Das Unbewusste

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Als das Unbewusste bezeichnet die Tiefenpsychologie einen Bereich der menschlichen Psyche, der dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich sei, ihm aber zugrundeliege – sowohl im Hinblick auf die evolutionsgeschichtlich-phylogenetische Entstehung des Homo sapiens (Hominisation) als auch auf die Heranbildung des einzelnen Menschen aus dem befruchteten Ei Ontogenese. Die Vertreter der Tiefenpsychologie gehen davon aus, dass bei jedem Menschen in allen Lebensphasen unbewusste psychische Prozesse das Handeln, Denken und Fühlen entscheidend beeinflussen. Das Bewusstmachen und Anerkennen unbewusster Vorgänge unterstütze psychisch gesunde Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung, sie sei aber auch eine wesentliche Voraussetzung für die Therapie jener Störungen des Verhaltens, denen keine körperliche Erkrankung, sondern eine verinnerlichte und mehr oder minder unbewusste Angst zugrunde liegt, so u.a. bei den Neurosen. [1]

Historisches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Idee eines Unbewussten wird in der abendländischen Philosophiegeschichte erstmals von Sokrates vorgelegt. Er nimmt einen im Menschen quasi unterirdisch gelegenen Bereich an, der, ohne dass es vom Ich „oben“ schon gewusst würde, existentiell wichtige Informationen beherberge, etwa über den inneren Bau der Seele und das ihrer Gesundheit dienende Verhalten.[2] Solche der Seele in ihrem Leibe keimenden geistigen Geschöpfe verglich Sokrates mit einer den Menschen kaum geahnten Schwangerschaft und so entwickelte er eine besondere Technik des Stellens von Fragen, die - wie Platon darlegt in seinen Dialogen - dem Antwort gebenden Ich ermögliche, seiner Seele dabei behilflich zu sein, sich jene in ihrem Inneren gewachsenen Einsichten ans Licht der Welt zu gebären.[3]

Dass es einen unbewussten Bereich in der menschlichen Seele gäbe und die Möglichkeit, sich mit seinen dem Bewusstsein zugeführten Inhalten in heilsamer Weise auseinander zu setzen, wurde in unserer Zeit vor allem durch Sigmund Freuds Psychoanalyse zu einem Gut der Allgemeinbildung im Abendland, jedoch wird dieser Themenkomplex, wie schon Sokrates und seine Freunde erfahren mussten, nach wie vor als äußerst problembeladen empfunden. Freuds Modelle und Methoden zur Erschließung der im Unbewussten wirkenden Phänomene – darunter die oft gewaltsam verdrängte „Liebe“ und die ihr gemäße Hinwendung zur Wahrheit in allem weiteren – nötigten ihn zum Entwurf einer Theorie, wonach den erzieherisch oktroierten Sitten und Gebräuchen unserer Gesellschaft die Forderung eines das Menschenkind neurotisch machenden „Triebverzichts“ zugrunde liege,[4] eine These, die häufig zu auffallend unsachlichen Reaktionen führte. [5]

Freud und Sokrates zeigen mehrere Parallelen: Beide erschlossen sich den Zugang zum Unbewussten; beiden war daran gelegen, auch den sie umgebenden Sozialkontext von seinen Problemen zu erlösen: Freud spricht hierbei von den "Neurosen", deren Urausbruch er in den barbarischen Vorstufen unserer patriarchatischen Gesellschaft untersuchte (s. Totem und Tabu), Sokrates metaphorisch von der "Trägheit" des edlen Rosses Athen (s. Apologie); und bedienen sich ebenfalls beide Männer gewisser zentraler Methoden, um das 'Ross' anzuspornen, sich nicht weiter in seinen Schwierigkeiten zu vergaloppieren: siehe Freuds Traumdeutung und siehe Sokrates Hebammentechnik. [6]

Ermutigend ist, dass das Freudsche „Unbewusste“ in einigen Wissenschaften, aber auch in der Alltagssprache mit dem Begriff des „Unterbewussten“ konkurriert, anstatt ganz ignoriert zu bleiben. So definiert der Philosoph Rudolf Eisler [7] in vorzüglichster Kenntnis der lateinischen Fachbegriffe: „Unterbewußt (subconscious, subconscient) ist das (…) gleichsam im »Hintergrunde« des Erlebens Befindliche (…)“, und der prominente Satiriker Karl Kraus setzt jenem seiner Bücher, in dem er den "freudschen Versprecher" witzig schriftlich zustande bringen will, den die oben angedeute Problematik krönenden Titel auf: Das Unterbewußtsein im Kriege.

Das Unbewusste bei Freud[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Freud ist das Unbewusste des neugeborenen und weiterhin seelisch gesund bleibenden Menschen ein System, das vor allem aus angeborenen Bedürfnissen sowie deren seelisch-geistigen Repräsentationen bestehe: emotionalisierten Symbolen und Impulsen, die das Ich des Lebewesens in für ihn unmittelbar verständlicher Form erreichen, damit es den motorischen Apparat im Sinne der Bedürfnisstillung lenke.[8] Während dieser dem Es dienenden Tätigkeiten des Ichs kommt es zu Erfahrungen, für deren Aufnahme mittels "Prägung" das Über-Ich zuständig wird, und auf die wiederum das Ich bei der nächsten Triebregung zurückgreift, die Bedürfnisbefriedung – welche z. B. durch lustvolles Saugen an der nährenden Mutterbrust erfolgt – mit jedem Male sicherer machend.

Beim erwachsenen Gesellschaftsmenschen hat sich – so Freud – die Situation durch seine ihm zwischenzeitlich auferlegte Problematik geändert: Hier besteht das Unbewusste aus verschiedenen Triebwünschen, potenziellen Gefühlen und Verhaltensweisen, die dem Vorgang der sogenannten Verdrängung unterliegen, aufrechterhalten von einem durch Straf- und Liebesverlustängste induzierten Abwehrmechanismus, durch den das Ich begann, sich dem Drängen der Triebe nach Bewusstwerdung zu widersetzen.[9] Freud nennt den Beginn dieses regelhaft von den Umständen der traumatischen Moralerziehung verursachten, spürbar von seelischem Leiden begleitet gehenden Phänomens die „Urverdrängung“; auf ihr gründet sich das weitere Verdrängungsgeschehen im Seelenleben des Menschen.[10] Die außerhalb der Sphäre der bewussten inneren Wahrnehmbarkeit lagernden Sinnzusammenhänge des derart ins Unbewusste quasi gefangen gehaltenen Trieblebens, tauchen gemäß des psychoanalytischen Konzepts jedoch am deutlichsten in den Symbolen der Träume auf und lassen sich in Hinblick auf ihren ganzen Gehalt anhand des methodischen Freien Assoziierens wieder erschließen.[11] Gleiches gilt im Prinzip für die sogenannten freudschen Fehlleistungen, insofern auch sie Symbole und Vorstellungen („Triebrepräsentanzen“) beinhalten, deren Zustandekommen von Freud anhand einer zeitweise geminderten Verdrängung (Enthemmung; herabgesetzten Ängsten; geschwächter "Zensur") erklärt wird.[12] „Verdrängte“ Inhalte und Vorstellungen determinieren im psychoanalytischen Modell der Psyche das Verhalten, Denken und Fühlen des mit den moralischen Sitten und Gebräuchen traumatisch konditionierten, solcher »ewigen Wiederkehr des Gleichen« unterworfenen Gesellschaftsmenschen [13] – nicht die noch ganz kleinen Kinder (vor dem Erziehungsbeginn) und auch nicht die naturgemäß sozialisierten Erwachsen.

Freud stellte im Laufe der Begründung seiner Psychoanalyse zwei verschiedene Modelle der Seele auf, die einander ergänzen: Anfänglich operierte er mit einem topologischen Modell, in dem die Begriffe des Bewussten/Vorbewussten/Unbewussten zur Anwendung kamen, später vertiefte er diese Vorstellung anhand des Strukturmodells der Seele, in dem unterschieden wird zwischen drei jeweils mit eigenen Funktionen ausgestatteten Instanzen: das Ich, das Über-Ich und das Es.

Das topologische Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Freud kam auf Grundlage der Erfahrungen, die er mit seinen Patienten machte, zunächst auf den Gedanken, dass es innerhalb der Seele drei eigene Bereiche gebe, die sich von einander auf quasi räumliche Weise abgrenzen ließen:

  1. Das Bewusste: Seine verschiedenen Inhalte können willentlich in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt und wieder beiseite gelegt werden (Vorstellungen, Gedanken und Wahrnehmungen).
  2. Das Vorbewusste: Dies sind Inhalte des "Gedächtnis", auf die das Bewusstsein zwar nicht sofort zugreifen kann, die ihm jedoch relativ leicht "einfallen". Sie tauchen z. B. durch gezieltes Suchen nach Zusammenhängen auf, so wie der Name eines länger nicht gesehenen Bekannten, den man auf der Straße trifft.
  3. Das Unbewusste: Trotz erheblicher Anstrengungen gelingt es dem Bewusstsein nicht, die Vorgänge und Informationen diesen Bereiches in seinen eigenen zu befördern; es bedarf hierzu des Handwerkszeugs der Psychoanalyse, ihrer Modelle und Methoden. Unter letzteren zu nennen besonders: das methodische "Freien Assoziieren" über die Symbole der sonst rätselhaft oder von narzisstisch hassgeliebten Illusionen umhüllt bleibenden Träume.

Vorpsychoanalytische Methoden, wie die von Freud zeitweilig praktizierte Hypnose, stellten sich als ungeeignet-illusionäres Werkzeug heraus, die Inhalte des Unbewussten "Dark Continents" ins Tageslicht des bewussten Denkens zu befördern: Das suggestiv beeinflusste Ich des Klienten gehorcht wohl den Anweisungen des es gut mit ihm meinenden Therapeuten (u. U. auch in einem auf Anhieb als negativ erkennbar werdenden Sinne), es erfasst in diesem wachkomaähnlichen Zustand jedoch nicht, worum es eigentlich geht.[14] Psychosomatisch Lahme und Blinde werden auf Geheiß ihres charismatischen Hypnotieurs (oder infolge Autosuggestion) wieder springend und sehend - "hinterher aber wird's schlimmer als zuvor" (Jesus v. Nazareth). Somit verfehlte auch die von Freud einst selbst vorgenommene Hypnose noch das Ansinnen der anschließend entwickelten Psychoanalyse, ihrem Klienten auf Erden über die Vermittlung dezidierter Selbsterkenntnis bezüglich seiner inneren Situation einen therapeutisch wirksam sein könnenden Beitrag zur Erlösung vom Leiden zu leisten.

