Der Gattopardo

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Der Gattopardo (seit 2004, davor: Der Leopard; ital.: Il Gattopardo) ist der einzige Roman des Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Er erschien postum 1958 bei Feltrinelli in Italien.

Der Originaltitel Il Gattopardo[Bearbeiten]

Familienwappen der Tomasi

Der Autor Giuseppe Tomasi (Fürst von Lampedusa, Herzog von Palma und Palermo, Baron von Montechiaro) behandelte in seinem Werk in freier Romanform Teile der eigenen Familiengeschichte. Wie er 1957 in einem Brief an einen Freund schrieb, handle es sich bei der Hauptfigur Don Fabrizio um seinen Urgroßvater.[1]

Das Haus Salina im Roman sei ein Spiegelbild des Hauses Tomasi. Das kommt bereits im Originaltitel zum Ausdruck: Il Gattopardo wurde – und wird zum Teil noch heute, z. B. in einer aktuellen Neuausgabe auf Englisch – jahrzehntelang in vielen Sprachen mit Der Leopard übersetzt. Erst vor wenigen Jahren wurde darauf hingewiesen, dass das italienische Gattopardo, im Gegensatz zum Leopardo, für einen Cousin der Pardelkatzen steht, und zwar für den Serval, einer afrikanischen Kleinkatze und somit eine Verharmlosung gegenüber dem Leoparden darstellen könnte.

Tomasi, dessen eigenes Familienwappen angeblich einen auf den Hinterfüßen stehenden, nach rechts blickenden Leoparden unter einer Herzogskrone zeigt, parodiert damit angeblich die eigene Familiengeschichte, in dem er die einst mächtigen Leoparden zu vergleichsweise harmlosen Pardelkatzen macht.[2] Die genaue Übersetzung des Wortes "gattopardo" ist jedoch "Serval". Bei diesem afrikanischen Tier handelt es sich um eine Wildkatze, die viel zierlicher als ein Leopard ist und die dem zierlichen, auf dem Wappen der Tomasi di Lampedusa zu sehenden Tier ähnlich ist, dabei jedoch in Italien einst den Ruf hatte, besonders aggressiv und grausam zu sein, und ihr Name gattopardo ("gatto" = "Katze") rührt von dem früheren Glauben, diese Wildkatze sei als Kreuzung zwischen Hauskatze und Leopard entstanden.

Der Serval ist nördlich der Sahara im Allgemeinen nicht mehr verbreitet. Eines der wenigen Ausbreitungsgebiete nördlich der Sahara reicht jedoch relativ nahe an Lampedusa heran, denn bis in die 70-er Jahre wurde er in Tunesien gesichtet. Ursprünglich war er in ganz Afrika verbreitet.

Der feine, zierliche, "gnadenlose" Serval passt zu dem, was der Protagonist des Buches selbst im Roman über seine Familie einerseits und deren Nachfolger andererseits sagt. Denn er erwähnt den "Leopardo" mit keiner Silbe, spricht dafür aber ausdrücklich vom Gattopardo (im Original groß geschrieben, obwohl Substantive im Italienischen normalerweise klein geschrieben werden) wie von einem Löwen (ebenfalls im Original groß geschrieben): «Noi fummo i Gattopardi, i Leoni; quelli che ci sostituiranno saranno gli sciacalletti, le iene; e tutti quanti, Gattopardi, sciacalli e pecore, continueremo a crederci il sale della terra.» In der deutschen Übersetzung: „Wir waren die Servale, die Löwen; die uns ersetzen, werden die Schakälchen sein, die Hyänen; und wir allesamt, Servale, Schakale und Schafe, werden uns weiterhin für das Salz der Erde halten.“ Die in diesem Zitat enthaltene Darstellung steht im Einklang mit einer anderen, in Italien häufig zitierten Stelle im Roman, wo sein hochgeschätzter Neffe Tancredi Falconieri zu ihm sagt: «Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi.» Zu deutsch: "Wenn wir wollen, dass alles bleibt wie es ist, muss sich alles ändern."

