei freigelegten Gebeine wurden auf den Ohlsdorfer Friedhof verbracht, der noch heute am östlichen Stadtrand liegt und der größte Parkfriedhof der Welt ist.

Literatur

  • Christophe Girot Zwischen Raum und Ort Vortrag...11.2.1998 ..Hg. DVA-Stiftung Stuttgart, 2000 (nicht im Buchhandel)

Zitat

Hier fand eine dauerhafte Entwurzelung statt...Das Besondere dieser "Fontaine des Innocents" besteht darin, dass ihr einstiger Untergrund, die Bodenschicht des alten Friedhofs "Cimetière des Innocents" weggeschafft wurde und an ihrer Stelle die Betonschichten für ein Einkaufszentrum und die RER-Station "Les Halles" eingefügt wurden....Man befindet sich an einem zerstörten Ort,... Steine und Landschaft bleiben hier "ungewiss". Die soziale Gewalt, die an diesem Ort ...herrscht, ist zum großen Teil auf die völlige Entwurzelung dieses Stadtviertels zurückzuführen. Denn alle Menschen, gleich welcher Herkunft, haben instinktiv gespürt, dass der Ort seiner Geschichte beraubt war, dass es keine Achtung mehr gab vor den Toten, dass alles nur Fiktion, ja, künstlich Erschaffenes war. ...ein Stadtviertel, wo die Lebenden vertrieben und die Toten verspottet werden, scheint dem Menschen keine große Bedeutung mehr beizumessen. Die (negative) Qualität dieses völlig entweihten Ortes ... überträgt sich in trauriger Weise auf den öffentlichen Raum in seiner Umgebung. Die Epoche "des Innocents" steht so für den Untergang eines Stücks Pariser Leben, das in erster Linie auf dem kollektiven Gedächtnis eines Ortes und seiner Menschen gründete. Girot, Landschaftsarchitekt, aaO S. 11ff.

Weblinks

Koordinaten: 48° 51′ 38″ N, 2° 20′ 52″ O