Gesundheitswirtschaft

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Dieser Artikel behandelt den Wirtschaftszweig. Zur deutschsprachigen Fachzeitschrift für das Management im Gesundheitsbereich siehe Die GesundheitsWirtschaft.

Gesundheitswirtschaft kann als ein Sammelbegriff für alle Wirtschaftszweige verstanden werden, die etwas mit Gesundheit zu tun haben[1], wobei diese Interpretation von Andreas Goldschmidt aus dem Jahr 2002 allerdings wegen der Überschneidungen mit anderen Branchen sehr großzügig bemessen sei[2]. Eine anschauliche Gliederung der Gesundheitswirtschaft in drei Bereiche bietet ein „Zwiebelmodell der Gesundheitswirtschaft“ von Elke Dahlbeck und Josef Hilbert[3] vom Institut Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen: Kernbereich sei die stationäre sowie ambulante Akutversorgung und Altenhilfe sowie die Gesundheitsverwaltung. Darum gruppiere sich der Vorleistungs- und Zuliefererbereich mit Pharmaindustrie, Medizintechnik, Gesundheitshandel, Großhandel mit medizinischen Produkten. Als gesundheitsrelevante Randbereiche folgten etwa der Fitness- und Wellnessbereich, das betreute Wohnen oder der Gesundheitstourismus[4].

Einordnung[Bearbeiten]

Ein fast völlig regulierter Gesundheitsmarkt wie in Großbritannien sei nach diesen Grundgedanken genauso wenig zielführend, wie ein weitgehend deregulierter Markt wie in den U.S.A.. Beide würden zu Lücken in der nachhaltigen und flächendeckenden Patientenversorgung führen. Nur eine Mischform aus sozial ausgewogenen aber auch marktwirtschaftlichen bzw. wettbewerbsorientierten Rahmenbedingungen schaffe ein diesbezügliches Optimum[5]. Bei der 1. Nationalen Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft wurde daher 2005 formuliert, Gesundheitswirtschaft umfasse die Erstellung und Vermarktung von Gütern und Dienstleistungen, die der Bewahrung und Wiederherstellung von Gesundheit dienen[6]. Während der Begriff Gesundheitswesen eher als Beschreibung des äußerst komplexen Gesundheitssystems unserer Krankenversorgung dient, umfasst die Gesundheitswirtschaft als ganze also nicht nur die überwiegend öffentlich finanzierte und staatlich reglementierte stationäre und ambulante Versorgung Kranker, die wirtschaftlich betrachtet weniger als die Hälfte des gesamten Gesundheitsmarktes dieser Branche ausmacht[7]. Dazu gehören neben Krankenhäusern und Reha-Einrichtungen auch die medizinische Versorgung in Haus- und Facharztpraxen, die pharmazeutische Industrie, Medizintechnik, Gesundheitstourismus, Wellness sowie die Fitnessbranche.

Bedeutung in Deutschland[Bearbeiten]

Die Gesundheitswirtschaft ist einer der größten Teilbereiche der deutschen Volkswirtschaft. Insgesamt 4,4 Millionen Menschen arbeiten hierin[8]. Damit ist beim Stand von 2007/2008 mehr als jeder zehnte Arbeitsplatz in Deutschland in diesem Bereich angesiedelt. Diese Zahl ist im Zunehmen begriffen. Die Kräfte des Gesundheitsmarktes unterliegen jedoch einer betont staatlichen Regulierung mit einer Vielzahl von Novellierungen bzw. Gesundheitsreformen auf gesetzgeberischer Ebene v. a. im Sozialgesetzbuch in den letzten 30 Jahren.

Im Jahr 2010 wurden 287,3 Milliarden Euro für Gesundheit, medizinische Vorsorge und Heilung ausgegeben, was einem Anteil von 11,6 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) dieses Jahres entspricht[9] bzw. 3.510 Euro pro Kopf. Somit ist in dieser Hinsicht der Gesundheitssektor bedeutender als beispielsweise die Automobilindustrie mit 1,1 Millionen Arbeitsplätzen (inklusive der Zulieferer) und einem Anteil von 9,7 Prozent des BIP[10]. Aufgrund der wachsenden Bedeutung in Deutschland stellt das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) die Gesundheitswirtschaft in einem eigenen „Gesundheitssatellitenkonto“ (GSK) innerhalb der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen sichtbar in allen gesundheitsbezogenen Bereichen dar[11][12]. Die Zuständigkeit im BMWi liegt im Bereich Grundsatzfragen der Gesundheitswirtschaft und Soziale Dienstleistungen, der von Ministerialrat Christian Lipicki geleitet wird.