Das Strukturmodell und seine neurologische Synthese[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Freud ergänzte bald die drei anfänglich erörterten Bereiche seiner ersten Topologie mit denen des "Strukturmodells" der Seele.[15] Beschrieben wird eine Struktur, die verschiedene miteinander kooperierende Funktionen beherbergt, und die für Freud identisch ist mit dem Gesamtorganismus des Lebewesens. Diese Seelenkonzeption unterscheidet sich von denen der Religionen dadurch, dass 'geistiges' Ich und 'körperliches' Über-Ich (Psyche und Physis) zwar als verschiedene Aspekte der Seele aufgefasst werden, nicht jedoch in der Weise, dass eine dieser Instanzen konkret abgetrennt von den anderen zu existieren vermöchte. Aus psychoanalytisch-naturwissenschaftlicher Sicht "sterben Geist und Seele zugleich mit ihrem Körper", während die Seelen nach Auffassung der Religionen den Tod ihrer Leiber als 'reine Geister' überleben - der theologischen Logik nach auch versehen mit einem Gedächtnis. Denn der religiös verstandene Sinn des entfleischten Fortbestehens der personalen 'Ichs' im 'Jenseits' besteht darin, dass sie dort von einer wissenschaftlich nicht weniger unfassbaren Macht zur Rechenschaft gezogen und belohnt oder bestraft werden - gleich so wie einst das ohmächtige Kind von seinen als allmächtig empfundenen Eltern. Lohn und Strafe erfolgen hierbei je nach Sünd- oder Frömmigkeit der toten Seelen, verurteilt gemäß des Gut-Böse-Kriteriums der es dogmatisch festgelegt habenden, moral-totemischen Verhaltensvorschriften. [16]

Freud war kein Atheist, er glaube an die heraklitische Gottheit des Logos, der das Gemeinsame aus innerlich-äußerem Denkwahrnehmenfühlentun ist. Körper und Geist und die spezifischen Leistungen dieser Seelenbereiche generieren sich aus dem empirischen Nichts einer universalen Energie, die er des Es (als bereits konkret gewordene Seele) noch präexistierend sah, zur "Libido" ernannte und ihren Haupteigenschaften nach wie folgt unterschieden als auch wieder zusammengeführt hat: A - das Begehren nach der beim Ich lustvoll spürbar werdenden Bedürfnisbefriedigung (Abbau von Spannungen, die als Unlust wahrgenommen werden); B - die Ökonomie (Streben nach Minimalisierung der energetischen Investitionen, bei gleichem Profit)[17]; C- Der innewohnende Antagonismus des Zerlegens und Wiederzusammenführens (Analyse-Synthese, auch als Thanatos-Eros bekannt); und 4- Das Wandlungsvermögen, die Plastizität, Anheft- und Ablösbarkeit der Libido an beliebige ihrer Vorstellungen, Geschöpfe. Es ist immer dieselbe ihrem synthetisierenden Lustprinzip folgende Energie, die sich in und als verschiedene angeborene Bedürfnisse manifestiert (sie und deren Organeaus aus sich selbst erschafft, ex nihilo) und schließlich auch das analythisch arbeitende Realitätsprinzip des Ichs miteinbegreift.

Das Strukturmodell der Seele (auch 3-Instanzen-Modell genannt), ergänzt um die 6 Bedürfnisse des Es. Siehe Freud-Einstieg

Unabtrennbar an diese noumenal-undimensionale Energie gebunden sind also die 3 Instanzen und sonstigen Organe der Seele mit ihren spezifischen Funktionen. Sie ergänzen einander – solange der Organismus gesund bleibt – ohne dass es zu pathogenen inneren Konflikten käme:

  • Das Es ist die Quelle der Triebe und Instinkte (ererbte Handlungsmuster).
  • Das Ich-Bewusstsein stellt die Befähigung dar, die Instinkte den Faktoren der umgebenden Realität angemessen zu lenken, um die Befriedigung der Bedürfnisse zu erlangen (hierbei ergänzt das Realitäts- das Lustprinzip).
  • Das Über-Ich schließlich verkörpert jenes Organ, das die diesbezüglich entweder positiv oder negativ ausfallenden Erfahrungen in sich aufnimmt.

Zu diesen Erfahrungen zählen bei den sozialen Arten grundlegend und von Natur aus die der Sozialisation (Entwicklung der Seele durch die triebgemäße Dynamik der zwischenmenschlichen Beziehungen), daran folgt die sich kritisch auseinandersetzende Übernahme der kulturellen Errungenschaften und ihr genial-schöpferischer Erstentwurf. Dies sind die Werke auf den Gebieten der

  • Künste (z.B. die 9 Musen) und des animistischen Glaubens (durch den der Urmensch seine Welt mit zwar unberechenbaren, jedoch wie er gutmütigen 'Geistern' projektiv bevölkerte, in Notzeiten anhand Regentänzen u.ä. versuchend, ihre Freundschaft zu erwerben)
  • Technologien (die das Überleben besser gewährleisten als die imitativen Aufführungen der animistischen Magie)
  • und Philosophie mit der von ihr vorgenommenen, arbeitsteiligen Forschung in einzelnen 'Fächern', wodurch das "Schreiten vom Glaube zum Wissen" effizienter gestaltet wurde.

Als Arzt, der ursprünglich vom Fach der Neurologie und denen der allgemein biologischen Forschung kam,[18] [19] unternahm Freud den naturphilosophisch selbstverständlichen Versuch, die Instanzen seines genial aus dem 'Nichts' entworfenen Seelenmodells mit entsprechend befähigten Zell- und Gehirnzentren zu assoziieren, ein Vorhaben, für dessen Fortsetzung seit jüngerem detailgenauere Befunde vorliegen, als es zur Zeit Freuds gab. Auf Grundlage dieser Ergebnisse der aktuellen Neurologie schlägt C. G. Sáenz in den illustrierten Seiten 15-18 seiner Schrift "Freud-Einstieg" vor

  1. das Es – das weitgehend aber nicht ganz deckungsgleich mit dem Unbewussten ist – 'unten' im Hirnstamm unterzubringen (dort laufen nämlich die Information hinsichtlich aller Bedürfnisse der Seele gebündelt zusammen, z. B. über die energetischen Situation des Organismus, so dass ggf. das Verlangen nach Nahrung gemeldet wird),
  2. das Ich-Bewusstsein ganz 'oben' im Neocortex (der Aufgabe dieser 'Grauen Rinde' wegen, die 'vom Hirnstamm' herauf drängenden Bedürfnisse mit der umgebenden Realität abzustimmen, wofür die dortigen Faktoren nach taug- und untauglich differenziert und motorisch angemessen behandelt werden )
  3. und das Über-Ich - ungefähr identisch mit dem Vorbewussten - im Limbischen System.

In diesem ca. die Gehirnmitte kennzeichnenden Organ werden die "Erfahrungen", die das neocortikale Ich-Bewusstsein durch Ausübung seiner Funktionen veranlasst, in Form neuronaler Netzwerke fest verankert (Prägungsphänomen), mit dem Zweck, sie nicht zu 'vergessen' und den 'Geist' des Ich-Bewusstseins künftig bei seiner Aufgabe zu beraten. Die im Über-Ich gesammelten und dort vorbewusst gewordenen Erfahrungen melden sich teils unaufgefordert beim Neocortex zurück (z. B. in Form der Träume), teils vermag das dort tätige Ich aber auch, sich willentlich an sein 'limbisches' Über-Ich zu wenden, um darin nach einer einst gemachten, gegenwärtig möglicherweise erneut nützlichen Erfahrung zu suchen.

Individuelles Unbewusstes - Neurose, Diagnose und Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Hauptanliegen der Psychoanalyse nach Freud ist ein doppeltes: Primär ist die Entwicklung eines Seelenmodells, das in sich ebenso schlüssig wie fundiert sein muß (möglichst alle von den Naturwissenschaften zu Tage geförderten Tatsachen miteinbezieht), denn erst dann verfügt der Arzt über das Mittel, pathogene Abweichungen vom naturgemäßen Glücks- und Gesundheitszustand überhaupt als solche zu erkennen. Und zwar sowohl ihrer artwidrigen Beschaffenheit nach (sie haben einen Suchtcharakter und sind triebökonomisch ineffizient), wie auch in Hinblick auf ihre Ursachen. Gemeint ist also das Ansinnen zur Erstellung einer fundierten Diagnose, ihrerseits die Vorbedingung zur Empfehlung einer genauso fundierten Therapie. Methodische Genesung ist nur möglich auf Basis Ich-bewusster Einsicht und Änderung des Verhaltens, im Sinne des Es:

Wesentlich geht es der Psychoanalyse um die Aufhebung der zwischenmenschlich wie auch in Bezug auf bloße Vorstellungen wie den Lieben Gott und Teufel gehegten, destruktiven narzisstisch-sadomasochistischen Wunschvorstellungen und neurotischen Wiederholungszwänge,[20] die der Psychoanalyse gemäß dem moralisch gesitteten Verhalten zugrunde liegen – ein Vorhaben, für das jene Inhalte der Seele, die aufgrund der erlittenen traumatischen Erziehung (den damit verbundenen Straf- und Liebesentzugsängsten) ins Unbewusste verdrängt wurden, wieder bewusst gemacht werden müssen.

Dem Ich kommt hierbei also die maßgebliche Aufgabe zu, denn sein Bewusstsein kann sich sowohl mit seinen und den Inhalten der aktuell umgebenden sozialen Realität, als auch denen der beiden anderen seelischen Instanzen befassen und gegebenenfalls – sollte ein Konflikt erkennbar werden – zwischen ihnen vermitteln. [21] Darüber hinaus ist das Ich die Instanz, der ihres Freien Willens wegen[22] die Entscheidung über das Fortbestehen und den Untergang des o.g. Abwehrmechanismus obliegt. Dieser Mechanik gingen traumatische Erfahrungen voraus, auferlegte Strafen und Drohungen von Seiten der Kindeserzieher, derendwegen das infantile Ich einst begann, eines oder mehrere der angeborenen Bedürfnisse (Triebe; Instinkte) seines Es zu fürchten, anfangend, sich dagegen zu wenden. Diese von der Moralerziehung geforderte Abwehr und Abkehr von der eigenen Daseinquelle, und die dem vorauszusetzende Liebesentzugs- oder Höllenstrafangs, kann bis zur vollständigen Verdrängung der Bedürfnisse führen, notwendig begleitet von ihrer Frustration und nahezu unfehlbar vom Ausbruch des neurotischen Leidens. So stellt es eines der ersten Anliegen der psychoanalytischen Behandlung dar, dem der oral-narzißtischen Fixierungen wegen emotionell infantil gebliebenen, lediglich körperlich erwachsen gewordenen Menschen jenen Abwehrmechanismus und das unter der Macht der damit verbundenen Strafängste verdrängte Es wieder bewusst zu machen, um seinem Ich anhand dieser nach und nach erarbeiteten Einsichten zu ermöglichen, die einmal aufgrund der Erziehungstraumata gegen das Es gefällte Entscheidungen zu revidieren. Erst wenn er sich sowohl der verdrängten Triebe als auch der hierfür maßgeblichen gewordenen Ängste wieder voll bewusst ist, vermag der Mensch, sich von der Macht seiner erzieherisch auferlegten Konditionierungen zu erlösen. Freiheit der Entscheidungen ('das Ich') hoch zu halten, setzt die Gefangenschaft des Es in einem intrapsychischen Kerker voraus (die Deformierung des Leibes zum Grab der Seele"), so wie die Suche nach dem Sinn den Verlust desselben (vgl. unten, Kap. Willensfreiheit oder nicht).

