Curia Raetorum
Curia Raetorum ist eine ehemalige römische Siedlung (Vicus) und ein spätantikes Kastell auf dem Gebiet der heutigen Stadt Chur im Kanton Graubünden (Schweiz).
Lage und Forschungsgeschichte
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Im heutigen Siedlungsbild liegt das umfangreichste und ergiebigste Fundgebiet und ein zweihäusiger Schutzbau westsüdwestlich der Altstadt von Chur am „Seilerbahnweg“ im Welschdörfli. Topographisch befindet sich dieses Areal am Fuße des „Pizoggels“ in einer Gegend, in der der Chronist und Pfarrer Ulrich Campell schon in den 1570er Jahren den Ursprung Churs vermutet hatte.[1] In der vor- und frühgeschichtlichen und erst recht in der antiken Verkehrsgeographie befand sich dort bereits ein Knotenpunkt, an dem sich die Alpenrheintalroute mit der San-Bernadino-/Splügenpass-Route und der Julier-/Septimer-Route kreuzte. Aber erst seit dem beginnenden 19. Jahrhundert gab es erste Fundmeldungen aus diesem Bereich, die sich dann ab der Mitte des Jahrhunderts häuften, was auch mit dem Erscheinen des „Anzeigers für schweizerische Geschichte und Altertumskunde“ (ab 1855), der Gründung der „Historisch-Antquarischen Gesellschaft von Graubünden“ (1869) und der Eröffnung des Rätischen Museums (1872) zusammenhängen mag. Die Aktivitäten dieser Zeit beschränkten sich im Wesentlichen auf das reine Sammeln von Altertümern und gipfelten 1903 in einer Publikation mit umfangreichem Inventarverzeichnis von Jakob Heierli und Werner W. Oechsli.[2] Die ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen wurden 1902 auf dem Gelände des heutigen „Markthallenplatzes“ vorgenommen, Baustellenbeobachtungen folgten 1922, 1948 und 1958. Wirklich systematische Grabungen finden erst seit 1962 statt, zunächst durch das Rätische Museum und seit 1967 durch den Archäologischen Dienst Graubünden.[3]
Weitere Befunde gab es in der Altstadt selbst, auf dem Gelände der Bündner Kantonsschule und im „Hof“, unterhalb derselben. Dort traten unter anderem 1851 eine spätantike Grabkammer, 1921 eine frühchristliche Saalkirche und seit den 1970er Jahren Spuren der spätantiken Festungsanlage zu Tage.[4]
Historische Hintergründe
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Ursprünge der Siedlung gehen weit in vorrömischer Zeit zurück. Im heutigen Welschdörfli, am linken Ufer der Plessur fanden sich schon neolithische (aus dem frühen 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung), bronzezeitliche sowie eisenzeitliche Siedlungsspuren. Der Name Curia könnte eine lateinische Form der keltischen Begriffe kora oder korje für Stamm oder Sippe sein. Nachdem das Land der Räter um 15 v. u. Z. durch Drusus und Tiberius, die beiden Stiefsöhne des Kaisers Augustus (27 v. u. Z.–14 u. Z.), gewaltsam dem römischen Reich als Provinz Raetia eingegliedert worden waren, wurde die ursprüngliche Bevölkerung im Verlauf der weiteren römischen Herrschaft bald romanisiert. Möglicherweise entstand schon in dieser frühkaiserzeitlichen Epoche eine erste Militärstation zur Überwachung der Verkehrswege, wofür jedoch der archäologische Nachweis fehlt.[5] Indizien könnten zwei Inschriftensteine der Legio XI Claudia aus der Zeit zwischen 70 und 101 und einer der Legio XXI Rapax, datiert auf 45 bis 69 sein, die alle drei im Welschdörfli gefunden wurden.[6][7]
Möglicherweise bereits im Rahmen der militärischen Stabilisierung unter der Tetrarchie um das Jahr 300, spätestens aber unter Kaiser Valentinian I. (364–375) wurde das Kastell Curia Raetorum errichtet und im Zuge der diokletianischen Reichsreformen entstanden durch Teilung der Provinz Raetia die beiden Provinzen Raetia prima (Curiensis) und Raetia secunda (Vindelica). Curia Raetorum wurde wohl nach 310 die Verwaltungshauptstadt von Raetia Prima. Im weiteren Verlauf der Spätantike soll Curia Raetorum der Sitz eines 452 ersterwähnten Bischofs (Asinio) geworden sein.[4]
Archäologische Befunde
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Welschdörfli
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Im Gebiet des heutigen Welschdörfli erstreckte sich der römische Vicus über etwa einen Quadratkilometer (davon rund 100 m mal 250 m archäologisch erschlossen) in etwa von der Obertorbrücke[8] bis zum Verwaltungsgebäude der Calanda Brauerei.[9] Die nördliche Grenze bildete der Lauf der Plessur, wobei diese in römischer Zeit stärker mäandriert haben dürfte als heute, die Südgrenze war der Fuß des Pizzogels. Während die Bebauung anfänglich noch in reiner Holzbauweise erfolgte, wurden ab der Mitte des 1. Jahrhunderts mehr und mehr gemörtelte Steinhäuser errichtet. Im Laufe des 3. Jahrhunderts wurden immer mehr Umbauten und immer weniger Neubauten vorgenommen.
