Gunter Thielen

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Gunter Thielen (2015)

Gunter Thielen (* 4. August 1942 in Quierschied) ist ein deutscher Manager und Vorstandsvorsitzender der Walter Blüchert Stiftung.[1] Zuvor hatte er verschiedene Führungspositionen bei Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung inne.[2] Für seine Verdienste als gesellschaftspolitisch und sozial orientierter Unternehmer erhielt Thielen unter anderem das Bundesverdienstkreuz.[3]

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thielen wurde in Quierschied/Saar geboren und wuchs in Saarbrücken auf. Sein Vater war Beamter im Baureferat des Saarlandes.[4] Nach dem Abitur studierte Thielen Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften an der RWTH Aachen.[5] 1970 wurde er ebenda mit einer von der VolkswagenStiftung finanzierten Dissertation über die „Transportvorgänge in binären und ternären Membransystemen“ zum Doktoringenieur promoviert.[6]

Laufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Karriere begann Thielen beim Chemiekonzern BASF in Ludwigshafen. Danach übernahm er die technische Leitung der Wintershall-Raffinerie in Lingen.[4]

1980 wechselte Thielen in den Konzernbereich Druck- und Industriebetriebe von Bertelsmann.[1] Unter seiner Leitung wurden die beiden Druckereien Maul aus Nürnberg und Belser aus Stuttgart zu Maul-Belser zusammengeführt.[7] Thielen fungierte als Vorsitzender der Geschäftsführung des neuen Unternehmens.[8] 1985 wurde er in den Vorstand von Bertelsmann berufen, wo er die Verantwortung für alle Druck- und Industriebetriebe übernahm.[9] Er reorganisierte den Konzernbereich unter dem Dach einer neuen Aktiengesellschaft, setzte verstärkt auf Dienstleistungen und internationalisierte das Geschäft.[1] Außerdem modernisierte er beispielsweise das Arbeitszeitmodell, was Mitarbeitern und Unternehmen gleichermaßen mehr Freiräume verschafften.[10] Um den Wandel nach außen zu dokumentierten, wurde im Jahr 1999 der Markenname Arvato eingeführt.[11][12] Thielen stand nun einem der wachstumsstärksten Segmente des Konzerns vor.[13]

Im Jahr 2000 kündigte Mark Wössner seinen Rücktritt von den Führungsämtern bei der Bertelsmann Stiftung und der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft an,[14] woraufhin Thielen zwischenzeitlich seine Aufgaben übernahm.[15][16] Nachdem sich Bertelsmann auch von Thomas Middelhoff getrennt hatte,[17] rückte Thielen 2002 zum Vorstandsvorsitzenden des Konzerns auf.[18][19][20][21] Zu seinen ersten Aufgaben zählte die Präsentation der Ergebnisse einer unabhängigen historischen Kommission, welche die Vergangenheit von Bertelsmann im Dritten Reich untersuchte.[22][23][24] In den folgenden Jahren konsolidierte Thielen erfolgreich das Stammgeschäft und investierte verstärkt in digitale Aktivitäten.[25][26][27] Außerdem band er den Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr stärker an Bertelsmann.[1] Thielen leitete den Rückkauf der Anteile der Groupe Bruxelles Lambert ein, was einen Börsengang verhinderte.[28]

Ende 2007 übergab Thielen den Vorstandsvorsitz an Hartmut Ostrowski.[29][30][31] Er wechselte in den Aufsichtsrat, der ihn zu seinem Vorsitzenden wählte.[32] Später wurde er unter anderem Aufsichtsratsvorsitzender beim Autovermieter Sixt und Aufsichtsratsmitglied des Pharmakonzerns Sanofi-Aventis.[33][34] Anfang 2008 übernahm Thielen zusätzlich den Vorstandsvorsitz der Bertelsmann Stiftung.[35][36] Es war sein erklärtes Ziel, das Profil der Organisation zu schärfen und ihre Aktivitäten zu internationalisieren.[37][38] Thielen setzte sich öffentlich unter anderem für mehr Einkommensgerechtigkeit und Bürgerbeteiligung ein.[39][40] Er beschäftigte sich intensiv mit dem Bildungssystem und der sozialen Marktwirtschaft.[41][42] Mit Erreichen der Altersgrenze von 70 Jahren legte Thielen sowohl den Vorstandsvorsitz der Bertelsmann Stiftung als auch den Aufsichtsratsvorsitz von Bertelsmann nieder.[2]

Seitdem widmet sich Thielen der Walter Blüchert Stiftung, die er bereits 2007 als Testamentsvollstrecker des Verlegers und Finanzmaklers Walter Fritz Blüchert nach dessen Willen ins Leben gerufen hatte.[43] Sie fördert gesellschaftliche Teilhabe und setzt sich für Menschen ein, die unverschuldet in Not geraten sind.[44] Thielen ist Vorsitzender des Vorstands der Walter Blüchert Stiftung.[45][46] Des Weiteren hat er seit 2011 eine Honorarprofessur am Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung in der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Witten/Herdecke inne.[47][48] Das Institut wurde 2010 im Gedenken an Reinhard Mohn eröffnet.[49][50]