Diese diagnostisch-therapeutischen Ziele der Psychoanalyse fasste Freud in dem berühmt gewordenen Aphorismus zusammen: „Wo Es war [das Triebleben unbewusst], soll [es dem] Ich [bewusst] werden.“ In anderen seiner Formulierungen geht es darum, den Menschen zu unterstützen, „Herr im eigenen Hause zu werden“ und vergleicht er das dafür vorauszusetzende Vorhaben der vollständigen Erschließung des Unbewussten voller Behagen mit jenem kulturellen Großprojekt, dem nach vieljähriger Anstrengung endlich gelang, die Zuidersee trocken zu legen: sichtbar machend, was unter der Meeresoberfläche verschüttet worden war. Das Meiste der hierfür zu leistenden Arbeit verlegte er auf die Traumdeutung, seiner Psychoanalyse gemäß der Königsweg zur Erkenntnisse der Vorgänge im Unbewussten. Das Unbewusste selbst, in dessen grundlosen Grund die Libido die zur Traumdeutung herangezogenen Freien Assoziationen generiert (dem Ich Informationen liefert über das Wesen seiner Quelle wie auch die Bedeutung der aus ihrer Energie erschaffenen Symbole), stellt einen natürlichen Bereich der psychischen Organisation dar und ist daher von dem pathologischen Aspekt der gewaltsamen Verdrängung mancher seiner Inhalte zu unterscheiden. Für das Zustandekommen dieses Phänomens kollaboriert das Ich - ehedem extern von der Erziehung im Familienkonstrukt erpresst - artig gewordenen mit seinem 'vorbewussten' Über-Ich: gegen das Es, im Sinne der moral-totemischen Verhaltensvorschriften ("Domestizierung") und seiner narzisstischen Fixierung an die gegen Ende der oralen Phase traumatisch abgebrochenen Entwicklung.

Menschheitsgeschichtlich Unbewusstes und Urbeginn der Neurose[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dies ist der Ort, um darauf hinzuweisen, dass Freud das "Es" nicht auf das Individuum reduzierte, sondern sich dies Unbewusste als im Zusammenhang der evolutionsgeschichtlichen, demnach im Ergut verankerten Menschwerdung vorgestellt und erörtert hat, als ein kollektives Unbewusstes: Der Autor der Psychoanalyse entwirft in Totem und Tabu ein Modell des triebhaft sozialen Ur-Zusammenlebens, das er inhaltlich als Geschöpf des Kollektiven Unbewussten auffasst und zu Ehren des Urhebers der Evolutionstheorie die "Darwinsche Urhorde" nennt. Außerdem nahm er an, dass es erst die gewaltsame Abschaffung dieser primatischen Form des menscheneigenen Urzusammenlebens gewesen sei, die anstelle dessen bewusst eingeführte Monogamie, die bei den von diesem gut gemeinten Eingriff betroffenen Generationen zum Unbewusstwerden ihrer evolutionsgeschichtlichen Daseinsform und Ausbruch des neurotischen Leidens zugleich geführt habe - ein Phänomen, dessen symptomatische Auswirkungen er am Beispiel der "totemisierten" Völker untersucht und von diesen "Wilden" her fortgesetzt in den hyperzivilisierten Nationen der Moderne sieht.

Freud als Naturwissenschaftler war sich des Unterschiedes zwischen dem Dogmatismus der auf der totemischen Moral ankernden Religionen und der triebhaft wissbegierigen Umgangsweise eines Forschers mit seinen Mutmaßungen bewusst. In Die Zukunft einer Illusion dokumentiert er nicht nur die von ihm als bei weitem noch ungenügend empfundene Gewissheit bzgl. jener Annahmen (die Urhorde stellt neben dem 3-Instanzen-Modell der Seele das zweite sich aus der Libido generierende Fundament der Psychoanalyse dar), er fordert auch die Konsequenz: Diese Thesen sollen anhand künftiger Erkenntnisse der zuständigen Wissenschaftsgebiete sorgfältig überprüft werden, schauend, ob und ggf inwiefern sie sich nicht als fundiert bewähren. [23] Er spricht hierbei freilich nicht als Naturwissenschaftler, der es mit irgendeinem "Objekt" zu tun habe - er hat das sinnlose seelische Leiden der Opfer des Familienlebens (sein tiefes "Unbehagen") und die Verantwortlichkeit der seelisch-emotionell nachgereiften Menschen vor Augen, den Ausbruch desselben unter Einsatz aller ihnen zur Verfügung stehenden Mittel unterbinden zu müssen:

"Neue Generationen, liebevoll und zur Hochschätzung des Denkens erzogen, die frühzeitig die Wohltaten der Kultur erfahren haben, werden auch ein anderes Verhältnis zu ihr haben, sie als ihr eigenstes Besitztum empfinden, bereit sein, die Opfer an Arbeit und Triebbefriedigung für sie zu bringen, deren es zu ihrer Erhaltung bedarf. Sie werden den Zwang [der jetzigen, neurotisch machenden Erziehung] entbehren können [..] . Wenn es menschliche Massen von solcher Qualität bisher in keiner Kultur gegeben hat, so kommt es daher, daß keine Kultur noch die Einrichtungen getroffen hatte, um die Menschen in solcher Weise, und zwar von Kindheit an, zu beeinflussen." (Sig. Freud: Prolog zur Zukunft einer Illusion)

Adel verpflichtet. Es ist Pflicht, dem Gemeinsamen zu folgen.

Die primaten- und megalitharchäologischen Befunde der jüngeren Gegenwart, verbunden mit denen der Mythen- und Traumdeutung, ermöglichten es, die zwei Fundamente der Psychoanalyse fortzusetzen; wo und in Bezug auf welche ihre Einzelheiten sie der Wirklichkeit der zoo- und anthropolischen Forschungsgebiete - des Homo sapiens angemessener zu gestalten wären, beleuchtet der Analytiker Carlos Gutiérrez Sáenz in der Reihe seiner Schriften.

Unbewusstes und Bewusstsein: Willensfreiheit oder nicht?[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Neurowissenschaft ist man gegenüber dem Bestreben der freudschen Psychoanalyse, die der Innenwahrnehmung angehörenden Phänomene der Träume in Verbindung mit denen der außen umgebenden belebten Natur zu untersuchen, um in diesem ebenso individuellen wie kollektiv unbewussten Dunklen Kontinent all das an Kenntnisse zu entdecken, derer es bedarf, das Menschengeschlecht von seinem sinnlosen neurotischen Leiden zu heilen, in zwei oder drei Lager gespalten. Neurologen wie Crick und Mitchison etwa machen mit der Verbindung aus innerlich-äußerer Wahrnehmung einen kurzen Prozess - sie deuten die Träume physiologisch einfach als Ausdruck neuronaler Prozesse, in deren Verlauf unwichtige Informationen 'vom Gehirn' gelöscht würden; daher erübrige sich die psychologische Deutung der Träume.

Zur antithetischen Position pendeln Gerhard Roth und weitere, indem sie ein gewisses von ihnen bemerktes Phänomen einer entsprechenden Interpretation unterziehen. Konkret geht es um den Vergleich der durch die Kernspintomografie sichtbar gemachten Hirnaktivität mit den bewussten Denkinhalten der darüber während dieser Versuche befragten Probanden: Die Aktivität ihrer mit einer zu lösenden Aufgabe konfrontierten Gehirne gelangt an ein Maximum, ohne dass den Versuchskandidaten die Lösung hierbei schon bewusst geworden wäre; so scheinen z. B. auch die Entscheidungen längst vor dem Moment „gefällt“, ab dem die Probanden äußern könnten, dies willentlich bzw. bewusst 'selbst' getan zu haben. Dies Phänomen begünstigt so weit vorzüglich Freuds Postulat des Unbewussten und der Macht seiner unfehlbar-nie-irrenden Denkungsart (von der u.a. Sokrates im Zusammenhang seines berühmten Daimonions berichtet), es lieferte freilich auch den Stoff zu einer nächsten Geschichte - die in der abendländischen Philosophiegeschichte hochgehaltene "Freiheit des Willens" soll gestürzt werden. “Die Entthronung des Menschen als freies denkendes Wesen – das ist der Endpunkt, den wir erreichen”, so Roth triumphierend in einem Interview in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten. Auch der Kognitionspsychologe Wolfgang Prinz erachtet den freien Willen lediglich als Einbildung, deren Wert für Gott oder den Staat allerdings darin bestanden habe, das "Volk" mit dem Hinweis auf das Selbstverantwortungsvermögen des Menschen - dazu die ggf. drohenden Höllenstrafen im Jenseits wie auf Erden - vom moralisch sündhaften Tun abgehalten bzw. methaphysisch erpresst zu haben. Mit dem hinzustoßenden Wolf Singer, Direktor der Abteilung Neurophysiologie des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung, ist das Triumvirat, das sich der Demontage des “Mythos Willensfreiheit” verschrieben hat, komplett.

