Die Wolken

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Die Wolken (αἱ νεφέλαι hai nephélai) ist eine klassische griechische Komödie des Komödiendichters Aristophanes, die 423 v. Chr. in Athen uraufgeführt wurde. Die erhaltene Version der Wolken ist nicht die der Uraufführung, sondern eine von Aristophanes überarbeitete Fassung, mit der er es den Athenern heimzahlt, dass sein Stück beim Komödienagon der Dionysien des Jahres 423 v. Chr. nur den dritten Platz belegte.[1] Die geplante Wiederaufführung der bearbeiteten Fassung wurde nie vollzogen.

Handlung[Bearbeiten]

Im Morgengrauen liegt der Bauer Strepsiades mit seinem Sohn Pheidippides und einigen Sklaven auf dem Nachtlager, im Dionysostheater vermutlich auf der sogenannten Ekkyklema, einem herausfahrbaren Bühnenelement, dargestellt. Nachdem Strepsiades erwacht, erzählt er in einem Monolog seine Sorgen und Nöte: Er ist hoch verschuldet, weil er über seine Verhältnisse heiratete und sein Sohn viel Geld an Pferde und Wagenrennen verschwendet. Nun fordern die Gläubiger ihr Geld zurück. Da kommt ihm der rettende Gedanke: Sein Sohn soll in die Schule des Sokrates, das Phrontisterion, gehen, damit er dort lernt, wie man vor Gericht „die schlechte Sache zur besseren macht“, um sich die Gläubiger vom Hals zu schaffen. Doch Pheidippides steht danach nicht der Sinn. So bleibt Strepsiades nichts anderes übrig, als sich selbst dorthin aufzumachen, obwohl er schon, wie er selbst sagt, alt und vergesslich wird. Im Phrontisterion angekommen, sieht Strepsiades den Meister in einer Hängematte (die von einem sogenannten Bühnenkran gehalten wird) in der Lüften schweben. Sokrates erklärt, der Geist könnte nur dann Höheres erreichen, wenn sich auch der Körper hoch oben befinde. Die Wolken seien die Götter der neuen Zeit, denn die Wolken verkörpern „die Gedanken, Ideen, Begriffe, die uns Dialektik verleihen und Logik und den Zauber des Wortes und den blauen Dunst, Übertölpelung, Floskeln und Blendwerk“.[2] Sokrates nimmt Strepsiades als Schüler an. Nicodemus Frischlin zufolge, einem späthumanistischen Philologen, der das Stück ins Lateinische übersetzte und in fünf Akte einteilte, endet hier der erste Akt.

Im zweiten Akt (wenn man Frischlins Einteilung folgt) merkt Sokrates allzu bald, dass Strepsiades nicht zu lernen vermag und schickt ihn schließlich fort. So muss doch sein Sohn einspringen. Sokrates lässt Pheidippides zwischen zwei Lehrern wählen: dem Anwalt der „guten (rechten) Sache“ und dem Anwalt der „schlechten (unrechten) Sache“ (logos dikaitis und logos adikos). In Mittelpunkt des dritten Aktes steht der große, heftige, zuweilen wüste Redewettkampf der beiden Lehrer. Jeder versucht, Pheidippides von seinen Fähigkeiten und Standpunkt zu überzeugen. Der Anwalt der „guten Sache“ steht für althergebrachte Ideale einer Erziehung zur Selbstdisziplin; der Anwalt der „schlechten Sache“ hingegen vertritt die „moderne“ sophistische Lehr- und Denkweise und wirbt für diese und die Verlockungen eines genussvollen Lebensstils. Am Ende muss sich „die gute Sache“ geschlagen geben; dank ihres rabulistischen Geschicks siegt „die schlechte Sache“. Folglich wird Pheidippides ihr in die Lehre gegeben. Doch lässt – schon im Moment dieses Triumphes – der Chor der Wolken mit der Vorhersage, Strepsiades werde diese Entscheidung bereuen, das ihm nahende Unheil ahnen.

