Französisches Paradox

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Champagner und Käse, vermeintlich ungesunde französische Spezialitäten.

Das französische Paradox ist der Begriff für die Beobachtung, dass Franzosen trotz Alkohol- und Fettkonsums länger leben als z. B. Deutsche oder Amerikaner.[1] Die Herzinfarkthäufigkeit in Frankreich sei dreimal geringer als in den USA.[2][3]

Entdeckungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieses Phänomen wurde bereits 1819 vom irischen Arzt Samuel Black beobachtet.[4] Der Begriff französisches Paradox wurde 1992 von Serge Renaud geprägt, einem Forscher an der Universität Bordeaux.

Erklärungsansätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verschiedene Erklärungsansätze, von denen einige sich auf Bestandteile der Französischen Küche fokussieren, sind diskutiert worden.

Rotwein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frankreich zählt zu den renommiertesten Anbaugebieten von Wein auf der ganzen Welt, sowohl was Qualität und Quantität betrifft.[5] Bereits seit 400 vor Christus wurde auf dem Gebiet der heutigen Französischen Republik Wein angebaut und gekeltert.[6] Prozentual gesehen war der Alkoholkonsum in Frankreich 1951 dreimal so hoch wie in den USA.[7]

Alkohol[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus dem französischen Paradox wurde daher die Erkenntnis gezogen, dass das Rotwein-Trinken, trotz des für den menschlichen Organismus giftigen Alkohols, offenbar gesund sein müsste. Dieser Effekt ergibt sich daraus, dass mäßige Alkoholmengen von der Leber schadlos abgebaut werden können, andererseits aber durch den gefäßerweiternden Effekt des Alkohols die Wahrscheinlichkeit bestimmter Herz-Kreislauf-Erkrankungen sinkt.

Vergleichsstudien zeigten jedoch, dass auch jeder andere mäßige Alkoholgenuss vergleichbare Effekte hat. Bei steigender Alkoholmenge steigt schließlich die toxische Wirkung des Alkohols.

Resveratrol[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Klinische Studien an Resveratrol, einer Komponente in Trauben und daraus hergestelltem Wein, demonstrierten, dass diese den Verlauf von gewissen Autoimmunkrankheiten, Herzkrankheiten, Arteriosklerose, der Alzheimer-Krankheit,[8] sowie Arthritis vorteilhaft beeinflussen kann.

Möglicherweise wirkt Resveratrol auch direkt gegen Krebszellen.

Oligomere Proanthocyanidine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Darüber hinaus werden bei Rotwein zusätzlich oligomere Proanthocyanidine (OPC) als Bestandteil von Rotwein für das französische Paradox verantwortlich gemacht.

Polyphenole[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach neueren Forschungen haben die hohen Polyphenolgehalte bei einigen wenigen Rotweinen einen positiven Effekt auf das Herz- und Kreislaufsystem. So liefert von allen Rebsorten die Sorte Tannat bei traditioneller Verarbeitung, das heißt bei längerer Gärung mit Schalen und Kernen (drei bis vier Wochen), die höchsten Werte an Polyphenolen, die sich als vorbeugend bei Herz- und Kreislauferkrankungen erwiesen haben. Der Tannat gilt aufgrund eines Artikels von Roger Corder in der Wissenschaftszeitschrift Nature als besonders gesunder Rotwein.[9] Wegen des hohen natürlichen Gehalts verbunden mit einer gründlicheren Extraktion enthält dieser Wein gut viermal so viel Polyphenole wie andere getestete Rotweine. Als hauptwirksamer Bestandteil wurde Procyanidin identifiziert.

Sonstige Bestandteile der französischen Küche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch andere in der Französischen Küche häufig verwendeten Bestandteile wurden im Rahmen des Französischen Paradoxons sowohl als problematisch als auch als potentiell gesundheitsförderlich herausgestellt:

Milchprodukte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die in Frankreich beliebte Béchamelsauce enthält genau wie die Sauce béarnaise und die holländische Sauce Butter. Kräftige Käse wie Camembert, Livarot und Pont-l’Évêque sind unter Franzosen ebenfalls beliebt.

2009 wurden in Frankreich 7,90 Kilogramm pro Kopf und Jahr an Butter und 26,10 Kilogramm an Käse konsumiert.[10] Bestandteile dieser fettreichen Produkte werden zum einen als potentiell problematisch angesehen, da gesättigte Fettsäuren das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten erhöhen können,[11] andererseits werden sie von einigen Forschern gerade für die geringen Inzidenz kardiovaskulärer Krankheiten unter den Franzosen verantwortlich gemacht.

Besonders Menachinon geriet in den Fokus:

Menachinon[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2004 wurden Daten aus der sogenannten Rotterdam-Studie veröffentlicht, die eine angemessenen Versorgung mit Menachinon (Vitamin K2) mit einer Reduktion an Atherosklerose und einer geringeren Sterblichkeit in Verbindung brachte.[12] Deshalb wurde vermutet, dass ein hinreichender Anteil von Menachinon-reichen Lebensmittel Bedeutsamkeit für die Vorbeugung gegen kardiovaskuläre Komplikationen besitzen kann.[13]

Hartkäse, Weichkäse und Butter sind relativ ergiebige Quellen für Vitamin K2.

