Findelkind

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Findelkind (teilweise auch Fundkind oder Findling) ist eine Bezeichnung für ein aufgefundenes Kind, das zuvor von den Eltern (meistens der Mutter) ausgesetzt wurde. Diese Kinder im Säuglingsalter werden oft mit der Hoffnung zurückgelassen, dass sie jemand findet und aufnimmt. Seit dem Zeitalter der Aufklärung werden auch jene Kinder als Findelkinder bezeichnet, die von ihren Eltern in einer Anstalt (Findelhaus) abgegeben werden, deren Zweck das Aufnehmen ausgesetzter Kinder ist.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historische Drehlade (Ruota degli innocenti) in Santo Spirito in Sassia in Rom

Bereits in der Antike war die Kindesaussetzung verbreitet. Den Rechtstatus der Findelkinder, so sie nicht tot aufgefunden wurden und (wie Galen berichtete) zu anatomischen Studien seziert wurden, regelten im römischen Reich gesetzliche Bestimmungen.[2] Findelhäuser für Säuglinge und Kleinkinder, später abgelöst durch Waisenhäuser, waren meist kirchliche Einrichtungen und sind in Mittel- und Westeuropa etwa seit dem 9. Jahrhundert belegt. Sie verbreiteten sich besonders in den romanischen Ländern und bestanden zum Teil bis in die neueste Zeit. Papst Innozenz III. verfügte Ende des 12. Jahrhunderts, Drehladen an den Pforten der Findelhäuser anzubringen, diese Babyklappen ermöglichen eine geheime Ablage der Findelkinder. Die Verbreitung des Familiennamens Esposito (Italienisch für Ausgesetzt) im Süden Italiens bezeugt noch heute den hohen Anteil solcher Kinder an der Bevölkerung. Findelkinder hatten oft keinerlei Rechte, wurden in die Sklaverei verkauft, als Knechte auf Bauernhöfen gehalten oder in Klöster gegeben.

Ein frühes Beispiel eines Waisenhauses, in dem Waisen- und Findelkinder aufgenommen wurden, ist das Ospedale degli esposti für Jungen, das 1340 in Venedig von dem Franziskaner Pietro d'Assisi gegründet wurde.[3] 1346 folgte das auf Initiative von weiblichen Angehörigen des venezianisches Patriziats gegründete Ospedale della Pietà für Mädchen.[4] Die Kinder wurden dort in verschiedenen Berufen ausgebildet, die Jungen vor allem als Handwerker für das Arsenal oder als Matrosen, die Mädchen als Seidenwäscherinnen oder Musikerinnen, die sich durch ihre Arbeit eine Mitgift ansparen konnten. In der frühen Neuzeit entstanden ab 1700 viele derartige Armen- und Waisenhäuser, in denen Waisen und Findelkinder aufgenommen wurden und Unterstützung fanden. Teilweise kümmerten sich auch reiche Kaufleute und Handelsherren um die Kinder, indem sie wohltätige Stiftungen unterhielten.

Der Code civil regelt in den Paragraphen 345–388 die Rechtstellung von Minderjährigen und Fragen der Adoption von Findel- bzw. Pflegekindern.[5] In der Folge orientierte sich die Rechtsetzung in einigen europäischen Ländern an den Formulierungen durch Napoleon.

Heutige Situation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Findelkinder werden heute in Kinderheime aufgenommen oder bevorzugt zu Pflegeeltern gegeben, da in Kinderheimen die ständig wechselnde Betreuung der Kinder durch verschiedene Personen problematisch ist. Dadurch kann sich das Urvertrauen der Kinder nicht richtig entwickeln oder es wird frühzeitig wieder zerstört. Solche Kinder haben kaum Hör- und Blickkontakte, weder zu anderen Kindern noch zu Erwachsenen, und lernen viel später laufen und sprechen. Bei fortgesetzter seelischer Vernachlässigung kann es zu psychischem Hospitalismus (Deprivation) kommen.

Rechtliches (Deutschland)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Findelkinder sind vom Finder spätestens am folgenden Tag der Gemeindebehörde (in der Regel über das Jugendamt) anzuzeigen (§ 24 Personenstandsgesetz (PStG)). Dort wird dann der Eintrag ins Standesregister, die Bestimmung des Geburtstages und des Namens verfügt.

Aus rechtlicher Sicht ist ein Findelkind ein Kind, dessen Familienstand nicht zu ermitteln ist und das daher einen Vormund benötigt (§ 1773 Abs. 2 Bürgerliches Gesetzbuch (BGB)). Die Vormundschaft regelt sich nach §§ 1773 ff BGB, ähnlich den Bestimmungen für Waisenkinder. Der Vormund, in der Praxis meist das Jugendamt als Amtsvormund (§ 1791b BGB), hat das Recht, dem Kinde einen Namen zu geben und unter anderem die Pflicht, die Eltern zu ermitteln.

Bei erfolgloser Suche erfolgt in der Regel schnell eine Adoption des Kindes. Selbst wenn Elternteile gefunden werden, ist eine Adoption wegen der Aussetzung des Kindes (siehe § 221 Strafgesetzbuch (StGB) sowie Verletzung der Erziehungs- und Fürsorgepflicht gemäß § 171 StGB) auch gegen den Willen der Eltern möglich (Ersetzung der elterlichen Einwilligung durch das Familiengericht gemäß § 1748 BGB).

Ein in Deutschland aufgefundenes Findelkind gilt bis zum Beweis des Gegenteils als Kind eines Deutschen (§ 4 Abs. 2 Staatsangehörigkeitsgesetz (StAG)) und erhält somit die deutsche Staatsangehörigkeit.

Bekannte Findelkinder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johann Gottfried Gruber: Findelhäuser. In: Johann Samuel Ersch, Johann Gottfried Gruber (Hrsg.): Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste in alphabetischer Folge. Section 1 Theil 44. Brockhaus, Leipzig 1846, S. 233–245 (GDZ; GDZ).
  • Joachim Stahnke: Skizzen zur Geschichte des Russischen Findelhauswesens. Erläutert am St. Petersburger Erziehungshaus. Königshausen & Neumann, Würzburg 1983 (Würzburger medizinhistorische Forschungen. 28).
  • Markus Meumann: Findelkinder, Waisenhäuser, Kindsmord. Unversorgte Kinder in der frühzeitlichen Neuzeit. München: Oldenburg 1995.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Findelkind – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Findelkind – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Verena Pawlowsky: Das „Aussetzen überlästiger und nachtheiliger Kinder“. Die Wiener Findelanstalt 1784–1910. In: Österreichische Gesellschaft für Geschichtswissenschaften, Wien (Hrsg.): Die Kinder des Staates/Children of the State. Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften. Band 25/2014/1+2. StudienVerlag Ges.m.b.H., 2014, ISBN 978-3-7065-5334-6, ISSN 1016-765X, S. 18–19 (online (PDF)). online (Memento vom 9. März 2017 im Internet Archive)
  2. Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus den medizinischen Schriften der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 87 und 188.
  3. Antonio Manno: Venedig. Hamburg: Nat. Geographic 2004. S. 204.
  4. Ugo Stefanutti: Gli ospedali di Venezia nella storia e nell’arte. In: Atti del Primo Congresso Italiana Storia Ospitaliera 1957.
  5. legifrance.gouv, abgerufen am 25. Juni 2020