Zum Inhalt des Romans[Bearbeiten]

In acht Kapiteln werden Episoden aus dem Leben des sizilianischen Fürstenhauses Salina zwischen Mai 1860 und Mai 1910 erzählt.

Bis zum Ende der ersten sechs von acht Kapiteln begleitet der Roman, mit Auslassung von jeweils einigen Monaten, das Leben im Haus von Don Fabrizio, Herzog von Salina und Fürst von Palma, der den tanzenden Leoparden im Wappen führt.

Vor dem Hintergrund der politischen Umwälzungen Italiens durch den Aufstand Garibaldis 1860 und der sozialen Veränderungen durch den Aufstieg des Bürgertums wird in den ersten Kapiteln der Alltag im fürstlichen Haushalt zwischen 1860 und 1862 in Ausschnitten erzählt: Ein Tag auf der Jagd, die Ablieferung der Pacht im Herrenhaus, eine Visite im fürstlichen Kloster, ein Abendessen, das vergebliche Angebot eines Senatorenamtes an den Fürsten durch die neuen Machthaber, ein großer Ball in Palermo.

Der fürstliche Haushalt wechselt von seinem Stadtpalast zu seinem Sommerschloss Donnafugata auf dem Land, wo sich der Neffe des Fürsten, Tancredi, der sich am Aufstand Garibaldis beteiligt hatte, in Angelica verliebt. Angelica ist die Tochter des sowohl schlauen als auch neureichen Provinz-Bürgers Don Calógero, dem es noch an den Manieren der alten Herrschaftsschicht fehlt.

Die Liebesgeschichte zwischen Tancredi und Angelica ist das Zentrum des Romans. Sie ist einerseits hymnisch und schwelgt in sinnlichen Eindrücken aus der Beobachtung beider während der Mahlzeiten und bei ihrem „sinnlichen Wirbelsturm“, ihren endlosen Streifzügen durch den riesigen Palast mit seinen Geheimnissen. Andererseits ist diese Verliebtheit von Anfang an durch Angelicas Berechnung gesäuert: „Diese besten Tage im Leben Tancredis und Angelicas ... waren die Vorbereitung auf ihre Ehe, die auch im Erotischen mißlang.

Im 7. Kapitel, das 20 Jahre später spielt, stirbt Don Fabrizio und im 8. und letzten Kapitel, etwa 30 Jahre später, ist Angelica schon Witwe und damit die Phase ihrer so romantisch begonnenen Ehe beendet.

Den drei unverheirateten Schwestern des Hauses Salina wird in einer strengen Prüfung durch die römische Kurie die Selbstgewissheit ihrer Frömmigkeit genommen und eine der drei Schwestern, Concetta, die sich als junges Mädchen unglücklich in ihren Cousin Tancredi verliebt hatte, erkennt ihre Verhaltensfehler.

Komposition, Stil und Deutung[Bearbeiten]

Mehrfach wird das Motto Tancredis im Roman selbst und inzwischen auch von seinen Lesern zitiert: "Wenn wir wollen, daß alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, daß alles sich verändert." Tancredi rechtfertigt damit seinen Anschluss an die Bewegung Garibaldis, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Einigung Italiens unter bürgerlichen Vorzeichen erreichte. Tancredis Aphorismus könnte daher die Veränderung, die Entwicklung, den Fortschritt als die geheime Bedeutungsebene nahelegen.

Dennoch ist der Roman in seiner Komposition und Textur der Motive eigentlich gegen Tancredis Motto geschrieben. Auch die von ihm mit herbeigeführten Veränderungen können das Ende der Vorherrschaft seiner Klasse und das seiner Liebe nicht verhindern, auch Tancredi ist am Ende ein Gescheiterter. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der Kern des Romans nicht im Triumph der Veränderung, sondern in dem der Vergeblichkeit.

