Intensivmedizin

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Eingang zu einer Intensivstation

Die Intensivmedizin ist ein medizinisches Fachgebiet, das sich mit Diagnostik und Therapie akut lebensbedrohlicher Zustände und Krankheiten befasst. Das geschieht meist in besonders ausgerüsteten Stationen eines Krankenhauses, den sogenannten Intensivstationen (auch Intensivtherapie-Station (ITS), Intensivpflege-Station (IPS) oder Intensive Care Unit (ICU) genannt). Diese werden durch speziell weitergebildete Fachärzte wie Anästhesisten, Internisten, Chirurgen, Pädiater oder Neurologen und speziell weitergebildete Pflegekräfte (Gesundheits- und Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivpflege) geführt. Aufgrund des hohen Betreuungsaufwands ist hier eine Pflegekraft nur für wenige Patienten zuständig.[1] Die Behandlung von Patienten im Rahmen der Notfallmedizin trägt oft Merkmale der Intensivmedizin.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Intensivmedizin hat ihre historischen Wurzeln in der Anästhesiologie, als Gründungsvater der ersten Intensivstation gilt gemeinhin der dänische Anästhesist Björn Ibsen.[2] 1954 gründete Ibsen die erste Intensivstation in Kopenhagen, als direkte Folge der großen Polio-Epidemie von 1952.[3][4] Die Langzeitbeatmung der Patienten war der Grund dafür, dass derartig aufwendige Methoden und Einrichtungen geschaffen wurden. Eine andere Vorstufe der heutigen Intensivstationen waren die coronary care units (CCU). Dies waren Stationen zur EKG-Überwachung von Herzinfarktpatienten mit der Möglichkeit der Defibrillation bei Kammerflimmern oder Kammertachykardie. Sie wurden von einem der Erfinder der Defibrillation, dem US-Amerikaner Bernard Lown, propagiert. Die erste deutsche Monographie zum Thema Intensivtherapie stellt das 1956 von dem Chirurgen Ernst Kern und dem Anästhesisten Kurt Wiemers im Thieme-Verlag herausgegebene Werk über Postoperative Frühkomplikationen dar.[5]

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ärzte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland ist die Intensivmedizin kein eigenständiges Fachgebiet. Fachärzte der Gebiete Anästhesiologie, Chirurgie, Innere Medizin, Kinder- und Jugendmedizin, Neurochirurgie und Neurologie können nach 24 Monaten Weiterbildung die Zusatzbezeichnung Intensivmedizin führen.[6] In Österreich ist die Intensivmedizin ein Additivfach der Inneren Medizin.[7] In der Schweiz gibt es hingegen einen eigenen Facharzt für Intensivmedizin, welcher eine sechsjähriger Weiterbildung voraussetzt.[8]

Pflege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um eine gute Intensivpflege zu gewährleisten, gibt es in Deutschland, nach der dreijährigen Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegekraft, die Weiterbildung zur Fachkrankenpflegekraft für Intensivpflege. Diese dauert berufsbegleitend zwei Jahre. Meistens wird eine Berufserfahrung von zwei Jahren, davon mindestens sechs Monate im Bereich Intensivstation oder Anästhesie, vorausgesetzt.[9]

Erkrankungsspektrum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Intensivstationen werden Patienten aufgenommen, deren Zustand bedrohlich ist oder deren Zustand bedrohlich werden könnte. So führen nicht nur schwere Krankheiten, sondern auch Zustände nach umfangreichen, langdauernden und stark eingreifenden Operationen zur intensivmedizinischen Überwachung und ggf. Behandlung. Prinzipiell muss eine gewisse günstige Prognose des krankhaften Zustandes gegeben sein.

Die Ergebnisse intensivmedizinischer Behandlung umfassen entsprechend der grundlegenden Erkrankung eine große Spannweite. Ziel ist die Wiederherstellung der völligen Gesundheit oder wenigstens das Erreichen eines weitgehend autonomen Zustandes des Patienten. Sogenannte lebensverlängernde Maßnahmen verfolgen somit keinen Selbstzweck.

Die Zunahme von Prozess-, Struktur- und Ergebnisqualität in der Intensivmedizin ist mit einem umfassenderen Einsatz der Methoden verbunden.