Pharma[Bearbeiten]

Der Pharmabereich spielt innerhalb und abseits der unmittelbaren Gesundheitsversorgung eine große Rolle in der Gesundheitswirtschaft. Die Arzneimittelausgaben sind fast halb so hoch wie die für den gesamten Krankenhausbereich und stiegen zwischen 2004 und 2010 um jährlich 4,1%. Zum ersten mal seit 2004 fielen die von den gesetzlichen Krankenkassen erstatteten Arzneimittelausgaben von 30.2 Milliarden Euro in 2010 auf 29.1 Milliarden Euro in 2011. Das entspricht einem Minus von 1.1 Milliarden Euro bzw. minus 3.6%, verursacht durch Anpassungen der Sozialgesetze - SGB: Herstellerrabatte 16% statt 6%, Preismoratorium, mehr Rabattverträge und höhere Apotheken- sowie Großhandelsabschläge[13].

Bedeutung in Österreich[Bearbeiten]

Die privaten und öffentlichen Ausgaben für Gesundheit betragen in Österreich etwas mehr als zehn Prozent (2007: 10,1 Prozent) des Bruttoinlandsproduktes.[14] Eine Studie des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung prognostiziert dem Gesundheitswesen einen Beschäftigungszuwachs von 2,4 Prozent pro Jahr. Für 2010 werden 324.000 unselbstständig Beschäftigte im Gesundheitswesen erwartet.[15] Bis 2020 wird eine Steigerung des Marktvolumens auf 67,8 Milliarden Euro vorausgesagt.[16]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. A. J. W. Goldschmidt: Leading the Global Game - M&A between Competitiveness and Conflicts. Vortrag als „guest speaker“ mit Round Table-Diskussion am Beispiel „health economy and logistics“ bzw. „Gesundheitswirtschaft und Logistik“ anlässlich des 9. Symposiums des Organisationsforums Wirtschaftskongress e.V. am 8. März 2002 in den Räumlichkeiten der Fachhochschule Köln
  2. A. J. W. Goldschmidt: Absatz „Unternehmensbedeutung“ in: Krankenhausmanagement mit Zukunft?. In: A. J. W. Goldschmidt, J. Hilbert (Hrsg.): Krankenhausmanagement mit Zukunft - Orientierungswissen und Anregungen von Experten. kma Medien in Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart, 2011, (ISBN 978-3-13- 161231-1): S. 4.
  3. Josef Hilbert
  4. E. Dahlbeck, J. Hilbert: Beschäftigungstrends in der Gesundheitswirtschaft im regionalen Vergleich. Internet-Dokument. Gelsenkirchen: Inst. Arbeit und Technik. Forschung Aktuell, Nr. 06/2008 → www.iat.eu/forschung-aktuell/2008/fa2008-06.pdf
  5. A. J. W. Goldschmidt, J. Hilbert: Von der Last zur Chance – Der Paradigmenwechsel vom Gesundheitswesen zur Gesundheitswirtschaft. In: A. J. W. Goldschmidt, J. Hilbert (Hrsg.): Gesundheitswirtschaft in Deutschland. Die Zukunftsbranche. Band 1 der Schriftenreihe: Gesundheitswirtschaft und Management. kma-Reader - Die Bibliothek für Manager. Wikom-Verlag (Thieme), Wegscheid, 2009 (ISBN 978-3-9812646-0-9): S. 20-40
  6. H. Klinkmann: Ergebnisbericht "Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft 2005": S. 7 → http://www.bioconvalley.org/fileadmin/user_upload/Downloads/Branchenkonferenzen/Bericht_BK_05.pdf
  7. A. J. W. Goldschmidt: Der „Markt“ Gesundheitswesen. In: M. Beck, A. J. W. Goldschmidt, A. Greulich, M. Kalbitzer, R. Schmidt, G. Thiele (Hrsg.): Management Handbuch DRGs, Hüthig / Economica, Heidelberg, 1. Auflage 2003 (ISBN 3-87081-300-8): S. C3720/1-24, mit 3 Überarbeitungen/Ergänzungslieferungen bis 2012
  8. Statistisches Bundesamt: Beschäftigung in der Gesundheitswirtschaft steigt weiter an. Pressemitteilung Nr. 490, Berlin, 17. Dezember 2008
  9. https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Gesundheit/Gesundheitsausgaben/Tabellen/Leistungsarten.html Statistisches Bundesamt Deutschland, Wiesbaden, 2012
  10. Information des Bundesverbandes Medizintechnologie e.V.
  11. K.-D. Henke et al: Erstellung eines Satellitenkontos für die Gesundheitswirtschaft in Deutschland. BMWi, Berlin, 2009
  12. http://www.bmwi.de/BMWi/Navigation/Service/publikationen,did=320754.html
  13. B. Häusler, A. Höer, E. Hempel: Arzneimittel-Atlas 2012. Springer, Berlin u. a. 2012 (ISBN 978-3-642-32586-1)
  14. Angaben der Statistik Austria , abgerufen am 25. Februar 2010
  15. Angaben der Plattform Gesundheitswirtschaft Österreich , abgerufen am 25. Februar 2010
  16. Studie von Roland Berger Strategy Consultants, S. 6 (PDF; 418 kB) , abgerufen am 25. Februar 2010