Der Zweikampf Fischer–Spasski 1992 war ein schachlicher Zweikampf zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski, der fälschlicherweise[1] als Rückkampf um die Schachweltmeisterschaft 1972 tituliert wurde. Da Fischer bereits 1975 kampflos seinen Weltmeistertitel verloren hatte, hatte das Duell jedoch keinen Einfluss auf die Schachkrone. Durch mehrere Umstände erhielt der Zweikampf dennoch besondere mediale Aufmerksamkeit. Durch den mutmaßlichen Bruch eines UN-Embargos führte die Annahme des Preisgelds zur Strafverfolgung Bobby Fischers durch die Vereinigten Staaten.
Boris Spasski hingegen hatte zwar auch früh Erfolge gefeiert, so auch den Titel des Internationalen Meisters im Alter von 16 Jahren und Großmeister als 18-Jähriger, galt jedoch eher als „normaler“ Mensch. 1969 besiegte er Tigran Petrosjan und wurde so zehnter Schachweltmeister.
Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges traten 1972 in der isländischen Hauptstadt Reykjavík die beiden stärksten Schachgroßmeister aus West und Ost gegeneinander an: Der US-Amerikaner Bobby Fischer und der sowjetische Titelverteidiger Boris Spasski führten einen medial weitbeachteten Zweikampf um den Titel des Schachweltmeisters. Fischers Persönlichkeit sowie das politische Moment im Zweikampf machten diesen in der Presse zum Match des Jahrhunderts. Bobby Fischer weigerte sich nach einer heftig diskutierten Niederlage in der ersten Partie weiterzuspielen, wodurch Spasski die zweite Partie kampflos gewann. Fischer entschied sich überraschend noch zur Fortsetzung des Duells, das er schließlich mit 12,5:8,5 Punkten gewann, wodurch er der elfte Schachweltmeister wurde. Der Titel war seit 1948 von sowjetischen Spielern verteidigt worden, gehörte nun jedoch einem US-Amerikaner. Fischer beendete jedoch mit dem Gewinn des Titels seine Schachkarriere und trat auch drei Jahre später nicht zur Titelverteidigung an, sodass am 3. April 1975 der SowjetrusseAnatoli Karpow den Titel zuerkannt bekam. Fischer verschwand von der Bildfläche der Schachöffentlichkeit. Spasski hingegen nahm weiterhin an Schachturnieren teil.
Nach 1972 spielte Fischer keine ernsthaften Partien mehr. Nach Aussagen von Arnold Denker und Shelby Lyman war er sich daher über seine Spielstärke unsicher, als er 1975 den Titel verteidigen sollte. Er habe daher den Zweikampf mit Karpow vermieden, damit sein Mythos nicht durch eine Niederlage zerstört würde.[3]
Fischer trat der Sekte Worldwide Church of God bei, die ihn finanziell ausnahm und ihm dafür Aufmerksamkeit widmete. 1977 trat Fischer dort wieder aus. Er fürchtete später eine Vergiftung durch Sowjets, der er mit esoterischen Medikamenten, Orangensaft und Vitaminpillen entgegenwirkte. Er ließ sich aus Angst vor Gedankenkontrolle seine Zahnfüllungen entfernen. In späteren Analysen wurde dies als mögliche Anzeichen für mentale Krankheiten gewertet.[4][5]
Nach zwei Banküberfällen wurde er am 26. Mai 1981 als Verdächtiger festgenommen, da er unter falscher Identität lebend Polizisten keinen Ausweis zeigte. Seine Unschuld erwies sich erst zwei Tage später, da sich Fischer weigerte, die Behörden über seine wahre Identität aufzuklären. Anschließend veröffentlichte er das PamphletI was tortured in Pasadena Jailhouse.
Anfang der 1980er Jahre erhielt Fischer mehrere lukrative Angebote zu Schachkämpfen bis hin zu vier Millionen US-Dollar für ein Turnier, lehnte jedoch ab, da ihm die Summe zu niedrig war. Sein Einkommen machte er zu dieser Zeit mit Dienstleistungen für Schachspieler, beispielsweise Telefongespräche für 2.500 US-Dollar pro Stunde. Dennoch geriet er unter finanziellen Druck, der ihn 1992 zwang, aus der weitgehenden Anonymität herauszukommen.[3]
Bobby Fischer hatte eine Brieffreundschaft mit dem ungarischen Schachtalent Zita Rajcsanyi. Um sie, mit der ihn romantische Gefühle verbanden, zu beeindrucken und gleichzeitig seine finanziellen Probleme loszuwerden, beschloss Fischer, einen weiteren Zweikampf gegen Boris Spasski zu spielen. Zusätzlich wurde zur selben Zeit seine Wohnung in Los Angeles, in der Orange Street inmitten eines jüdischen Viertels gelegen, von Reportern entdeckt, sodass Fischer beschlossen hatte, von dort zu fliehen.
