Der goldene Vogel

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der goldene Vogel ist ein Märchen (ATU 550). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 57 (KHM 57). Bis zur 2. Auflage lautete der Titel Vom goldnen Vogel. Das Märchen stammt wahrscheinlich aus Christoph Wilhelm Günthers Sammlung Kindermährchen von 1787 (Nr. 26 Der treue Fuchs).[1]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Garten des Königs steht ein Baum, der goldene Äpfel trägt. Als der König feststellt, dass ein Apfel fehlt, müssen seine drei Söhne der Reihe nach wachen. Erst der Jüngste schläft dabei nicht ein. Er sieht einen goldenen Vogel einen Apfel nehmen und schießt ihm eine Feder ab. Die Feder ist so wertvoll, dass der König den Vogel haben will und seine Söhne der Reihe nach losschickt, ihn zu fangen. Jeder begegnet unterwegs einem Fuchs, der darum bittet, nicht erschossen zu werden. Nur der Jüngste ist gnädig. Dafür gibt ihm der Fuchs den Rat, im Dorf nicht in das gute, sondern in das schlechte Wirtshaus zu gehen. Der Jüngling folgt dem Rat, ohne nach seinen Brüdern zu schauen, die sich vergnügen. Der Fuchs weist ihm den Weg an den schlafenden Soldaten vorbei ins Schloss, in dessen letzter Kammer der goldene Vogel sitzt. Als er aber entgegen dem Rat des Fuchses den Vogel aus dem hölzernen Käfig nimmt und stattdessen in den goldenen setzt, stößt der Vogel einen Schrei aus. Der Jüngling wird von den Soldaten ergriffen und soll sterben, es sei denn, er holt dem König des Schlosses das goldene Pferd, das sich bei einem anderen Schloss befindet. Der Fuchs weist ihm den Weg. Aber auch dieses Mal folgt der Jüngling dem Rat des Fuchses nicht. Er tauscht den hölzernen und ledernen Sattel gegen einen goldenen. Da verrät ihn das Wiehern des Pferdes. Nun muss er die Königstochter vom goldenen Schloss herbeischaffen, um dem Tod zu entgehen. Auf den Rat des Fuchses hin fängt er sie auf dem Weg zum Badehaus ab. Er kann ihr aber den Abschied von ihren Eltern nicht abschlagen. So wachen alle auf und er wird wiederum festgesetzt. Dieses Mal muss er den Berg abtragen, der dem König vor dem Schloss die Sicht verstellt. Auch diese Aufgabe erledigt der Fuchs für ihn und lässt ihn nach der Königstochter auch seine anderen Schätze zurückholen. Der Fuchs bittet den Jüngling, ihn als Gegenleistung für seine Hilfe totzuschießen und ihm die Pfoten abzuhauen. Das tut er nicht. Dennoch gibt ihm der Fuchs noch einen letzten Rat: Er solle kein Galgenfleisch kaufen und sich nicht an einen Brunnenrand setzen. Trotzdem löst der Jüngling in einem Dorf seine straffällig gewordenen Brüder vom Galgen aus. Diese jedoch stürzen ihren jüngeren Bruder in einen Brunnen. Nachdem der Fuchs ihn herausgezogen hat, geht er als Bettler verkleidet in seines Vaters Schloss, wo ihn die glückliche Königstochter erkennt. Sie werden verheiratet, die Brüder hingerichtet. Als später der Fuchs seinen Wunsch doch noch erfüllt bekommt, verwandelt er sich in den Bruder der Königstochter, denn er war verzaubert gewesen. Nun leben alle glücklich zusammen.