Terminale Erkrankungen, wie zum Beispiel Krebs im Endstadium, führen an sich nicht zur Aufnahme auf die Intensivstation, es sei denn, der Patientenzustand verschlechtert sich akut drastisch und es wird eine Aufnahme gewünscht. Generell ist auf diesem Gebiet die Palliativmedizin etabliert.

Elementarstörungen und komplexe Krankheitsbilder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Überwachungsmethoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Zustand schwer Erkrankter kann sich rasant ändern. Dieser Tatsache tragen standardisierte Überwachungsmaßnahmen Rechnung. Die Überwachung lässt sich in Methoden ohne und mit technischen Hilfsmitteln einteilen:

Klinische Überwachung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Voraussetzung einer ausreichenden Überwachung ist in jedem Fall die persönliche Beobachtung durch das pflegende oder ärztliche Personal, wozu auch eine immense bettseitige Dokumentationspflicht beiträgt.

Zur Beurteilung der Bewusstseinslage fehlen heute noch in aller Regel technische Hilfsmittel, sodass das Neuromonitoring nach anerkannten und standardisierten verbalen Stadien- und Zustandseinteilungen erfolgt (beispielsweise Glasgow Coma Scale [GCS] bei Hirntraumatisierten, die anhand einer verbalen Zustandsbeschreibung des Patienten eine Indizierung erbringt). Zur Beurteilung von Schmerzen werden verbale rating scales (VRS) oder visuelle Analogskalen (VAS) herangezogen.

Technisches Monitoring[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf der Intensivstation werden Patienten zusätzlich durch das Personal kontinuierlich durch Vitaldatenmonitore oder Patientenmonitore überwacht. Neben der kontinuierlichen Überwachung mit Alarmweiterschaltung erlauben die technischen Methoden auch eine weitergehende Standardisierung der Messwertermittlung, da subjektive Fehler weitgehend ausgeschlossen werden. Außerdem bieten die Vitaldatenmonitore Schnittstellen, über die die Messwerte ausgelesen und automatisch in einem Patientendatenmanagementsystem dokumentiert werden können.

Bei den Messverfahren unterscheidet man zwischen nichtinvasiven und invasiven Methoden. Zur invasiven Überwachung eines Parameters muss auf irgendeinem Wege die Körperoberfläche durchdrungen werden, zum Beispiel in Form von Kathetern, die in Gefäßen des Körpers eingeführt werden. Dieses Vorgehen beinhaltet immer ein gewisses Risiko, sei es durch Infektion oder Auslösung von Blutungen. Das strategische Ziel der technischen Entwicklung wird immer die nichtinvasive Messwertermittlung sein.

Grundlegende nichtinvasive Überwachungsmethoden befassen sich mit der Überwachung des Herz-Kreislauf- und Atmungssystems. Da es sich bei der Ableitung des EKG, der Überwachung des Blutdruckes, der Körpertemperatur und der Sauerstoffsättigung des Blutes um nichtinvasive Methoden handelt, gibt es kaum Patienten auf einer Intensivstation, bei denen diese Messungen nicht vorgenommen werden.

Zu den invasiven, meist umfassenderen, aber auch komplikationsträchtigeren Verfahren, gehören die arterielle Blutdruckmessung, die Messung des zentralen Venendruckes, die Bestimmung des PiCCO, sowie der Einsatz des Lungenarterienkatheters. Mit letzterer Methode können Parameter gemessen werden, aus denen sich zum Beispiel die Sauerstoffausschöpfung des zirkulierenden Blutes und die Pumpfunktion des Herzens mit Herzzeitvolumen ermitteln lassen. Das Verfahren ist relativ riskant, da es zu einer mechanischen Reizung des Herzens kommt, die Herzrhythmusstörungen auslösen kann. Aktuell werden risikoärmere Methoden eingeführt, die den Pulmonalkatheter bei gewissen Indikationen ersetzen können.

Dank moderner technischer Entwicklung halten zunehmend Laborautomaten Einzug auf Intensivstationen. Damit können häufig benötigte Werte, wie zum Beispiel Blutgase, Säure-Basen-Status, Elektrolyte, Hämoglobin bettseitig und somit schnell ermittelt werden (Point-of-Care-Testing).