Nun, in Freuds Psychoanalyse ist man heute der Auffassung, dass sich das dem Bewusstsein zugeordnete Phänomen der Willensfreiheit beim Menschen vor allem in seinem neocortikalen "Frontallappen" konsolidiert, und zwar des Zweckes, die triebhaften Forderungen des Es 'aus dem Hirnstamm' - von wo her es des Lustprinzips wegen auf sofortiger Umsetzung seines jeweiligen Begehrens beharrt - nach eigenem Ermessen überall hin zu lenken, sogar gegen sich selbst zurück, sofern dies dem Ich-Bewusstsein erforderlich scheint für das Überleben. Die Mitglieder einer dem Verdurstungstode nahen Primatenhorde werden das ihn abwenden könnende Bedürfnis vollbewusst zu bezähmen wissen, wenn sie im letzten Tümpel weit und breit eine Schar hungriger Krokodile erblicken - wo nicht, kommt es zur naturgesetzlich selektiven Begünstigung jener Artgenossen, die ihnen z.B. in der die Einhaltung des Realitätsprinzips fördernden Größe des Neocortex mutativ etwas voraus haben. Dies gilt es also analytisch auseinander zu dividieren beim Versuch, die beiden Denkungsarten des Es und des Ichs: den unfehlbar immer und nur rechthabenden Wille und die Freiheit der bewusst gefällten Entscheidungen (wobei "Irren" können nicht lediglich menschlich ist) - zu beurteilen. (Vgl. Freud-Einstieg: Kapitel "Der Geisteskomplex", ab S. 24)

Komplementarität des "Lebens-" und "Todestriebs", Synthese & Analyse: die in sich unlustvoll aufgebaute Spannung des Bogens (bios) und sein die Spannung lustvoll entladendes Werk (thanatos). Hierbei wird das Phänomen rechts seinen Schwachpunkt treffend beseitigt; entnommen aus Freud-Einstieg

Als "Analyse" bezeichnet Freud seine unschätzbar wertvolle Methode, weil nicht zuletzt auch der Traum - in Vorbereitung auf die ihn verstehen wollende Deutung, in seine Teile (Symbole) zerlegt wird - eine Vorgehensweise, die bekanntlich die gängige darstellt in allen Wissenschaften beim Versuch, für beliebige ihrer Fragestellungen experimentell reproduzierbare Lösungen zu entdecken. Es geht also um Sachverhalte: symbolische Handlungen oder Phänomene, deren Zusammenhänge man ihrer Kompliziertheit wegen noch nicht durchschaut, so werden diese 'Komplexe' auseinandergenommen bzw. in zunehmend simplere Teile zerlegt, um es leichter zu haben, deren u.U. bereits elementaren Formen und Funktionen zu verstehen. Gelingt die Lösung des Rätsels, aus welchen funktional zusammenwirkenden Teilen z.B. ein Atom oder die Seele des Homo sapiens besteht, beinhaltet dieselbe, dass die zuvor untersuchten Einzelteile zu einem in sich ebenso widerspruchsfreien wie funktionalen Ganzen wiederzusammengefügt wurden, so wie es das Wort "Synthese" besagt. Analyse und Synthese bilden also das Gemeinsame (Wesen) am Grunde des problemlösenden Denkens, zwei komplementäre Seiten desselben, die trotz ihrer widereinander strebenden Verschiedenheit doch wechselseitig zusammen gehen, und zwar so, dass Freud in ihnen einen sich auf alles erstreckenden Antagonismus entdeckte: den die Synthese unlustvoll (noch) begehrenden Lebenstrieb (eros) mit dem des sie über die Analyse lustvoll erzielenden Todes (thanatos).

Freud war nicht der erste im Abendland, dem diese Entdeckung gelang; schon Heraklit dokumentiert in seiner Schrift die wie bei all seinen Aphorismen poetisch hochverdichtete Erkenntnis: "Des Bogens Name ist Leben (das 'synthetische' Zusammenklebenwollen, das Begehren), das von ihm verrichtete Werk der Tod (die 'analytische' Zerlegung)." Auch freilich:

"Wir sollen nicht leichthin urteilen über die größten Dinge."

Das Unbewusste bei Jung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die von Carl Gustav Jung begründete „analytische Psychologie“ scheint einige Parallelen aufzuweisen zu den Grundannahmen, Methoden und Zielen der freudschen Psychoanalyse. Beide Richtungen der Tiefenpsychologie suchen und versprechen, unbewusste Inhalte wieder bewusst zu machen; bei beiden soll der Traum und seine Deutung eine wesentliche Stiege hinab zur Erkundung des Unbewussten bieten. Gegenüber der nach Freud unersetzlichen Arbeit des Wiederbewusstmachens unbewusster Antriebe und Vorstellungen anhand eigener "Freier Assoziationen" über die Symbole der eigenen Träume, ist es nach Jung von zentraler Bedeutung, dem Ich in der Therapie (anhand Traumanalyse) die Herausbildung einer dialogischen Beziehung zum Unbewussten zu fördern, denn dadurch komme diese Instanz der menschlichen Seele wieder zum Tragen als schöpferische Quelle neuer wie uralter Möglichkeiten und Einsichten: "So wie bewußte Inhalte in das Unbewußte verschwinden können, so können auch Inhalte aus dem Unbewußten aufsteigen. Neben einer Mehrzahl von bloßen Erinnerungen können auch wirklich neue Gedanken und schöpferische Ideen zum Vorschein kommen, die nie zuvor bewußt waren. Sie wachsen aus den dunklen Tiefen wie ein Lotus und bilden einen wichtigen Teil der subliminalen Psyche."[24] So strebe das Unbewusste nach Bewusstwerdung, nach seiner und seines Trägers Selbstverwirklichung, ob im einzelnen Menschen oder der Menschheit: "Ein Symbol verschleiert nicht, es enthüllt zur rechten Zeit"; und es sei Aufgabe der Traumdeutung, dass "die Botschaft des Traumes, das heißt der unbewußte Beitrag zu der eigentlichen bewußten Situation, so genau wie möglich verstanden wird". Hierzu sei der persönliche wie auch der archetypische Kontext der Traumbilder zu untersuchen.[25]

Archetypen im kollektiven Unbewussten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Freud fordert seine Klienten auf zum Freien Assoziieren über die Symbole ihrer Träume, Jung zur Untersuchung der archetypischen Strukturen, die er in denselben erkannt habe. Ein Schwerpunkt in Jungs Theorie des Unbewussten besteht in der Annahme eines „Kollektiven Unbewussten“. Dies Konzept zeigt insofern eine Ähnlichkeit mit dem freudschen Verständnis des Unbewussten, als Freud im Zusammenhang der Bedürfnisse und Instinkte die evolutionsgemäße Menschwerdung erörtert. Das Unbewusste 'Es', dessen Triebe sich den einzelnen Menschen in ihren Träumen zeige, verankert sich nach Freud im Erbgut des Homo sapiens, so stellt es nicht lediglich eine Äußerung der Individuen dar (sofern gesund, unmittelbar sichtbar ausgelebt), sondern ist des ganzen Menschengeschlechts zu eigenen. Freuds Unbewusstes verkörpert ein Kollektiv, dessen Heranbildung den Gesetzmäßigkeiten der Belebten Natur unterliegt, so entwickelt es sich ebenso auf dem Wege der Evolution (phylogenetisch herauf aus dem ersten Einzeller zu derart komplexen, bewusstseinsmäßig hochstehenden Strukturen wie die Primatenhorde), wie auch ontogenetisch aus dem befruchten menschlichen 'Ei', in dem sich der Vorgang der evolutiven Superstrukturbildung zeitgerafft wiederholt, um wiederum eine primatenspezifische Gruppenlebensform aus sich zu generieren.

Das Kollektive Unbewusste, in Hinblick auf die Evolution seiner Grundstrukturen. Siehe Freud - Einstieg

Eine Parallele zwischen Freuds und seinem Begriff des kollektiven Unbewussten vermutet Jung u. a. anhand der von Freud des Öfteren in den Träumen entdeckten, dem archaischen Erbe zugeschriebenen "phallischen Symbole", insofern ihm das ebenfalls phallische Lingam-Symbol (entnommen aus den erotischen Traditionen des Fernen Ostens) als wichtiges Beleg zugunsten seiner These gewisser auffallender, ebenfalls als archetypisch bezeichneten Strukturen gilt.[26]

Die Urhorde vor ihrer Verdrängung ins kollektive Unbewusste. Rekonstruiert aus Befunden der Primaten- und megalitharchäologischen Forschung. Aus der Schrift "Glück und Leid"

Auf seine Weise nicht weniger dringend, wie Freud empfiehlt, die "archaische Erbschaft" der Triebe im Unbewussten des kollektiv neurotischen Gesellschaftsmenschen mit den Befunden der Primaten- und anthropologischen Wissenschaften zu vergleichen, um Gewissheit über ihre Herkunft, Struktur und Dynamik zu gewinnen, [27], sah Jung in seinem Verständnis des Begriffes Das kollektive Unbewusste eine Essenz von Erfahrungen, die die Menschheit während ihrer Evolution verinnerlicht habe - und die zugleich als strukturelle Basis jener seelischen Inhalte und Verhaltensmuster wirkten, die der heutige Mensch in sich entdecken und ausleben kann (Referenzen im Hauptartikel zum kollektiven Unbewussten). Daher vermutet Jung im Bewusstmachen von Inhalten des kollektiven Unbewussten auch einen für die Kulturschöpfung relevanten Prozess:

"Die symbolerzeugende Funktion unserer Träume stellt einen Versuch dar, unseren ursprünglichen Geist dem Bewußtsein zuzuführen, wo er nie zuvor gewesen ist und sich nie kritischer Selbstbetrachtung ausgesetzt hat. Man ist dieser Geist zwar gewesen, aber man hat ihn nie gekannt."[28]

Das kollektive Unbewusste nach Jung enthält als dominante Strukturen die von ihm 1919 beschriebenen Archetypen. Archetypen zeigen sich in typischen Urformen der Anschauung und des Erlebens wie auch in den demgemäßen Emotionen und sie sind übergreifend in allen Kulturen anzutreffen. Was ein Archetyp ist, sei aber nicht aus der Betrachtung isoliert stehender Symbole erkennbar, sondern lasse sich nur erschließen, indem man die Rituale, Mythen und künstlerischen Produktionen der verschiedensten Völker miteinander vergleicht: Auf diesem Wege werde bewusst, dass all diesem ein universales Muster zugrunde liegt, das bei allen Unterschieden zwischen den Völkern doch ihren gemeinsamen Nenner darstellt. Maßgeblich für diese Übereinstimmungen sei, dass die menschliche Persönlichkeitsstruktur selbst archetypische Grundlagen habe, also wiederum bedingt sei von typischen Mustern. Dieses zeige sich in verschiedenen Aspekten:

  • Animus und Anima (das Bild des Männlichen und Weiblichen, das sich u.a. in Der Verstand und Die Vernunft zeigt),
  • der Schatten (negative, sozial unerwünschte, unterdrückte Züge der Persönlichkeit),
  • der und die alte Weise als eine von vielen Symbolgruppen des "Selbst" als Ausdruck der Ganzheit und 'Mitte' der Psyche.

Archetypen sind eines jeden Individuums präexistente unbewusste Strukturgrundlagen der Psyche, welche für die Entwicklung der Persönlichkeit und ihrer Vorstellungen ebenso prägend seien wie die äußeren Einflüsse. Ein menschliches Bewusstsein taucht aus dem (kollektiven) Unbewussten auf und seine Subjektivität entsteht durch einen Prozess fortschreitender Integration unbewusster Inhalte zu seinem Bewusstsein und seiner Ich-Persönlichkeit, was Jung als Prozess der Individuation erachtet.[29]

Ein Begriff, zwei Bedeutungen: Kluft zwischen Jung und Freud[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jungs Konzeption des kollektiven Unbewussten weicht von der freudschen insofern erheblich ab, als dass Jung – während Freud das Evolutionsgeschichtlich- und Zoologische der Menschwerdung zu klären sucht – die Bedeutung des Begriffes "Das Unbewusste" vorwiegend mit Elementen verbindet, die die Menschheit in ihren Mythen und Religionen tradiert. Aufgrund dieser auffallenden Assimilation mythischer wie religiöser Begriffe durch seine Psychologie des Unbewussten hielt Jung es stets für notwendig, darauf hinzuweisen, dass er keine Aussagen religiöser Art zu treffen beabsichtige, sondern sich lediglich als Psychologe äußere.

