Freddy Thielemans

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Freddy Thielemans begrüßt Wladimir Putin vor dem Brüsseler Rathaus (Oktober 2001)

Freddy Thielemans (* 11. September 1944 in Laken) ist ein belgischer sozialistischer Politiker und Bürgermeister der Stadt Brüssel.

Leben[Bearbeiten]

Thielemans erwarb ein Graduat in Handelswissenschaften und schloss sich der Sozialistischen Partei Belgiens an. Zu Anfang der 80er Jahre arbeitete Thielemans als Dozent für germanische Sprachen in Brüssel, als ihn dann 1983 der Brüsseler Bürgermeister Hervé Brouhon mit in die Stadtregierung aufnahm. 1994 war er kurzzeitig Nachfolger von Michel Demaret als Bürgermeister, wurde aber selbst bald darauf von François-Xavier de Donnea abgelöst. In den Jahren 1995 bis 1999 war er Abgeordneter im Regionalparlament der Region Brüssel-Hauptstadt. Im Jahr 2001 übernahm er erneut das Amt des Brüsseler Bürgermeisters; er folgte François-Xavier de Donnea im Amt nach. Ein wesentlicher Schwerpunkt seiner Arbeit als Stadtoberhaupt liegt im Bereich Finanzen. Daneben initiierte er das Projekt Bruxelles-les-Bains/Brussel Bad[1], eine seit 2003 jeden Sommer stattfindende Attraktion, die an das Projekt Paris-Plage angelehnt ist.

Bekanntheit über Brüssel hinaus erlangte Thielemans, als er eine antiislamische Veranstaltung verschiedener rechtsgerichteter Organisationen verbot, die am Jahrestag der Terroranschläge am 11. September 2001 gegen eine „Islamisierung Europas“ demonstrieren wollten. „Mitglieder und Sympathisanten dieser Organisationen sind im Allgemeinen für ihr wenig friedliebendes Verhalten während solcher Veranstaltungen bekannt“ so Thielemans. Zudem befürchtete er heftige Reaktionen der muslimischen Bewohner der belgischen Hauptstadt.[2][3] Organisatoren der Demonstration waren unter anderem Stephen Gash von SIOE Großbritannien und Udo Ulfkotte.

Ulfkotte klagte gegen das Verbot und wurde hierbei vom belgischen Anwalt Hugo Coveliers vertreten, den ihm der Fraktionsvorsitzende der rechtspopulistischen Partei Vlaams Belang, Philip Dewinter, vermittelt hatte.[4] Die Klage wurde am 30. August 2007 abgewiesen.[5] Die wenigen Demonstranten, die sich über das Verbot hinwegsetzten, wurden von der Polizei vorläufig festgenommen.[6] Unter den Verhafteten befanden sich auch führende Politiker der Vlaams Belang wie Frank Vanhecke [7]

Im September 2008 untersagte Thielemans abermals eine Kundgebung der Partei Vlaams Belang und der Organisation Steden tegen islamering („Städte gegen die Islamisierung“) anlässlich des Jahrestages der Terroranschläge vom 11. September 2001 zum Schutz der öffentlichen Ordnung.[8]

Zwischenfälle[Bearbeiten]

"Champagner für alle"[Bearbeiten]

Freddy Thielemans beim Besteigen eines Maibaums im Jahr 2009

Am 2, April 2005 verursachte Thielemans einen Zwischenfall im Rahmen einer Feierlichkeit in Brüssel beim Besuch des Bürgermeister der französischen Stadt Angoulême, Philippe Mottet, seines Zeichens Mitglied von Sarkozys Regierungspartei UMP. Als um 21.53 Uhr, während des festlichen Diners, dem Brüsseler Bürgermeister durch eine SMS der Tod von Papst Johannes Paul II. übermittelt wurde, rief Freddy Thielemans, bekennender Freund der Freimaurerei, der, obwohl Monsignore Van Waeyenbergh sein Großonkel ("grootoom") war, aus seiner Haltung zu katholischen Kirche nie einen Hehl gemacht hatte, mit kräftiger Stimme in die Gesellschaft: "Champagner für den ganzen Saal und für Monsieur Philippe Mottet ein Glas Mineralwasser." Der Bürgermeister von Angoulême war daraufhin so beleidigt, dass er mit seiner gesamten Delegation den Saal verließ[9]. Freddy Thielemans, in Laken geboren und mit dem Brüssel-spezifischen "swanze" aufgewachsen, kommentierte den Zwischenfall später so, dass ihm nicht klar gewesen sei, dass Mottet so empfindlich auf diesen billigen Scherz reagieren würde.

