Festung Osowiec

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Denkmal für die Gefallenen
Trümmer des Forts II der Festung
Besatzungsmannschaften angetreten vor der Festungskirche, Bild aus dem Jahre 1915

Die Festung Osowiec (polnisch Twierdza Osowiec, russisch Крепость Осовец, deutsch früher Festung Ossowitz) im Nordosten Polens wurde im 19. Jahrhundert von der russischen Armee errichtet. Sie lag im Gouvernement Grodno des russischen Zarenreiches.

Lage und militärische Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf Befehl des Zaren Alexander II. wurden am Ufer der Biebrza (auch weißruss. oder ukrainisch Bobr oder dt. Bober genannt) bei dem Dorf Osowiec über 1.000 Hektar Grund erworben und die Bewohner zwangsweise umgesiedelt. Die Festung Osowiec wurde während der Herrschaft des nachfolgenden Zaren Alexander III. nach einem Entwurf aus dem Jahre 1873 errichtet. Es wurden zunächst drei Forts gebaut, die später um ein viertes ergänzt worden.

Nach ihrer Fertigstellung bestand die Festung aus vier Forts, die durch Wälle und Gräben verbunden waren. Die Festungswerke wurden zunächst als Ziegel-Mauerwerk ausgeführt, das vierte Forts aber bereits in Betonbauweise errichtet. Es war damit das erste Fortifikationswerk dieser Art im Zarenreich.

Sofort nach Fertigstellung wurde die Festung Osowiec bis zum Jahre 1892 weiter modernisiert. Nach dem Russisch-Japanischen Krieg 1904/05 erfolgten weitere Maßnahmen zu ihrer Modernisierung und Verstärkung. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war die Festung mit 69 stationären Geschützen versehen. Außerdem standen der Besatzung 24 mobile Feldgeschütze zur Verfügung.

Die Festung Osowiec lag 50 Kilometer von der Grenze zu Ostpreußen entfernt an einem der wichtigsten Übergänge über den Fluss Biebrza. Sie war umgeben von den gleichnamigen Sümpfen. Durch die Festung lief die Eisenbahnlinie von Białystok über Lyck nach Königsberg und wurde an dieser Stelle vollkommen von ihr beherrscht. Ihre Lage zu beiden Seiten des Flusses, umgeben von Sümpfen, zeichnete die Festung aus, machte sie schwer erreichbar und kaum angreifbar. Bei der militärischen Führung Russlands galt sie als uneinnehmbar. Dennoch wurde sie im ersten Jahr des Weltkrieges mehrfach von starken deutschen Kräften angegriffen.

Die Trümmer der Festung können heute teilweise besichtigt werden.[1] Ein Museum ist eingerichtet. Ein kleiner Teil der Festung wurde bis in die letzte Zeit noch immer militärisch genutzt.

Die Festung Osowiec liegt heute auf dem Gebiet des Biebrzański-Nationalparks.

Kämpfe um die Festung im Ersten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fort 1 der Festung mit dem Mahnmal im Hintergrund

Belagerung im September 1914[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im September 1914, nach der Schlacht an den Masurischen Seen näherten sich Teile der deutschen 8. Armee der Festung Osowiec. Bis zum 21. September 1914 hatten die deutschen Truppen ihre russischen Gegner soweit zurückgedrängt, dass die Festung in Reichweite ihrer Artillerie kam. Ab dem 26. September 1914 kam auch schwere Artillerie mit einem Geschützkaliber von 210 mm zum Einsatz. 60 Geschütze richteten ihr Feuer auf die Festung. Nach zwei Tagen wagten die Deutschen einen Angriff ihrer Infanterie auf die Festung, der im Feuer der Verteidiger und ihrer Festungsgeschütze scheiterte. Am nächsten Tagen unternahmen die Russen einen Gegenangriff. In einer Zangenbewegung zwangen sie die Deutschen, ihre Geschütze zurückzunehmen.

Belagerung im Frühjahr 1915[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 3. Februar 1915 näherten sich wieder deutsche Truppen der Festung. Diese Annäherung stand im Zusammenhang mit der allgemeinen Offensivbewegung der deutschen Armeen am ostpreußischen Abschnitt der Ostfront, die zur Winterschlacht in Masuren führte. Es kam zu heftigen Kämpfen mit einem ersten Verteidigungsring um das Fort, den die Russen angelegt hatten. Nach fünf Tagen, am 9. Februar 1915, zogen sich die Russen auf einen zweiten vorbereiteten Verteidigungsring zurück. Hier schützten sie ausgehobene Schützengräben und Maschinengewehrnester und hier konnten die Russen erfolgreich standhalten. Den Deutschen war es aber nun wegen der geringeren Distanz möglich, die Festung direkt zu beschießen. Sie brachten 68 Geschütze in Stellung. Den heftigsten Beschuss erlitt die Festung vom 14. bis 16. Februar 1915 und dann vom 25. Februar bis zum 5. März 1915. Auch die deutschen Luftstreitkräfte unterstützten die Belagerung und warfen über der Festung Bomben ab.

