Freie Bühne (Verein)

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Die Freie Bühne war ein am 5. April 1889 in Berlin gegründeter Theaterverein. Ziel des Vereines war es für seine Mitglieder geschlossene Theateraufführungen zu veranstalten, um die indirekte Zensur des damaligen Preußen zu umgehen und so „moderne“ - also naturalistische - Stücke aufführen zu können. Eine preußische Polizeivorschrift verlangte eine polizeiliche Genehmigung von öffentlichen Theateraufführungen, durch den Verein konnte die Restriktion umgangen werden.

Als Ergänzung zur Freien Bühne gründete Bruno Wille 1890 die Freie Volksbühne Berlin für die „vernachlässigten, bildungshungrigen Arbeitermassen“. Zur Gründung der Freien Volksbühne wurde eine Arbeiterversammlung mit 2000 Arbeitern in einem Brauhaus einberufen. Schon an diesem Abend traten hunderte von Mitgliedern dem neuen Verein bei. Für einen Mitgliedsbeitrag von 50 Pfennig im Monat erhielt jeder Anspruch auf einen Platz. Die Volksbühne wurde mit Henrik Ibsens Stück „Stützen der Gesellschaft“ eröffnet.

Idee und Gründung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inspiriert durch das Théâtre Libre, das 1887 von André Antoine in Paris gegründet wurde und Stücke von jungen, unbekannten ausländischen Autoren wie Lew Nikolajewitsch Tolstoi und Ibsen aufführte, kamen ein paar Berliner Theaterkritiker und Schriftsteller am 5. März 1889 auf die Idee, die Freie Bühne zu gründen. Um der Zensur und der Polizei (die Aufführung von Ibsen-Stücken war zu diesem Zeitpunkt in Berlin verboten) zu entgehen, sollte ein literarischer Verein gegründet werden, der zudem aus den Mitgliedsbeiträgen auch das Unternehmen finanzieren sollte. In Übernahme eines von Max Bernstein entwickelten juristischen Tricks führte der (für jedermann zugängliche) Verein in „unöffentlicher“ Aufführung Stücke auf, die durch diese „Unöffentlichkeit“ dem Zugriff der Zensur entzogen waren

Gründungsmitglieder am 5. April waren: Otto Brahm, Maximilian Harden, Theodor Wolff, Julius und Heinrich Hart, Paul Schlenther, Julius Elias, Julius Stettenheim, Paul Jonas und Samuel Fischer. Der Verein bestand aus zehn ordentlichen Mitgliedern, nämlich den Gründern, und den außerordentlichen Mitgliedern, welche die Zuschauer sein sollten. Die außerordentlichen Mitglieder hatten gegen die Leistung eines Mitgliedsbeitrages das Anrecht auf einen Platz in jeder Aufführung, sie hatten aber keinen Einfluss auf die künstlerische Leitung. Die ordentlichen Mitglieder hatten gegenüber dem für immer fest gewählten Vorstand auch nur ein Vorschlagsrecht. Getreu dem Motto: Viele Köche verderben den Brei hatte so Otto Brahm allein über die Stücke und Inszenierungen zu entscheiden.

Otto Brahm war vorerst mit der Suche nach einem Theater beschäftigt, das für die Aufführungen angemietet werden sollte. Im Herbst sollte Gespenster von Henrik Ibsen aufgeführt werden. Paul Jonas arbeitete als Rechtsbeistand die Statuten aus und der Schatzmeister Samuel Fischer druckte die Proklamation zur Mitgliederwerbung:

Proklamation zur Mitgliederwerbung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verein >FREIE BÜHNE<

Berlin, Datum des Poststempels.

Uns vereinigt der Zweck, unabhängig von dem Betriebe der bestehenden Theater und ohne mit diesen in einen Wettkampf einzutreten, eine bühne zu begründen, welche FREI ist von den Rücksichten auf Theatercensur und Gelderwerb.

Es sollen während des Theaterjahres, beginnend vom Herbst 1889, in einem der ersten Berliner Schauspielhäuser etwa zehn Aufführungen moderner Dramen von hervorragendem Interesse stattfinden, welche den ständigen Bühnen ihrem Wesen nach schwerer zugänglich, sind.

Sowohl in der Auswahl der dramatischen Werke, als auch in ihrer schauspielerischen Darstellung sollen die Ziele einer der Schablone und dem Virtuosenthum abgewandten, lebendigen Kunst angestrebt werden.

In dieser Absicht ist der Verein >FREIE BÜHNE< gestiftet worden, dessen Aufführungen nur den Mitgliedern des Vereins zugänglich, sein werden. Sollten Sie geneigt sein, das Unternehmen zu stützen, so ersuchen wir Sie, die inliegende Beitrittserklärung zu vollziehen und uns baldmöglichst, jedenfalls bis zum 30. d. M. zugehen zu lassen.

Verein >FREIE BÜHNE<. Otto Brahm, Vorsitzender. Paul Jonas, Rechtsbeistand.

S. Fischer, Schatzmeister. Verlagsbuchhändler

Das erste Jahr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon bei einer der ersten Vereinssitzungen im Juni kam es zu einem schweren Streit, bei dem Harden und Wolff den Verein verließen. Fritz Mauthner und Ludwig Fulda ersetzten die beiden Ausgeschiedenen. Ende Juni 1889 konnte der Verein 360 Mitglieder verzeichnen.
Am 29. September 1889 um 12 Uhr mittags wurde im Lessingtheater Gespenster von Henrik Ibsen als erstes Stück der Freien Bühne aufgeführt. Am 20. Oktober folgte, mit Spannung erwartet, das Stück Vor Sonnenaufgang von Gerhart Hauptmann als Uraufführung und verursachte einen handfesten Theaterskandal.

November 1889 hatte der Verein etwa 900 Mitglieder. Aus Adels-, Hof-, Regierungs-, und Offizierskreisen kamen nur wenige Mitglieder. Aus Theater- und Autorenkreisen kamen viele Zugänge, vier Fünftel der Mitglieder waren jüdische Bürger aus Berlin. »Alle Freiheit und feinere Kultur, wenigstens hier in Berlin, wird vorwiegend durch die reiche Judenschaft vermittelt«, hat Theodor Fontane damals geschrieben.

Im ersten Jahresabschluss 1890 hatten 1025 Mitglieder 25500 Mark eingebracht und als Kassensaldo wurden knapp 3000 Mark als Guthaben auf das zweite Spieljahr übertragen.

Weitere Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1890 wurde von der Freien Bühne Das vierte Gebot von Ludwig Anzengruber aufgeführt, 1893 kam es zur Uraufführung von Hauptmanns Die Weber. Die geschlossenen Veranstaltungen der Freien Bühne wurden 1895 verboten.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Katharina Günther: Literarische Gruppenbildung im Berliner Naturalismus. Bouvier-Verlag, Bonn 1972, ISBN 3-416-00843-X, (Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft 120).
  • Peter de Mendelssohn: S. Fischer und sein Verlag. Fischer, Frankfurt am Main 1970.
  • Gernot Schley: Die Freie Bühne in Berlin. Der Vorläufer der Volksbühnenbewegung. Ein Beitrag zur Theatergeschichte in Deutschland. Haude & Spener, Berlin 1967.
  • Albert Soergel: Dichtung und Dichter der Zeit. Voigtländer, Leipzig 1911.