Thielen ist mit Ulla Höll verheiratet. Das Ehepaar hat zwei Kinder und lebt in Gütersloh, München und Südfrankreich.[43][30]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2003: Bundesverdienstkreuz 1. Klasse[3]
  • 2005: Global Leadership Award[51]
  • 2006: Goldener Löwe als „Medienmann des Jahres“[52]

Zudem zählte Thielen laut Time und CNN zu den wichtigsten Geschäftsleuten weltweit.[53][54]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thielens Nähe zu den Eigentümern von Bertelsmann sorgte vereinzelt für Kritik an seiner Berufung zum Vorstandsvorsitzenden.[55] Darüber hinaus musste er während seiner Zeit als Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung auf Kritik an Strukturen und Einfluss reagieren.[56][57]

Im Zusammenhang mit Thielens Rolle als Eigentümer des saarländischen Wurstwarenherstellers Höll wurde Thielen durch den Bürgermeister der Gemeinde Illingen, vormals Sitz des inzwischen insolventen Unternehmens, unter anderem „Rücksichtslosigkeit gegenüber Gemeinwohlinteressen“ sowie „Spekulantentum“ vorgeworfen[58].

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Gunter Thielen. In: Internationales Biographisches Archiv. Munzinger-Archiv, 30. Oktober 2012, abgerufen am 27. Februar 2019.
  2. a b Bernhard Hänel: Ein halbes Leben für Bertelsmann. In: Neue Westfälische. 4. August 2012.
  3. a b Auszeichnung für den Bertelsmann-Chef. In: Hamburger Abendblatt. 8. März 2003, S. 23.
  4. a b Thomas Clark: Zahlen statt Zauberei. In: Financial Times Deutschland. 24. März 2003, S. 20.
  5. Stationen einer langen Karriere. In: Neue Westfälische. 14. Februar 2011.
  6. Gunter Thielen: Transportvorgänge in binären und ternären Membransystemen. Krupinski, Mondorf 1970 (Hochschulschrift der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Technischen Hochschule in Aachen).
  7. 175 Jahre Bertelsmann: Eine Zukunftsgeschichte. C. Bertelsmann Verlag, München 2010, ISBN 978-3-570-10175-9, S. 354.
  8. Der Neue. Im Hintergrund: Gunter Thielen. In: Trierischer Volksfreund. 30. Juli 2002.
  9. Herr über die Druckmaschinen. In: Die Welt. 29. Juli 2002, S. 13.
  10. Bertelsmann Industrie: Lebensarbeitszeitmodell schafft mehr Freiräume für Mitarbeiter und Unternehmen. Mohndruck-Mitarbeiter können die Uhr für den Übergang ins Rentenalter vordrehen. In: Handelsblatt. 20. Mai 1994, S. 3 (Ressort Karriere).
  11. Neuer Name, neue Ziele. In: Darmstädter Echo. 9. Juni 1999.
  12. Bertelsmann Industrie: Neuer Name soll Wandel dokumentieren. In: Frankfurter Rundschau. 9. Juni 1999, S. 16.
  13. Arvato auf Wachstumskurs. In: Handelsblatt. 9. Juni 1999, S. 19.
  14. Wössner tritt ab. Ex-Bertelsmann-Chef verlässt überraschend Medienkonzern. In: Hamburger Abendblatt. 20. Mai 2000, S. 23.
  15. Ralph Kotsch, Thomas Schuler: Turbulenzen am Schwanenteich. In: Berliner Zeitung. 20. Mai 2000, S. 20.
  16. Inga Michler, Ansgar Graw: Bertelsmann-Patriarch Mohn tritt ab. In: Die Welt. 25. August 2001, S. 15.
  17. Lutz Meier: Middelhoff verlässt Bertelsmann. In: Financial Times Deutschland. 29. Juli 2002, S. 1.
  18. Thielen kommt, Middelhoff geht. In: Frankfurter Neue Presse. 29. Juli 2002, S. 7.
  19. Bert Fröndhoff, Axel Postinett: Integrationsfigur ohne Eitelkeit. In: Handelsblatt. 29. Juli 2002, S. 20.
  20. Miserabler Selbstvermarkter mit Biss. In: Der Tagesspiegel. 29. Juli 2002, S. 17.
  21. Klaus Boldt: Gunter wer? In: Manager Magazin. 29. Juli 2002, abgerufen am 28. Februar 2019.
  22. Bertelsmann-Chef zeigt Reue. In: Handelsblatt. 7. Oktober 2002, abgerufen am 28. Februar 2019.
  23. Nicole Adolph: Widerstandslegende enttarnt. In: Der Tagesspiegel. 8. Oktober 2002, S. 27.
  24. Volker Ullrich: Ein Musterbetrieb. In: Die Zeit. 10. Oktober 2002, abgerufen am 28. Februar 2019.
