Ein soziologischer Selbstversuch

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Ein soziologischer Selbstversuch ist der Titel eines Buches des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, dessen Erstausgabe 2002 in der Übersetzung von Stephan Egger in deutscher Sprache erschien. Das französische Original Esquisse pour une auto-analyse wurde erst 2004 als Buch herausgegeben. Bourdieu hatte den Text als „Anti-Autobiographie“ verstanden und im Rahmen „teilnehmender Objektivierung“ seinen intellektuellen Werdegang im französischen Wissenschaftsbetrieb beschrieben.

Publikationsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bourdieu beendete seine Abschiedsvorlesung am College de France am 28. März 2001 mit einer soziologischen Selbst-Analyse.[1] Wenige Monate später wurde der Text gemeinsam mit den vorhergehenden der letzten Bourdieu-Vorlesung als Science de la science et réflexivité[2] publiziert. Diesen Text baute Bourdieu zum soziologischen Selbstversuch aus. Im Somer 2001 beschloss er, den Text erst in einer deutschsprachigen Fassung zu veröffentlichen und mit einigem zeitlichen Abstand dann im französischen Original. Der Text trug den Arbeitstitel Esquisse allemande. Laut Franz Schultheis setzte Bourdieu deutlich mehr Vertrauen in die deutsche Leserschaft und dessen weniger voreingenommenen Wahrnehmung seiner Arbeiten.[3] In Frankreich war er angesichts seiner „schonungslosen Entzauberung gerade der intellektuellen Welt“[3] seitens der Wissenschaft und der Medien erheblicher Kritik ausgesetzt. Er fürchtete, er würde sich mit einem solchen Text weiteren Verzerrungen und Verkehrungen seiner Absichten aussetzen. Dennoch verschickte Bourdieu einige Kopien des französischsprachigen Manuskripts mit dem Vermerk „ne pas faire circuler“ (deutsch: „nicht in Umlauf bringen“). Einer der Empfänger war Didier Eribon, der damals Redakteur bei Nouvel Observateur war.

Nach Bourdieus Tod am 23. Januar 2002 erschien im Nouvel Observateur ein Auszug des Manuskripts, der von Eribon ausgewählt worden war und als intellektuelles Testament dargestellt wurde. Das widersprach der Intention Bourdieus vollständig, der die Schrift ausdrücklich nicht als Autobiographie verstanden hatte. Die Veröffentlichung im Nouvel Observateur bezeichnet Schultheis nicht nur als „widerrechtlich“, sondern auch als „unverzeihlich“, weil man den Text „aus Gründen billiger Effekthascherei in ein den ausdrücklichen Absichten des Verfassers völlig entgegengesetztes Licht rückte, seine Wahrnehmung dadurch schwer vorbelastete und unter Vorspiegelung eines legitimen Vertretungsrechts als Bourdieus »Vermächtnis« verkaufte.“[4]

Das Buch erschien dann, wie von Bourdieu gewünscht, erst in deutscher Übersetzung (2002) und zwei Jahre später im französischen Original.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bourdieu folgt im Buch der Maxime: „Verstehen heißt zunächst das Feld zu verstehen, mit dem und gegen das man sich entwickelt.“[5] Daher beginnt er seine Analyse nicht mit einem Blick auf seine ersten Jahre und die soziale Welt seiner Kindheit, sondern mit der ausführlichen Beschreibung des intellektuellen Feldes, durch das er sich seit dem Beginn seines Philosophiestudiums an der École normale supérieure bewegte. Erst im letzten Viertel des Buchtextes nimmt er die Einflüsse seiner sozialen Herkunft in den Blick.

