Deuterojesaja

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Als Deuterojesaja wird von der Bibelwissenschaft ein hypothetischer, anonymer Prophet des Alten Testaments bezeichnet, der zwischen etwa 550 v. Chr. und etwa 539 v. Chr. auftrat. Der Ausdruck Deuterojesaja ist griechisch und bedeutet zweiter Jesaja.

Sachverhalt[Bearbeiten]

Während des Babylonischen Exils, so der heutige Forschungsstand, verkündete er die Worte, die jetzt die Kapitel 40 bis 55 des Buches Jesaja ausmachen. Die Worte des „ersten“, tatsächlich diesen Namen führenden Jesaja sind in den Kapiteln 1–39 zusammengestellt. Eventuell war Deuterojesaja Mitglied einer von Jesaja begründeten „Schule“ oder Traditionslinie von Propheten und seine Worte wurden daher in dessen Buch eingeordnet.

Umstritten ist heute vor allem die Frage, ob es sich um die einheitliche Verkündigung eines Propheten oder um die schriftliche gewachsene Sammlung einer Art von Prophetenschule handelt.

Der deuterojesajanische Textkomplex beginnt in Kapitel 40 mit dem programmatischen Ruf: „Tröstet mein Volk!“ Mit dem als Strafe bzw. Folge begangenen Unrechts verstandenen Exil hat das Volk seine Schuld abgebüßt. Nun wird Gott kommen und es durch die Wüste ins Land Israel zurückführen. Diese Botschaft wird mit großer Kraft und Bildhaftigkeit verkündet.

Eine besonders eigentümliche Schicht der deuterojesajanischen Texte sind die Lieder vom Knecht JHWHs oder Gottesknechtslieder (Jes 42,1–4.(7); 49,1–6; 50,4–9; 52,13 bis 53,12). Dieser Beauftragte Gottes, gelegentlich als sein Sohn bezeichnet, gesalbt mit dem Geist, werde Licht und Recht zu allen Völkern bringen. Dafür werde er selbst stellvertretend Schmach und Schande tragen bis zum Opfer des eigenen Lebens – und dennoch „auf Dauer leben“ (Kap. 53). Passagenweise wird jedoch das ganze Volk Israel als Knecht angesprochen. Dann wieder lässt sich der Text eindeutig nur auf eine Einzelperson deuten, was darauf hinweist, dass es sich bei diesen beiden Vorstellungen - einmal als Volk Israel und andererseits als göttlichen Messias und Erlöser - wiederum um das Werk (mindestens) zweier verschiedener Autoren handelt. Die ganze Konzeption des stellvertretenden, sündentilgenden Leidens ist im Alten Testament einmalig und wurde im Christentum auf Jesus bezogen (vgl. Apg 8,30–35 EU).

Ein weitere auffällige Sorte von Texten enthalten Heilsverheißungen an die „Tochter ZionJerusalem, das als Gottesstadt durchgängig als Frau personifiziert wird. Zu ihrem Herzen soll der Prophet sprechen (Jes 40,9–11 EU), sie trösten, ihr die Heimkehr ihrer verlorenen Kinder ansagen (Jes 49,14–26 EU) und die Wiederherstellung ihrer Beziehung zu ihrem Gott, das Ende ihrer Schande und ihre Restauration (Jes 51,17 EU bis 52,12; 54). Hier spiegelt das Buch schon deutlich die zeitgeschichtlichen Umstände einer Zeit der Restauration nach dem Ende der Exilszeit.

Wessen Verkündigung in den abschließenden Kapiteln 56 bis 66 zusammengefasst ist, weiß man nicht sicher. Seit Bernhard Duhm (1892) schrieb man diese zusätzlichen Kapitel einem einzigen Autor, Tritojesaja (griech. für „dritter Jesaja“), zu. Heute neigen jedoch auch hier zahlreiche Exegeten dazu, mehrere Autoren am Werk zu sehen.

Literatur[Bearbeiten]

Kommentare[Bearbeiten]

  • Bernhard Duhm: Das Buch Jesaja. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1892 (div. Auflagen, zuletzt 1968).
  • Claus Westermann: Das Buch Jesaja. Kapitel 40-66. ATD 19, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1966.
  • Karl Elliger: Deuterojesaja. 1. Teilband Jesaja 40,1-45,7. BK XI/1, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1978 (2. Aufl. 1989).
  • D. Schneider: Der Prophet Jesaja. Teil 2: Kap. 40-66. WStB, R. Brockhaus, Wuppertal u.a. 2005 (5. Aufl.). ISBN 978-3-417-25217-0.
  • Hans-Jürgen Hermisson: Deuterojesaja. 2. Teilband Jesaja 45,8-49,13. BK XI/2, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2003.
  • H.-J. Hermisson: Deuterojesaja. 3. Teilband Jesaja 49,14ff. BK XI/3, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2007ff. (bisher Fasc. 12-16 erschienen = 49,14-53,12).
  • Peter Höffken: Das Buch Jesaja. Kapitel 40-66. NSK.AT 18/2, Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1998.
  • Ulrich Berges: Jesaja 40-48. HThK.AT 12/4, Herder, Freiburg u.a. 2008.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • D. Michel: Deuterojesaja. In: Theologische Realenzyklopädie 8 (1981), S. 510–530
  • H.-J. Hermisson: Einheit und Komplexität Deuterojesajas. Probleme der Redaktionsgeschichte von Jesaja 40-55. In: Le Livre d’Isaie. Herausgegeben von J. Vermeylen, Leuven 1989, S. 287–312 (= in: ders.: Studien zu Prophetie und Weisheit. Gesammelte Aufsätze, hg. v. J. Barthel u.a., Tübingen: Mohr Siebeck 1998, S.132-157)
  • R.G. Kratz: Kyros im Deuterojesajabuch. Redaktionsgeschichtliche Untersuchungen zur Entstehung und Theologie von Jesaja 40–55. FAT 1, Tübingen: Mohr Siebeck 1991
  • J. van Oorschot, Von Babel zum Zion. Eine literar- und redaktionsgeschichtliche Studie zu Jesaja 40–55 (Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 206). Göttingen: Berlin und New York: De Gruyter 1993. ISBN 3-110-13606-6
  • U. Berges: Das Buch Jesaja. Komposition und Endgestalt. HBS 16, Freiburg u. a. 1998

Weblinks[Bearbeiten]