Kalaschnikows und andere Nebensächlichkeiten[Bearbeiten]

Im Februar 2010 sorgte Freddy Thielemans erneut für Negativschlagzeilen, als er in der VRT-Sendung "Terzake" einen gewalttätigen Zwischenfall in Brüssel, bei dem Polizeiangehörige mit Kriegsgerät (Kalaschnikow) beschossen und ein Agent getroffen worden waren, mit den Worten kommentierte, dass solche Dinge in einer Großstadt schon mal passieren könnten. Eigentlich sei das nichts weiter als ein nebensächliches Ereignis, zwar ein ernstes, doch ein nebensächliches, welches man unter der Rubrik "Vermischtes" einordnen müsse. Damit provozierte Thielemans empörte Reaktionen sowohl seitens der Brüsseler Polizei, die seine Sicht der Dinge überhaupt nicht teilte, als auch der belgischen Innenministerin Annemie Turtelboom.[10] Jan Schonkeren von der Polizeigewerkschaft VSOA kommentierte Thielemans Aussagen mit den Worten: "Dieser Mensch hat den Bezug zur Wirklichkeit verloren". Ein anderer Polizeiangehöriger fragte sich, ob Thielemans sich nicht darüber im Klaren sei, dass die Kugeln einer Kalaschnikow durch jede schusssichere Weste hindurchgehen würden und ob erst jemand mit einer Bazooka kommen müsse, bis der Bürgermeister Handlungsbedarf sähe.[11]

Wintervergnügen und elektronische Weihnachtsbäume[Bearbeiten]

Thielemans, dessen Vorfahre Louis van Waeyenbergh eine Metzgerei in der Nähe des Großen Marktes in Brüssel betrieb, demonstriert zuweilen gerne seine charakterliche Robustheit. Doch treten gelegentlich auch sanftere Züge hervor. So gelang es Thielemans und seiner sozialistischen Partei durchzusetzen, dass der Brüsseler Weihnachtsmarkt in Zukunft offiziell nicht mehr als solcher bezeichnet werden soll, um den öffentlichen Raum in religiöser Hinsicht möglichst neutral zu halten und die Gefühle kulturell anderweitig orientierter Menschen nicht zu beeinträchtigen. Statt dessen solle in Zukunft der Weihnachtsmarkt (Kerstmarkt/Marché de Noël) die Bezeichnung "Wintervergnügen" (Winterpret/Plaisir d'Hiver) tragen[12]. Als dann zu Weihnachten 2012 der traditionelle Weihnachtsbaum aus den Ardennen auf dem Großen Markt durch ein elektronisch beleuchtbares, aus Würfeln zusammengesetztes Kunstobjekt ersetzt wurde, welches nur begrenzt an einen Baum erinnerte, löste dies eine Protestwelle aus, die international Schlagzeilen machte[13][14]. Der Sprecher von Bürgermeister Thielemans verstand die ganze Aufregung nicht und meinte, die Krippe auf den Großen Markt sei ja auch noch nicht verboten und die Helligkeit des Kunstwerks würde die Vorstellung eines erleuchteten Baumes geradezu unterstreichen[15]. Als die Aufregung sich nicht legen wollte, sah sich Thielemans gezwungen, auf seiner Facebook-Seite persönlich Stellung zu nehmen. Er verwies darauf, dass es für die Stadt wichtig sei touristisch attraktiv zu bleiben und es nicht darum gehe, den Weihnachtsbaum vom Marktplatz zu verbannen, denn die Form des Kunstobjekts erinnere deutlich an einen Baum. Im Übrigen kämen die Architekten dieses Werkes aus dem Elsass, wo ja der Weihnachtsbaumbrauch seinen Ursprung habe. Am Ende des Briefes wünschte er seinen Brüsselern zwar alles Gute, konnte sich aber zu einem "Frohe Weihnachten" nicht durchringen[12].

Die Brüsseler CD&V-Politikerin Bianca Debaets äußerte hingegen ihre Bedenken zu der Entwicklung. Nachdem nun schon der traditionelle Weihnachtsmarkt in Wintervergnügen umbenannt worden sei und nun mit dem fehlenden Ardenner Weihnachtsbaum ein weiteres Element der Tradition verschwinde, frage sie sich, wohin dies am Ende noch führe. Würden demnächst auch noch die Ostereier (paaseieren/œufs de Pâques) aus Brüssel verbannt, weil durch den religiösen Bezug die Gefühle kulturell anders orientierter Menschem beeinträchtigt werden könnten?[15]

Logenmitgliedschaft[Bearbeiten]