Im Juli 1992 wurde durch Robert Byrne bekannt, dass Fischer eine inoffizielle Weltmeisterschaft gegen Boris Spasski in Jugoslawien spielen würde. Es wurde ein Vorschuss in unbekannter Höhe gezahlt.[2]
Embargo und Executive Order ignorierend trat Fischer am 1. September 1992 zu dem von Jezdimir Vasiljević, dem Präsidenten der Bankengesellschaft Jugoskandik, gesponserten Zweikampf an.[6] Vasiljević beschäftigte für das Duell einen als übereifrig wahrgenommenen Sicherheitsdienst. So wurde etwa der SchachjournalistDagobert Kohlmeyer festgenommen und mehrere Stunden lang gefangengehalten.[7]
Das Hotel Maestral wurde als Austragungsort gewählt, der Preisfonds belief sich auf fünf Millionen US-Dollar, von denen der Sieger 3,35 Millionen und der Verlierer 1,65 Millionen US-Dollar erhalten sollte. Sieger sollte derjenige sein, der zuerst zehn Partien gewinnt. Nach fünf Gewinnpartien wechselte man den Spielort. Bei einem 9:9 würde Fischer ebenfalls den Titel „unbesiegter Weltmeister“ behalten, der Zweikampf würde jedoch unentschieden gewertet und das Preisgeld geteilt.[2]
Bei der Bedenkzeitregelung kam eine Erfindung Fischers zum Einsatz. Die Fischer-Schachuhr[8] erlaubte die Addition von Bedenkzeit nach jedem einzelnen Zug. Die Bedenkzeit zu Beginn der Partie betrug 111 Minuten, zuzüglich einer Minute pro Zug, sowie zusätzlichen 40 Minuten nach den ersten 40 Zügen, 30 Minuten nach dem 60. Zug und 20 Minuten nach dem 80. Zug. Somit war die Bedenkzeitregelung ähnlich jener für übliche Weltklasseturniere.[9]
Es besteht inzwischen der Verdacht, dass der Sponsor Vasiljević Anfang der 1990er Jahre mit einem Schneeballsystem über 130 Millionen US-Dollar ergaunert hat.[10]
Am 1. September 1992 gaben Bobby Fischer und Boris Spasski eine Pressekonferenz. Für Fischer war es die erste Pressekonferenz seit ungefähr 20 Jahren. Bei dieser beschimpfte er das Profischach, sowjetische Verlage, Pressezensur, Kommunisten, Juden, Israel und die Vereinten Nationen. Dann beleidigte er Schachweltmeister Garri Kasparow und sah sich selbst als den einzigen Weltmeister an. Demonstrativ spuckte Fischer auf einen Brief vom US-Finanzministerium vom 21. August 1992, in dem ihm zehn Jahre Haft und 250.000 US-Dollar Strafe für die Verletzung von US-Sanktionen gegen Jugoslawien angedroht wurden, falls er spiele. Er vermied Äußerungen zum Balkankrieg, gab jedoch an, die Vereinten Nationen und ihre Sanktionen nicht zu unterstützen. Anschließend äußerte er mehrere antijüdische Meinungen und nannte Kommunismus als eine Maske für Bolschewismus, der seinerseits eine Maske für das Judentum sei. Sowjetische Spieler wie Anatoli Karpow, Garri Kasparow und Viktor Kortschnoi seien Betrüger, so hätten Kasparow und Karpow ihre Weltmeisterschaften abgesprochen.[11]
Spasski schloss sich der Meinung an, die Schachweltmeisterschaft 1990 sei abgesprochen gewesen und benannte konkret die 19. Partie.[12][1] Diese war in vermutlich schwarzer Gewinnstellung als remis vereinbart worden.[13] Kasparow hatte schwere Erschöpfung als Grund für das Remis angegeben.[13]
Spasski gab zudem an, ebenfalls Sanktionen Frankreichs zu riskieren. Dennoch werde er spielen, um gute Politik für das Schachspiel zu machen.[11]
Fischers Äußerungen im Interview wurden allgemein als unpassend empfunden. So schrieb ein Leser in der Chess Life: „Fischer ist zurück! Das haben wir uns alle 20 Jahre lang gewünscht. Und nun, da er wieder da ist, wünschte ich, er würde wieder gehen.“[14]
Am folgenden Tag veröffentlichte die New York Times ein Editorial, in dem im Titel die „Tragödien Bosniens und Fischers“ angeschnitten wurden, dessen Text sich jedoch nur mit Fischer beschäftigte. Der Autor setzte sich aufgrund der von US-PräsidentBush erlassenen Direktive gegen Geschäfte von US-Bürgern in Jugoslawien für eine Strafverfolgung ein, falls Fischer spielen sollte.[15] In Jugoslawien eröffnete Bobby Fischer den Zweikampf unbeeindruckt von Kritikern mit 1. e4.
