Falscher Dmitri

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Der falsche Dimitri (Grigori Otrepjew)
Dymitr Samozwaniec.jpg

Der falsche Dimitri (russisch Лжедмитрий I., deutsch veraltet Pseudo-Dimitri oder Pseudo-Demetrius; † 17. Maijul./ 27. Mai 1606greg.) war 1605/06 als Dimitri II. für kurze Zeit russischer Zar. Seine Regierungszeit fällt in die „Zeit der Wirren“.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstmals tauchte Dimitri um 1601 in Polen auf. Er behauptete, der angeblich ermordete jüngste Sohn Iwans des Schrecklichen, Dmitri Iwanowitsch, zu sein, den seine Mutter, Iwans letzte Ehefrau Maria Feodorowna Nagaja, vor Boris Godunow versteckt habe. Seine Gegner behaupteten, er heiße in Wirklichkeit Grigori Otrepjew und sei ein Mönch aus dem Kloster Tschudow. Dimitris Geschichte fand jedoch Glauben und sein Anspruch auf den russischen Thron wurde von polnischen Magnaten und katholischen Prälaten unterstützt. Nachdem er zum Katholizismus übergetreten war, verlobte er sich 1604 mit Marina Mniszech, Tochter des Jerzy Mniszech, Wojewoden von Sandomierz. Ihrer Familie versprach er dafür Pskow, Novgorod, Smolensk und Nowhorod-Siwerskyj.

Dimitri gewann rasch zahlreiche Anhänger unter den Boris Godunow feindlich gegenüberstehenden Bojarenfamilien. Deren Anführer Wassili Schuiski, der 1591 in Boris Godunows Auftrag den Tod des kleinen Zarewitschs untersucht und ihn als Unfall erklärt hatte, bestätigte die Identität des Thronprätendenten mit dem angeblich Ermordeten. Unterstützt von polnisch-litauischen Truppen und im geheimen Einvernehmen mit dem polnischen König Sigismund III. zog er 1604 nach Russland, um seinen Anspruch durchzusetzen. Seine Truppen eroberten mehrere Orte, doch nach einer verlorenen Schlacht rettete Dimitri nur die Nachricht von Boris Godunows plötzlichem Tod vor der Auflösung seines Heeres. Die russischen Truppen gingen zu Dimitri über und Moskowiter Bojaren verhafteten Godunows 16-jährigen Sohn und Erben Fjodor und dessen Mutter und Schwester. Am 20. Juli 1605 wurden Fjodor und seine Mutter ermordet. Am folgenden Tag zog Dimitri in Moskau ein und wurde zum Zaren gekrönt. Fjodors Schwester Xenia machte er zu seiner Geliebten und zwang sie dann, ins Kloster zu gehen.

Als erstes besuchte Dimitri das Grab seines angeblichen Vaters und das Kloster, in dem dessen Witwe lebte. Maria Feodorowna Nagaja erkannte ihn als ihren Sohn an. Als Herrscher war er bestrebt, eine nach innen und außen selbstständige Politik zu führen. Seine Regierung machte sich zunächst beim Kleinadel beliebt, indem konfiszierter klösterlicher Grundbesitz an die Familien abgetreten wurde. Dimitri sicherte den Bauern, deren Leibeigenschaft Godunow verschärft hatte, um die Gunst des Adels zu gewinnen, zehn Jahre Steuerfreiheit und geringere Fronbelastung zu. Er galt gemeinhin als kluger und weitsichtiger Zar, der einige Reformen Peters des Großen vorwegnahm. Sein Versuch, lediglich auf das einfache Volk gestützt zu regieren, scheiterte jedoch, da er dadurch jegliche Unterstützung der russischen Aristokratie verlor.

Anfang Mai zog Marina Mniszech mit ihrem Vater und einem polnischen Heer in Moskau ein. Die polnischen Soldaten, die nach katholischem Ritus abgehaltene Hochzeit, bei der die Brautleute polnische Kleider trugen, und die Förderung ausländischer Kaufleute schürten Ängste in der russisch-orthodoxen Bevölkerung. Gerüchte machten die Runde, dass Dimitris katholische und lutherische Soldaten ein Massaker in Moskau planten. Bei einer durch Wassili Schuiski angezettelten Revolte wurde er am 17. Mai 1606 wenige Tage nach der mit Marinas Krönung verbundenen Hochzeit ermordet. Auch zahlreiche seiner Anhänger fanden den Tod. Marina wurde nach Polen zurückgeschickt.

Sein Nachfolger wurde Wassili Schuiski als Wassili IV. Die Bauern und Kosaken unter Iwan Issajewitsch Bolotnikow kämpften noch bis 1608 für Dimitri und seine Reformen.

Weitere Pseudodimitri[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben ihm gab es mindestens zwei weitere Personen, die vorgaben, Dimitri Iwanowitsch zu sein. Politischen Einfluss erlangte dabei der zweite falsche Dimitri (Pseudodimitri II.) († 11. Dezember 1610 in Kaluga), der sich als geretteter Pseudodimitri I. ausgab und auch von Marina Mniszech als solcher anerkannt wurde. Auch den dritten falschen Dimitri, der einige Monate nach der Hinrichtung des zweiten auftrat, akzeptierte sie als ihren Ehemann. Selbst nach dessen Hinrichtung 1612 versuchte sie weiter, ihren Anfang 1611 geborenen Sohn Iwan (von Pseudodimitri II.) auf den Zarenthron zu bringen. Dieser Versuch endete 1614 mit der öffentlichen Hinrichtung des Dreijährigen. Marina Mniszech starb im Gefängnis.

Literarische Adaptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In dem Drama Boris Godunow von Puschkin, wie auch in der darauf basierenden gleichnamigen Oper von Mussorgski, werden die Geschehnisse um Dimitri I. verarbeitet. Ebenso behandeln Friedrich Schiller (siehe Demetrius (Schiller)) und Friedrich Hebbel das Thema in ihren unvollendet gebliebenen Dramen Demetrius. Die Frage nach dem rechtmäßigen (wirklichen) Dmitri beschäftigt weiterhin Historiker in allen Ländern.

Der falsche Dimitry (Stummfilm 1922, von Hans Steinhoff) war eine filmische Adaption des Themas.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans-Joachim Torke (Hrsg.): Die russischen Zaren 1547–1917. München: C.H. Beck, 1999; ISBN 3-406-42105-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Falscher Dmitri – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
VorgängerAmtNachfolger
Fjodor II.Zar von Russland
1605–1606
Wassili IV.