  • Während Freud die Konstitution des Unbewussten (mit seinen angeborenen Bedürfnissen und Instinkten) beim erwachsenen Mitglied unserer Gesellschaftsform als ein aufgrund von Strafängsten an der Bewusstwerdung gehemmtes, phobisch gemiedenes zu begründen sucht (Trauma der Urverdrängung in der individuellen Kindheit) und der Annahme genetisch-evolutionär entstandener Triebhemmnisse ablehnend gegenüber steht,
  • sodass er ergänzend die wissenschaftliche Prüfung seiner Thesen bzgl. sowohl des artgerechten Zusammenlebens in der Urhorde wie auch dessen gewaltsame Abschaffung per "Einführung der Monogamie" fordert (die gemäß Totem und Tabu die Ursache der neurotischen Versittlichung der Menschheit im Totemismus darstellt),
  • ist bei Jung das kollektive Unbewusste der Menschheit geprägt durch Erfahrungen, die es im Kontext prähistorischer Ereignisse erwarb, und zwar geprägt insofern, als dass sich nach seiner Auffassung diese Erfahrungen im Erbgut niederschlugen – respektive einen phylogenetischen Charakter gewannen.

Auch in Bezug auf den Ödipuskomplex, bei dem Freud die Urszene des Mordes am Urvater der Urhorde durch seine Söhne und den problematischen Beginn deren monogamer Paarung mit ihren so eroberten Müttern erblickt, sieht C.G. Jung ein Brückenglied zwischen seiner und Freuds Auffassung des kollektiven Unbewussten. Freud vermutet hinter der Urszene in der Tat prähistorische Ereignisse verborgen und nahm außerdem an, dass es zu ihnen aufgrund jener Verhaltensweisen gekommen sei, die er in den Kontexten seiner Triebtheorie erörtert. Sie sind demnach zwar mitverursacht von den Trieben der Urmenschheit (des Es), jedoch nicht von diesen allein – wie manche fahrlässig mißverstehen – denn Freuds Triebtheorie impliziert – über die Ergänzung des dem Es eigenen Lust- mit dem Ich-spezifischen Realitätsprinzip – die Teilhabe des menschlich irren könnenden Denkvermögens an allem Tun, in diesem Kontext somit: am Zustandekommen der traumatischen 'Urszene'. Die hypothetische Vereinbarung der Söhne, den Frauenharem des von ihnen ermordeten Urvaters mittels der Monogamie gerecht unter sich zu verteilen, stellt eine reine Ich-Leistung dar, einen Vertrag, eine politische Absprache.

Annehmbar ist aus heutiger Sicht außerdem, dass es wiederholt zur Urszene der gewaltsamen Abschaffung des Urzusammenlebens in der Horde kam - auch, dass sich diese von den Urvölkern in verschiedenen Weltgegenden unabhängig voneinander initiierten, traumatischen Erfahrungen seither in den Mythen wie auch religiösen Riten der betroffenen Nachfahren niederschlugen. Alle patriarchatischen Völker tradieren den mythischen Bericht der monogamen Paarung eines Mannes mit einer Frau, in allen ist vom gleich darauf folgenden Ausbruch des Leidens auf Erde die Rede. So bei Adam und Eva, so beim von Lehm gemachten Tiermenschen Enkidu mit der Tempeldirne Schamkat und so auch bei Epimetheus’ Paarung mit der sprichwörtlich gewordenen Büchse Pandoras. Ebenfalls - gleich nach der Niederwerfung der "Sphinx" (eine politisch motivierte Chimäre) - bei Ödipus und seiner Mutter, ein aus der Polis Theben stammender Mythos, der vor 2500 Jahren von Aischylos zur Tragödie poetisiert wurde.

Nicht nur in den Mythen freilich hat sich nach Freuds Überlegungen die Urszene manifestiert (der neurotisch machende "Ur-Irrtum" der Abschaffung des primatenspezifischen Zusammenlebens in der Horde abgebildet), sondern auch in jenen neurotisch machenden, weil streng einen erheblichen Triebverzicht fordernden Verhaltensvorschriften, die in Menschheitsgeschichte zuerst in den Formen des 'polytheistischen' Totemismus auftraten, darauf von Religionsstiftern wie Mosis unter hohem Aufwandt des Intellekts monotheistisch zwangszentralisiert wurden und sich seither – über die Stufen des Priesterkönigtums und Feudalismus hinweg – zu den moral-totemischen Gesetzen im verfassungsrechtlichen Überbau der modernen Nationen konvertierten. Diese Sichtweise fasst Freud in seinem Werk Totem und Tabu zusammen, stark verdichtet im Untertitel, den das dem Buch trägt: "Einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der [modernen] Neurotiker"

Aus der Perspektive Freuds sind also nicht das "Unbewusste" bzw. die darin genetisch verankerten Triebe, Bedürfnisse und Instinkte die Ursache der neurotischen Strafängste vor sich selbst (vor ihren ebenso amoralisch- wie naturgesetzlichen Forderungen), sondern ist es der Triebverzicht - dem Kontext der der Monogamieeinführung prähistorisch entstammenden Moralerziehung den Kindern lange vor dem Erwachen ihres Intellekts auferlegt -, der in jeder persönlichen Biographie von neuem den Ausbruch des neurotischen Leidens bedingt. Es wirken daran traumatische Erfahrungen, die bei den Primitiven durch ihre brutalen "Pubertätsrituale" initiiert und in unserer Gesellschaftsform der fruhkindlichen Analphase durch die "Pädagogik" von Seiten der unmittelbar nächsten Bezugspersonen subtil oktroiert werden - ein Prozess ("Domestizierung"), der sich ins Über-Ich der Betroffenen prägt und von dort herab der wiederum nachfolgenden Generation verhängt wird. So wird die Generation der Opfer zu Tätern, die die nächste zu ihrem Opfer machen (»ewige Wiederkehr des Gleichen«)...

Dieselben Ereignisse mögen, seit Adam-Epimetheus' Paarung mit Eva-Pandora vor ca. 6000 Jahren, im Erbgut des Homo sapiens ihren Niederschlag als überindividuelle, phylogenetisch verankerte Konstanten gefunden haben - somit z. B. als Homophobie-, heteromanische Monogamiebildungs- Elternverehrungs- oder Gottesfurcht-Gene parallel zu den Mythen, Sagen, Märchen und Sitten von einer Generation zur nächsten 'transportiert' werden. Nur zieht ein Psychoanalytiker der freudschen Richtung aus dieser Option nicht den Schluss, dass solche vom Ur-Irrtum der Abschaffung des Urhordenlebens ur-szenariös 'traumatisierten Gene' vorrangig gegenüber jenen Strängen des DNA-Moleküls zu behandeln seien, die aus den Millionen Jahren der evolutionären Menschwerdung vor Einführung der Monogamie stammen. Freud fordert von der Wissenschaft die Prüfung seiner Hypothese bezüglich des traumatischen Ur-Irrtums der Menschheit, die Monogamie eingeführt zu haben, um eine kommende Generation seelisch gesund geborener Kinder vor den Schäden, an denen alle Familienmenschen leiden, zu bewahren, oder zumindest den Ursachen des sinnlosen neurotischen Leidens wissenschaftlich genauer auf die Spur zu kommen, und Analytiker wie Carlos Gutiérrez Sáenz kommen diesem Auftrag nach. Der oben wiedergegebene Standpunkt wurde u. a. seiner Schrift Auf der Suche nach dem Sinn entnommen.

Eine ebenfalls von dort stammende Ergänzung findet sich im Artikel „Das Kollektive Unbewusste“, siehe unter Evolution und Kulturen (geistige Leistungen).

C.G. Jung bezieht nun soweit erkennbar eine der Urszene - dem "Ur-Irrtum" zugeneigte Position; dieser hypothetische Hang vermag vielleicht zu erklären, warum sich die Wege der beiden Männer, die einst einander bewundernde Freunde waren, auf so tragische Weise trennten: Jung sieht in der Urszene des der monogamischen Paarung vorangegangenen Vatermordes etwas, dass sich wirksam und gesundheitsförderlich im Genom manifestiert habe, weshalb es - als so beschaffenes kollektiv Unbewusstes - vorrangig und unabhängig von den konkreten Ereignissen der individuellen Biographien zu betrachten sei. Im Gegensatz zu Freud umfasst der Begriff des Unbewussten bei Jung auch, wenn nicht überwiegend Inhalte nichttriebhafter Natur - Inhalte, die Freud nicht dem Unbewussten 'Es' zugeordnet hat (seinem Verständnis beider Begriffe), sondern dem vorbewussten 'Über-Ich' - Inhalte, für deren Herkunft aus dem Ur-Irrtum der Monogamieeinführung in letzter Instanz das Ich des Menschen verantwortlich ist. So ist es auch verantwortlich für dessen Beseitigung.

Das Unbewusste bei Sartre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jean-Paul Sartre hat als Philosoph des 20. Jahrhunderts und als Hauptvertreter des Existentialismus die freudsche Psychoanalyse in Frage gestellt. In seinem Hauptwerk, Das Sein und das Nichts, das als existentielle Psychoanalyse gesehen werden kann, kritisiert er die Erkenntnisse Freuds über das Unbewusste und bewertet sie als zumindest mangelhaft:

„Und woher ‚käme‘ denn das Bewusstsein, wenn es von irgend etwas ‚kommen‘ könnte? Aus den Dunkelzonen des Unbewussten? Wie können diese Dunkelzonen existieren und woraus gewinnen sie ihre Existenz? Wir können absolut nicht mehr verstehen, wie diese nicht-bewussten Gegebenheiten, die ihre Existenz nicht aus sich selbst gewinnen, fortbestehen und gleichzeitig nicht die Kraft finden, ein Bewusstsein hervorzubringen.“[30]

Für Sartre erstreckt sich das psychische Faktum deshalb vollständig auf das Bewusstsein:

„[…] Der grundlegende Entwurf [wird] vom Subjekt vollständig gelebt […] und [ist] als solcher total bewußt […]“, was aber nicht bedeute, so Sartre, „daß er von ihm zugleich erkannt werden muß, ganz im Gegenteil“[31]

Schließlich wird explizit auf den Unterschied zwischen Bewusstsein und Erkenntnis hingewiesen:

„Die Reflexion kann zwar, wie wir gesehen haben, als eine Quasi-Erkenntnis aufgefaßt werden. Aber was sie in jedem Augenblick erfaßt, ist nicht der reine Entwurf des Für-sich, wie er sich symbolisch – und oft in verschiedenen Weisen gleichzeitig – durch das von ihr wahrgenommene konkrete Verhalten ausdrückt: es ist das konkrete Verhalten selbst […].“[31]

Für das Unbewusste bleibt bei Sartre in seiner existentiellen Argumentation keine Lücke, insofern:

„[…]die Beziehung des Bewußtseins zum Körper [eine] existentielle Beziehung [ist] [und] […] das Bewußtsein seinen Körper nur als Bewußtsein existieren kann.“[32]

Die Entdeckung des Unbewussten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Hypnotische Séance“, Gemälde von Richard Bergh, 1887

Die historische und anthropologische Forschung zeigt, dass bereits in archaischen Gesellschaften Methoden (teilweise auch zur Behandlung psychischer Störungen) angewendet wurden, in denen Suggestion, also die Beeinflussung vor- oder unbewusster Prozesse, eine entscheidende Rolle spielt. Beispiele dafür sind etwa der Schamanismus, der Exorzismus, „Geistiges Heilen“ und religiöse Riten.

