Epikureismus

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Epikureismus oder Epikureische Philosophie ist eine philosophische Denkrichtung, die auf den Lehren des antiken griechischen Philosophen Epikur, seiner Schüler und Nachfolger basiert und vor allem das Erreichen einer idealen Lebensform[1] zum Inhalt hat. Sie entstand um das Jahr 307 v. Chr. und war bis ins 3. Jh. in Griechenland und der römischen Welt verbreitet.

Die Lehre des Epikur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Epikur

Epikur war ein atomistischer Materialist. Im Materialismus Epikurs begründet sich seine Ablehnung von Aberglauben und göttlicher Intervention. Epikur hatte wie Aristippos und Aristoteles beobachtet: Die Menschen streben von Natur aus nach Lust und vermeiden nach Möglichkeit Schmerzen. Dem Streben nach Lust sollte seine Philosophie dienen. Bescheiden zu leben, Wissen über die Welt und ihre Gesetze sowie die Grenzen des eigenen Strebens zu erwerben, sei das Mittel diese Lust und in Folge Unerschütterlichkeit (Ataraxía) zu erreichen. So befreie man sich von der Furcht, die durch die überlieferten Vorstellungen über Götter entstehe. Die Erfüllung dieses Strebens sei das höchste menschliche Glück. Das Streben nach Befreiung ist der Nerv des epikureischen Systems. Mit seinem hedonistischen Konzept – so wird in neuester Zeit von Forschern geäußert – habe Epikur Pionierarbeit für einen nicht-klassischen Entwurf in der Philosophie geleistet.[2]

Epikureismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl die Schultradition über Epikureismus bis ins dritte nachchristliche Jahrhundert nachreicht, änderten sich seine Lehrinhalte (anders als bei den anderen Philosophenschulen) im Laufe seiner langen Geschichte kaum. Epikuräiische Inhalte wurden neben denen anderer Philosophien in den öffentlichen Schulen unterrichtet und blieben so gegenwärtig. Neu gewonnene Erkenntnisse, etwa in der Physik, wurden nicht in die Lehre eingearbeitet. Die Kenntnisse der Physik (φυσική=Natur) standen im Dienst des Konzeptes von einem erfüllten menschlichen Leben. Kenntnisse von natürlichen Prozessen sollten es Menschen möglich machen, götter-gläubige Vorstellungen abzubauen.

Bei sogenannten „Wundern“ begnügte er sich in der Regel damit, mehrere „natürliche“ Erklärungen anzubieten, ohne sich für die „richtige“ zu entscheiden. Das kennzeichnet skeptisches Denken. In der Schrift des Römers Lukrez (de rerum natura, „Von der Natur der Dinge“) finden sich mehrere Beispiele für ein solches Verfahren. In einer öfter verwendeten allegorischen Deutung der Bezeichnung „Garten“ heißt es, der Erdboden des Gartens stelle die Kanonik Epikurs dar, der Zaun die Physik, die Früchte aber die Ethik. Es wird von Forschern festgestellt, dass alle Teile der epikuräiischen Philosophie miteinander verzahnt sind.[3] Ein Primat der Ethik findet sich zwar mehr oder weniger bei allen philosophischen Schulen seit der „Sokratischen Wende“, aber dennoch war in den anderen Lehrgebäuden die Physik nicht so dezidiert auf eine Schutz- und Abwehrfunktion gegen verwirrende Vorstellungen zugeschnitten. Epikur strebte nach dem Seelenfrieden (Ataraxía) und der Lust (Hedoné).

Der Epikureismus stand ursprünglich im Gegensatz zum Platonismus, konkurrierte im philosophischen Richtungsstreit später jedoch hauptsächlich mit dem Stoizismus. Epikur und seine Anhänger ignorierten die Politik.