Am östlichen Rand des Vicus, unweit der Friedenskirche befand sich ein Gebäudeensemble aus mehreren Häusern unterschiedlicher Zeitstellung. Zentrale Komponente war eine teilweise wandbemalte 15 m mal 8 m (= 120 m²) umfassende Thermenanlage aus vier bis fünf Räumen, von denen mindestens drei mit einem Hypokaustum ausgestattet waren. Das westliche Gebäude des Ensembles, bestehend aus einer Halle und zwei Räumen wurde aufgrund seiner Baustruktur als mögliche Mansio angesprochen.[10] Im Südosten der Siedlung konnte 1975 das sogenannte „Haus des Merkur“ ausgegraben werden. Es erhielt seinen Namen wegen der gut erhaltenen Figur des Mercurius auf Resten von Wandmalereien, die auf weissem Grund ein einfaches Feldermuster zeigen. Die Rahmungen der Felder sind rot. In einem Feld findet sich die Figur des Mercurius, die an dem Hermesstab leicht zu erkennen ist. In einem anderen Feld ist ein Vogelbauer dargestellt. Auf der Wand ist der auf das zweite Jahrhundert datierte Spruch MULTIS ANNIS VIVAM (deutsch: „Auf dass ich lange lebe“) eingeritzt.[11][12]
Am westlichen Ende des Vicus waren sieben bis zehn Bauten völlig unterschiedlicher Größenordnung um einen zumindest teilweise mit Mörtel verfestigten, 30/35 m mal 50/60 m (≈ knapp 0,2 Hektar) messenden Platz gruppiert. Aufgrund der mit bis zu 70 m Länge teils immensen Größe dieser Gebäude in ihrer letzten Ausbauphase und ihrer aufwändigen Innenausstattung wurden dort Bauten der öffentlichen Verwaltung vermutet.[13] Dort wurde auch eine auf die Jahre 3 v. u. Z. bis 2 u. Z. datierte Inschrift des Lucius Caesar, des designierten aber früh verstorbenen Nachfolgers des Augustus gefunden.[14] Unter den Großgebäuden befand sich auch eine weitere, zehnräumige und mit Apsiden untergliederte, über 600 m² bis über 700 m² große Thermenanlage.[15] Vier ihrer Räume verfügten über Hypokausten, ein weiterer hatte eine Kanalheizung. Die Frischwasserzufuhr erfolgte über Tonröhren von Südosten her.[4][16]
- Schutzbauten Welschdörfli
- Vicus unter den Schutzbauten
- Wandgemälde
- Befund eines Holzbretterfußbodens in situ
- Römische Keramik
- Eiserne römische Gerätschaften
Altstadt und Kantonsschule
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Vielleicht schon während der Tetrarchie, spätestens aber unter Kaiser Valentinian I. wurde im Bereich des „Hofes“, des späteren bischöflichen Schlosses, eine große Kastellanlage errichtet, die möglicherweise einer unbekannten militärischen Besatzung als Standort und zugleich der Zivilbevölkerung als Wohnplatz diente. Die Anlage hatte die Form eines unregelmäßigen Dreiecks und wurde durch Reste einer 1,70 m bis 2,20 m mächtigen Mauer auf der Nord- und Südseite der Anlage nachgewiesen, im Haus „Hof 15“ zudem ein römisches Gebäude, Spuren einer Wegepflasterung und Funde des 4. Jahrhunderts.[17]