Grimms Anmerkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Märchen stamme aus Hessen (von einer alten Frau im Marburger Elisabeth-Hospital; ab 2. Auflage kombiniert mit Dorothea Viehmann), werde aber im Paderbörnischen (Familie von Haxthausen) ähnlich erzählt: Der kranke oder blinde König kann nur durch das Pfeifen des Phönix geheilt werden, die Zahl der von den Söhnen zu bestehenden Aufgaben variiert dann. In einer Version verschwindet der Fuchs zum Schluss, nachdem er erschossen wurde. Der Brunnen kann auch ein Steinbruch sein. Das In-den-Brunnen-Stürzen vergleichen sie mit Joseph, die Befreiung daraus mit Aristomenes (nach Pausanias), Sindbad aus 1001 Nacht und Gog und Magog (nach Montevilla). Sie stellen noch viele Literaturvergleiche an. Der Anfang komme auch als Dummlingsmärchen vor (entspricht KHM 64a Die weiße Taube, beeinflusste 2. Auflage von Der goldene Vogel): Jährlich verschwinden die reifen Birnen von des Königs Baum. Die Brüder wachen nacheinander ein Jahr, aber schlafen in der letzten Nacht ein, bis der Dummling dran ist. Er folgt einer weißen Taube auf einen Berg in einen Felsen und erlöst ein graues Männlein und eine Königstochter.

Auflagenvergleich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zur 2. Auflage schickt der König die Söhne des Gärtners, der hat seinen Jüngsten lieb und will ihn deshalb nicht gehen lassen. Vor dem Stall drehen die Knechte Goldsättel in den Händen. Ab der 3. Auflage werden die Äpfel am Baum gezählt, erst hier auch die Formulierung vom „Besten“, das dem Jüngsten fehlten soll. Er führt jetzt kurze Dialoge mit dem Fuchs („sey ruhig, Füchslein, ich thue dir nichts zu Leid“ - „Es soll dich nicht gereuen“). Der Vogel tut im Goldkäfig einen durchdringenden Schrei. Die Prinzessin heißt jetzt Königstochter vom goldenen Schlosse (vgl. KHM 6 Der treue Johannes). Der König sagt, „dein Leben ist verwirkt“, kann aber über den Berg „nicht hinaus sehen“. Der Königssohn gibt alle Hoffnung auf. Im Wald mit dem Brunnen ist es kühl und lieblich (vorher: lustig und lieblich), und die Sonne brennt heiß. In der 7. Auflage vergisst der Älteste „alle guten Lehren“, der zweite lebt „nur seinen Lüsten“, was wohl eine Dreigliederung der Söhne als Geist, Seele, Körper andeutet.

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Märchen ähnelt sehr Der treue Fuchs in Christoph Wilhelm Günthers anonym erschienener Sammlung Kindermährchen von 1787, von der die Brüder Grimm ein seltenes Exemplar besaßen. Ältere literarische Vorbilder: Roman van Walewein; ein Predigtexempel von Johannes Gobi. Die Brüder Grimm glaubten in ihrer Vorrede zum 2. Band 1815 den Vogel identisch mit jenem, der König Mark in Tristan und Isolde das goldne Haar der Königstochter bringt.[2] Viele Varianten zeigen einen fließenden Übergang zu AaTh/ATU 551 (bei Grimm Das Wasser des Lebens). Mögliche Vorläufer sind Pennincs Artusroman De Walewein (13. Jh.), Johannes Gobis Predigtexempel num. 538 in Scala coeli und Straparolas Piacevoli notti 3,2.[3] Im Belauschen der Schönen auf dem Weg zum Bad sieht Walter Scherf einen möglichen Nachklang von Aladin und die Wunderlampe.[4]

Interpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als der jüngste Sohn fortzieht, sagt der Vater: „Es ist vergeblich, der wird den goldenen Vogel noch weniger finden als seine Brüder, und wenn ihm ein Unglück zustößt, so weiß er sich nicht zu helfen; es fehlt ihm am Besten.“ „Das beste“ nennt der Fuchs später die Königstochter. Es wiederholt sich die Idee eines edlen Kerns, der von seiner nur scheinbar prachtvollen Hülle befreit werden muss: Das schlechte statt des guten Wirtshauses, der hölzerne statt des goldenen Käfigs, der hölzerne und lederne statt des goldenen Sattels, die Hinrichtung der bösen Brüder. Insofern liegt eine Steigerung des bei vielen Märchen zentralen Dualismus' zwischen Gut und Böse vor. Die Erlösung gelingt, als der Königssohn die Kleider des Bettlers anlegt und den Tierkörper des Fuchses zerstört. Dabei sind der Vogel, das Pferd und das Schloss der Prinzessin golden, Käfig, Sattel und Fuchs eher rötlich. Der Vogel ist also der Phönix, der in der Alchemie ebenfalls als goldener Vogel aus roter Hülle schlüpft. Der Baum im Garten des Vaters mit den goldenen Äpfeln ist der Baum des Lebens.