Die Stadt Brüssel hat eine lange laizistische Tradition und alle wichtigen Brüsseler Bürgermeister des 19. Jahrhunderts waren Mitglied in einer Freimaurerloge, wie überhaupt die Freimaurerei in Belgien seit der Entstehung des Staates eine starke Position hatte und noch heute hat. Bislang soll sich Freddy Thielemans nur einmal öffentlich zu seiner Mitgliedschaft in einer Loge geäußert haben. Dies soll in einem Interview gewesen sein, welches am 9. August 2005 in der belgischen Zeitschrift Humo veröffentlicht wurde. Das Interview ist jedoch nur in Auszügen und indirekt online zugänglich,[16] so dass die Echtheit des Interviews zur Zeit nicht überprüfbar ist. Zumindest lässt sich sagen, dass Thielemans ein sehr freundschaftliches und nahes Verhältnis zu den Brüsseler Logen unterhält, wie sein Engagement für deren Interessen zeigt. Thielemans demonstrative Anwesenheit sowohl bei der Legung des ersten Steines im früheren Hotel Dewez in Brüssel am 8. Juni 2007 wie bei der Eröffnung des Freimaurermuseums im März 2011 belegen sein Interesse an einer Stärkung der Freimaurerlogen in Brüssel.[17] Freddy Thielemans wurde von Henri Bartholomeeusen, dem damaligen Großmeister[18] des Großorient von Belgien [19], in seiner Ansprache zur Legung des ersten Steins ausdrücklich und lobend erwähnt[20]. Die 1833 gegründete Großloge feierte im Jahr 2007 ihr 175-jähriges Bestehen und die Anwesenheit weiterer Prominenz bei der Steinlegung für das Freimaurermuseum, wie die des Ministerpräsidenten der Hauptstadtregion Brüssel Picqué sowie der Kulturministerin der Französischen Gemeinschaft Belgiens unterstreicht die Bedeutung der Freimaurerei in Belgien, insbesondere in der Brüsseler Region[20]. Die öffentliche Bestätigung einer Logenmitgliedschaft durch Thielemans käme zumindest nicht als Überraschung daher. Bislang ist sie aber nicht eindeutig belegt.

Weblinks[Bearbeiten]

  • Biografie van Freddy Thielemans - Stad Brussel: brussel.be (niederländisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. "EEN SUCCES ZONDER WEERGA VOOR BRUSSEL BAD !"
  2. Extreem-rechts hekelt verbod anti-islambetoging Bericht in www.brusselniews.be vom 9. August 2007
  3. Europa: Rechtspopulisten gegen vermeintliche Islamisierung. Kopflos gegen das Kopftuch in Die Zeit Nr. 37, 6. September 2007
  4. De Morgen: Ik verdeel de bevolking in twee kampen, ik been en breekijzer, 17. August 2007, S. 6
  5. International Herald Tribune: Brussels court upholds ban on anti-Islam protest planned for Sept. 11, 30. August 2007 (engl.)
  6. Protestkundgebung gegen „Islamisierung Europas“ aufgelöst im Tagesspiegel 11. September 2007
  7. Führende rechtsextreme Politiker bei Anti-Islam-Demo festgenommen Spiegel Online 11. September 2007
  8. Le Vlaams Belang veut manifester à tout prix, Stand: 18. November 2008.
  9. actuabd.com/
  10. Politie boos op Thielemans, woensdag 03 februari 2010 in De Standaard: standaard.be
  11. "Neergeschoten agent wist niet van bankroof", woensdag 03 februari 2010 in De Standaard: standaard.be
  12. a b Thielemans : «Bruxelles ne réfute pas la place du sapin dans la tradition de Noël», Artikel vom 12. November 2012 bei: lesoir.be
  13. Ruim 9.000 handtekeningen voor behoud 'echte' kerstboom, Artikel vom 12. November 2012 bei: brusselnieuws.be
  14. Winterpret zonder traditionele kerstboom op Grote Markt, Artikel vom 7. November 2012 bei: brusselnieuws.be
  15. a b Debaets: ‘Kerstboom weg wegens verwijzing naar christelijk feest’, Artikel vom 8. November 2012 bei: brusselnieuws.be
  16. Thielemans Freimaurerlogenmitgliedschaft lvb.net
  17. Le premier musée belge de la franc-maçonnerie, Artikel vom 24. März 2011 in: lalibre.be
  18. Bartholomeeusen, ein Brüsseler Rechtsanwalt, war seit 2005 Großmeister der Großorientloge von Belgien, einer irregulären (nicht-religiösen) Kontinentalloge, und damit war er damals der herausragendste Freimaurer in Belgien. Bartholomeeusen sagte im Jahr 2008 in einem Gespräch mit dem Erzbischof von Mechelen-Brüssel Kardinal Godfried Danneels, dass seine Loge nichts gegen Religion und Glaube an sich hätte, sondern vor allem Gegner des kirchlichen Klerikalismus sei, des Einmischens der Kirchenführung in die Politik. (Siehe: vrijdenker.be)
  19. Der Großorient von Belgien (GOB) ist mit 110 Logen und mehr als 10.000 Mitgliedern die bei weitem größte Freimaurerloge in Belgien. Im Jahr 2012 gab es in Belgien circa 24.900 Freimaurer.
  20. a b Allocution du Grand Maître-Toespraak van de Grootmeester gob.be (PDF; 220 kB)