Die Grabkammer der ersten Bischöfe wurde 1851 beim Bau der ersten Kantonschule entdeckt, aber erst 1955 bis 1957 genauer untersucht. Die gewölbte Kammer ist 7,15 × 4,55 gross, war ausgemalt und zum Teil mit einem Mosaik ausgestattet. An der Rückwand sind Reste von grossen Figuren zu erkennen, an den Seitenwänden über einer 1,4 m hohen Sockelzone mit Marmorimitationen Rankenmuster mit Vögeln. Die Grabkammer datiert ins 5. Jahrhundert. Eine weitere, vermutlich etwas ältere Grabkammer war rund 100 m weiter südlich auf dem Gelände der St.-Andreas-Kirche entdeckt worden, die in der Karolingerzeit um 730 von der St. Luziuskirche ersetzt wurde. Ein drittes Relikt der Spätantike ist eine Saalkirche im Untergrund der rezenten Kathedrale St. Mariä Himmelfahrt.[4]
Spätrömische befestigte Fluchtburg Castiel
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Rund sechs Kilometer ostsüdöstlich von Chur wurde im Schanfigg auf dem plateauförmigen „Carschlingg-Hügel“ nördlich der reformierten Kirche Castiel in der Gemeinde Arosa bei Rettungsgrabungen in den Jahren 1975 bis 1977 die rund 20/30 m mal 80 m (≈ 0,2 ha) messenden Reste einer spätrömischen Siedlung entdeckt.[18] Sie war von einer rund 0,8 m dicken Mauer umgeben und auf ihrer östlichen Seite durch einen turmähnlichen Bau zusätzlich geschützt. Im Inneren der Ummauerung fanden sich über ein Dutzend Grundrisse von mit Herdstellen ausgestatteten Häusern, die durchschnittlich 4,50 m mal 5,50 m maßen. Im Laufe des 6. Jahrhunderts wurde die Befestigung erneuert. Das Fundmaterial setzte sich aus eisernen Werkzeugen, eisernen Gürtelschnallen, viel Keramik (darunter Argonnensigillata, glasierte Mortaria, Lavezgefäße) und fünf Münzen zusammen. Die Münzreihen datierten auf die Zeiten von 118 bis 161 und von 260 bis 268.[19]
Spätrömische Fluchtburg (?) Trin
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Spuren einer möglicherweise weiteren spätantiken Fluchtburg werden im Gebiet der Gemeinde Trin (früher Trins) oberhalb des Vorderrheintals zwischen Chur und Flims vermutet. Dort wurden 1936 im Inneren der Burg auf dem 1050 m NHN gelegenen Plateau des Crap Sogn Parcazi,[20] nördlich der dortigen Burgkirche aus dem 6./7. Jahrhundert Mauerreste angetroffen, die als Baptisterium der älteren Kirche einer bereits im 5. Jahrhundert errichteten Fluchtburg angesprochen wurden.[21]
Präsentation und Denkmalschutz
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einige römische Befunde sind heute unter den 1986 von dem Architekten Peter Zumthor errichteten Schutzbauten Welschdörfli konserviert, einige römische Funde sind ebenfalls dort ausgestellt. Weitere Artefakte befinden sich im Rätischen Museum. Die Grablege der ersten Churer Bischöfe ist seit 1957 konserviert, befindet sich unter der Stephanskapelle auf dem Gelände der Kantonsschule und kann dort besichtigt werden.
Welschdörfli, Bischöfliches Schloss, Stephanskapelle und vermutete Fluchtburg Crap Sogn Parcazi sind geschützte Kulturgüter von nationaler Bedeutung der Stufe A, die Fluchtburg Castiel ist geschütztes Kulturgut von regionaler Bedeutung der Stufe B im Kanton Graubünden.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Walter Drack: Chur GR. In: Ders., Rudolf Fellmann: Die Römer in der Schweiz. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0420-9, S. 380–384.