Gemeinsam ist diesen „magischen“ Behandlungsformen in der Regel die Annahme einer ‚unsichtbaren Welt‘ hinter der sichtbaren Alltagswelt, die als Quelle einer geheimen Kraft angesehen wird. Eine solche Annahme kann – in gewissem Sinne – als die früheste Form des später unter anderem von Freud angenommenen Unbewussten gelten. Den Zugang zu dieser – oft als lebensspendend betrachteten – Quelle wieder neu zu erschließen, erachteten die Heiler als maßgeblich für den Erfolg einer von ihnen durchgeführten Behandlung. Erst im 18. und 19. Jahrhundert entwickelte sich aus diesen Praktiken die erste systematische Beschäftigung mit dem Unbewussten:

  • Der deutsche Arzt Franz Anton Mesmer (1734–1815) war der Begründer der ersten „dynamischen Psychiatrie“ (ab 1775). Wie die Heiler der außereuropäischen Kulturen ging er von heilenden Kräften aus (magnetische Ströme, Fluidum, Rapport), die der Arzt im Patienten wieder anregen könne. Diese Kräfte nannte er – in Analogie zu den zeitgenössischen Entdeckungen auf dem Gebiet der Elektrizität – „tierischen Magnetismus“.
  • Sein Schüler, der französische Artillerieoffizier Marquis de Puységur (1751–1825), entwickelte Mesmers Behandlungsform weiter zur Verabreichung eines sogenannten „magnetischen Schlafes“ bzw. der „magnetischen Hypnose“.
  • Der deutsche Arzt und Naturphilosoph Carl Gustav Carus (1789–1869), ein Freund Goethes, veröffentlichte 1846 das Buch Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Dort entwickelte er die Bezeichnung des „Unbewußten“ sowie des „Unbewußtseins“, wobei er diese spiritualistisch-romantisch als „göttliche Natur“ deutete.
  • 1869 veröffentlichte Eduard von Hartmann (1842–1906) sein Buch über die Philosophie des Unbewussten, das zur Verbreitung und Popularisierung der Bezeichnung maßgeblich beitrug.
  • Der französische Neurologe Jean-Martin Charcot (1825–1893) untersuchte am Hôpital Salpêtrière in Paris die „traumatischen Lähmungen“ und erkannte mit Hilfe der Hypnose, dass ihnen keine organischen Störungen zugrunde liegen können: Unter hypnotischer Suggestion ließen sich die Lähmungen beheben. Sigmund Freud arbeitete 1885–1886 vier Monate an dieser berühmten französischen Klinik.
  • Der französische Philosophie­professor, Arzt und Psychotherapeut Pierre Janet (1859–1947) war der Gründer eines „neuen Systems der dynamischen Psychiatrie“ (ab 1900). Sein Werk wurde zu einer der Hauptquellen für Freud, Alfred Adler und C. G. Jung.
  • Als ersten starken Beleg für die Existenz des Unbewussten sah Sigmund Freud (1856–1939) den Umstand an, dass sich das Phänomen der hysterischen Lähmung, mit dem Charcot in Paris experimentiert hatte, bei vielen der Betroffenen anhand hypnotisch suggerierter Befehle zeitweilig beheben lässt, ohne dass die Probanden eine Erklärung hierfür abzugeben wüssten. Rein physiologisch bedingte Ursachen der Lähmung waren somit ausgeschlossen; es wirken Prozesses, die sich dem bewussten Denken nicht ohne weiteres mitteilen. Nach anfänglichen Experimenten mit der bei Charcot erlernten Hypnosetechnik distanzierte er sich davon, da die suggestive Behebung psychosomatischer Symptome nicht von Dauer ist, und gründete stattdessen seine eigene Schule, die „Psychoanalyse“. Deren Erfolge beruhen nach Freud zum einen auf der vernunftgemäßen Einsicht, die der Patient im Laufe der Behandlung über die Ursache seiner Erkrankung gewinnt, und zum anderen auf der Möglichkeit, das neurotische Verhalten anhand der Diagnose in therapeutisch wirksamer Weise aus eigener Kraft zu ändern. Freuds Schriften und Einsichten in die psychische Dynamik sowohl der Individuen als auch ganzer Kulturen haben unsere heutige Auffassung vom Menschen grundlegend geprägt. Zu großer Popularität gelangten vor allem die „freudschen Versprecher“, die Freud – neben weiteren Arten von Fehlleistungen – ebenfalls als gute Belege für die Existenz unbewusster Motive und Vorgänge erachtete.
  • Die von Alfred Adler (1870–1937) entwickelte „Individualpsychologie“ unterscheidet sich von der Psychoanalyse grundlegend durch ihre pragmatische Theorie mit der Betonung der Unteilbarkeit des Individuums und der teleologischen und sozialen Orientierung des Menschen. Mit Freud nahm Adler jedoch an, dass die frühkindlich erlebten Situationen den Lebensstil des Erwachsenen unbewusst beeinflussen. Adlers Lehre hat die Neopsychoanalyse stark mitgeprägt.
  • Die von Carl Gustav Jung (1875–1961) begründete „analytische Psychologie“ unterscheidet sich von Freuds Psychoanalyse vor allem durch die große Bedeutung, die Jung den archetypischen Dimensionen des Unbewussten beimisst. Hierbei können Prägungen durch frühere Bezugspersonen („Imago“), wie sie zum Beispiel persönliche "Mutter-" oder "Vaterkomplexe" darstellen, mit allgemeinen Vorstellungsstrukturen verknüpft sein, die keine individuellen Erwerbungen sind, sondern dem „kollektiven Unbewussten“ entstammen. Einen allgemeinen Beleg für die Annahme eines Unbewussten fand Jung in seinen Assoziationsexperimenten. Dabei rief er Probanden einige genau festgelegte Wörter zu. Die Probanden sollten so schnell wie möglich mit dem erstbesten Einfall antworten, der ihnen in den Sinn kam. Bei diesen Experimenten fiel Jung auf, dass immer einige der von ihm vorgegebenen Wörter probandenspezifisch zu auffälligen sprachlichen oder nonverbalen Reaktionen führten. Die Assoziationen zu manchen Wörtern wurden 'gestört', waren zu langsam oder enthielten Inhalte, die auf einen konflikthaften Zusammenhang schließen ließen. (Zum Beispiel: Arzt: „Wolke“ – Proband: „Luft“. Aber: Arzt: „Mutter“ – Proband sehr spät: „Friedhof“). Aus diesem Zusammenhang schloss Jung, dass es abseits des Bewusstseins unbewusste, oft konflikthafte Zusammenhänge gebe, die er als „Komplexe“ bezeichnete.
  • Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901–1981), der für die Entwicklung der Psychoanalyse in Frankreich eine zentrale Rolle spielte, widmete sich einer erneuten Lektüre der Schriften Freuds im Lichte der strukturalistischen Methode. Lacan betonte, auch vor dem Hintergrund der freudschen Theorie der Fehlleistung und des Witzes, dass das Unbewusste „wie eine Sprache“ strukturiert sei. Die Arbeit des Unbewussten erfolge nach linguistischen Gesetzen wie Metapher und Metonymie, Ersetzung und Verschiebung. Die entsprechenden Elemente des psychischen Geschehens nannte er Signifikanten, jedoch spiele neben dem sprachähnlich strukturierten Feld des Symbolischen auch das Imaginäre und das Reale eine zentrale Rolle im psychischen Apparat. Die eigentliche Strukturierungsleistung, und auch die psychoanalytische Kur, vollziehe sich aber auf dem Feld des Sprechens. Lacans Weiterentwicklung war vor allem für den Poststrukturalismus von prägender Bedeutung.

Das Unbewusste in der heutigen Tiefenpsychologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Freuds Grundannahme, dass durch automatische, zumeist unbewusste Abwehrmechanismen Gedanken oder Impulse, die Angst auslösen, aus dem Bewusstsein verdrängt werden, und unbewusst weiter wirken und sich als Krankheitssymptome ausdrücken können, wird von allen tiefenpsychologischen Schulrichtungen vertreten. Auch das freudsche Strukturmodell der Psyche mit der Annahme von Ich, Es und Über-Ich als unterschiedliche Persönlichkeitsanteile ist aktuell. Freuds Theorien sind immer wieder bezweifelt und grundsätzlich infrage gestellt, modifiziert, erweitert und bestätigt worden.

Somatische Aspekte des Unbewussten erkannte und studierte Freud seinerzeit noch weniger als die offensichtlicher zurückführbaren Kopplungen an Charakter und Verhalten. Die heutige psychosomatische Medizin geht davon aus, dass aus dem Bewusstsein verdrängte Inhalte sich in körperlichen und psychischen Krankheitssymptomen ausdrücken können. In der Körperpsychotherapie wird angenommen, dass sich das Unbewusste körperlich auswirken könne und dass körperliche Beeinflussung somatischer Symptome die Gegenenden der sensorischen Nerven direkt beeinflussen könne. Ein Beispiel für die Anwendung dieser Grundannahme ist die Fußreflexzonentheorie. Alfred Adler beschritt hier den umgekehrten Weg, indem er Zusammenhänge zwischen physischen Defekten und daraus gegebenenfalls resultierenden psychischen Komplexen als Folge einer Überkompensation der körperlichen Schwächen vorstellte. Der Umkehrschluss, dass quasi Gedanken Körper heilen könnten, findet sich in Fachartikeln der pharmazeutischen Wissenschaften als ungültig belegt.

Stark gewandelt haben sich die Annahmen über die Inhalte des Unbewussten in den psychodynamischen Theorien. Die Verdrängung sexueller Impulse hat heute lange nicht mehr die Bedeutung wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie beeinflusst sich unter Rückkopplung von gesellschaftlichen Entwicklungen (wie der versuchten Enttabuisierung der Sexualität) und auch ihrer nachfolgenden Gegenbewegungen. Die psychodynamischen Theorien haben ihre stärksten Erweiterungen durch Forschungen in der Entwicklungspsychologie und durch die Psychotraumatologie erfahren. Heute arbeitet die Psychoanalyse nach wie vor mit einem Mehrpersonen-Modell der psychischen Entwicklung.

