Geisterzug

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Beim Geisterzug 2009 in Köln-Rodenkirchen

Als Geisterzug bezeichnet man einen alternativen Karnevalszug und eine politische Demonstration in Köln am Abend des Karnevalssamstag. Häufig wird sie auch als „organisierte Anarchie“ bezeichnet.

Geschichte und Charakter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits seit 1860 gab es Geisterzüge im Kölner Karneval, dieser Zug wurde im Ersten Weltkrieg verboten.

Als 1991 wegen des 2. Golfkriegs der Kölner Rosenmontagszug ausfiel, sollte auf der üblichen Strecke des Rosenmontagszugs eine Anti-Golfkriegs-Demonstration stattfinden. Letztlich gingen Antikriegs-Demonstranten und Karnevalisten gemeinsam durch die Kölner Innenstadt.

Aufgrund des Erfolgs fand am Karnevalssamstag des folgenden Jahres (29. Februar 1992) der zweite Geisterzug statt, anschließend ging es jährlich weiter. Als Veranstalter fungiert ein eigens zu diesem Zweck gegründeter Verein, der „Ähzebär un Ko e.V.“, benannt nach einer traditionellen Karnevalsmaske (Erbsenbär).[1] Dieser Verein trägt – durch Spenden finanziert – auch die Kosten, die durch Absperrungen, Straßenreinigung etc. verursacht werden. Der Geisterzug des Jahres 2000 wurde kurzfristig abgesagt, da die gespendeten Gelder nicht ausreichten, um den Zug durchzuführen. Da der Zugweg jedoch bereits bekannt war, zogen trotzdem 4000 alternative Karnevalisten durch Köln.

Im Geisterzug kann jeder spontan und ohne vorherige Anmeldung als Geist oder dunkle Gestalt durch die Straßen ziehen. Der Zugweg wechselt jährlich und wird bewusst so gelegt, dass Fahrzeuge nicht teilnehmen können; auch elektrische Musik ist nicht erwünscht. Der Zug steht jedes Jahr unter einem Motto, das in der Regel von aktuellen politischen Ereignissen inspiriert ist. Der Zugweg wird oft so gewählt, dass er an Orten vorbeiführt, die mit diesem Thema in Verbindung stehen. So endete beispielsweise der Geisterzug 2005 mottogemäß (Iesije Zigge – Eisige Zeiten) am Kölner Eisstadion in der Lentstraße.

Der offizielle Geisterzug 2006 wurde ebenfalls aus Geldmangel ursprünglich von den Veranstaltern abgesagt. Aufgrund der großen Popularität wurde davon ausgegangen, dass im Falle eines solchen Ausfalls ein oder mehrere wilde Geisterzüge stattgefunden hätten. Aus diesem Grund sind Polizei und Stadtverwaltung an die Organisatoren herangetreten mit der Bitte, doch noch einen Zug anzumelden. Andernfalls, hieß es, wäre es nötig geworden, die Züge „konsequent aufzulösen“. Daraufhin wurde unter dem Motto „Us dr Lamäng. Jeister am Engk?“ (etwa: „Aus dem Stegreif. Geister am Ende?“) kurzfristig der offizielle Geisterzug durchgeführt. Das Motto sollte dabei auf die unsichere Gegenwart und Zukunft des Zugs hinweisen. Dennoch fand ein kleinerer unangemeldeter „alternativer“ Geisterzug im Stadtteil Ehrenfeld statt, der unter dem Motto „Du bist Deutschland“ die gleichnamige Social-Marketing-Kampagne persiflierte. Der Geisterzug 2012 wurde aufgrund hoher Sicherheitsauflagen nach dem Unglück bei der Loveparade 2010 abgesagt.[2]

Bisherige Züge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jahr Motto[3] Motto auf Hochdeutsch Teilnehmer

(* = inkl. Zuschauer)