  25. Thielen zieht die Bremse. In: Manager Magazin. 30. Juli 2002, abgerufen am 24. November 2015.
  26. Philipp Jaklin: Gunter Thielens Bertelsmann-Welt. In: Financial Times Deutschland. 22. April 2004.
  27. Henrik Mortsiefer: Aufbruch zum Abschied. In: Der Tagesspiegel. 22. März 2007, S. 21.
  28. Aktien-Rückkauf: Bertelsmann verhindert eigenen Börsengang. In: tagesspiegel.de. 25. Mai 2006, abgerufen am 24. November 2015.
  29. Bertelsmann-Chef Gunter Thielen übergibt Kommando. In: Saarbrücker Zeitung. 14. Dezember 2007.
  30. a b Stefan Brams: Auftrag erfüllt. In: Neue Westfälische. 1. August 2007.
  31. Stefan Brams: Zum Abschied gerührt. Vorstand schenkt Gunter Thielen zum Ausscheiden als Vorstandschef 100 zusätzliche Ausbildungsplätze. In: Neue Westfälische. 13. Dezember 2007 (Ressort Lokales).
  32. Thielen wird Kontrolleur. In: Frankfurter Rundschau. 15. Januar 2008, S. 18.
  33. Kristina Spiller: Autovermieter Sixt wechselt Aufsichtsratschef aus. Früherer Bertelsmann-Chef Thielen zieht in Gremium ein. In: Financial Times Deutschland. 23. April 2008, S. 8.
  34. Personalien: Sanofi-Aventis. In: Financial Times Deutschland. 10. März 2008, S. 2.
  35. Karsten Seibel, Martin Dowideit: Thielen leitet nun Stiftung. Menschen & Märkte. In: Die Welt. 3. Januar 2008, S. 11.
  36. Bertelsmann Stiftung: Gunter Thielen übernimmt Vorstandsvorsitz. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 6. Januar 2008, abgerufen am 28. Februar 2019.
  37. Thielen will das Profil der Stiftung schärfen. In: Neue Westfälische. 3. Januar 2008.
  38. Thielen leitet Stiftung. In: Südwest Presse. 3. Januar 2008, S. 6.
  39. „Die Bürger wollen mehr Mitsprache“. In: Neue Westfälische. 14. Februar 2011.
  40. Stefan von Borstel, Marcus Heitheker: „Der Kuchen muss gerechter verteilt werden“. In: Die Welt. 31. Mai 2010, S. 10.
  41. Tanja Breukelchen: „Bildung ist unser einziger Rohstoff“. (PDF) In: Change Magazin. Bertelsmann Stiftung, S. 54, abgerufen am 4. März 2019 (Nr. 01/2008).
  42. Wolfram Weimer: Mensch und Manager. (PDF) In: change Magazin. Bertelsmann Stiftung, S. 10, abgerufen am 4. März 2019 (Nr. 03/2012).
  43. a b „Ich arbeite, bis ich umfalle“. In: Neue Westfälische. 19. Juli 2014.
  44. Hilfe, die ankommt. In: Neue Westfälische. 29. März 2014.
  45. Neuer Job für Chef der Bertelsmann-Stiftung. In: Handelsblatt. 27. Juni 2012, S. 54.
  46. Thielen leitet Stiftung. In: Westfalen-Blatt. 19. März 2013.
  47. Professur für Gunter Thielen. In: Neue Westfälische. 11. November 2011.
  48. Profildetails: Gunter Thielen. Universität Witten/Herdecke, abgerufen am 28. Februar 2019.
  49. In Gedenken an den Stifter. In: Neue Westfälische. 30. Oktober 2010.
  50. Forschungszentrum würdigt Mohn. In: Westfalen-Blatt. 30. Oktober 2010.
  51. Hans-Peter Siebenhaar: Bertelsmann-Chef Gunter Thielen ausgezeichnet. In: Handelsblatt. 9. November 2005, S. 20.
  52. Stefan Brams: Ein goldener Löwe für den Macher. In: Neue Westfälische. 22. Juni 2006.
  53. Hans-Peter Siebenhaar: Thielen gehört zu mächtigsten Managern. In: Handelsblatt. 14. Dezember 2004, S. 9.
  54. Aufgefallen: Gunter Thielen. In: Mitteldeutsche Zeitung. 15. Dezember 2004.
  55. Bertelsmann: Sieg der alten Garde. In: Spiegel Online. 29. Juli 2002, abgerufen am 28. Februar 2019.
  56. Heike Göbel: „Wir hätten gern ein bisschen Konkurrenz“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 28. April 2008, abgerufen am 28. Februar 2019.
  57. Hans-Peter Siebenhaar: „Wir sind keine heimliche Regierung“. In: Handelsblatt. 25. Oktober 2010, abgerufen am 1. Oktober 2016.
  58. „Armin König greift Gunter Thielen an“, Online-Ausgabe der Saarbrücker Zeitung vom 27. September 2013, abgerufen am 8. Oktober 2014