Zwar kommt im vierten Akt das frisch erworbene rhetorisch-dialektische Können seines Sohnes dem Vater zunächst zugute: Sokrates’ Verheißung gemäß, Pheidippides werde in jedem Prozess siegen, selbst wenn der Gegner „tausend Zeugen“ aufbiete, vermag dieser die beiden Gläubiger Pasias und Amynias abzuweisen, u.a. dank eines Rekurses auf die Änderungen der Gesetze seit Solon. Strepsiades zahlt weder das geliehene Geld noch die aufgelaufenen Zinsen zurück.

Doch im letzten Akt rächen sich die Lehren, die Pheidippides empfing, an Strepsiades selbst. Als Vater und Sohn sich beim Mahl über des Sohnes Begeisterung für Euripides in die Haare geraten, verprügelt der ungeratene Sohn, der sich als wahrer Anwalt der „schlechten Sache“ erweist, den Vater, und erklärt ihm obendrein, dass er damit nichts anderes tue, als ganz handfest jene „liebevolle Behandlung“ zu erwidern, die der Vater selbst „aus Lieb’ und Fürsorg’“ einst dem Kind angedeihen ließ. Nun erkennt Strepsiades, wohin die neue Bildung seinen Sohn geführt hat. Er flucht den Wolken, er klagt sie an, ihn in dieses Unheil getrieben zu haben, und steckt schließlich mit seinem Diener Xanthias das Phrontisterion des Sokrates in Brand — „der einzige düstere Schluß in einem Aristophanes-Stück“.[1]

Personen (Dramatis Personae)[Bearbeiten]

Strepsiades: Der Name ist Programm, denn Strepsiades bedeutet „Rechtsverdreher“. Am Anfang des Stücks wirkt er noch wie ein leidtragender, glückloser und vollkommen unschuldig in Schulden geratener Bauer, dessen Hochzeit sein größter Fehler war. Doch die Entscheidung, eine Frau aus der Stadt und einer berühmten Familie zu heiraten, zeugt von seiner Gier, mehr zu sein als ein einfacher Bauer, obwohl er mit Letzterem wohl glücklicher wäre. Und sein Plan hat es in sich: die Gläubiger um ihr Geld zu betrügen, indem man sich der neuen Kunst zu reden, und zwar ausdrücklich der der schlechten Sache, bedient, bedarf es schon eines abgebrühten Charakters. Andererseits könnte man argumentieren, seine drastische Situation erfordert drastische Lösungen. Gleichzeitig glänzt Strepsiades durch seine bemerkenswerte Einfältigkeit, und so konstruiert Aristophanes damit einen Charakter, der zum einen durch seine Obszönitäten, Unwissenheit und anderen absurde Einfälle das Publikum unterhält. Andererseits macht er sich im Verlauf der Geschichte auch recht gut als tragischer Held, gerade bei der Szene, als er von seinem Sohn geschlagen wird und letzten Endes zwar irgendwie als „Sieger“ dasteht, jedoch ohne seinen Plan verwirklichen zu können.

Pheidippides: Auch der Sohn des Strepsiades hat einen sprechenden Namen: Das „Sparröschen“, eine wunderbar komische Konstruktion zwischen der sparsamen Seite der Familie des Vaters und der Verschwendungssucht der Familie der Mutter, die aus dem Ritterstand stammt. Zu letzterem fühlt sich auch Pheidippides hingezogen, und so kam es auch zu den vielen Schulden der Familie, da der Sohn als Statussymbole natürlich Pferde brauchte, eine sehr teure Investition besonders für einen einfachen Bauern. Charakterlich macht Pheidippides wohl in dem Stück die größte Wandlung durch. Seine Worte „Solang ich nämlich nichts als Roß´ und Wagen hatt´ im Sinne, da bracht´ ich nicht drei Wörter raus; (…) davon kurieret, verkehr ich nur noch mit Ideen, sublimem Wort und Grübeln“ beschreiben diese Wandlung wohl am besten. Sogleich befindet er sich mit seinem Vater stets im Streit, und ist am Ende ein Prototyp für die Art, wie man sophistische Lehren auf falsche bzw. schlechte Weise auslegen und benutzen kann.