Die Liebe zwischen Tancredi und Angelica wird nach dem Muster eines großen Anfangs und seines banalen Endes erzählt, das Grundmuster aller Geschichten des Romans: Die des an seiner Passivität zu Grunde gehenden Hauses Salina, dessen letzter wirklicher Spross Fabrizio ist, die des Aufstiegs des Bürgertums, das seinen Ruf und den des angeheirateten Adels durch Geiz verspielt und sich bald der Plebejer erwehren werden muss, die Geschichte der frommen alten Jungfern Salina, deren Hauskapelle durch den Kardinal von ihrem Gerümpel an Reliquien gesäubert wird und schließlich die Geschichte Concettas, die ihr Leben lang dem an Angelica verlorenen Tancredi nachtrauert und als 70-jährige Alte von einem Freund erfährt, dass sie damals, als junge Frau, vielleicht doch hätte Tancredi gewinnen können.

Alle diese Geschichten sind die eines notwendigen, schmerzhaften Scheiterns menschlicher Hoffnungen, das schon ihren Anfängen eingeschrieben ist. Damit wird die politische Entwicklung, die soziale Umwälzung, der Aufbruch in eine große Liebe und die Strenge und Härte eines frommen Lebens zu einem Scheitern des menschlichen Lebens in seinen verschiedenen durch den Handlungsfaden verbundenen Facetten.

Das große Thema des Romans ist daher die Vergeblichkeit der Suche nach Dauer und Glück, die Vorherrschaft der Zeit über alle Anstrengungen der Einzelnen, ihrem Leben einen bleibenden Sinn zu geben. Auf dem Sterbebett resümiert Don Fabrizio, dass er von seinen 73 Jahren nur zwei, höchstens drei wirklich gelebt habe.

Im Zusammenhang mit der einebnenden Rolle der Zeit im Roman stehen auch die Lampedusa bisweilen vorgeworfenen Fehler seines Stils, die enormen Vorgriffe auf Ereignisse außerhalb der Figurenzeit. (Vergleiche: Vargas Llosa, Die Wahrheit der Lügen)

Diese Stilbrüche sind Zeitbrüche in einem sonst homogen bzw. linear geschriebenen Roman, die das Thema der Vergänglichkeit variieren.

Beispiele:

  • Er ((Fürst Fabrizio, eine Roman-Figur im Jahre 1860)) fand sich im Seelenzustand eines Menschen, der glaubt, er sei soeben an Bord eines der höchst friedlichen Flugzeuge gegangen, ((...)) aber mit einem Male merkt, er sei in einem Stratosphärenkreuzer eingeschlossen...
  • Pater Pirrone stammte vom Lande. Er war geboren in San Cono, einem winzig kleinen Dorf, das heute Dank der Autobusverbindungen fast einer der Satelliten ist.

Siehe auch[Bearbeiten]

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Leopard. Roman. Übersetzt aus dem Italienischen von Charlotte Birnbaum. Piper Verlag. München 1959
  • Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo. Roman. Übersetzt aus dem Italienischen von Giò Waeckerlin Induni. Piper Verlag. München 2004 ISBN 3-492-24889-6

Literatur[Bearbeiten]

  • Birgit Tappert (Hrsg.): Vom Bestseller zum Klassiker der Moderne. Giuseppe Tomasi di Lampedusas Roman „Il gattopardo“ (= Romanica et comparatistica. Bd. 34). Stauffenburg-Verlag, Tübingen 2001, ISBN 3-86057-084-6.
  • Margareta Dumitrescu: Sulla parte VI del Gattopardo. La fortuna di Lampedusa in Romania. Giuseppe Maimone Editore u. a., Catania u. a. 2001, ISBN 88-7751-214-8.
  • Jochen Trebesch: Giuseppe Tomasi di Lampedusa. Leben und Werk des letzten Gattopardo. Berlin, Nora 2012, ISBN 978-3-86557-289-9.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Übersetzung des Briefes in: Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo. Roman. Übersetzt aus dem Italienischen von Giò Waeckerlin Induni. Piper Verlag. München 2004, S. 11
  2. vgl. literaturkritik.de