Glibenclamid

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Strukturformel
Strukturformel von Glibenclamid
Allgemeines
Freiname Glibenclamid
Andere Namen
  • 5-Chlor-N-(2-{4-[(cyclohexylcarbamoyl)­sulfamoyl]phenyl}ethyl)-2-methoxybenzol­carboxamid (IUPAC)
  • 1-[(4-{2-[(5-Chlor-2-methoxybenzoyl)­amino]ethyl}phenyl)sulfonyl]-3-cyclohexylharnstoff (Arzneibuch)
Summenformel C23H28ClN3O5S
Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 10238-21-8
EG-Nummer 233-570-6
ECHA-InfoCard 100.030.505
PubChem 3488
ChemSpider 3368
DrugBank DB01016
Wikidata Q420626
Arzneistoffangaben
ATC-Code

A10BB01

Wirkstoffklasse

Antidiabetika, Sulfonylharnstoffe

Wirkmechanismus

Kaliumkanal-Blocker

Eigenschaften
Molare Masse 494,00 g·mol−1
Schmelzpunkt
pKs-Wert

5,3[4]

Löslichkeit
Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [3]
keine GHS-Piktogramme
H- und P-Sätze H: keine H-Sätze
P: keine P-Sätze [3]
Toxikologische Daten
Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Glibenclamid ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der Sulfonylharnstoffe, die in der Medizin als Antidiabetikum eingesetzt wird. Es ist oral wirksam und bewirkt eine erhöhte Insulinfreisetzung aus den β-Zellen der Bauchspeicheldrüse.

Wenn es gelingt, den Blutzucker effektiv zu senken, wird auch mit Glibenclamid das Risiko für die Spätfolgen eines Diabetes mellitus gesenkt. Wegen der unerwünschten Wirkungen gilt jedoch heute Metformin als Wirkstoff der ersten Wahl, das jedoch mit Glibenclamid kombiniert werden kann.

Indikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Glibenclamid ist angezeigt bei nicht insulinabhängigem Diabetes mellitus Typ 2, wenn andere Maßnahmen wie Diät, Gewichtsreduktion und körperliche Aktivität nicht zu einer ausreichenden Einstellung des Blutzuckers geführt haben.[6]

Wirkprinzip[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie andere Sulfonylharnstoffe blockiert Glibenclamid Kaliumkanäle in den β-Zellen und hemmt damit den Ausstrom dieser Ionen. Dadurch kommt es zu einer Depolarisation und damit zur Öffnung spannungsgesteuerter Calciumkanäle; Calciumionen strömen vermehrt in die Zelle. Dadurch werden Enzyme aktiviert, die die Insulinfreisetzung bewirken. Damit Glibenclamid wirken kann, muss also eine körpereigene Fähigkeit zur Insulinsekretion vorhanden sein.

Unerwünschte Wirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die blutzuckersenkende Wirkung von Glibenclamid setzt rasch ein und kann bis zu 24 Stunden anhalten. Diesem Umstand ist bei der Dosierung und bei der Kontrolle des Blutzuckerspiegels Rechnung zu tragen, da eine relative Überdosierung (etwa bei unregelmäßiger Nahrungsaufnahme) zu einer Hypoglykämie führen kann. Gefürchtet ist das hypoglykämische Koma (umgangssprachlich „hypoglykämischer Schock“ oder „Zuckerschock“). Problematisch ist die Gewichtsnormalisierung übergewichtiger Diabetiker, da Glibenclamid eine appetitanregende Wirkung (Insulinfreisetzung) besitzt.

Glibenclamid beeinträchtigt das ischämische Preconditioning am Herzmuskel, was zu ausgedehnteren Myokardinfarkten bei Unterbrechung der myokardialen Sauerstoffversorgung führen kann. Andererseits wurden auch kardioprotektive Effekte wie eine antiarrhythmische Wirkung beschrieben.

Gegenanzeigen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter anderem bei schwerer Niereninsuffizienz und bei schweren Leberfunktionsstörungen ist Glibenclamid kontraindiziert.

Neonataler Diabetes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mai 2018 wurde Glibenclamid unter dem Namen Amglidia (Firma AMMTek) in der EU für die Behandlung des neonatalen Diabetes bei Neugeborenen, Säuglingen und Kindern, einer seltenen Krankheit, zugelassenen.[7] Für diese Patientengruppe liegt das Medikament als oral verabreichbare Suspension vor (0,6 mg/ml oder 6 mg/ml), die mit einer Applikationsspritze dosiert wird.

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die als „schwarze Witwe“ in die österreichische Kriminalgeschichte eingegangene Elfriede Blauensteiner verwendete für ihre Morde unter anderem Euglucon (Glibenclamid-Tabletten).

Handelsnamen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monopräparate
Amglidia (EU), Daonil (A, CH), Euglucon N (D, A), Gliben CT (D), Glibenorm (CH), Glibesifar (CH), Glucobene (A), Normoglucon (A), Maninil (D), Melix (CH), Semi-Daonil (CH), Semi-Euglucon (D), zahlreiche Generika (D, A, CH) Kombinationspräparate
Glucovance (A)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Young-Tack Sohn, Bo-Young Um: Dissolution of Glibenclamide Polymorphs. In: , 27, 1997, S. 233–239.
  2. a b c M.A. Hassan, M. Sheikh Salem, M.K. Al-Hindawi: Preparation and characterization of a new polymorphic form and a solvate of glibenclamide. In: Acta Pharm. Hung., 67, 1997, S. 81–88.
  3. a b c d e f g Datenblatt Glybenzcyclamide, 99% bei AlfaAesar, abgerufen am 26. Dezember 2019 (PDF) (JavaScript erforderlich).
  4. Carsten Schmuck, Bernd Engels, Tanja Schirmeister, Reinhold Fink: Chemie für Mediziner. Pearson Studium, ISBN 978-3-8273-7286-4, S. 654.
  5. K. Tsinman, A. Avdeef, O. Tsinman, D. Voloboy: Powder Dissolution Method for Estimating Rotating Disk Intrinsic Dissolution Rates of Low Solubility Drugs. In: Pharm Res, 26, 2009, S. 2093-2100. doi:10.1007/s11095-009-9921-3.
  6. Richard Daikeler, Götz Use, Sylke Waibel: Diabetes. Evidenzbasierte Diagnosik und Therapie. 10. Auflage. Kitteltaschenbuch, Sinsheim 2015, ISBN 978-3-00-050903-2, S. 168.
  7. EPAR Amglidia.
Dieser Text basiert ganz oder teilweise auf dem Eintrag Sulfonylharnstoff im Flexikon, einem Wiki der Firma DocCheck. Die Übernahme erfolgte am 1. März 2007 unter der damals gültigen GNU-Lizenz für freie Dokumentation.