Vorgeburtliche und frühkindliche Ernährungssituation im 19. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

David J. P. Barker nennt Frankreich als Beispiel für eine Kultur, die gute pränatale und postnatale Versorgung schätzt, und somit chronischen Erkrankungen vorbeugt, womit das Französische Paradox von einem langjährigen Engagement für hervorragende Schwangerschaftsbetreuung herrühren würde.[14][15]

Seit mehr als einem Jahrhundert haben die Franzosen ein hochentwickeltes System pränataler Versorgungung für schwangere Frauen institutionalisiert, um die optimale Entwicklung ihrer Föten sicherzustellen.[16] Dies kam unter anderem aufgrund der weit verbreiteten Mangelernährung im Europa des 19. Jahrhunderts zustande, die von der französischen Regierung als Problem betrachtet wurde, da sie um ihre nationale Stärke fürchtete.[17] Daher wurden gesetzliche Maßnahmen eingeleitet – einschließlich der routinemäßigen Speisung von Schulkindern und dem regelmäßigen Wiegen von Schwangeren und Neugeborenen durch Hebammen – um die Ernährung von Babys, Kindern und werdenden Müttern zu verbessern.[18]

Im Jahre 1871, nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg, machte es sich die französische Regierung endgültig zu ihrer institutionellen Verpflichtung, den Bestand an Soldaten durch erhöhte Aufmerksamkeit bezüglich der Gesundheit von zukünftigen Müttern und der richtigen Ernährung von Säuglingen zu erhöhen.[19]

Zweifel an der Existenz des Paradoxons[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz der positiven Wirkung der o.g. Stoffe ist jedoch umstritten, ob das französische Paradox überhaupt existiert. So hat die WHO in einer Studie festgestellt, dass die Häufigkeit von Herzerkrankungen in Frankreich bisher unterschätzt wurde.[20] Vor allem aber gibt es Länder mit einem höheren Rotweinkonsum als Frankreich, in denen ein solches Paradox nicht beobachtbar ist. Zudem ist ein klarer Vorteil von Rotwein gegenüber Abstinenz oder anderen Alkoholika nicht erkennbar.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • R. Corder, W. Mullen, N. Q. Khan, S. C. Marks, E. G. Wood, M. J. Carrier, A. Crozier: Oenology: Red wine procyanidins and vascular health. In: Nature. 444, 30. November 2006, S. 566.
  • Roger Corder: The Wine Diet. Sphere, 2006, ISBN 1-84744-003-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Durchschnittliche Lebenserwartung – OECD Health Data
  2. Französisches Paradoxon gelöst. In: Die Welt. 1995.
  3. Jean Ferrières: The French paradox: lessons for other countries.
  4. Arthur L. Klatsky: Alcohol and Cardiovascular Health.
  5. Fair Wein Länder – Frankreich
  6. Franzosen keltern seit etwa 2500 Jahren Wein. In: Der Tagesspiegel. 4. Juni 2013.
  7. Mendès-France bekämpft den Alkoholismus. In: Die Zeit. Dezember 1954.
  8. K. Ono, M. M. Condron, L. Ho, u. a.: Effects of grape seed-derived polyphenol on amyloid beta-protein self-assembly and cytotoxicity. In: Journal of Biological Chemistry. 283, 2008, S. 32176–32187.
  9. Nature. Band 444, S. 566.
  10. Schweizer Milchproduzenten (Hrsg.): Schweizer Milchwirtschaft in Zahlen. Bern 2011.
  11. Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.: Vollwertig essen und trinken nach den 10 Regeln der DGE.
  12. Dietary Intake of Menaquinone Is Associated with a Reduced Risk of Coronary Heart Disease: The Rotterdam Study. auf: jn.nutrition.org
  13. G. C. Gast, N. M. de Roos, I. Sluijs, M. L. Bots, J. W. Beulens, J. M. Geleijnse, J. C. Witteman, D. E. Grobbee, P. H. Peeters, Y. T. van der Schouw: A high menaquinone intake reduces the incidence of coronary heart disease. In: Nutrition, metabolism, and cardiovascular diseases : NMCD. Band 19, Nummer 7, September 2009, S. 504–510, ISSN 1590-3729, doi:10.1016/j.numecd.2008.10.004. PMID 19179058.
  14. Stephen S. Hall: Size Matters: How Height Affects the Health, Happiness, and Success of Boys... S. 43.
  15. Grazyna Jasienska: The Fragile Wisdom: An Evolutionary View on Women’s Biology and Health. S. 93.
  16. Trevathan Wenda: Ancient Bodies, Modern Lives: How Evolution Has Shaped Women’s Health. 2010, S. 85.
  17. Health – French health mystery. auf: BBC News. abgerufen am 26. Februar 2015.
  18. Interior Designs Can ailments such as heart disease, diabetes, and high blood pressure be linked to poor conditions in the womb? David Barker thinks so — and he’s not alone. abgerufen am 26. Februar 2015.
  19. Stephen S. Hall: Size Matters: How Height Affects the Health, Happiness, and Success of Boys... S. 43.
  20. Drink Like the French, Die Like the French. (Memento vom 21. Juli 2011 im Internet Archive)