Einleitend bemerkt er, dass sich seine Entscheidungen im akademischen Feld vor allem aus „intellektuellen Verweigerungen und Abneigungen ergaben.“[6] Nachdem er für kurze Zeit die Weltsicht des französischen Normalienphilosophen der 50er Jahre geteilt hatte, die von Sartre bis zur Vollendung aber auch in krankhafte Dimensionen geführt worden war, wandte er sich vom Dünkel um den Philosophen als „totalen Intellektuellen“ ab[7] und den lebensnäheren Sozialwissenschaften zu, beendete aber trotzdem seine philosophische Ausbildung bei Georges Canguilhem, bei dem er eine Verwandtschaft des Habitus entdeckte. Auch zu Raymond Aron, einem weiteren Granden des akademischen Feldes im Frankreich der 1950er und -60er Jahre, hatte Bourdieu längere Zeit eine vertraute Beziehung. Aron hatte ihm kurz vor dem Putsch der Obristen, die Rückkehr aus Algerien dadurch ermöglicht, dass er ihn zu seinem Assistenten an der Sorbonne machte, wofür im Bourdieu ein Leben lang dankbar war. Zudem hätten ihm nur wenige Menschen so früh und so vorbehaltlos Anerkennung zuteilwerden lassen. Trotzdem kam es zum Bruch, weil der Aron (dem die Philosophie der Soziologie, wie im damaligen akademischen Feld üblich, übergeordnet war) nicht bereit war, Ergebnisse Bourdieus aus dessen algerischen Feldforschungen als Dissertation zu betreuen. Aron habe dazu bemerkt: „Das wäre Ihrer unwürdig.“[8] Bourdieu bewertet diese Aussage als eine vollkommene Form symbolischer Gewalt.

Dazu kommentiert Bourdieu, in der damaligen französischen Philosophie bleibe die soziale Welt abwesend, werde übergangen und verdrängt. Politische Einmischung reduziere sich auf Petitionen, Manifeste, Deklarationen bezogen auch auf die abenteuerlichsten Anliegen. Dadurch steigerten die Urheber der Erklärungen ihr Ansehen. Gleichzeitig würden diejenigen, „die sich der unmittelbaren Erkundung der sozialen Wirklichkeit verschreiben, ein wenig verachtet ...“[9]

Der Beschreibung seiner Feldforschungen in Algerien, die er erst als einfacher Soldat neben seinem Dienst und später als Assistent für Philosophie der Universität Algier betrieben hatte, nehmen großen Raum im Buch ein. Seine algerischen Erfahrungen bedeuteten für ihn einen entscheidenden Bruch mit der gelehrten Sicht der Dinge und entzauberten seine Sicht des Intellektuellen. Er erkennt rückblickend, „daß ich zur Ethnologie und Soziologie nicht zuletzt durch meine grundsätzliche Ablehnung des scholastischen Blicks als der Grundlage eines Hochmutes, einer sozialen Distanz gekommen war, die mir nie behagte und die zweifellos mit einer bestimmten sozialen Herkunft eng zusammenhängt.“[10] Doch auch in der Ethnologie, zumindest in der von Claude Lévi-Strauss verkörperten, sieht er noch eine zu große Distanz zur sozialen Welt. Die schreibt er auch Michel Foucault zu, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere Dozenten-Kollege am Collège de France war.

Obwohl Bourdieu sich die Techniken empirischer Sozialforschung aneignete, verweigerte er in den 1960er Jahren die Teilnahme an den Lehrveranstaltungen Paul Lazarsfelds, die der „vor der versammelten französischen Soziologie“[11] an der Sorbonne abhielt. Er zählt Lazarsfeld neben Talcott Parsons und Robert K. Merton zum Dreigestirn, das in den Sozialwissenschaften eine Unzahl von Verstümmelungen und Verzerrungen, insbesondere an den Aussagen von Max Weber und Émile Durkheim, vorgenommen habe.

Im letzten Viertel des Textes[12] beschreibt Bourdieu, wie seine kleinstädtische soziale Herkunft als Sohn eines kleinen Postbeamten und einer aus einer wohlhabenden Bauernfamilie stammenden Mutter sowie sein Internatsleben (dass ihn an Goffmans Asyle[13] erinnerte) bei ihm „einen gespaltenen von Spannungen und Widersprüchen beherrschten Habitus“ erzeugte.[14] Der habe bei ihm Distanzen erzeugt, die sein Leben bestimmten: „Distanz gegenüber dem großen Spiel der französischen Intellektuellen“, „Distanz gegenüber dem großen Spiel der professoralen Machtausübung“ sowie „Distanz auch im Bereich der Politik und Kultur gegenüber jedem Elitismus und Populismus“.[15]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bruno Hildenbrand erkennt im Selbstversuch die „Beschreibung einer Beobachtung des Beobachters“[16] und liest zwischen den Zeilen wie Bourdieu, der sich aus einfachen Verhältnissen noch oben kämpfen musste, seine Außenseiterposition zelebriert.