Die Auseinandersetzungen zwischen Stoikern und Epikureern hatten schon in Griechenland viele Vorurteile, Lächerlichkeiten und teilweise entstellende Gerüchte in Umlauf gebracht. Diese wurden in der Zeit des römischen Epikureismus entweder neu aufgelegt oder noch überboten. Daran hatten auch die Apologeten der neuen, christlichen Religion ihren Anteil. Epikurs Naturphilosophie wurde als oberflächlich betrachtet und gering geschätzt. Auch Cicero soll die epikureische Lehre so popularisiert haben, dass ihr eigentlicher Inhalt verschwand. Den Epikureern wurde z. B. ein gewisser ängstlicher Dogmatismus nachgesagt [4] (ποῦ κεῖται; – „Wo steht es?“ soll die typische Frage der Anhänger Epikurs gewesen sein). Die Masse der Römer hielt Epikur für einen „Sklaven seiner Lüste“. Der Epikureer und Literat Horaz nannte sich – vermutlich selbstironisch – „ein Schwein aus der Herde Epikurs“.

Nach dem Tod Epikurs wurde seine Schule von Hermarchos geführt. Später blühten epikureische Gesellschaften in der späthellenistischen und der römischen Ära (etwa in Antiochia, Alexandria, Rhodos und Ercolano). Sein bekanntester römischer Anhänger war der Dichter Lukrez. Zum Ende des römischen Reiches wurde der Epikureismus, der von den zu dieser Zeit vorherrschenden philosophischen Schulen, hauptsächlich dem Neuplatonismus, bekämpft wurde, kaum noch vertreten. Erst im 17. Jahrhundert wurde er von dem Atomisten Pierre Gassendi wiederbelebt, der ihn an die christliche Lehre adaptierte.[5]

Lukrez: Die Natur der Dinge.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Epikur sind nur wenige Texte erhalten geblieben. Viele der Papyrusrollen, die in der Villa dei Papiri in Herculaneum ausgegraben wurden, sind epikureische Texte. Von einigen wird vermutet, dass sie dem Epikureer Philodemos gehörten. Manche Forscher sehen das epische Gedicht De rerum natura (Über die Natur der Dinge) von Lukrez als ein Werk an, das die wesentlichen Inhalte von Epikurs Philosophie präsentiert.[6]

Wirkungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lukrez (99–56 v. Chr.), der den Epikureismus als eine Art Heilslehre verkündete, machte die Lehren Epikurs in Rom heimisch. Der Epikureismus römischer Prägung entwickelte insofern ein eigenes Erscheinungsbild, als seine Anhänger die Lebensregel „Lebe im Verborgenen!“ nicht unbedingt strikt befolgten. Schon bei Lukrez finden sich kritische Äußerungen über die politischen Eliten seiner Zeit, und von einigen politisch aktiven Römern ist überliefert, sie seien vom Epikureismus beeinflusst gewesen (so etwa von Cassius, einem der Hauptverschwörer gegen Caesar). Der Dichter Horaz bezeichnet sich zwar selbst als „Epicuri de grege porcus“ („Schwein aus der Herde Epikurs“, Episteln 1, 4, 16), findet aber später, im Rahmen der augusteischen Erneuerung, zu eher staatstragenden Positionen.

Der römische Philosoph Seneca (ca. 4 v. Chr. bis 65 n. Chr.), dessen Philosophie in erster Linie der Stoa verpflichtet ist, zitiert dennoch Epikur oft und kommentiert ihn nicht selten wohlwollend. Einige römische Kaiser, unter anderem Mark Aurel (121–180 n. Chr.), haben die epikureische Schule gefördert. Insgesamt scheint der Epikureismus für Bewohner des Römischen Reiches gerade in Zeiten politischer Krisen besonders attraktiv gewesen zu sein. Ein außergewöhnliches Zeugnis für das Fortleben des Epikureismus im Römischen Reich bis ins dritte nachchristliche Jahrhundert hinein ist die monumentale Inschrift des Diogenes von Oinoanda.

