Eigenspannung

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Eigenspannungen sind mechanische Spannungen, die in einem Körper herrschen, an dem keine äußeren Kräfte angreifen und der sich im thermischen Gleichgewicht befindet. Sie können durch plastische Verformungen innerhalb eines Objektes verursacht werden. Mit den Eigenspannungen eng verbunden sind auch Verformungen (z. B. Verzug beim Schweißen).

Einteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einteilung nach Ausdehnung:

  • Eigenspannungen 1. Art (makroskopisch, über mehrere Körner gemittelt)
  • Eigenspannungen 2. Art (über einen Kristallit bzw. ein Korn gemittelt, als Abweichung der Eigenspannungswerte erster Art)
  • Eigenspannungen 3. Art (innerhalb eines Korns, als Abweichung der Eigenspannungswerte erster und zweiter Art)

Einteilung nach Zeitverlauf:

  • temporäre Spannungen treten zeitweise auf (zum Beispiel bei der schnellen, inhomogenen Abkühlung oder Trocknung) und verschwinden danach vollständig
  • latente Spannungen entstehen durch temporäre Spannungen, wenn dabei die Streckgrenze des Materials überschritten wird; typische Beispiele: Eigenspannung in Glasgegenständen und in Einscheiben-Sicherheitsglas. Latente Spannungen können durch Tempern beziehungsweise Spannungsfreiglühen beseitigt werden.
  • permanente Spannungen entstehen in Werkstücken mit inhomogenem Wärmeausdehnungskoeffizienten bei der Abkühlung; ein Beispiel ist die Eigenspannung einer Glasurschicht auf Keramik. Permanente Spannungen können nicht durch Tempern beseitigt werden.

Thermische (Eigen-)Spannungen entstehen durch Temperatureinflüsse.

Eigenspannungen können auch durch Diffusionsvorgänge hervorgerufen werden, wenn inhomogene Einlagerung oder Austreiben von im Festkörper gelösten Fremdstoffen zu Volumenänderungen führt.

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ursachen von Eigenspannungen können thermisch, physikalisch oder chemisch induziert sein (Beispiele):

  • thermisch induzierte Eigenspannungen können dadurch entstehen, dass sich der Rand und der Kern eines Werkstücks nach entsprechender Erwärmung unterschiedlich schnell abkühlen (z. B. bei Gusswerkstücken). Durch die schnellere Abkühlung und Schrumpfung der randnahen Bereiche kann es dort zu Zugspannungen und zu einer lokalen Überschreitung der Streckgrenze kommen und damit zu plastischer Verformung. Nach erfolgtem Temperaturausgleich zwischen Rand und Kern kommt es dann zur Ausbildung von Druckeigenspannungen im Randbereich (Eigenspannung 1. Art).
  • durch Phasenumwandlungen oder Bildung von Ausscheidungen kann es zu lokalen Gefügeverspannungen kommen (Eigenspannung 2. Art).
  • Versetzungen sind von einem Spannungsfeld umgeben (Eigenspannung 3. Art).

Durch Eindiffusion von Fremdstoffen in Festkörperoberflächen kann es dort zu Druckeigenspannungen kommen. Gleiches ist bei Ionenimplantation zu beobachten.

Starke Eigenspannungen sind auch in dünnen Schichten zu beobachten[1].

Ermittlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da Eigenspannungen eine intrinsische Größe darstellen, ist eine Messung im klassischen Sinne nicht möglich. Vielmehr werden Begleiterscheinungen gemessen, welche in die zugrunde liegende Eigenspannung überführt werden können. Hierbei wird zwischen zerstörungsfreien oder zerstörenden Verfahren unterschieden. Bei den zerstörenden Methoden (Sägeschnittverfahren, Bohrlochmethode[2], Ringkernmethode) wird eigenspannungsbehaftetes Material mechanisch (i.d.R. mit Hochgeschwindigskeitsfräsen) oder mittels Elektroerosion abgetragen. Die dabei freigesetzte Eigenspannung führt zu einer Deformation des umliegenden Materials, welche i.d.R. mit Dehnungsmessstreifen gemessen wird. Durch geeignete Korrelationen können diese Verformungen in die zugrunde liegende Eigenspannung umgerechnet werden. Im Fokus aktueller Forschung liegen Verfahren, bei denen die Dehnungsermittlung optisch erfolgt (z.B. digitaler Bildkorrolation oder Holografie) und der Materialabtrag durch ein Laserablationssystem substituiert wird.

Bei der zerstörungsfreien Methode (z. B. Röntgenografische Systeme, Elektronenrückstreubeugung) wird die Verzerrung des Metallgitters infolge der herrschenden Spannung ermittelt. Hierbei werden energiereiche Röntgenstrahlen in das zu untersuchende Werkstück eingebracht. Die Reflexion der Strahlung äußert sich dann als spezifisches Diffraktionsmuster, welches direkte Rückschlüsse auf die Höhe der zugrunde liegenden Eigenspannungen ermöglicht. Dieses Verfahren ist zunächst nur auf sehr oberflächennahe Bereiche begrenzt, bei Stahl liegt die Informationstiefe im Bereich einiger Mikrometer. Durch elektrochemisches Abtragen dünner Schichten und geeignetes Rückrechnen der dabei ausgelösten Spannungen können jedoch auch Eigenspannungs-Tiefenverläufe ermittelt werden. Energiereichere Verfahren (Neutronenquellen) erlauben größere Eindringtiefen.

Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zugeigenspannungen an der Oberfläche wirken sich negativ auf die Dauerfestigkeit eines Bauteils aus. Dagegen bewirken oberflächennahe Druckspannungen insbesondere bei Glas eine starke Erhöhung der Schwingfestigkeit, da an der Oberfläche vorliegende An- und Mikrorisse überdrückt sind und sich nicht ausbreiten können. Um Oberflächen unter Druckspannung zu bringen, werden Metall-Oberflächen oft kugelgestrahlt. Schweißnahtübergänge werden mehr und mehr mit dem hochfrequenten Hämmerverfahren HiFIT (High Frequency Impact Treatment) behandelt. Dies wirkt sich günstig auf die Ermüdungsfestigkeit (Materialermüdung) aus. Glasoberflächen können hierzu chemisch behandelt werden oder sie werden (wie im Falle des Einscheiben-Sicherheitsglases) bei der Erstarrung im noch weichen Zustand aus Luftdüsen angeblasen, um latente thermische Eigenspannungen zu erzeugen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.uni-stuttgart.de/imtk/lehrstuhl1/Scripte/Pr-eds.pdf Eigenspannungen in Dünnen Schichten
  2. http://de.stresstechgroup.com/content/de/1041/1654/Bohrlochger%E4t%20und%20ESPI%20zur%20Eigenspannungsbestimmung.html techn. Anwendung der Bohrlochmethode mit Electronic Speckle Pattern Interferometry (ESPI)