York-Gothart Mix meint, Bourdieus Selbstbeschreibung sei tatsächlich keine Autobiographie eines Gelehrten der „allseits anerkannten Bildungsaristokratie Frankreichs“, sondern eine Laufbahnbeschreibung, die sich ganz bewusst der „mondänen und akademischen Form“ widersetzt und die universitären Gepflogenheiten drastisch als Varianten „eines halbmafiosen, abgekarteten Spiels“ attackiert. Es handele sich keineswegs, wie der Nouvel Observateur glauben machen wollte, um das intellektuelle Testament des großen Soziologen und Europäers Bourdieu.[17]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Pierre Bourdieu: Ein soziologischer Selbstversuch. Übersetzt von Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt 2002, ISBN 3-518-12311-4 (Erstausgabe in deutscher Übersetzung).
  • Pierre Bourdieu: Esquisse pour une auto-analyse. Paris, Reihe Raisons d’agir, Paris 2004, ISBN 2-912107-19-9.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Angaben zur Publikationsgeschichte beruhen auf dem Nachwort von Franz Schultheis in Pierre Bourdieu: Ein soziologischer Selbstversuch. Übersetzt von Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt 2002, S. 133–151.
  2. Pierre Bourdieu: Esquisse pour une auto-analyse. In: Science de la science et réflexivité, Éditions Raisons d'Agir, Paris 2001, S.S. 184–220.
  3. a b Franz Schultheis, Nachwort, In: Pierre Bourdieu, Ein soziologischer Selbstversuch. Übersetzt von Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt 2002, S. 133–151, hier S. 135.
  4. Franz Schultheis, Nachwort, In: Pierre Bourdieu, Ein soziologischer Selbstversuch. Übersetzt von Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt 2002, S. 133–151, hier S. 148.
  5. Pierre Bourdieu, Ein soziologischer Selbstversuch. Übersetzt von Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt 2002, S. 11.
  6. Pierre Bourdieu, Ein soziologischer Selbstversuch. Übersetzt von Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt 2002, S. 10.
  7. Pierre Bourdieu, Ein soziologischer Selbstversuch. Übersetzt von Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt 2002, S. 30 f.
  8. Pierre Bourdieu, Ein soziologischer Selbstversuch. Übersetzt von Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt 2002, S. 42.
  9. Pierre Bourdieu, Ein soziologischer Selbstversuch. Übersetzt von Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt 2002, S. 45.
  10. Pierre Bourdieu, Ein soziologischer Selbstversuch. Übersetzt von Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt 2002, S. 50.
  11. Pierre Bourdieu, Ein soziologischer Selbstversuch. Übersetzt von Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt 2002, S. 83.
  12. Pierre Bourdieu, Ein soziologischer Selbstversuch. Übersetzt von Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt 2002, ab S. 95.
  13. Erving Goffman: Asylums. Essays on the Social Situation of Mental Patients and other Inmates. Chicago 1961
  14. Pierre Bourdieu, Ein soziologischer Selbstversuch. Übersetzt von Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt 2002, S. S. 113.
  15. Pierre Bourdieu, Ein soziologischer Selbstversuch. Übersetzt von Stephan Egger, Suhrkamp, Frankfurt 2002, S. 121.
  16. Bruno Hildenbrand, Anmerkungen zu Pierre Bourdieus „Selbstversuch“ In: systemmagazin. Online-Journal für systemische Entwicklungen, 6. März 2005.
  17. York-Gothart Mix, Intellektuelle und Antiintellektuelle. Pierre Bourdieu und sein soziologischer Selbstversuch. In: literaturkritik.de, 5. Mai 2003.