- Anne Hochuli-Gysel, Anita Siegfried-Weiss, Eeva Ruoff, Verena Schaltenbrand: Chur in römischer Zeit. Band 1: Ausgrabungen Areal Dosch (= Antiqua. Band 12). Verlag Schweizerische Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte, Basel 1986, ISBN 3-908006-04-X.
- Anne Hochuli-Gysel, Anita Siegfried-Weiss, Eeva Ruoff, Verena Schaltenbrand Obrecht: Chur in römischer Zeit. Band 2: A. Ausgrabungen Areal Markthallenplatz. B. Historischer Überblick. (= Antiqua. Band 19). Verlag Schweizerische Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte, Basel 1991, ISBN 3-908006-11-2.
- Jürg Rageth: Chur-Welschdörfli, Schutzbau Areal Ackermann (= Archäologischer Führer der Schweiz. Band 29). Chur 1998.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Spuren römischen Lebens in Chur auf raetischesmuseum.app
- Die Stadt Chur gibt ihre Geschichte(n) preis auf der Webpräsenz des Archäologischen Dienstes Graubünden
- Webpräsenz des Raetischen Museum
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Conradin von Mohr: Ulrich Campell’s zwei Bücher rätischer Geschichte. Hitz, Chur 1851. (Digitalisat).
- ↑ Jakob Heierli, Werner W. Oechsli: Urgeschichte Graubündens mit Einschluss der Römerzeit. Fäsi & Beer, Zürich 1903.
- ↑ Jürg Rageth: Chur-Welschdörfli, Schutzbau Areal Ackermann (= Archäologischer Führer der Schweiz. Band 29). Chur 1998, S. 4 f., 6–11.
- 1 2 3 4 Walter Drack: Chur GR. In: Ders., Rudolf Fellmann: Die Römer in der Schweiz. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0420-9, S. 380–384.
- ↑ Jürg Rageth: Chur-Welschdörfli, Schutzbau Areal Ackermann (= Archäologischer Führer der Schweiz. Band 29). Chur 1998, S. 4.
- ↑ Legio XI Claudia: AE 2001, 1557a = HD047101 und AE 2001, 1557a = HD047102
- ↑ Legio XXI: AE 2001, 1557c = HD047103
- ↑ Obertorbrücke bei 46° 50′ 52,5″ N, 9° 31′ 45,5″ O
- ↑ Calanda Brauerei bei 46° 50′ 51,15″ N, 9° 31′ 24,3″ O
- ↑ Östliche Thermen und Mansio bei 46° 50′ 48,25″ N, 9° 31′ 38,5″ O
- ↑ AE 2001, 01556 = HD047100
- ↑ Walter Drack: Römische Wandmalerei aus der Schweiz. Raggi-Verlag, Feldmeilen 1986, S. 45, Tafel 10; S. 71–74, Tafel 16.
- ↑ Öffentliches Großgebäude bei 46° 50′ 50″ N, 9° 31′ 27″ O
- ↑ AE 1966,, 0270 = HD016037
- ↑ Öffentliche Thermen bei 46° 50′ 49,9″ N, 9° 31′ 30,9″ O
- ↑ Jürg Rageth: Chur-Welschdörfli, Schutzbau Areal Ackermann (= Archäologischer Führer der Schweiz. Band 29). Chur 1998.
- ↑ Jürg Rageth: Chur-Welschdörfli, Schutzbau Areal Ackermann (= Archäologischer Führer der Schweiz. Band 29). Chur 1998, S. 10 f.
- ↑ Spätrömische Fluchtburg um 46° 50′ 19,4″ N, 9° 36′ 5,65″ O
- ↑ Walter Drack: Castiel GR. Spätrömische befestigte Fluchtburg. In: Ders., Rudolf Fellmann: Die Römer in der Schweiz. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0420-9, S. 379 f.
- ↑ Spätrömische Fluchtburg (?) um 46° 49′ 45,63″ N, 9° 21′ 2,44″ O
- ↑ Walter Drack: Trins GR. Spätrömische Fluchtburg (?) mit Kirche. In: Ders., Rudolf Fellmann: Die Römer in der Schweiz. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0420-9, S. 527 f.
Koordinaten: 46° 50′ 46,5″ N, 9° 31′ 35,9″ O; CH1903: 759242 / 190464