Ergänzt werden die Methoden durch bildgebende Verfahren, wie Röntgendiagnostik (beispielsweise zur Beurteilung der Lunge) und Ultraschall, die in der Regel im Bereich der Intensivstation durchgeführt werden. Untersuchungen, wie CT oder Kernspin werden in den Spezialabteilungen (Röntgenabteilung) durchgeführt. Zu diesem Zweck werden die Patienten bei Bedarf mit mobilen Behandlungseinheiten (zum Beispiel Beatmungsgeräten) zu den jeweiligen Großgeräten transportiert. Auch in dieser mobilen Situation außerhalb der Station darf die Überwachungs- und Betreuungsqualität der Patienten nicht abnehmen.

Therapiemethoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beatmungsgeräte

Bei der Intensivbehandlung kommen unter anderem zum Einsatz:

Infektionsrisiko[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Patienten intensivmedizinischer Einrichtungen haben (trotz häufiger Kontrollen[10] der beim Patienten vorhandenen Keime) ein fünf- bis zehnfach höheres Infektionsrisiko gegenüber Patienten von Normalstationen. Bei intensivpflichtigen Patienten addieren sich verschiedene infektionsbegünstigende Faktoren, die vom Patienten selbst und von Behandlungsmaßnahmen ausgehen.

Patientenseitig führen vor allem die Grunderkrankung und die Begleiterkrankungen zu einer Schwächung der Abwehrlage. Infektionsbegünstigend wirken zudem ein schlechter Ernährungszustand, hohes Alter (statistisch gesehen) und Bewusstseinsstörungen.

Therapieseitig durchbrechen eine Reihe von Maßnahmen die natürliche Immunbarriere, so dass bei vorgeschädigtem Organismus des Patienten Komplikationen eintreten können:

  • Bei der Beatmung steigt durch die Schädigung des Selbstreinigungsmechanismus der Tracheal- und Bronchialschleimhaut das Risiko für Tracheo-/Bronchitiden und Pneumonien.
  • Die Einstichstelle zentraler Gefäßzugänge stellt eine Eintrittsstelle für Infektionserreger dar. In der Folge kann es zu einer Entzündung des umliegenden Gewebes bis hin zu einer Sepsis kommen.
  • Zugänge zu Körperhöhlen: Magensonden und Harnblasenkatheter sind ebenfalls Eintrittspforten für pathogene Keime.
  • besondere Therapien: Durch die Erhöhung des Magensaft-pH-Wertes im Rahmen der sogenannten „Stressulcusprophylaxe“ wird dessen desinfizierende Wirkung aufgehoben. Das führt zur Keimverschleppung in den Magen-Darm-Trakt. Die Besiedlung durch pathogene Keime kann zu Funktionseinschränkung und -ausfall des Darmes führen.
  • Chemotherapie: Folge der begleitenden Immunsuppression kann eine Sepsis sein.

Patienten nach Knochenmarktransplantationen sind durch die notwendige Immunsuppression in hohem Maße infektionsgefährdet.

Auf den Intensivstationen müssen auch zunehmend Patienten behandelt werden, die mit Keimen infiziert sind, die gegen die üblichen Antibiotikabehandlungen resistent sind (beispielsweise Oxacillin- oder Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus).

Hygienische Maßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schätzungsweise sind zwei Drittel aller Infektionen auf der Station erworben worden (nosokomiale Infektion). Aus diesen Gründen sind auf Intensivstationen besondere Hygienemaßnahmen notwendig, um das Infektionsrisiko zu verringern:

  • Bauliche Maßnahmen: Die Stationen sind mit einem Schleusensystem ausgestattet, in dem Personal und Besucher ihre Kleidung wechseln können.
  • Bereichskleidung: Das Personal trägt spezielle Kleidung, die nur innerhalb der Intensivstation getragen wird.
  • Händehygiene: Die Hände des Personals haben sich als das größte Übertragungsreservoir herausgestellt. Daher ist bei der Arbeit am Patienten häufig eine Händedesinfektion notwendig. Ebenso müssen sich Besucher vor Betreten der Intensivstation die Hände desinfizieren.
  • Bei der Arbeit mit besonders immungeschwächten Patienten muss ein Mund-Nasenschutz getragen werden, um nicht Erreger zu übertragen, die sich durch Tröpfcheninfektion verbreiten.
  • Isolation: Patienten mit extrem geschwächter Abwehrlage (Knochenmarkstransplantation) müssen zu ihrem eigenen Schutz isoliert werden. Dagegen werden Patienten mit multiresistenten Keimen (MRSA, siehe oben) zum Schutz der Mitpatienten isoliert. Viele interdisziplinäre Intensivstationen verfügen für infizierte bzw. kolonisierte Patienten über spezielle Zimmer, die über ein eigenes Schleusensystem verfügen.

Therapeutische Maßnahmen sollten normale Körperfunktionen gezielt unterstützen, wie z. B. die Förderung oraler bzw. enteraler Nahrungsaufnahme anstelle parenteraler Ernährung.

Unter den in der Intensivmedizin anzutreffenden Umständen ist auch unter hygienischer Sicht eine ständige Abwägung zwischen notwendigen (oft lebenserhaltenden) Maßnahmen und deren Nebenwirkungen zu treffen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Semmelweis-Reflex – Semmelweis führte 1847/48 unterschiedlich starkes Auftreten von Kindbettfieber auf mangelnde Hygiene bei Ärzten und Krankenhauspersonal zurück. Seine Erkenntnisse wurden fast zwei Jahrzehnte abgelehnt bzw. geleugnet. – Viele Ärzte konnten sich damals nicht vorstellen, dass von ihnen Gefahren für den Patienten ausgehen könnten.
  • Pediatric Critical Care Medicine

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Lawin, H.W. Opderbecke, H.-P. Schuster (Hgg.): Die Intensivmedizin in Deutschland: Geschichte und Entwicklung. Springer 2013, ISBN 978-3-642-63962-3.
  • Jörg Braun, Roland Preuss (Hrsg.): Klinikleitfaden Intensivmedizin. (1. Auflage unter dem Titel Klinikleitfaden Intensivtherapie: Arbeitstechniken, Diagnostik, Management, Medikament. Neckarsulm/Stuttgart 1991) 9. Auflage. Elsevier, München 2016, ISBN 978-3-437-23763-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Intensivmedizin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kosten der intensivmedizinischen Versorgung in einem deutschen Krankenhaus. Abgerufen am 8. November 2019.
  2. Louise Reisner-Sénélar: The birth of intensive care medicine: Björn Ibsen’s records, Intensive Care Medicine (Memento des Originals vom 6. Oktober 2012 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/xa.yimg.com. 2011.
  3. S. Pincock Bjørn Ibsen The Lancet 2007.
  4. L. Reisner-Sénélar: Der dänische Anästhesist Bjørn Ibsen – ein Pionier der Langzeitbeatmung über die oberen Luftwege. Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main 2009.
  5. Ernst Kern: Sehen – Denken – Handeln eines Chirurgen im 20. Jahrhundert. ecomed, Landsberg am Lech 2000, ISBN 3-609-20149-5, S. 143.
  6. Zusatz-Weiterbildung Intensivmedizin. Abgerufen am 8. November 2019.
  7. Intensivmedizin und Notfallmedizin. Abgerufen am 8. November 2019.
  8. Facharzt Intensivmedizin - SGI-SSMI-SSMI Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin. Abgerufen am 8. November 2019.
  9. Fachweiterbildung Intensivpflege. Abgerufen am 8. November 2019.
  10. F. Konrad, A. Deller: Klinische Untersuchung und Überwachung, bakteriologisches Monitoring. In: J. Kilian, H. Benzer, F. W. Ahnefeld (Hrsg.): Grundzüge der Beatmung. Springer, Berlin u. a. 1991, ISBN 3-540-53078-9, 2. unveränderte Aufl., ebenda 1994, ISBN 3-540-57904-4, S. 121–133, insbesondere S. 127–131 (Bakteriologisches Monitoring).
Gesundheitshinweis Dieser Artikel behandelt ein Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt nicht eine Diagnose durch einen Arzt. Bitte hierzu den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!