Empirische Forschungen an Säuglingen und Kleinkindern und ihren Interaktionen mit den Müttern legten nahe, dass sich in frühen Bindungserfahrungen ein Selbstbild entwickelt, das aus einer Verbindung sensorischer Erinnerungen mit körperlichen und emotionalen Erlebnissen entsteht. Solche sensorischen Erinnerungen sind später vom kognitiven Bewusstsein kaum zugänglich und beeinflussen gerade deshalb Erleben und Verhalten.

Die Entwicklungspsychologie führte dazu, dass freudsche Annahmen verdrängter Triebimpulse durch neue Annahmen ersetzt werden sollten oder mit Bezeichnungen ergänzt wurden, welche der Verdrängung schmerzhafter Täuschungen, etwa eines misslungenen Strebens nach Bedürfnisbefriedigung (als bildendem lernstrategischem Fehlschlag), größere Bedeutung beimessen. Dem Feststellen der Auswirkung einseitiger Erziehungsweise oder einer Überforderung durch die Eltern maß Freud seinerzeit noch weniger Aufwand an analytischer Aufarbeitung bei.

Die Psychotraumatologie geht davon aus, dass verdrängte traumatische Geschehnisse eine dramatische Auswirkung auf Selbstbild und Weltbild haben können. Frühkindliche traumatische Erlebnisse können demzufolge in einem der traumatischen Situation ähnlichen Augenblick, Panik und Hilflosigkeit auslösen.

Die Bezeichnung „unbewusst“ wird auch in der psychologischen Generations­forschung verwendet. Hier bedeutet sie ein verdecktes, meist einschneidendes und traumatisches Erlebnis, das durch unterschwellige Verhaltensbeeinflussung generationsübergreifend weitergegeben werden kann, ohne dass das Ereignis selbst allgemein offen thematisiert wird. Dies kann von einzelnen Familien bis hin zu globalen Gemeinschaften jede Größenordnung sozialer Strukturen betreffen. Die durch verdrängte Gedanken und Erfahrungen hervorgebrachten Affekte kontemplatieren wo möglich genetisch prädispositionierte Strategien der unbedingten Bedürfnisbefriedigung (Instinkt) – in Ausnahmefällen bis zur pathologischen völligen Überlagerung des Instinkts durch den kulturell übertragenen Komplex ("Erbsünde"). Die Memetik geht davon aus, dass dies auch zwischen nicht verwandten Individuen möglich sei. Dies begründet ein von dem rein pathologisierenden Ansatz absehendes Theorem der faktisch metaphysischen Kommunikation.

Das Unbewusste in der Kognitionspsychologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch die Kognitionspsychologie verwendet die Bezeichnung unbewusst: „Viele kognitive Psychologen bestätigen inzwischen Freuds Ansicht, wonach ein großer Teil des menschlichen Verhaltens durch unbewusste Prozesse determiniert wird“[33]. Allerdings nehmen die meisten Kognitionspsychologen lediglich an, dass uns viele kognitive Prozesse oder Wahrnehmungen nicht bewusst sind. Die freudsche Konzeption eines Es als Instanz für verdrängte Triebe und Bedürfnisse lehnen sie in der Regel genauso ab, wie das schon in der Gestaltpsychologie der Fall war.[34]

Das Unbewusste in der Neurowissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die wissenschaftliche Diskussion über das Unbewusste wurde in den letzten beiden Jahrzehnten vor allem von den empirischen neurowissenschaftlichen Studien von Antonio Damasio[35] sowie durch neurobiologische Forschungsergebnisse, die durch die neuen bildgebenden Verfahren in der Hirnforschung möglich wurden, wiederbelebt. Dabei erfahren die tiefenpsychologischen Annahmen über die Bedeutung unbewusster Prozesse für das menschliche Erleben und Verhalten eine starke Aufwertung.[36]

Der von Freud ursprünglich angestrebte biologische Zugang zum Unbewussten wird jetzt durch die bildgebenden Verfahren möglich. So formulieren führende Neurowissenschaftler in einem gemeinsamen Manifest: „Wir haben herausgefunden, dass im menschlichen Gehirn neuronale Prozesse und bewusst erlebte geistig-psychische Zustände aufs Engste miteinander zusammenhängen und unbewusste Prozesse bewussten in bestimmter Weise vorausgehen.“[37]

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff „unbewusst“ wurde schriftlich nachweisbar zuerst von Goethe 1777 in der älteren Version des Gedichts An den Mond gebraucht. Wahrscheinlich war er aber schon vorher im mündlichen Sprachgebrauch vorhanden.

  • Carl Gustav Jung: Archetypen dtv 1993.: „Ob ich nun an einen Dämon des Luftreichs glaube oder an einen Faktor im Unbewussten, welcher mir einen teuflischen Streich spielt, ist völlig irrelevant. Die Tatsache, dass der Mensch von fremden Mächten in seiner eingebildeten Einheitlichkeit bedroht ist, bleibt nach wie vor dieselbe.“
  • Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. Erste Abteilung, III. Programm, §11-13: „Wenn man die Kühnheit hat, über das Unbewusste und Unergründliche zu sprechen: so kann man nur dessen Dasein, nicht dessen Tiefe bestimmen wollen.“
  • Jean Paul, ebd.: „Das Mächtigste im Dichter, welches seinen Werken die gute und die böse Seele einbläset, ist gerade das Unbewusste.“

