Digitaler Nachlass

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Als Digitaler Nachlass oder Digitales Erbe werden Benutzerkonten und Daten im Internet sowie auf Heimrechnern und deren Datenträgern verwahrte elektronische Daten bezeichnet, die nach dem Tode des Benutzers weiter bestehen bleiben. Dazu zählen insbesondere Dienste, die auf sozialen Netzwerken, E-Mail-Diensten oder Partnervermittlungen bereitgehalten werden. Die Rechte gehen an die Erben über.[1][2][3][4][5] Die Verbraucherzentrale[6] und Stiftung Warentest[7] empfehlen anzugeben, wo Zugangsdaten sozialer Netzwerke zur eventuellen Löschung eines Profils hinterlegt sind.

Lösungsansätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im US-amerikanischen Raum gibt es bereits zahlreiche Unternehmen, welche die digitalen Nachlässe von Verstorbenen verwalten. Auch in Deutschland sind digitale Nachlassverwalter keine Seltenheit mehr. Für die Verwaltung des Digitalen Nachlasses haben sich im Wesentlichen folgende Ansätze etabliert:

System-eigener Lösungsansatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entsprechend den Vorschlägen des Rechtswissenschaftlers Mario Martini bietet Google für seine Dienste nunmehr einen Kontoinaktivitätsmanager an, mit dessen Hilfe jeder Nutzer zu Lebzeiten selbst Einstellungen für die weitere Verwendung der Daten nach seinem Tod vornehmen kann.[8] Bei Google+ kann der Besitzer eines Nutzerkontos zum Beispiel einstellen, welche bis zu zehn Personen bei der Inaktivität des Kontos nach welcher Latenzzeit benachrichtigt und zugriffsberechtigt werden, oder ob das Konto inklusive aller gespeicherten Dateien und Daten nach einer vorgegebenen Zeit automatisch gelöscht wird.[9]

System-neutraler Lösungsansatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dabei kann sich jede natürliche Person zu Lebenszeiten ein digitales Schließfach gegen eine einmalige Gebühr einrichten, in der personenbezogene Zugänge und Passwörter verschlüsselt abgespeichert werden. Nach dem Ableben des Schließfachinhabers und unter Vorlage einer beglaubigten Sterbeurkunde werden die Daten anschließend an die Angehörigen weitergegeben. Der VZBV rät jedoch davon ab, da die Weitergabe von Passwörtern zu Betrug und Diebstahl führen kann. [10]

Computer-Forensik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Bezug auf den digitalen Nachlass wird hierbei der Computer des Verstorbenen von IT-Spezialisten auf Hinweise auf einen Digitalen Nachlass bzw. Digitales Erbe untersucht. Hauptaufgabe ist hierbei die Aufhebung bzw. Umgehung der Zugriffbeschränkungen (z. B. BIOS-Passwort, Betriebssystem-Passwort, Festplatten-Verschlüsselung), soweit Rechte von Dritten nicht verletzt werden.

Bestatter-Service[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige Bestattungsunternehmen bieten Hinterbliebenen die Ermittlung des Digitalen Nachlasses des Verstorbenen als Dienstleistung an.[11] Hierbei werden spezialisierte Unternehmen damit beauftragt, bei Banken, Versicherung, Internet-Plattformen zu recherchieren, ob der Verstorbene dort ein Konto hatte. Dies funktioniert allerdings nur bei Diensten, die aktiv kontaktiert werden und bei denen der Verstorbene mit Klarnamen registriert war und eindeutig zu identifizieren ist. Accounts unter Pseudonym oder bei ausländischen bzw. unbekannteren Anbietern können hier in der Regel nicht erfasst werden.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eberhard Rott, Alexander Rott: Wem gehört die E-Mail? Rechts- und Praxisprobleme beim digitalen Nachlass. NWB Erben und Vermögen, 2013, S. 160–168.
  • Maike Brinkert, Michael Stolze, Joerg Heidrich: Der Tod und das soziale Netzwerk - Digitaler Nachlass in Theorie und Praxis. Zeitschrift für Datenschutz, 2013, Heft 4, S. 153–157.
  • Mario Martini: Der digitale Nachlass und die Herausforderung postmortalen Persönlichkeitsschutzes im Internet. Juristen-Zeitung, 2012, Heft 23, S. 1145−1156.
  • Karsten Dopatka: Digitaler Nachlass - Der Umgang mit elektronischen Daten nach dem Tod. Neue Juristische Wochenschrift 2010, NJW-aktuell Heft 49, S. 14.
  • Stephanie Herzog: Der digitale Nachlass - ein bisher kaum gesehenes und häufig missverstandenes Problem, Neue Juristische Wochenschrift 2013, Heft 52, S. 3745–3751.
  • Florian Deusch: Digitales Sterben - Das Erbe im Web 2.0, in Zeitschrift für Erbrecht und Vermögensnachfolge 2014, Heft 1, S. 2–8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Urteil des LG Berlin vom 17.12.2015, Aktenzeichen 20 O 172/15, nicht rechtskräftig
  2. Duncan Jefferies: User tot - Account lebt. In: Der Freitag. 5. Oktober 2009 (online)
  3. Yves Zenger: Der digitale Tod 2.0 In: Heimspiel. Nr. 3, 2010 (online; PDF; 129 kB)
  4. Lina Simon: Das virtuelle Leben nach dem Tod. In: ORF. 1. November 2010 (online)
  5. Nadine Hantke: Was geschieht mit dem digitalem Nachlass? In: General-Anzeiger Bonn, 8. Dezember 2010 (online)
  6. Was tun wenn jemand stirbt? Ein Ratgeber in Bestattungsfragen. 18. Auflage. Berlin 2010, ISBN 978-3-936350-56-2, S. 164.
  7. Digitaler Nachlass: So können Erben Onlinekonten auflösen, Stiftung Warentest, 26. Februar 2015
  8. Google trifft Vorkehrungen für den Todesfall In: Zeit Online. Abgerufen am 3. Mai 2013.
  9. Digitaler Nachlass: So können Erben Onlinekonten auflösen, test.de, 256. Februar 2015, abgerufen am 26. Februar 2015
  10. Den digitalen Nachlass regeln - Daten nicht Dritten anvertrauen, Focus, 14. April 2014, abgerufen 27. April 2015.
  11. Spiegel: Digitale Nachlassverwalterin: Ausgelöscht vom 26. Juli 2015, abgerufen am 28. Juli 2015