Die beiden Logoi: Die im Deutschen oft als Anwälte bezeichneten Kontrahenten, die im dritten Teil der Komödie und auch nur dort auftreten, sind im Griechischen die sogenannten Logoi. Das Wort Logos deckt im Deutschen eine Bandbreite von möglichen Bedeutungen ab: von Wort über Rede bis hin zu Idee und Verstand oder sogar Tat. Aristophanes lässt in dieser Szene je einen personifizierten Vertreter der beiden gegensätzlichen Geisteshaltungen auftreten, die seinerzeit in Athen existierten. Die eine, als gerecht bezeichnete Seite, vertritt die Meinung der altmodisch und traditionell eingestellten Athener, die auf eine klassische Bildung setzen, jedoch mit Zugeständnissen an die damalige „ Moderne“, wie beispielsweise die Zulässigkeit der Liebe älterer Männern zu Knaben. Die andere Seite, ungerecht genannt, spiegelt die Meinung der Bürger wider, die auf modernes Gedankengut wie die Sophistik setzen und die alten Normen und gerade rein mythisch begründete Grundsätze stark anzweifeln und ablehnen. So kämpfen hier nicht nur Hirngespinste des Dichters gegeneinander, sondern dieser Kampf symbolisiert die Lage in Athen zur Zeit des Peloponnesischen Krieges. Jedoch darf man dabei nicht vergessen, dass das in einer Komödie passiert: So findet hier kein hochtrabend philosophischer Dialog statt, sondern ein von Vorurteilen und Gerüchten geprägter und mit Schimpfwörtern ausgetragener Zwist, der gleichzeitig den Zuschauer amüsieren soll.

Sokrates: Zum ersten Mal liegt kein sprechender Name vor, umso bekannter ist er. Der Grund: die historische Person, der echte Sokrates, die diesem Charakter zugrunde liegt, zählt neben Plato und Aristoteles zu den bedeutendsten Philosophen der Antike, wenn sie nicht gar die wichtigste ist. Vor der Charakterisierung also dieser Person sei angemerkt, dass sich diese Aussagen lediglich auf die Person im Stück beziehen, nicht auf die historische. Bei seinem ersten Auftritt ist Sokrates, wie bereits erwähnt, am Bühnenkran befestigt und schwebt erhaben über allen anderen: daraus lässt sich natürlich eine gewisse Arroganz ableiten. Zudem beschäftigen ihn anscheinend viele Fragen, denn seine Themenbereiche umfassen die reine Erforschung der Natur, relativ plausible Wissenschaften und Mathematik, sprechen die Naturphilosophie an und enden schließlich bei der sophistischen Lehre. Jedoch handelt es sich wie bei dem vorher behandelten Teil der Antilogie nicht um die seriösen Seiten dieser Wissenschaften, sondern lediglich um Lappalien oder an den Haaren herbeigezogene Theorien. So ist dieser Sokrates kein ernsthafter Philosoph, sondern ein verrücktes und vor Klischees strotzendes Bild eines Wissenschaftlers, ein Charaktertyp, der auch noch häufig in jüngeren Stücken anzutreffen ist.

Wirkung und Bedeutung[Bearbeiten]

Man kann die „Wolken“ als eine Kritik an der athenischen Gesellschaft, personifiziert durch Strepsiades, verstehen. Doch auch die anderen Geschehnisse, insbesondere der Kampf, bei dem die schlechte Seite gewinnt, tragen zu diesem Bild bei. Auch ein wichtiger Bestandteil, den dieses Drama aufgreift, ist der Generationenkonflikt, den gerade Strepsiades und Pheidppides auszufechten haben. Hand in Hand geht dies mit der Kritik an der Sophistik vonstatten, der ja gerade die jungen Leute anhängen, beziehungsweise der falschen Auslegung der sophistischen Methodik.