Wegen Verstoßes gegen Executive Order 12810 erließen die Vereinigten Staaten einen Haftbefehl und erhoben Anklage gegen Bobby Fischer. Einschneidender war für Fischer, dass sich Zita Rajcsanyi nach weniger als einem Jahr von ihm trennte.[3]
Fischer lebte zeitweilig mit der Familie Polgár in Budapest, floh später nach Tokio, wo er von Miyoko Watai unterstützt wurde, und fand schließlich auf Initiative von Reykjavíker Schachmeistern 2005 politisches Asyl und Staatsbürgerschaft in Island, wo er ein relativ normales Leben führte und am 17. Januar 2008 in Reykjavík an einem Nierenleiden verstarb. In die Vereinigten Staaten kehrte er nie wieder zurück.
Für Spasski hatte der Zweikampf keine besonderen Nachwirkungen, er setzte sich jedoch gegen Fischers Strafverfolgung ein. Fischer und Spasski blieben privat befreundet.[17]
In einem Interview, das am 21. September 1992 im Spiegel veröffentlicht wurde, bezeichnete der damalige Weltmeister Garri Kasparow die Qualität der Partien als niedrig und den Zweikampf abgesehen vom Medienrummel als beinahe ohne schachhistorische Bedeutung. Nachdem Fischers Rückkehr in den ersten Tagen für viel Aufsehen gesorgt habe, sei wieder der Alltag eingekehrt. Kasparow merkte an, das Wissen über Verteidigungsstrategien im Schach sei zwischen 1972 und 1992 stark gewachsen, während Fischer die Spielpraxis fehle; er hätte somit keine Chancen mehr in einem modernen Turnier. Mit seinem Zweikampf gegen Spasski zerstöre Fischer seine eigene Legende. Fischer sei zudem psychisch instabil und antisemitisch. Zur Herkunft des Preisgeldes meinte Kasparow, es stamme „aus dunklen Quellen, aus einer Propagandakasse der Serben“. Mit seinem PR-Auftritt werbe Fischer für Völkermord im Zuge des Bosnienkrieges. Kasparow machte allerdings auch auf Fischers historischen Verdienst aufmerksam, durch den allgemein die Preisfonds bei Schachveranstaltungen gestiegen seien.[18]
↑ abcdRene Chun: Bobby Fischer's Pathetic Endgame. In: The Atlantic. Dezember 2002, archiviert vom Original (nicht mehr online verfügbar) am 11. April 2013; abgerufen am 1. März 2025 (englisch).
↑Joseph G. Ponterott: A Psychobiography of Bobby Fisher. Understanding the Genius, Mystery, and Psychological Decline of a World Chess Champion. Charles C. Thomas, Springfield 2012, ISBN 978-0-398-08742-5 (englisch, mys1cloud.com [PDF] (Leseprobe)).
↑C. Llanes Álvarez, A. San Román Uría, S. Gómez Sánchez, R. Hernández Antón, J. Valdés Valdazo, A.M. Del Brio González, J.M. Martínez Sánchez, J.L. Muñoz Sánchez, M.Á. Franco Martín: Bobby Fischer: Chess, genius and madness at the height of the cold war. In: European Psychiatry. 33S, 2020, S.S634–S635, doi:10.1016/j.eurpsy.2016.01.2387 (englisch).
↑Dunkle Mächte am Werk. In: Der Spiegel. 32/1992, 3. August 1992, abgerufen am 1. März 2025.
↑Cathy Forbes: Bobby Fischer, the Holy Grail – A Balkan Odyssey. In: Chess Life Magazine. März 1993, S.26–27 (217–218) (englisch, archive.org [abgerufen am 1. März 2025] Archivversion des Originals).
↑ abBobby Fischer spits at sanctions, unleashes pent-up anger. In: Sun Journal. 2. September 1992, S.31 (englisch, google.com [abgerufen am 1. März 2025]).
↑Original: „Fischer is back! It's an event we have all eagerly awaited for 20 years. And now that he's back, I already wish he would go away again.“ Zitiert nach: Mark Weeks: 1992 Fischer – Spassky Rematch, Highlights. Abgerufen am 1. März 2025.