Marienkind

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Dieser Artikel behandelt das Märchen der Brüder Grimm; zu anderen Bedeutungen siehe Marienkind (Begriffsklärung).

Marienkind ist ein Märchen (ATU 710). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an dritter Stelle (KHM 3).

Inhalt[Bearbeiten]

Ein armer Holzhacker, der seine dreijährige Tochter nicht ernähren kann, begegnet der Jungfrau Maria, die das Kind mitnimmt und im Himmel reich versorgt. Nach 14 Jahren geht Maria auf Reisen und lässt 13 Schlüssel da, wovon einer verboten ist. Das Mädchen benutzt jeden Tag einen und freut sich mit den Englein über die zwölf Apostel. Dann öffnet es die 13. Tür, sieht die Dreieinigkeit und berührt den Glanz, wovon der Finger golden wird. Maria sieht das und verstößt es auf die Erde, weil es den Verstoß nicht zugibt. Es lebt jämmerlich in der Wildnis in einem Baum. Ein König auf der Jagd findet und heiratet die Stumme. Sie bekommt drei Kinder, die Maria ihr wegnimmt. So halten sie die Leute für eine Menschenfresserin und drängen den König, sie verbrennen zu lassen. Auf dem Scheiterhaufen gesteht sie, da erlöschen die Flammen, Maria gibt ihr die Kinder und die Stimme wieder, denn wer bereut, dem sei vergeben.

Textgeschichte[Bearbeiten]

Das Märchen schickte Jacob Grimm mit anderen schon 1808 an Savigny und fast unverändert 1810 an Brentano. Grimms Anmerkung notiert „aus Hessen“ (von Gretchen Wild) und gibt noch eine Erzählung (von Friederike Mannel) wieder, die ausführlicher ebenfalls schon in der handschriftlichen Urfassung von 1810 stand als Ein Mährchen. Das stumme Mädchen.:[1] Der Vater, der seine Kinder nicht ernähren kann, will sich im Wald erhängen und begegnet einer schwarzgekleideten Jungfrau in einem schwarzen Wagen, die ihn einen Geldsack finden lässt für das, was im Haus verborgen sei. Das ist die Tochter im Mutterleib. Auf Bitten der Mutter nimmt die Jungfrau sie erst als Zwölfjährige mit in ihr schwarzes prächtiges Schloss. Eine Kammer darf sie nicht öffnen. Als sie nach vier Jahren durch eine Ritze lugt, sind da vier lesende Jungfrauen. Die Pflegemutter schlägt ihr auf den Mund und verstößt sie. Der König heiratet sie gegen Widerstand seiner Mutter, die ihr die Kinder nimmt. Als sie verbrannt werden soll, rettet sie die Jungfrau (wie KHM 9, 25, 49). Die Brüder Grimm vergleichen weiter die Tochter des Armen bei Meier Nr. 36, ein norwegisches Märchen bei Asbjörnsen Nr. 8 und ein schwedisches vom Graumantel „s. unten“; die Legende von St. Ottilie, wie in Nauberts Volksmärchen, Teil 1; im Pentameron 1,8 Das Ziegengesicht; wendisch St. Marias Patenschaft bei Haupt und Schmaler Nr. 16, „S. 179“; walachisch die eingemauerte Mutter bei Schott Nr. 2. Sie bemerken die Verbreitung der Idee der einen verbotenen Tür wie in KHM 46 Fitchers Vogel. Wenn jeder Apostel in einer glänzenden Wohnung sitze, sei „das Lied vom hl. Anno“, V. 720 zu vergleichen, wo die Bischöfe im Himmel wie Sterne zusammen säßen. Es sei ein alter Zug, dass Jungfrauen, ihrer Kleider beraubt, sich mit ihren langen Haaren bedecken, so St. Agnes in der „Bibl. maxima 27, 82b“, St. Magdalena bei Petrarch in lateinischen Versen, dazu eine Abbildung im „Magasin pittoresque 1, 21“. In einer altspanischen Romanze sitze eine Königstochter auf einer Eiche und ihr Haar bedeckt den ganzen Baum, Diez' Altspanische Romanzen „177“, Geibels Volkslieder und Romanzen der Spanier S. 151-152. Von St. Ottilie fand sich auch eine Abschrift in Grimms Nachlass.[2]

Textänderungen in der Auflagengeschichte bei Grimm sind wenig gravierend. Ab der 2. Auflage gibt Maria dem Kind den Schlüssel, als es „vierzehn Jahr geworden war“ (vorher: nach vierzehn Jahren) und warnt, wenn es den dreizehnten, kleinen Schlüssel benutze, werde es unglücklich. Die Brüder Grimm beschreiben jetzt ausführlicher, wie das Kind erst nur durch den Türspalt sehen will und wartet, bis einmal niemand zusieht. Maria schaut dem Kind gleich in die Augen, es lügt dreimal. Auch das Leben in der Wildnis wird lebendiger geschildert. Der König schlägt sich durch den Busch auf der Jagd auf Wild (ab 7. Aufl.: ein Reh, vgl. KHM 136). Er staunt über das Mädchen, das da sitzt in seinem Goldhaar (siehe Anmerkung). Der Schluss ist ausführlicher, der Regen löscht die Flammen.

