Dekubitusmatratze

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Wechseldruckmatratze

Die Dekubitusmatratze – auch Antidekubitusmatratze – oder energetisches Wechseldrucksystem genannt, wird in der Pflege verwendet und ist meist eine komplette Matratze, die zur Prophylaxe oder Therapie von Dekubitalgeschwüren bei Patienten primär durch Verringerung des maximalen Auflagedrucks dient. Einige Systeme sind Matratzenauflagen, die auf die „normale“ Matratze gelegt werden.[1]

Die Verringerung des Auflagedrucks erfolgt durch eine größere Auflagefläche und zeitlich durch ein Wechseldrucksystem, bei dem Körperstellen zeitweise be- und entlastet werden,[2] oder aber durch Mikro-Stimulation erfolgen.

Die Funktionsweise dieser Hilfsmittel basiert auf der Reduzierung der extrinsischen Faktoren der Dekubitusentstehung bzw. im Falle der Mikro-Stimulation auf der Förderung der Mikrozirkulation der Haut.

Einsatzgebiete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dekubitusmatratzen werden in allen Bereichen der Pflege, jedoch vor allem in der Intensivmedizin und in der Altenpflege eingesetzt, kurz: Überall dort, wo durch Immobilität von Patienten (sei es wegen Koma, längerer Sedierung oder Lähmung) die Gefahr des Wundliegens durch schlechte Sauerstoffversorgung des Auflagefeldes des Körpers besteht. Da schon Liegezeiten von zwei Stunden zur Ausbildung eines Druckgeschwürs führen können.[3]

Theoretisch kommt diesen Systemen daher auch bei der Dekubitusprophylaxe im Operationssaal eine bedeutende Stellung zu, jedoch können während der Operation keine Hilfsmittel eingesetzt werden, die den Patienten bewegen, wie dies bei der Wechseldruckmatratze der Fall ist. Daher sind die Liegen die im OP verwendet werden (umgangssprachlich der "OP-Tisch"), i. d. R. mit speziellen Weichlagerungsmatratzen gepolstert. Zusätzlich werden meist noch Gelkissen bzw. Gelmatratzen im OP verwendet.[4]

Auswahlkriterien für Hilfsmittel zur Druckverteilung/Weichlagerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gefährdungsgrad – Höhe des Dekubitusrisikos
  • Wirkungsweise des Hilfsmittels
  • Empfehlung des Herstellers zum Einsatz des jew. Systems
  • Gefährdete Körperregion
  • Mobilität des betroffenen Menschen
  • Schmerzen (Könnte durch das Hilfsmittel es zu einer Verstärkung vorhandener Schmerzen kommen?)
  • Geräuschempfindlichkeit
  • Hygiene (Wie ist das System aufzubereiten?)
  • Wirtschaftlichkeit

[5]

Weitere notwendige Pflegeinterventionen zur Dekubitusprophylaxe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zusätzlich zu einer solchen Matratze, müssen Menschen mit einem Dekubitusrisiko in einem individuell festgelegtem zeitlichen Intervall, Mikro- und Makropositioniert werden. Die Matratzensysteme unterstützen die Dekubitusprophylaxe, regelmäßige Umlagerungen sind weiterhin notwendig. Diese Matratzensysteme können als ein weiteres Puzzleteil der Dekubitusprophylaxe angesehen werden.[6][7]

Das bedeutet, kleine Körperbewegungen, wie das Bewegen eines Armes oder Beines (Mikrobewegungen)[8] und größere Bewegungen wie z. B. das Drehen von der rechten auf die linke Körperseite (Makrobewegung) müssen von den Pflegefachkräften übernommen werden. Das zeitliche Intervall richtet sich stets nach dem Dekubitusrisiko sowie weiteren Faktoren des betroffenen Menschen.[8] Für Mikrobewegungen gilt als Richtschnur stündlich und für Makrobewegungen 2-4-stündlich.