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Antonio R. Damasio: Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins. München: List 2000, ISBN 3-548-60164-2.
  • Elf führende Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung. In: Gehirn & Geist, 6/2004.
  • Henri F. Ellenberger: Die Entdeckung des Unbewussten. Bern: Huber 1973, ISBN 3-456-30577-X, Neuauflage: Zürich: Diogenes 2005, ISBN 3-257-06503-5.
  • Sigmund Freud: Studienausgabe, 10 Bände, Frankfurt am Main: Fischer 1975 ff., darin u. a.: Bd. III: Psychologie des Unbewußten, ISBN 3-10-822723-8.
  • Carl Gustav Jung: Die Beziehung zwischen dem Ich und dem Unbewußten (1928) sowie: Über die Psychologie des Unbewußten (1943), beide in: Gesammelte Werke, Bd. 7: Zwei Schriften über Analytische Psychologie, Olten/Freiburg: Walter 1995, ISBN 3-530-40082-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. In Deutschland wird wie in den meisten europäischen Staaten zur Klassifikation und Diagnostik psychischer Störungen die sogenannte ICD der WHO herangezogen. Angst wird oft als ein bewusster „Affekt“ verstanden. Da er aber im Falle der Neurose oft (noch) nicht bewusst ist, werden neurotische Angststörungen, Panik­attacken und auch phobische Störungen in der ICD-10 nicht in der Rubrik F3 (Affektive Störungen), sondern im Kapitel F4 (Neurotische-, Belastungs- und somatoforme Störungen) kodiert.
  2. Projekt Gutenberg: Platon, Der Staat. Im Hauptteil dieses Dialoges, dessen Titel von den Philologen (nach dem Tode des Autoren) etwas irreführend gewählt wurde, geht Platon davon aus, dass die „politischen“ Einrichtungen lediglich der optischen Vergrößerung dienen - als Mittel zum Zweck, sich die Winzigkeit der innerseelischen Verhältnisse eines Menschen und seiner zwischenmenschlichen Beziehungen deutlich sichtbarer vor Augen zu führen - respektive überhaupt diskutierbar zu machen.
  3. In Platons Dialog Theaitetos vergleicht Sokrates seine Vorgehensweise mit der Berufstätigkeit seiner Mutter, einer Hebamme. Er helfe den Seelen bei der Geburt ihrer Einsichten wie die Hebamme den Frauen bei der Geburt ihrer Kinder. 148e–151d. Vgl. auch 161e, wo die Bezeichnung maieutike techne verwendet wird.
  4. Freud, Über neurotische Krankheitsformen (1912): "Der nächstliegende, am leichtesten auffindbare und am besten verständliche Anlaß zur neurotischen Erkrankung liegt in jenem äußeren Moment vor, welches allgemein als die Versagung beschrieben werden kann. Das Individuum war gesund, solange seine Liebesbedürftigkeit durch ein reales Objekt der Außenwelt befriedigt wurde; es wird neurotisch, sobald ihm dieses Objekt entzogen wird, ohne daß sich ein Ersatz dafür findet. Glück fällt hier mit Gesundheit, Unglück mit Neurose zusammen. Die Heilung fällt dem Schicksal, welches für die verlorene Befriedigungsmöglichkeit einen Ersatz schenken kann, leichter als dem Arzte. Für diesen Typus, an dem wohl die Mehrzahl der Menschen Anteil hat, beginnt die Erkrankungsmöglichkeit also erst mit der Abstinenz, woraus man ermessen kann, wie bedeutungsvoll die kulturellen Einschränkungen der zugänglichen Befriedigung für die Veranlassung der Neurosen sein mögen."
  5. Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse - Kapitel 4:"Wir meinen also, daß die Sprache mit dem Wort »Liebe« in seinen vielfältigen Anwendungen eine durchaus berechtigte Zusammenfassung geschaffen hat und daß wir nichts Besseres tun können, als dieselbe auch unseren wissenschaftlichen Erörterungen und Darstellungen zugrunde zu legen. Durch diesen Entschluß hat die Psychoanalyse einen Sturm von Entrüstung entfesselt, als ob sie sich einer frevelhaften Neuerung schuldig gemacht hätte. Und doch hat die Psychoanalyse mit dieser »erweiterten« Auffassung der Liebe nichts Originelles geschaffen. Der »Eros« des Philosophen Plato zeigt in seiner Herkunft, Leistung und Beziehung zur Geschlechtsliebe eine vollkommene Deckung mit der Liebeskraft, der Libido der Psychoanalyse, wie Nachmansohn und Pfister im Einzelnen dargelegt haben,(...)"
  6. Dass die Geschöpfe des Kollektiven Unbewussten in seelisch erkrankten Gesellschaftsformen auf einen von schweren Widerständen begleitet gehenden "Abwehrmechanismus" stoßen, der den Erlösern in früheren Zeiten "gute Gelegenheit verschaffte, sich einen Kopf kürzer machen zu lassen" (Freud) und ihren Mördern gegenüber verständnisvoll abzudanken ("denn sie wissen nicht was sie tun"), bräuchte hier nicht extra angeführt werden, es ist aber interessant zu wissen, dass gleich wie Platon im Höhlengleichnis, der Urheber der Psychoanalyse dies Thema im Pathologieabteil seiner "Massenpsychologie" zur Diskussion stellte:
    "Wenn diese Intoleranz sich heute nicht mehr so gewalttätig und grausam kundgibt wie in früheren Jahrhunderten, so wird man daraus kaum auf eine Milderung in den Sitten der Menschen schließen dürfen. Weit eher ist die Ursache davon in der unleugbaren Abschwächung der religiösen Gefühle und der von ihnen abhängigen libidinösen Bindungen zu suchen. Wenn eine andere Massenbindung an die Stelle der religiösen tritt, wie es jetzt der sozialistischen zu gelingen scheint, so wird sich dieselbe Intoleranz gegen die Außenstehenden ergeben wie im Zeitalter der Religionskämpfe, und wenn die Differenzen wissenschaftlicher Anschauungen je eine ähnliche Bedeutung für die Massen gewinnen könnten, würde sich dasselbe Resultat auch für diese Motivierung wiederholen" (s. Massenpsychologie und Ich-Analyse).
  7. Rudolf Eisler:Wörterbuch der philosophischen Begriffe, 2. Auflage, Berlin 1904
  8. Freud, "Das Ich und das Es", S. 294: " Die im Es existierenden Empfindungen werden vom Ich als Lust- und Unlustempfindungen wahrgenommen und bewusst. Das Ich ist bestrebt, dem Es gegenüber die Außenwelt zur Geltung zu bringen und das Realitätsprinzip an die Stelle des Lustprinzips zu setzen. Dabei ist entscheidend, dass es den Zugang zu den Muskelbewegungen kontrolliert. Das Es ist jedoch stärker als das Ich; das Ich pflegt „den Willen des Es in Handlung umzusetzen, als ob es der eigene wäre.“ "
  9. „Man ist sich darüber einig, daß sich das Ich der Abwehrmechanismen bedient, aber die theoretische Frage bleibt offen, ob ihre Verwendung immer die Existenz eines organisierten Ichs als Basis voraussetzt.“ Abwehrmechanismen. In: Jean Laplanche, Jean-Bertrand Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. 6. Auflage. Band 1, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, S. 30 ff.
  10. Vgl. hierzu und dem Folgenden: Urverdrängung und Verdrängung. In: Jean Laplanche, Jean-Bertrand Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse (= Suhrkamp-Taschenbuch. Wissenschaft. Bd. 7, 1). Band 1. 6. Druck. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-518-27607-7, S. 578 ff. bzw., S. 582 ff.
  11. Sigmund Freud: Die Traumdeutung. Franz Deuticke: Leipzig und Wien 1939, S. 415
  12. Die Theorie der Fehlleistungen - die normalerweise sittlich Anstößiges zum Vorschein bringen - entwickelte Freud in seiner Abhandlung Zur Psychopathologie des Alltagslebens aus dem Jahr 1901.
  13. Sigmund Freud, Jenseits des Lustprinzips: Kapitel Wiederholungszwang und Übertragungsneurosen
  14. Sigmund Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse: "Ich weiß mich (...) an eine dumpfe Gegnerschaft gegen diese Tyrannei der Suggestion zu erinnern. Wenn ein Kranker, der sich nicht gefügig zeigte, angeschrieen wurde: »Was tun Sie denn? Vous vous contre-suggestionnez!« so sagte ich mir, das sei offenbares Unrecht und Gewalttat. Der Mann habe zu Gegensuggestionen gewiß ein Recht, wenn man ihn mit Suggestionen zu unterwerfen versuche."
  15. Siehe Freuds Metapsychologie "Das Ich und das Es" (1923)
  16. Die Absurdität dieses Aberglaubens verführte Freud übrigens nicht, "Gott" einfach für tot bzw. zur gegenstandslosen Einbildung zu erklären, wie es manche der vom "Wille zur Macht" beseelten Zeitgenossen machen. Statt dessen entdeckte er hinter dem religiösen Glauben einen neurotischen Wiederholungszwang, der aus der frühkindlich traumatischen Beziehung des Kindes zu seines es der "Moral" unterwerfenden Eltern entstammt, die es für sein sündig-triebhaftes Verhalten real böse strafen und für sein artiges Gehorsam mit illusorisch guter Liebe bemuttern. Diese "Erfahrung" nistet sich ins Über-Ich ein und wird vom Ich mittels des unbewussten Vorgangs der "Übertragung" auf die metaphysische Sphäre seines Vorstellungsweltalls projiziert. So kommt, dass in dieser himmlischen Wohngemeinschaft die toten frommen Seelen mit ihrem genauso Lieben masochistischen Gott ein scheinbares Eigenleben führen, so wie auch unten in der "Hölle" des Tiefen Unbewussten die nach dort gewaltsam verdrängten Triebe mit den 'bösen' Dämonen und Teufeln, die in Wirklichkeit nur die sadistische Kehrseite desselben darstellen: das ins Über-Ich eingeprägte Konstrukt der monogamen "Familie"; das Syndrom des Sado-Masochismus, auch narzisstische Hass-Liebe genannt.
  17. Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips, 1. Kapitel: „In der psychoanalytischen Theorie nehmen wir unbedenklich an, daß der Ablauf der seelischen Vorgänge automatisch durch das Lustprinzip reguliert wird, das heißt, wir glauben, daß er jedesmal durch eine unlustvolle Spannung angeregt wird und dann eine solche Richtung einschlägt, daß sein Endergebnis mit einer Herabsetzung dieser Spannung, also mit einer Vermeidung von Unlust oder Erzeugung von Lust zusammenfällt. Wenn wir die von uns studierten seelischen Prozesse mit Rücksicht auf diesen Ablauf betrachten, führen wir den ökonomischen Gesichtspunkt in unsere Arbeit ein. Wir meinen, eine Darstellung, die neben dem topischen und dem dynamischen Moment noch dies ökonomische zu würdigen versuche, sei die vollständigste, die wir uns derzeit vorstellen können, und verdiene es, durch den Namen einer metapsychologischen hervorgehoben zu werden.“
  18. Peter Gay: Freud – Eine Biographie für unsere Zeit. Fischer, 2006, ISBN 3-596-17170-9, S. 55.
  19. Ernest Jones: Sigmund Freud Leben und Werk. Band 1, dtv 1984, ISBN 3-423-04426-8, S. 110–111.
  20. Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips. Studienausgabe, Bd. III, Fischer Verlag, Sonderausgabe, Frankfurt, 2000, S. 229: „Um diesen ‚Wiederholungszwang‘, der sich während der psychoanalytischen Behandlung der Neurotiker äußert, begreiflicher zu finden, muß man sich vor allem von dem Irrtum frei machen, man habe es bei der Bekämpfung der Widerstände mit dem Widerstand des ‚Unbewußten‘ zu tun.“
  21. Rupert Lay: Vom Sinn des Lebens, S. 212.
  22. Carlos Gutiérrez Sáenz: Freud -Einstieg, S. 24.
  23. Sigmund Freud, Die Zukunft einer Illusion, abschließendes Plädoye: "Die vom Druck der religiösen Lehre befreite Erziehung wird vielleicht nicht viel am psychologischen Wesen des Menschen ändern, unser Gott [logos] ist vielleicht nicht sehr allmächtig, kann nur einen kleinen Teil von dem erfüllen, was seine Vorgänger versprochen haben. Wenn wir es einsehen müssen, werden wir es in Ergebung hinnehmen. Das Interesse an Welt und Leben werden wir darum nicht verlieren, denn wir haben an einer Stelle einen sicheren Anhalt, der [den Befürwortern der moral-totemischen Sittlichkeit unserer Gesellschaft] fehlt. Wir glauben daran, daß es der wissenschaftlichen Arbeit möglich ist, etwas über die Realität der Welt zu erfahren, wodurch wir unsere Macht steigern und wonach wir unser Leben einrichten können. Wenn dieser Glaube eine Illusion ist, dann sind wir in derselben Lage wie [jene], aber die Wissenschaft hat uns durch zahlreiche und bedeutsame Erfolge den Beweis erbracht, daß sie keine Illusion ist. Sie hat viele offene und noch mehr verkappte Feinde unter denen, die ihr nicht verzeihen können, daß sie den religiösen Glauben entkräftet hat und ihn zu stürzen droht. Man wirft ihr vor, wie wenig sie uns gelehrt und wie unvergleichlich mehr sie im Dunkel gelassen hat. Aber dabei vergißt man, wie jung sie ist, wie beschwerlich ihre Anfänge waren und wie verschwindend klein der Zeitraum, seitdem der menschliche Intellekt für ihre Aufgaben erstarkt ist. Fehlen wir nicht allein darin, daß wir unseren Urteilen zu kurze Zeiträume zugrunde legen? Wir sollten uns an den Geologen ein Beispiel nehmen. Man beklagt sich über die Unsicherheit der Wissenschaft, daß sie heute als Gesetz verkündet, was die nächste Generation als Irrtum erkennt und durch ein neues Gesetz von ebenso kurzer Geltungsdauer ablöst. Aber das ist ungerecht und zum Teil unwahr. Die Wandlungen der wissenschaftlichen Meinungen sind Entwicklung, Fortschritt und nicht Umsturz."
  24. Carl Gustav Jung, GW 18/1: § 449 (Übersetzung aus englischem Original).
  25. Carl Gustav Jung, GW 18/1: § 483; vgl. ebd.: 585–590 (Übersetzung aus dem englischen Original).
  26. Zu phallischen Symbolen des "Sohn-Geliebten" siehe z. B. Jung GW 9/1, § 193 (Hermes, Bes, Lingam); zur Symbolik weiblich-männlicher Zwei-Einheit GW 5: § 306(-332) (Rama-Sita, Shiva-Parvati, Lingam-Becken u. a.).
  27. Sigmund Freud, Die Zukunft einer Illusion, auch in GW 17, S. 89. Ursprünglich 1938 publiziert in "von Traum und Traumdeutung".
  28. Carl Gustav Jung, GW 18/1: § 591 (Übersetzung aus dem englischen Original).
  29. Elisabeth Roudinesco und Michel Plon: Jung, Carl Gustav in: Dictionnaire de la Psychanalyse, 1997. Aus dem Französischen von Christoph Eissing-Christophersen u. a. Wörterbuch der Psychoanalyse. Springer Wien, 2004, S. 510–515, ISBN 3-211-83748-5 – Zu Primärquellen siehe den Artikel "Archetyp (Psychologie)".
  30. Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts, Kapitel 1
  31. a b Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 978
  32. Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 583
  33. Gerald C. Davison/John M. Neale/Martin Hautzinger: Klinische Psychologie, Weinheim: Belz 2002 (6., vollst. überarb. Auflage), ISBN 3-621-27458-8, S. 205 f.
  34. Vgl. dazu G. Stemberger (2014), Die Gestalttheorie und das Unbewusste, siehe Weblinks.
  35. Antonio R. Damasio: Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins, München: List 2000, ISBN 3-548-60164-2
  36. Vgl. Christian Gottwald, in: Gustl Marlock/Halko Weiss: Handbuch der Körperpsychotherapie, Schattauer Verlag 2006, S. 119 ff.
  37. Elf führende Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung“, in: Gehirn & Geist, 6/2004.