Der Feuerreiter (Mörike)

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Der Feuerreiter, Text und Illustration in der Gartenlaube (1888)

Der Feuerreiter ist eines der bekanntesten Gedichte von Eduard Mörike (1804–1875). Er schrieb es 1823 oder 1824 als Theologiestudent am Tübinger Stift und veröffentlichte die vierstrophige Urfassung 1832 in seinem Roman Maler Nolten. Die überarbeitete und um die jetzige dritte Strophe erweiterte Endfassung entstand 1841.[1]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das romantische Gedicht verknüpft den Brand einer Mühle mit der magisch-sagenhaften Gestalt eines „Feuerreiters“. Dieser, ein Seher, der bei bevorstehender Feuersbrunst stets unruhig in seiner Wohnung umherwandelt und seine „rote Mütze“ am Fenster sehen lässt (Strophe 1), ist beim Ausbruch des Mühlenbrandes als Erster zu Pferde an der Brandstätte (Strophe 2), um das Feuer mit Zauberspruch und Kreuzreliquiefreventlich“ zu bannen (Strophe 3). Diesmal aber ist er nach dem Ausbrennen der Mühle verschwunden (Strophe 4). Später wird im Keller der Ruine ein Skelett mit Mütze auf dem Skelett eines Pferdes sitzend gefunden, die alsbald zu Asche zerfallen (Strophe 5).

Form und sprachliche Mittel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Strophe besteht aus acht trochäischen Vierhebern mit dem Reimschema [ababcddc], wobei a und d männliche und b und c weibliche Reime sind. Diese Grundform ist jedoch aufgebrochen durch den Einschub des zweimaligen Rufs „Hinterm Berg“ (Strophen 1–4) bzw. „Ruhe wohl“ (Strophe 5) nach der siebten Zeile und die Kürzung der achten Zeile auf drei Hebungen, in Strophe 4 sogar auf eine einzige. Wirkungsvoll ist damit das aufgeregte Läuten und schließlich Ausschwingen der Feuerglocke, aber auch der versöhnlich-besänftigende Ausklang gestaltet.

Zu den sprachlichen Kunstgriffen gehören darüber hinaus die wiederholte Anrede an den Leser in Frage und Appell, die blitzlichtartige und dramatisch vergegenwärtigende Wortwahl – grammatisches Präsens – und der Einsatz von Assonanz und Alliteration.

Deutungsansätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unterschiedliche Deutungsansätze begreifen das Schicksal der Hauptfigur

Unstrittig ist das romantisch-irrationale Spielen Mörikes mit mythischen, mittelalterlich-religiösen und elementaren Motiven.

Text[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fassung 1824/1832[3]

Endfassung[4]

Sehet ihr am Fensterlein
Dort die rothe Mütze wieder?
Muß nicht ganz geheuer seyn,
Denn er geht schon auf und nieder.
Und was für ein toll Gewühle
Plötzlich auf den Gassen schwillt —
Horch! das Jammerglöcklein grillt:
Hinter’m Berg, hinter’m Berg
Brennt’s in einer Mühle!

Sehet ihr am Fensterlein
Dort die rothe Mütze wieder?
Nicht geheuer muß es sein,
Denn er geht schon auf und nieder.
Und auf einmal welch Gewühle
Bei der Brücke, nach dem Feld!
Horch! Das Feuerglöcklein gellt:
Hinter’m Berg,
Hinter’m Berg
Brennt es in der Mühle!

Schaut, da sprengt er, wüthend schier,
Durch das Thor, der Feuerreiter,
Auf dem rippendürren Thier,
Als auf einer Feuerleiter;
Durch den Qualm und durch die Schwüle
Rennt er schon wie Windesbraut,
Aus der Stadt da ruft es laut:
Hinter’m Berg, hinter’m Berg
Brennt’s in einer Mühle!

Schaut! da sprengt er wüthend schier
Durch das Thor, der Feuerreiter,
Auf dem rippendürren Thier,
Als auf einer Feuerleiter!
Querfeldein! Durch Qualm und Schwüle
Rennt er schon, und ist am Ort!
Drüben schallt es fort und fort:
Hinter’m Berg,
Hinter’m Berg
Brennt es in der Mühle!

Der so oft den rothen Hahn
Meilenweit von fern gerochen,
Mit des heil’gen Kreuzes Spahn
Freventlich die Gluth besprochen —
Weh! dir grinst vom Dachgestühle
Dort der Feind im Höllenschein.
Gnade Gott der Seele dein!
Hinter’m Berg,
Hinter’m Berg
Ras’t er in der Mühle!

Keine Stunde hielt es an,
Bis die Mühle borst in Trümmer,
Und den wilden Reitersmann
Sah man von der Stunde nimmer;
Darauf stille das Gewühle
Kehret wiederum nach Haus,
Auch das Glöcklein klinget aus:
Hinter’m Berg, hinter’m Berg
Brennt’s! —

Keine Stunde hielt es an,
Bis die Mühle borst in Trümmer;
Doch den kecken Reitersmann
Sah man von der Stunde nimmer.
Volk und Wagen im Gewühle
Kehren heim von all’ dem Graus;
Auch das Glöcklein klinget aus:
Hinter’m Berg,
Hinter’m Berg
Brennt’s! —

Nach der Zeit ein Müller fand
Ein Gerippe sammt der Mützen,
Ruhig an der Kellerwand
Auf der beinern’ Mähre sitzen.
Feuerreiter, wie so kühle
Reitest du in deinem Grab!
Husch! da fällt’s in Asche ab —
Ruhe wohl, ruhe wohl,
Drunten in der Mühle.

Nach der Zeit ein Müller fand
Ein Gerippe sammt der Mützen
Aufrecht an der Kellerwand
Auf der beinern’ Mähre sitzen:
Feuerreiter, wie so kühle
Reitest du in deinem Grab!
Husch! da fällt’s in Asche ab.
Ruhe wohl,
Ruhe wohl
Drunten in der Mühle!

Musikalische Bearbeitungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mörikes klangvoll-dramatisches Gedicht inspirierte Hugo Wolf zu einer Vertonung für Singstimme und Klavier (1888), die er 1892 für Chor und Orchester setzte[5], und Hugo Distler zu einem sechsstimmigen Chorsatz (1938). Weitere Bearbeitungen stammen von Robert von Hornstein (1862), Rabih Merhi (2005) und Wilhelm Killmayer (2007).[6]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Potthast, Barbara. "Das Rätsel der brennenden Mühle. Zu Mörikes Gedicht 'Der Feuerreiter'". In: Storm-Blätter aus Heiligenstadt 2017 (herausgegeben vom Literaturmuseum "Theodor Storm"): S. 57–67.
  • Mayer, Matthias. "Der Feuerreiter". In: Mörike Handbuch (herausgegeben von Inge und Reiner Wild). Metzler, Stuttgart 2004: S. 102–103.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Der Feuerreiter – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Der Feuerreiter – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Mörike Handbuch, Artikel "Der Feuerreiter", siehe Literatur
  2. Kappel
  3. Druck
  4. Mörike, Gedichte (1878), S. 69, S. 70, S. 71
  5. Ernst Hilmar, Hugo Wolf Enzyklopädie. Tutzing, Schneider 2007: S. 193 (Artikel "Instrumentierungen")
  6. Der Feuerreiter bei lieder.net