Die Festung Osowiec litt schwer unter dem Beschuss. Es brachen Brände aus und Bauwerke brachen zusammen. Schließlich war keine Verbindung zwischen den Forts mehr möglich. Da aber während dieser Zeit der russische Verteidigungsring um die Festung nicht durchbrochen werden konnte, gruben sich auch die deutschen Truppen ein und die Belagerung verharrte bis Juli im Stellungskampf.

Sturm auf die Festung im Sommer 1915[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Festungsmauerwerk

Anfang Juli 1915 brachten die Deutschen weitere Truppen heran. Am 6. August 1915 um 4 Uhr morgens begann bei günstigem Wind ein konzentrierter Gasangriff mit Chlorgas gegen die Festung. Die freigesetzte Gaswolke erreichte eine geschätzte Breite von 8 Kilometern. Noch in einer Entfernung von 12 Kilometern kamen Zivilisten durch das Gas zu Schaden. In kurzer Zeit war der größte Teil der Verteidiger, die alle keine Schutzmasken zu ihrer Verfügung hatten, auf qualvolle Weise zu Tode gekommen oder kampfunfähig geworden. Da die Gaswolke aber nur eine Höhe von 10 bis 15 Metern erreichte, blieben einige Männer kampffähig.

Zu einem Zeitpunkt, als die deutschen Angreifer keine Gegenwehr mehr erwarteten, begann mit starken Infanteriekräften der Sturm auf die Festung.[2]

Was sich nun abspielte, wurde in der Folge von der alliierten Presse zur Legende überhöht und als "Kampf der toten Männer" (russisch Атака мертвецов) umschrieben:[3] Den Deutschen warfen sich Männer in blutbesudelten Uniformen entgegen. Durch den Gasangriff in einen psychischen Ausnahmezustand versetzt, wehrten sich die letzten Verteidiger bar jeder Todesfurcht mit ihren Handfeuerwaffen, zwei Maschinengewehren und den letzten fünf einsatzbereiten Geschützen. Die blutigen Uniformen hatten ihre Ursache darin, dass die russischen Soldaten wegen ihrer vom Chlorgas verätzten Bronchien unablässig Blut spuckten.

Die deutsche Seite brach daraufhin den Angriff ab. Einige Soldaten gerieten in Panik und flohen. Es waren jedoch nur 60 bis 70 Verteidiger, welche innerhalb der Festung überhaupt noch zu einer Gegenwehr in der Lage waren.

Aufgabe der Festung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenige Tage später begann der Großer Rückzug der russischen Truppen auch in Nordostpolen. Dadurch verlor die Festung Osowiec ihre Bedeutung. Beginnend ab dem 18. August wurde die Festung geräumt. Man versuchte alles, was nicht mitgenommen werden konnte oder schon in Trümmern lag, zu sprengen. Am 22. August 1915 war die Festung verlassen und am 25. August 1915 besetzten deutsche Truppen die leere und weitgehend zerstörten Anlagen.

Bedeutung im Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenkstein für die zerstörte Festungskirche

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Reste der Festung vom polnischen Militär übernommen. Die Festungskirche, die unzerstört geblieben war, wurde von einer orthodoxen in eine katholische Kirche umgeweiht.

Im Zweiten Weltkrieg spielte die Festung Osowiec keine Rolle. Während des Polenfeldzugs umgingen sie die deutschen Truppen. Am 13. September 1939 wurde sie für wenige Tage von deutschen Truppen besetzt, am 26. September 1939 aber an die Rote Armee übergeben, da sie gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt im sowjetischen Besatzungsgebiet lag. Nach Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion nahmen deutsche Truppen am 27. Juni 1941 die Festung Osowiec erneut ein.

Drei Jahre später näherte sich in der sowjetischen Sommeroffensive die Front. Die Deutschen zogen sich am 14. August 1944 auf das rechte, nördliche Ufer der Biebrza und die dort gelegenen Festungsbauwerke zurück. Im Januar 1945 räumten die letzten deutschen Truppen die Festung Osowiec vor der Offensive der Roten Armee.

Die Festungskirche überstand diese Zeit nicht. Sie wurde bereits 1939 zerstört.

Ergänzungen und Hinweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Besichtigung aller zugänglichen Teile dauert etwa einen Tag
  2. Angaben reichen bis zu 7.000 Mann, die angriffen.
  3. im Englischen: "The attack of the dead men".

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Хмельков С. А. (Khmelkov, S.A.): Борьба за Осовец (Struggle for Osovets) (Russian). Государственное военное издательство наркомата обороны СССР, Moscow 1939.
  • Perzyk Bogusław: Twierdza Osowiec 1882 – 1915 (Poland). Militaria Bogusława Perzyka, Warszawa 2004, ISBN 83-907405-1-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Festung Osowiec – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 53° 28′ N, 22° 39′ O