Bei den Positionierungsmaßnahmen, muss auf haut- und gewebeschonende Umlagerungs- und Transporttechniken geachtet werden. Die zuständigen Pflegekräfte sollten einen Bewegungsförderungsplan (sog. "Lagerungsplan") für jeden Patienten führen, der sämtliche Umlagerungen genau dokumentiert.[9]

Arten von Matratzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt verschiedene Ausführungen von Antidekubitusmatratzen und -auflagen. Für den stationären Bereich, speziell die Intensivstation, gibt es auch komplette Bettsysteme, die aufgrund der hohen (Miet-)Kosten aber nur bei sehr schweren Patienten zum Tragen kommen.

Wechseldrucksysteme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Funktionsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Systeme bestehen aus mehreren Luftkammern, welche durch eine automatische Steuerung abwechselnd mit Luft befüllt bzw. wieder entleert werden, so dass verschiedene Körperregionen abwechselnd mit Druck be- und wieder entlastet werden. Für Arbeiten am Patienten kann auf statischen Druck umgeschaltet werden (alle Kammern gefüllt), für Notfälle (Reanimation, CPR) kann sehr schnell die gesamte Luft aus der Matratze entfernt werden. Es gibt sowohl komplette Wechseldruck-Matratzensysteme wie Auflagen, die auf normale Matratzen gelegt werden. Gerade ältere Systeme übertragen durch die Pumpfunktion des Systems hervorgerufene Vibrationen auf das Patientenbett, was vielfach als störend empfunden wird. Hier muss man unterscheiden, ob das System ein Zweikammer- oder ein Dreikammerwechseldrucksystem ist. Bei letzteren werden abwechselnd drei Kammern angeblasen, was die Auflagefläche des Patienten stark vermindert. Das Ab und Anblasen der Kammern wird durch den Nutzer meist nicht als so störend wie bei einem Dreikammerwechseldrucksystem empfunden.

Nicht jedes Wechseldrucksystem kann bei einem Stromausfall den Druck in den Kammern konstant über einen längeren Zeitraum halten, wodurch es gerade im Heimanwenderbereich manchmal zu Problemen kommt.

Vorteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • sehr leicht in der Handhabung
  • sehr leicht im Transport

Nachteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • sehr störendes Geräusch durch Gebläse
  • Kontraindiziert bei Patienten mit bestehender Körperwahrnehmungsstörung
  • Kontraindiziert bei chirurgischen Extensionen (Beinextension)
  • Der Wechseldruck belastet auch eine Körperregion, wodurch es ungewollt zu einer kurzzeitigen Minderdurchblutung kommt.
  • bei längerem Gebrauch führt die Matratze zu einer Körperwahrnehmungsstörung (Patient verliert die Körpergrenzen)
  • Schmerzpatienten können durch den Spitzendruck den diese Systeme aufbauen zusätzliche Schmerzen bekommen
  • Reinigung meist problematisch

Statische Weichlagerungssysteme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Luftkissensystem, deutlich erkennbar sind die einzelnen Luftkammern

Funktionsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hier kann man zwischen zwei möglichen Varianten unterscheiden. Entweder man legt den Patienten auf eine Schaumstoffmatratze oder aber auf ein motorbetriebenes Luftkissensystem. Schaumstoffmatratzen: Durch die Verwendung eines weichen Schaums (es kommen sowohl „normale“ wie viskoelastische Schaumstoffe zum Einsatz) sinkt der Patient in die Matratze ein. Durch Vergrößerung der Auflagefläche nimmt der Druck ab. Viskoelastische Schäume werden durch Erwärmung weich und schmiegen sich noch stärker als andere Schäume an die Körpergeometrie an. Zu beachten ist, dass tiefes Einsinken zwar den Druck gut verteilt, Eigenbewegungen des Patienten jedoch deutlich reduziert. Die gewählte Matratze sollte also sowohl eine gute Druckentlastung bieten, sowie die Eigenbewegungen des Patienten nur minimal einschränken. Einige Matratzen weisen für Kopf-, Sakral- (Becken-) und Fußbereich verschiedene Schäume mit angepassten Eigenschaften auf. Der Einsatzrahmen ist aber nur auf leichteste Rötungen und die Prophylaxe beschränkt.

