Comprehensive wealth

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Comprehensive wealth (etwa: umfassendes Vermögen) ist ein Konzept aus dem Bereich der Wohlfahrtsökonomik. Es dient der anwendungsorientierten Operationalisierung des Konzeptes der Nachhaltigkeit. Comprehensive wealth ist die Summe aller gesellschaftlicher Kapitalbestände.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ursprünge des Konzepts von comprehensive wealth liegen in der Kritik der üblichen ökonomischen Operationalisierung von Nachhaltigkeit, die in der Regel auf dem Konzept des (grünen) Nettonationalprodukts. Unter Verweis auf die von Erik Robert Lindahl vorgeschlagene Definition des Einkommens als die Menge an Konsum, die gleich hohen Konsum in der Zukunft ermöglicht, wird kritisiert, dass das Nettoinlandsprodukt nicht vermag, Informationen über Veränderungen im Gesamtkapitalbestand einer Gesellschaft zu liefern. Comprehensive wealth soll diese Lücke schließen.[1]

Das Konzept wurde in seiner ersten Form Ende der 1990er Jahre von Weltbank-Ökonomen unter dem Namen genuine domestic savings (dt. wahre Inlandsersparnis) entwickelt und angewandt.[2] In späteren Publikationen wurden auch die Begriffe genuine, inclusive oder comprehensive investment/wealth verwendet.[1]

Die Nettoinvestition in comprehensive wealth (comprehensive investment) ist ein Indikator für die Nachhaltigkeit der sozialen Entwicklung einer Volkswirtschaft oder eines Landes. Es ist definiert als die Summe der Netto-Veränderungen in den Beständen von verschiedenen Kapitalarten: Realkapital und Geldkapital, Naturkapital, Humankapital sowie öffentliches Wissen.[3] Wenn das comprehensive investment einer Volkswirtschaft positiv ist, steigt ihre Wohlfahrt, und zwar auf eine nachhaltige Art und Weise.[4]

Anwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits Ende der 90er Jahre wurden von Weltbank-Ökonomen Berechnungen der genuine domestic savings für die meisten Länder der Welt durchgeführt.[2] 2004 hat eine Gruppe von Ökonomen um den Nobelpreisträger Kenneth Arrow Berechnungen des genuine investments für einige Länder durchgeführt.[5] Als Proxys für die einzelnen Kapitalarten nutzten sie dabei: Netto-Inlandsinvestitionen, Bildungsausgaben, Kosten der CO2-Emissionen, der Abnutzung von Energie-Ressourcen und Rohstoffvorkommen sowie der Abholzung von Wäldern. Die Autoren der Studie stellten fest, dass konventionelle, auf dem Bruttoinlandsprodukt basierende Messzahlen der wirtschaftlich-sozialen Entwicklung den tatsächlichen Wohlfahrtszuwachs wahrscheinlich überschätzen.

Probleme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wurden mehrere Probleme des Konzepts des genuine investment erkannt. Zu ihnen gehören:

  • Unterschätzung des Wertes des Naturkapitals,[5]
  • nicht-lineare Zusammenhänge zwischen dem Wert natürlichen Kapitals und seinem Zustand,[5]
  • die wenig realistische Annahme der Substituierbarkeit zwischen den einzelnen Kapitalarten.[2]

Der comprehensive-wealth-Ansatz wurde von Herman Daly, einem Pionier der Wachstumskritik, kritisiert.[6] Er warf Arrow und dessen Ko-Autoren vor, sie würden die physikalischen Grenzen, denen wirtschaftliche Aktivitäten unterworfen seien, ignorieren. Auch gingen sie von Substituierbarkeit zwischen den einzelnen Kapitalarten aus. Arrow et al. wiesen die Kritik als unbegründet und auf Missverständnissen basierend ab.[7]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Partha Dasgupta: The welfare economic theory of green national accounts. In: Environmental and Resource Economics. Band 42, 2009, S. 3–38, doi:10.1007/s10640-008-9223-y (PDF-Datei; 0,5 MB).
  2. a b c Kirk Hamilton, Michael Clemens: Genuine Savings Rates in Developing Countries. In: World Bank Economic Review. Band 13, Nr. 2, 1999, S. 333–356 (PDF; 141 kB).
  3. Partha Dasgupta: Human Well-Being and the Natural Environment. Oxford University Press, Oxford 2001, ISBN 0-19-924788-9, S. xxi.
  4. Partha Dasgupta, Karl-Göran Mäler: Net national product, wealth, and social well-being. In: Environment and Development Economics. Band 5, 2000, S. 69–93 (PDF; 132 kB).
  5. a b c Kenneth Arrow, Partha Dasgupta, Lawrence Goulder, Gretchen Daily, Paul Ehrlich, Geoffrey Heal, Simon Levin, Karl-Göran Mäler, Stephen Schneider, David Starrett, Brian Walker: Are We Consuming Too Much? In: The Journal of Economic Perspectives. Band 18, Nr. 3, 2004, S. 147–172 (online verfügbar als PDF).
  6. Herman Daly et al.: Are we consuming too much–for what? In: Conservation Biology. Band 21, Nr. 5, 2007, S. 1359–1362, doi:10.1111/j.1523-1739.2007.00770.x.
  7. Kenneth Arrow et al.: Consumption, investment, and future well-being: Reply to Daly et al. In: Conservation Biology. Band 21, Nr. 5, S. 1363–1365, doi:10.1111/j.1523-1739.2007.00783.x.