1991 Kamelle statt Bomben Süßigkeiten statt Bomben
1992 D’r Ähzebär kütt Der Erbsenbär kommt 10.000
1993 Me’m Düvel op Jöck Mit dem Teufel unterwegs 15.000
1994 Hexensabbat 20.000
1995 Beddelsäck, Spetzbove, Malötzije un andere anständije Lück Bettelsäcke, Spitzbuben, Kränkliche und andere anständige Leute 15.000
1996 Wenn die Welt erst närrisch wird, wird sie bald vernünftig 100.000*
1997 Afrikanische Träume 150.000*
1998 In Kölle fäch d’r Bessem – doch Edelwieß un Klagemuur sin nit verjesse In Köln fegt der Besen – doch Edelweiß und Klagemauer sind nicht vergessen 60.000
1999 Klüngel, Stapel, …, flöck derlans jeflutsch Klüngel, Stapel, …, flott vorbei gerutscht 30.000
2000 Schwatz, bläck, links, jäl, schräje Jecke trecke schäl Schwarz, nackt, links, gelb, verrückte Jecken sind bekloppt unterwegs 4.000
2001 Karneval un Thiater hammer all jän, he Kölle – jev uns ene wärme Rän Karneval und Theater haben alle gern, hey Köln – gib uns einen warmen Regen 25.000
2002 Loß mer schmelze Lasst uns schmelzen 20.000
2003 Colonia Corrupta!? Köln korrupt!? 30.000
2004 Reforme un Sozialavbau dun wieh, ävver uns zwingk keiner in de Knie! Reformen und Sozialabbau schmerzen, aber uns zwingt keiner in die Knie! 200.000*
2005 Iesije Zigge Eisige Zeiten 40.000
2006 Us dr Lamäng. Jeister am Engk? (offiziell)
Du bist Deutschland (alternativ)
Aus dem Stegreif. Geister am Ende?
10.000
2007 Ming Ahl es Kölsche Mein/e Alte/r (Partner/in) ist Kölner/in 40.000
2008 Mutter Ääd hät Hetzewallung Mutter Erde hat Hitzewallungen
2009 Dr volljöhrije Ähzebär, die Meddelschich un ander ärm Kirchemüs Der volljährige Erbsenbär, die Mittelschicht und andere arme Kirchenmäuse 20.000
2010 Däm Agrippina ze Ihre: Vum Flottekastell noh dr Huhpooz Der Agrippina zu Ehren: Vom Flottenkastell bis zur Hohen Pforte 20.000
2011 Däm Agrippina ze Ihre: Lans dr Stroß vun Zülpich noh de Therme Der Agrippina zu Ehren: Entlang der Straße von Zülpich zur Therme 30.000
2013 Däm Agrippina ze Ihre: Lans dr Stroß vun Venlo noh dr Ahle Ihrepooz Der Agrippina zu Ehren: Entlang der Straße, die von Venlo kommt, hin zum Alten Ehrentor
2014 Däm Agrippina ze Ihre: Lans dr Stroß vun Xanten noh dr Paffepooz Der Agrippina zu Ehren: Entlang der Straße, die von Xanten kommt, hin zum römischen Nordtor 100.000*[4]
2015 Däm Agrippina ze Ihre: Lans dr römische Muur Der Agrippina zu Ehren: Entlang der römischen Mauer 20.000*
2016 Däm Agrippina un dr römischen Flott ze Ihre: Dä Rhing erop Der Agrippina und der römischen Flotte zu Ehren: Den Rhein herauf 2.000
2017 Dr römischen Flott ze Ihre: Öm de Alteburch eröm Der römischen Flotte zu Ehren: Um die Alteburg herum 2.500
2018 Poppe, net Kloppe – mer trecke för dr Fridde Poppen, nicht Prügeln – unterwegs für den Frieden
2019 Kölle kritt dr Kollaps – mieh Platz för Rädcher Köln kollabiert – mehr Platz für Fahrräder

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Geisterzug: Die wilde Nacht des Kölner Karnevals. Fotoband. Verlag Stressverminderung, Köln 2010, ISBN 978-3-00-032459-8.
  • Kölns Geisterzug am Valentinstag 2015. Fotoband. CreateSpace, Charleston 2015, ISBN 978-1-5088-1514-3.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ähzebär. Jeckes ABC. In: ksta.de. 6. Februar 2002, abgerufen am 7. Februar 2016.
  2. Geisterzug: Anderen Weg wählen. In: Kölner Stadt-Anzeiger. 6. Januar 2012, abgerufen am 2. März 2014.
  3. Die Geisterzüge bisher. Abgerufen am 4. März 2019.
  4. Ett woor schön, ett woor bunk, ett woor laut,… 2. März 2014, abgerufen am 3. März 2014 (Facebook-Beitrag der Organisatoren).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]