Der historische Sokrates[Bearbeiten]

Der Sokrates in der Apologie des Platon sah das Stück als Teil der früheren Anklage gegen ihn, also dem Teil, der aus Vorurteilen gegenüber ihm bestand und den er in seiner Verteidigungsrede zu widerlegen suchte, um später dann der aktuellen Anklage, die letztlich zum Todesurteil gegen ihn führen sollte, entgegenzutreten. Da das Stück, namentlich erwähnt, als einziges Beispiel dafür aufgeführt wird, gibt es nicht wenige Stimmen, die behaupten, Aristophanes habe mit seinem Stück maßgeblich dazu beigetragen, dass Sokrates verurteilt wird. Dieser Aussage stehen wieder andere entgegen, die eine direkte Mitschuld Aristophanes vollkommen ausschließen, da es sich ja so offensichtlich lediglich um Ulk und Spott handle. Ein weiterer Punkt ist die Art des Unterrichts: der Unterricht des Sokrates ist eindeutig sophistischer Natur; die Wortverdrehung, die Strepsiades erlernen will, gehörte eindeutig nicht zur sokratischen Lehre. Des Weiteren führt das Stück naturwissenschaftliche Forschungen auf Seiten des Philosophen an, die auch nicht zum gängigen Bild passen. Die klassische Darstellung ist also in fast allen Punkten abweichend zur Darstellung im Stück. Doch welcher Sokrates ist nun eigentlich der Wahre? Denn das Stück ist die einzige schriftliche Quelle über Sokrates, die noch zu seinen Lebzeiten verfasst wurde, und kann so nicht einfach ignoriert werden. Das Stück wurde aber geschrieben, als Sokrates erst 46 Jahre alt war. Was der berühmte Philosoph zu dieser Zeit machte, lässt sich nicht mehr genau bestimmen. Somit lässt sich auch genau sagen, wieviel vom echten Sokrates in dem Charakter des Stückes steckt.

Ausgaben (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Marcus Musurus: Komödiai ennea (Neun Komödien). Venedig 1498.
  • Aristophanes: Clouds, herausgegeben von Kenneth Dover. Oxford University Press, Oxford 1968; Nachdruck: Clarendon Press, Oxford 2003. ISBN 0-19-814395-8.

Übersetzungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hartmut Erbse: Sokrates im Schatten der aristophanischen „Wolken“. In: Hermes. Zeitschrift für klassische Philologie. Jg. 82 (1954), S. 385–420.
  • Raymond K. Fisher: Aristophanes’ „Clouds“. Purpose and technique. Hakkert, Amsterdam 1984.
  • Paul Händel: Formen und Darstellungsweisen der aristophanischen Komödie. C. Winter, Heidelberg 1963. Darin S. 256–276.
  • Daphne Elizabeth O'Regan: Rhetoric, comedy, and the violence of language in Aristophanes’ „Clouds“. Oxford University Press, Oxford 1992. ISBN 0-19-507017-8.
  • Wolfgang Schmid: Das Sokratesbild der „Wolken“. In: Philologus. Zeitschrift für antike Literatur und ihre Rezeption. Jg. 97 (1948), S. 209–228.

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. a b Egidius Schmalzriedt: Nephelai. In: Kindlers Literatur Lexikon. dtv, München 1974, Bd. 16, S. 6681–6682.
  2. Aristophanes: Sämtliche Komödien, Bd. 1. Übersetzt von Ludwig Seeger. Artemis-Verlag, Zürich 1952, Verse 317 und 318.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Die Wolken (Aristophanes) – Quellen und Volltexte

Übersetzung von J. J. C. Donner (1861)