Wesentlich besser allerdings sind Luftkammerkissen und -matratzen, bei denen Luft in nach oben stehenden Kissen den Gewichtsausgleich bewerkstelligt. Gerade in der Intensivmedizin wird dieses System meist mit einer Luftstromtherapie kombiniert. Der Einsatzgrad dieser Therapie ist meist nicht auf niedergradige Dekubitalgeschwüre beschränkt.

Als Unterart der statischen Weichlagerung kann man die Pulsation verstehen, welche oft fälschlich als Wechseldruck bezeichnet wird. Bei der Pulsationstherapie werden die einzelnen Kissen vom Fußende ausgehend in einem bestimmten Zyklus mit zusätzlicher Luft befüllt; so wird eine Pulsationswelle erzeugt. Dies hat einen ähnlichen Effekt wie ein Wechseldrucksystem, jedoch ohne den unangenehmen Effekt eines Spitzendrucks.

Vorteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Luftstromtherapie
  • sehr leicht im Transport

Nachteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • sehr störendes Geräusch durch Gebläse
  • Kontraindiziert bei Patienten mit bestehender Körperwahrnehmungsstörung
  • Kontraindiziert bei chirurgischen Extensionen (Beinextension)
  • bei längerem Gebrauch führt die Matratze zu einer Körperwahrnehmungsstörung (Patient verliert die Körpergrenzen)
  • Reinigung meist problematisch

Mikro-Stimulation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Mikro-Stimulationssystem (kurz MiS) ist ein dynamisches System zur Stimulation von Mikrobewegungen und hat seine theoretischen Wurzeln in den Grundlagen der basalen Stimulation.[10] Mikro-Stimulations-Systeme sollen die Eigenbewegung und Wahrnehmung des Patienten durch die Rückkopplung des Systems fördern und erhalten.

Gelmatratzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Funktionsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese kommen primär im Operationssaal und weniger auf Stationen zum Einsatz. Sie sind mit zähflüssigem Gel (meist Trockenpolymere/Polyurethane) gefüllt. Gelmatten stellen den Klassiker perioperativer Hilfsmittel dar. Zusätzlich lassen sich Gelmatten erwärmen und können so einer Auskühlung des Patienten vorbeugen. Weiterhin existieren andere Hilfsmittel aus Gelwerkstoffen (Sitzkissen etc.).

Vorteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • billige Prophylaxe
  • keine störenden Geräusche – da kein Motor notwendig

Nachteile[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • durch den Überzug der Matratzen im stationären Bereich werden Geschwüre eher gefördert
  • keine Therapie
  • sehr schwere Auflage, welche bei verstellbaren Krankenbetten zu Problemen mit den Motoren und beim Personal zu erhöhtem Kräfteeinsatz führt

Glaskugelbetten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei großflächigen, Flüssigkeit sezernierenden Wunden wie Verbrennungen kann der Patient in ein Spezialbett gelegt werden („Air Fluidised Therapie“). Es ist mit einer Masse von Mikroglaskugeln gefüllt, die von unten durch einen Luftstrom verwirbelt wird, so dass sie sich wie eine Flüssigkeit verhält. Nach oben verhindert ein dicht montiertes Laken aus Synthetikgewebe das Austreten dieser Masse, die makroskopisch betrachtet einen feinen Staub darstellt. Das Laken ermöglicht gleichzeitig, dass die Mikroglaskugeln von Patienten abgegebene Flüssigkeit aufnehmen. Der Kranke liegt mit minimalem Auflagedruck darauf, was der Vorbeugung und Therapie von Dekubiti dient. Wegen hoher Kosten und der notwendigen Wartung werden diese Betten bei Bedarf durch Krankenhäuser beim Hersteller angemietet. Ihr Leergewicht liegt bei 870 kg, was Mindestanforderungen an die Gebäudestatik und die Zugänglichkeit des Patientenzimmers stellt. Für die häusliche Pflege sind derartige Betten daher ungeeignet.[11]

