Fundevogel

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Ferdinand Fellner (1799–1859): Fundevogel

Fundevogel ist ein Märchen (ATU 313). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 51 (KHM 51). Bis zur 2. Auflage lautete der Titel Vom Fundevogel.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Illustration von Jenny Nyström, 1900

Ein Förster findet ein schreiendes Kind auf einem Baum, das ein Raubvogel aus dem Mutterschoß geraubt hat. Er zieht es mit seiner Tochter Lenchen zusammen auf und nennt es Fundevogel. Eines Abends holt die Köchin viel Wasser und verrät Lenchen, die verspricht, es niemandem zu sagen, dass sie Fundevogel morgen darin kochen will. Als der Förster früh fortgeht, fliehen Lenchen und Fundevogel gemeinsam. Dreimal schickt die Köchin die Knechte nach, aber die Kinder verwandeln sich, einmal in einen Rosenstock mit Blüte, dann in eine Kirche mit einer Krone darin und schließlich in einen Teich mit einer Ente darauf. Die Hexe schickt jedes Mal die Knechte, kommt schließlich selbst und will den See aussaufen, aber die Ente zieht sie hinein. Da muss sie ertrinken, und die Kinder leben froh.

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Illustration von Otto Ubbelohde, 1909

Grimms Anmerkung notiert „Aus der Schwalmgegend zu Hessen“ (von Friederike Mannel aus Allendorf), wobei die Köchin auch die Ehefrau sein kann und die Dialoge variieren, z. B. „ihr hättet die Rose nur abbrechen sollen, der Stock wäre schon nachgekommen“. Sie vergleichen Voß' Anmerkungen zu seiner neunten Idylle (Der Riesenhügel, 1778), „Rolf Krakes Sage Cap. 2“, Colshorn Nr. 69, aus ihrer eigenen Sammlung KHM 56 Der Liebste Roland.[1] Gegenüber der erhaltenen Handschrift wurde der Findling Karl zum Erstdruck 1812 in Fundevogel umbenannt, der Text entsprechend betitelt, sonst nur sprachlich gerundet.[2] Das vierfach wiederholte Treueversprechen zwischen Lenchen und Fundevogel, „Da sprach Lenchen zum Fundevogel: ‚Verläßt du mich nicht, so verlaß ich dich auch nicht:‘ so sprach der Fundevogel, ‚nun und nimmermehr‘“, erinnert an einen Brief Jacob Grimms an seinen Bruder 1805: „Denn, lieber Wilhelm, wir wollen uns einmal nie trennen“.[3] Die Schlussformel „und wenn sie nicht gestorben sind …“ kannten sie aus der mündlichen Erzähltradition.[4] Walter Scherf zufolge war es Jacob Grimm, der die Verbindung zu Familie Mannel hielt, wohl den Titel hinzufügte und den Knaben so nannte. Die Niederschrift sei von Brentanos Wunderhorn-Redaktion geprägt. Wie bei allen Zaubermärchen vom Typ 313 A sei die Form verkürzt, indem der anschließende Tabubruch des Liebenden fehlt, das dreimal wiederholte Treueversprechen insofern hier ein blindes Motiv. Vgl. KHM 193 Der Trommler.[5]

Zur bösen Stiefmutter vgl. KHM 11 Brüderchen und Schwesterchen, KHM 13 Die drei Männlein im Walde, KHM 15 Hänsel und Gretel, KHM 21 Aschenputtel, KHM 130 Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein, KHM 135 Die weiße und die schwarze Braut, KHM 141 Das Lämmchen und Fischchen, zu magischen Flucht KHM 56 Der Liebste Roland, KHM 79 Die Wassernixe, KHM 113 De beiden Künigeskinner, KHM 70a Der Okerlo. Vgl. in Giambattista Basiles Pentameron III,9 Rosella. Vgl. in Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch Nr. 10 Der alte Zauberer und seine Kinder, Nr. 14 Der goldne Rehbock und in der Ausgabe von 1845 Die drei Nüsse. Dass Greifvögel kleine Kinder stehlen könnten, ist vielleicht ein alter Aberglaube.

Interpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Illustration von Otto Ubbelohde, 1909

Edzard Storck sieht den Anfang als Bild, wie der Mensch eine Elementarwelt verlassen muss – „als wäre man sehr schwer geworden, als habe man Flügel gehabt …“[6] Tiefenpsychologisch bedeutet das Märchen laut Eugen Drewermann eine Entwicklungsgeschichte der schwierigen Loslösung von einer ängstlich-überfürsorglichen Mutter (wie in Brüderchen und Schwesterchen). Dies hinterlasse aber Ungereimtheiten, z. B. dass die Köchin den Mordplan Lenchen verrät, das seinerseits dem Vater nichts sagt und einschläft. Auch fehlt ein erlösendes Schlussmotiv der Liebe. Stimmiger sei die Deutung als Gleichnis auf die menschliche Existenz (wie Frau Holle): Angesichts der verschlingenden Stiefmutter Natur droht sich die Psyche in Ich und Unbewusstes zu spalten. Ersteres (Fundevogel) ignoriert den Tod, letzterer (Lenchen) lebt mit ihm. Der Angst der Vergänglichkeit entgeht man in steter Wandlung: Blume, Kirche und See sind Bilder jugendlicher Fülle, geistiger Reife und existentieller Unendlichkeit (vgl. Seelenvogel Ba und Hathor).[7] Wilhelm Salber sieht hier ein Pendeln zwischen Bestimmtem und Unbestimmtem aus Angstliebe zu unbestimmten Verwandlungen.[8] Regina Kämmerer beobachtet, dass die gemeinsame Formel verwandelt, weshalb die Knechte sie gar nicht sehen, wie eine Schutzmeditation.[9]

Rezeptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Illustration von Arthur Rackham, 1916

Peter Härtling verlegt das Märchen in die Nachkriegszeit: Ein alter Mann nimmt zwei Findelkinder auf, seine Schwester verjagt sie und lässt Soldaten suchen, die Kinder tarnen sich als Bäume und als Grabhügel.[10] Cordula Tollmiens Roman Fundevogel handelt von einem Findelkind zur Nachkriegszeit.[11]

Eine Zeitschrift Fundevogel zu Kinderliteratur und -theater erschien von Wolfgang Schneider und Winfred Kaminski im Schneider Verlag 1984 bis 2004.[12] Auch Buchläden, Antiquariate oder Förderschulen heißen so.

Ein Kurz-Experimentalfilm Fundevogel erschien 1967 von Claudia von Alemann (22 min.).[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Grimm, Brüder: Kinder- und Hausmärchen. Vollständige Ausgabe. Mit 184 Illustrationen zeitgenössischer Künstler und einem Nachwort von Heinz Rölleke. S. 284–291. Düsseldorf und Zürich, 19. Auflage 1999. (Artemis & Winkler Verlag; Patmos Verlag; ISBN 3-538-06943-3)
  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Reclam, Stuttgart 1994, ISBN 3-15-003193-1, S. 98, 464.
  • Rölleke, Heinz (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Herausgegeben und erläutert von Heinz Rölleke. S. 154–159, 367. Cologny-Geneve 1975. (Fondation Martin Bodmer; Printed in Switzerland)
  • Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 122–123.
  • Walter Scherf: Das Märchenlexikon. Band 1. C. H. Beck, München 1995, ISBN 978-3-406-51995-6, S. 378–380.
  • Puchner, Walter: Magische Flucht. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 9. S. 13–19. Berlin, New York, 1999.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Reclam, Stuttgart 1994, ISBN 3-15-003193-1, S. 98, 464.
  2. Rölleke, Heinz (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Herausgegeben und erläutert von Heinz Rölleke. S. 154–159, 367. Cologny-Geneve 1975. (Fondation Martin Bodmer; Printed in Switzerland)
  3. Martus, Steffen: Die Brüder Grimm. Eine Biographie. 1. Auflage, Berlin 2009. S. 101. (Rowohlt; ISBN 978-3-87134-568-5)
  4. Lothar Bluhm und Heinz Rölleke: „Redensarten des Volks, auf die ich immer horche“. Märchen - Sprichwort - Redensart. Zur volkspoetischen Ausgestaltung der Kinder- und Hausmärchen durch die Brüder Grimm. Neue Ausgabe. S. Hirzel Verlag, Stuttgart/Leipzig 1997, ISBN 3-7776-0733-9, S. 83.
  5. Walter Scherf: Das Märchenlexikon. Band 1. C. H. Beck, München 1995, ISBN 978-3-406-51995-6, S. 378–380.
  6. Edzard Storck: Alte und neue Schöpfung in den Märchen der Brüder Grimm. Turm Verlag, Bietigheim 1977, ISBN 3-7999-0177-9, S. 61, 66, 136, 139, 153, 179.
  7. Drewermann, Eugen: Rapunzel, Rapunzel, laß dein Haar herunter. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. 8. Auflage 2004, München. S. 317–352. (dtv-Verlag; ISBN 3-423-35056-3)
  8. Wilhelm Salber: Märchenanalyse (= Werkausgabe Wilhelm Salber. Band 12). 2. Auflage. Bouvier, Bonn 1999, ISBN 3-416-02899-6, S. 188–189.
  9. Regina Kämmerer: Märchen für ein gelingendes Leben. KVC-Verlag, Essen 2013, S. 27–29.
  10. Peter Härtling: Fundevogel. In: Wolfgang Mieder (Hrg.): Grimmige Märchen. Prosatexte von Ilse Aichinger bis Martin Walser. Fischer Verlag, Frankfurt (Main) 1986, ISBN 3-88323-608-X, S. 189–191 (1974; zuerst erschienen in: Jochen Jung (Hrg.): Bilderbogengeschichten. Märchen, Sagen, Abenteuer. Neu erzählt von Autoren unserer Zeit. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1976, S. 101–103.).
  11. Cordula Tollmien: Fundevogel oder Was war, hört nicht einfach auf. Beltz & Gelberg, Weinheim Basel 1990, ISBN 3-407-78185-7.
  12. www.paedagogik.de/index.php?m=wd&wid=800
  13. filmportal.de

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wikisource: Fundevogel – Quellen und Volltexte