Mit dem Aufkommen des Christentums geriet der Epikureismus zunehmend in Misskredit. Viele frühe Kirchenväter (etwa Eusebius, Origenes) polemisierten heftig gegen die Lehren Epikurs wegen ihres angeblichen Atheismus und zügellosen Hedonismus. Während es Versuche gab, die Lehren der Stoa mit dem Christentum zu harmonisieren, erschien der Epikureismus als völlig unvereinbar mit christlichen Grundpositionen. Spätestens in der Regierungszeit des Kaisers Konstantin (306–337 n. Chr.) war die aktive epikureische Lehrtradition erloschen.

Dennoch ist im Mittelalter die Erinnerung an Epikur lebendig geblieben (siehe etwa Carmina Burana, carmen 211). Auch in späteren Zeiten haben sich Autoren und Denker, die für „freie Lebensart“ und Hedonismus eintraten, immer wieder auf Epikur berufen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Literaturverzeichnis des Artikels „Epikur“; außerdem:
  • Malte Hossenfelder: Antike Glückslehren: Kynismus und Kyrenaismus, Stoa, Epikureismus und Skepsis; Quellen in deutscher Übersetzung mit Einführungen. Stuttgart (Kröner) 1996, ISBN 3-520-42401-0
  • Michael Erler, Wolfgang Rother (Hg.): Philosophie der Lust. Studien zum Hedonismus. Basel 2012.
  • Wolfgang Rother: Genießen und Genuss. Annäherungen an ein Phänomen menschlicher Existenz, in: Lothar Kolmer, Michael Brauer (Hg.): Hedonismus. Genuss – Laster – Widerstand? Wien 2013, 15–28.
  • Lukrez: Über die Natur der Dinge. Übertragen und kommentiert von Klaus Binder. Berlin 2014.
  • Wolfgang Rother: An den Grenzen hedonistischer Lebenskunst. Leiden, Schmerz, Trauer, Krankheit und Tod. In: Lothar Kolmer, Michael Brauer (Hg.): Hedonismus leben. Der „gelungene Tag“ in Geschichte und Gegenwart. Wien 2016, 29–40.
  • Wolfgang Rother: Epicureanism, Scepticism and Atheism in Jacob Brucker’s Philosophical Historiography, in: Lorenzo Bianchi, Nicole Gengoux, Gianni Paganini (éd.): Philosophie et libre pensée. Philosophy and Free Thought. XVIIe et XVIIIe siècles. Paris 2017, 385–401.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Epikureismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hans Georg Manz: Epikureische Philosophie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 359 361.
  2. Friedrich Albert Lange: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Frankfurt am Main 1974, S. 74–101. zeno.org – Es war „Epikur, der das subjektive Anliegen eines Strebens nach Lust nicht nur zu einer anthropologischen Konstante erhob, sondern diese Erkenntnis zur Grundlage eines Gegenentwurfes zur klassischen Philosophie erhob und damit ein für allemal die hedonistische Tradition Europas prägte.“ Aus dem Text Lust – Freude – Begierde. Der Hedonismus von den Anfängen bis zur Neuzeit. Internationale Tagung vom 15. bis zum 17. April 2010 des Würzburger Zentrums für Epikureismusforschung
  3. Dieter Timpe: Der Epikureismus in der römischen Gesellschaft der Kaiserzeit. In: Michael Erler u. Robert Bees (Hg.): Epikureismus in der späten Republik und der Kaiserzeit. Stuttgart 2000. S.44.
  4. Jan Rohls: Philosophie und Theologie in Geschichte und Gegenwart. Mohr-Siebeck Verlag, Tübingen 2002, ISBN 3-16-147812-6, Seite 78.
  5. Friedrich Albert Lange: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Frankfurt am Main 1974, S. 101-127. zeno.org
  6. Friedrich Albert Lange: Geschichte des Materialismus und Kritik seiner Bedeutung in der Gegenwart. Frankfurt am Main 1974, S. 101-127. zeno.org