Kritik an Weich- und Wechseldrucksystemen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Matratzen zur Weichlagerung bzw. energetische Wechseldrucksysteme können die Bewegung hemmen, dadurch, dass die Pflegeempfänger in ihrer körperlichen Wahrnehmung eingeschränkt werden könnten. Denn diese Matratzensysteme sind so konzipiert, dass der Auflagedruck auf der Matratze sehr gering ist, daher ist die Wahrnehmung des Menschen der auf dieser Matratze liegt auch sehr gering. Solche Matratzen, sollten daher nur so lange wie nötig eingesetzt werden.[12] Dennoch ist der Einsatz solcher Systeme bei Menschen, die ein mittleres bis hohes Dekubitusrisiko haben essentiell. Einige Systeme verfügen über mehrere Modi, sodass z. B. tagsüber der Wechseldruckmodus und in der Nacht der Weichlagerungsmodus verwendet werden kann. Diese Möglichkeiten können zu einer besseren Akzeptanz der Pflegeempfänger und zu einem besseren Schlaf dieser führen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gessmann, Hans-Werner: Eine Korrelation zwischen Micro-Movements und Schlafstadien. Ein Beitrag zur Dekubitus-Prophylaxe. Schriften zur Schlafpsychologie und Schlafmedizin. Verlag des Psychotherapeutischen Instituts Bergerhausen, Duisburg, 2013, ISBN 978-3-928524-71-1.
  • M. Versluysen: How elderly patients with femoral fracture develop pressure sores in hospital. In: British Medical Journal. Band 292, S. 1311–1313, PMC 1340317 (freier Volltext)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Annette Lauber, Petra Schmalstieg: Prävention und Rehabilitation. 4. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-13-240658-2, S. 269 f.
  2. H.-U. Völker, G. Röper, H. Gerngroß, C. Willy: The influence of modern soft-care-mattresses on subcutaneous tissue pressure and pO2 over the os sacrum. In: Der Unfallchirurg. Band 102, Nr. 6, Juni 1999, ISSN 0177-5537, S. 439–446, doi:10.1007/s001130050433 (springer.com [abgerufen am 6. Juni 2022]).
  3. M Versluysen: How elderly patients with femoral fracture develop pressure sores in hospital. In: BMJ. Band 292, Nr. 6531, 17. Mai 1986, ISSN 0959-8138, S. 1311–1313, doi:10.1136/bmj.292.6531.1311, PMID 3085827, PMC 1340317 (freier Volltext) – (bmj.com [abgerufen am 6. Juni 2022]).
  4. Tom Schmidt-Bräkling, Ulrich Pohl, Georg Gosheger, Hugo Van Aken: Patientenlagerung im OP. Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-13-165911-8, S. 18.
  5. Annette Lauber, Petra Schmalstieg: Prävention und Rehabilitation. 4., aktualisierte Auflage. Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-13-240658-2, S. 269.
  6. Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (Hrsg.): Expertenstandard Dekubitusprophylaxe in der Pflege, 2. Aktualisierung. Osnabrück 2017 (dnqp.de [PDF]).
  7. Annette Lauber, Petra Schmalstieg: Prävention und Rehabilitation. 4. Auflage. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-13-240658-2, S. 268.
  8. a b Julian-Anselm Bayer: Den Dekubitus vermeiden. In: Heilberufe. Band 70, Nr. 11, November 2018, ISSN 0017-9604, S. 25, doi:10.1007/s00058-018-3744-8 (springerpflege.de [abgerufen am 6. Juni 2022]).
  9. Klaus Hager, Roswitha Boenke: Dekubitus effizient und nachvollziehbar dokumentieren. In: Pflegezeitschrift. Band 71, Nr. 5, Mai 2018, ISSN 0945-1129, S. 12–15, doi:10.1007/s41906-018-0488-7 (springerpflege.de).
  10. Insa Lüdtke: Micro-Stimulations-Systeme in der Praxis. In: Pflegezeitschrift. Nr. 4, 2008, S. 197 f. (archive.org).
  11. Sigrid Schäfer: Fachpflege Beatmung. 5. Auflage. Elsevier, Urban & Fischer, München 2009, ISBN 978-3-437-25183-2, S. 271 f.
  12. Georg Thieme Verlag KG: I care Pflege. 2. überarbeitete Auflage. Stuttgart 2020, ISBN 978-3-13-241828-8, S. 362.