Manche Forscher sahen antike Vorbilder in der Krösus-Gyges-Sage, andere vermuten eine gegenreformatorische Beispielerzählung zur Erläuterung der katholischen Lehre von der vollkommenen Reue gemäß der Bußsakramentenlehre nach dem Konzil von Trient (14. Sitzung 1551, später Catechismus Romanus).[3]

Motivvergleiche[Bearbeiten]

Interpretation[Bearbeiten]

Bruno Bettelheims Lehre ist, dass die Stimme, mit der wir lügen, uns ins Verderben führe und besser genommen werde – die Wahrheit sagen aber erlöse.[4] Eugen Drewermann findet Marienkind in der Erziehung vieler Nachkriegskinder mit Schuldgefühlen durch Verwöhnung wieder.[5] Der Homöopath Martin Bomhardt vergleicht das Märchen mit den Arzneimittelbildern von Magnesium carbonicum, Magnesium sulfuricum, Pulsatilla pratensis.[6] Wilhelm Salber sieht den ununterdrückbaren Wunsch nach Alles-Haben, der gegen den Realitätszwang unter Einschränkungen als Geheimnis behalten wird, was zu Isolation führt.[7]

Franz Xaver Hacker schrieb eine Erzählung Das Marienkind (1869), Paul Heyse eine Novelle Marienkind (1892), Hermann Erler ein Drama Marienkind (1897). Inwieweit sie sich auf das Märchen beziehen, wäre zu prüfen.

Illustrationen[Bearbeiten]

In den zwischen 1904 und 1922 im Verlag Josef Scholz erschienenen, reich illustrierten Märchenschmuckbüchern wurde auch das Märchen Marienkind verlegt. Die Jugendstilillustrationen zum Marienkind stammen von Heinrich Lefler und Joseph Urban. Marienkind thematisieren hier acht ganzseitige Farbbilder, die ergänzt werden durch eine schwarz-weiße ornamental gestaltete Initiale zu Beginn des Märchens und fünf weitere schwarz-weiße Zeichnungen. Die Fabbilder dominiert ein lichtmystischer Farbkontrast von Gelbtönen mit Blau. Alle Bilder sind ornamental und linear auf die Märchstimmung abgestimmt. Die Farbbilder thematisieren

1. Die Begegnung mit der feenhaften Maria und dem kleinen Kind in Begleitung ihrer Eltern im Wald
2. Das kleine Mädchen im paradiesischen Feenschloss, symmetrisch von Engeln begleitet
3. Maria und das verstockte Kind vor der offenen Himmelstür
4. Die Schöne im Wald wird in ihrem Baumversteck von einem Prinzen gefunden
5. Das Mädchen reitet eingehüllt in ihre Goldhaare mit dem Prinzen zum Schloß
6. Maria nimmt die Kinder der schönen Stummen
7. Der zweifelnde König mit seinen bösen Ratgebern
8. Maria bringt die Kinder und rettet Marienkind vor dem Scheiterhaufen[8]

Literatur[Bearbeiten]

  • Grimm, Brüder. Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. S. 46-50. Düsseldorf und Zürich, 19. Auflage 1999. (Artemis & Winkler Verlag; Patmos Verlag; ISBN 3-538-06943-3)
  • Grimm, Brüder. Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. S. 19-21, S. 443. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe, Stuttgart 1994. (Reclam-Verlag; ISBN 3-15-003193-1)
  • Rölleke, Heinz (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Herausgegeben und erläutert von Heinz Rölleke. S. 196-201, S. 371-373. Cologny-Geneve 1975. (Fondation Martin Bodmer; Printed in Switzerland)
  • Drewermann, Eugen: Lieb Schwesterlein, laß mich herein. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. München 1992. S. 43-101. (dtv-Verlag; ISBN 3-423-35056-3)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Heinz Rölleke (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Herausgegeben und erläutert von Heinz Rölleke. Cologny-Geneve 1975 (Fondation Martin Bodmer, Printed in Switzerland), S. 196-201, 278-282, 371-372.
  2. Rölleke, Heinz (Hg.): Märchen aus dem Nachlass der Brüder Grimm. 5. verbesserte und ergänzte Auflage. Trier 2001. S. 93-94, 117. (WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier; ISBN 3-88476-471-3)
  3. Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 7-8.
  4. Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen. 31. Auflage 2012. dtv, München 1980, ISBN 978-3-423-35028-0, S. 20-21.
  5. Drewermann, Eugen: Lieb Schwesterlein, laß mich herein. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. München 1992. S. 43-101. (dtv-Verlag; ISBN 3-423-35056-3)
  6. Martin Bomhardt: Symbolische Materia medica. 3. Auflage. Verlag Homöopathie + Symbol, Berlin 1999, ISBN 3-9804662-3-X, S. 836, 854, 1152.
  7. Wilhelm Salber: Märchenanalyse (= Werkausgabe Wilhelm Salber. Band 12). 2. Auflage. Bouvier, Bonn 1999, ISBN 3-416-02899-6, S. 68-70, 112, 128-130.
  8. Grimms Märchen Illustriert im Jugendstil - hrsg im Arena Verlag Edition Popp Würzburg, 1982; ISBN 3-88155-102-6 und Bildbeispiel