Eugen Drewermann deutet Vogel, Pferd und Jungfrau im Bad als den Mond, der mit den Sternen am Weltbaum immer wieder geraubt und vom Weltberg verdeckt wird. Doch sei die ursprünglich naturmythologische Symbolik psychisch gemeint, der König ein rationaler Erfolgsmensch. Irgendwann, oft wirklich erst nachts, fühlt er die Äußerlichkeit seines Lebens, was ihm angesichts seiner Autorität wie ein unerhörter Diebstahl vorkommt. Spätestens im Herbst des Lebens zeigt sich, dass die Äpfel der Reife und Liebe, die man Kraft seiner Leistung und Stellung zu verdienen meinte, einem irgendwo gestohlen wurden. In gleicher Oberflächlichkeit will er im Wirtshaus nun das versäumte nachholen, was lediglich die bisherige Haltung dekompensiert. Immer wieder irritiert das Märchen den scheinbar gesunden Verstand. Schon dass die Goldfeder alle Goldäpfel und alles an Wert übertreffen soll, ergibt keinen Sinn, geht man von Gold im Wortsinne aus. Den Prinzen gebührt keine teure Herberge, dem Goldvogel kein Goldkäfig, dem Pferd kein solcher Sattel. Das gilt selbst für Regungen des Mitgefühls: Die Jungfrau darf die Eltern nicht sehen, die Brüder müssen hängen, der gute Fuchs gar zerstückelt werden. Jeder Mensch hat ein sprechendes Tier als Ausdruck uns innewohnender phylogenetischer Weisheit, dem man „nur“ zu folgen bräuchte - das erfordert Gehorsam und Demut (Hebr 5,8 EU). Die Seele enthält wirklich goldwerte Schätze, aber gewissermaßen in irdenen Gefäßen (2 Kor 4,7 EU), und wann immer man sie im „Goldkäfig“ ausstellen will, der Sattel also wichtiger als das Pferd wird, sitzt man schon wieder fest. Nur ein innerer Gewaltakt gibt der Leidenschaft ihr Ziel (Mt 11,12 EU). Es geht um die Menschwerdung der Psyche, eben des Fuchses, dessen Stimme wir gern verdrängen, solange wir hochmütig sind und der Allmacht des Verstandes anhängen, offenbar müssen wir Schritt für Schritt aus Fehlern lernen: „Verborgen vor den Weisen und den Klugen, den Kleinen aber offenbar“ (Mt 11,25 EU).[5]

Vergleiche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Grimm, Brüder: Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. S. 321-328. Düsseldorf und Zürich, 19. Auflage 1999. (Artemis & Winkler Verlag; Patmos Verlag; ISBN 3-538-06943-3)
  • Grimm, Brüder: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart 1994. S. 110-112, S. 467. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-003193-1)
  • Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008. ISBN 978-3-11-019441-8, S. 140-143.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Der goldene Vogel – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lothar Bluhm: Die Erzählung von den beiden Wanderern (KHM 107). Möglichkeiten und Grenzen der Grimm-Philologie. In: Helga Bleckwenn (Hrg.): Märchenfiguren in der Literatur des Nord- und Ostseeraumes. Baltmannsweiler 2011, ISBN 978-3-8340-0898-5, S. 20.
  2. Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008. ISBN 978-3-11-019441-8, S. 140-141.
  3. Willem de Blécourt: Vogel, Pferd und Königstochter. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 14, De Gruyter, Berlin/Boston 2014, ISBN 978-3-11-040244-5, S. 283-289.
  4. Walter Scherf: Das Märchenlexikon. Band 1. C. H. Beck, München 1995, ISBN 3-406-39911-8, S. 510-514.
  5. Eugen Drewermann: Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. dtv, München 2004, ISBN 3-423-35056-3, S. 69–105.