Hahnöfersand

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JVA Hahnöfersand
Karte
Justizvollzugsanstalts-Information
Name JVA Hahnöfersand
Bezugsjahr 1913
Haftplätze Jugendliche: 211, Frauen: 69
Mitarbeiter 170 (110 im Vollzugsdienst)
Anstaltsleitung Jessica Oeser (seit November 2015 amtierend)

Koordinaten: 53° 33′ N, 9° 43′ O

Luftaufnahme

Hahnöfersand ist eine Elbinsel bei Jork in Niedersachsen. Auf ihr befinden sich die Jugendstrafanstalt, die Jugendarrestanstalt sowie eine Justizvollzugsanstalt für Frauen der Freien und Hansestadt Hamburg. Außerhalb des Anstaltsgeländes steht die Insel seit 2008 unter Naturschutz.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hahnöfersand ist eine von vielen Marschinseln in der Unterelbe auf der niedersächsischen Seite in unmittelbarer Nähe zum „Alten Land“ und etwa gegenüber der Stadt Wedel. Der nächste Ort auf der niedersächsischen Seite ist das zirka 5 Kilometer entfernte Jork. Die Insel hat eine Fläche von etwa 1,6 km²; ist rund 700 Meter breit und war ursprünglich 3,5 Kilometer lang[1]; nachdem Teilgebiete in Watt verwandelt wurden (s. u.) ist sie lediglich noch ca. 1,1 km lang.

Geschichte der Insel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historische Karte von Hahnöfersand und Umgebung von 1914
Ein „Schiffsdenkmal“ hinter dem Leitungsgebäude erinnert an die ehemalige Erreichbarkeit zu Wasser

Der Ursprung des Namens Hahnöfersand ist nicht genau zu rekonstruieren. Namen wie Hansodt-Sand, Hannoversand, Hanensand, Hanenhöygersand oder Hanöfersand tauchen in Bezug auf die Insel auf. Hansodt-Sand könnte ein Name von ehemaligen Besitzern sein. Eine volksetymologische Erklärung besagt, dass bei einer Sturmflut nur noch die Kirchturmspitze aus den Fluten geschaut hätte, die einen Hahn als Spitze besaß und daraus der Name „Hahn öfer Sand“ („Hahn über dem Sand“) abgeleitet wurde.

Hahnöfersand war ursprünglich mit dem Festland (dem „Alten Land“) verbunden und wurde vermutlich während der Cäcilienflut im November 1412 abgetrennt und damit zur Elbinsel. Staatsrechtlich gehört Hahnöfersand zum Bundesland Niedersachsen. Es wurde aber 1902 durch den Hamburger Senat für die Stadt Hamburg von der preußischen Domänenverwaltung für 250.000 Reichsmark erworben.[2] Anfangs diente die Insel als Lagerstätte für den aus dem Hamburger Hafen gebaggerten Sand. Deshalb ist noch heute die Insel etwa acht Meter höher als das Niveau des „Alten Landes“. Es gab auch Überlegungen, auf der Insel einen Zeppelinhafen oder einen Artillerieschießplatz anzulegen.[3]

Zuletzt war Hahnöfersand durch einen schmalen Nebenarm, die Borsteler Nebenelbe, vom Südufer der Elbe getrennt. Die Eindeichung der Elbe quer über Ein- und Ausgang dieses Wasserarms beendete in den 1970er Jahren den Status Hahnöfersands als Insel.

Gefängnis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1911 wurde die Insel an die Hamburger Gefängnisverwaltung übergeben und 1913 die ersten Gefangenen nach Hahnöfersand gebracht. Sie lebten damals in unbefestigten Wohnstätten und hatten die Aufgabe, den Boden durch das Aufbringen von Schlick und Kleiboden nutzbar zu machen. Im März 1915 wurde diese Arbeit von 1.200 russischen Kriegsgefangenen weitergeführt. Vermutlich durch eine Epidemie starben zu dieser Zeit 77 Gefangene.

Christian-Koch-Haus, Strafhaftgebäude für Jugendliche (Architekt: Fritz Schumacher)
Blick in die Zelle eines 14-jährigen Untersuchungshäftlings im Altbau (2007)
Blick aus der Zelle eines 14-jährigen Untersuchungshäftlings im Altbau (2007)
Blick in einen nicht belegten Haftraum für jugendliche Insassen in einem der neueren Gebäude (Strafhaft)

Jugendstrafanstalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gründung der Jugendstrafanstalt erfolgte am 20. Juni 1920. Das Gesetz, das den gesonderten Jugendstrafvollzug regelte, trat erst drei Jahre später in Kraft. Der Mitgründer und Leiter der hamburgischen Strafanstalten Christian Koch (DDP) verfolgte mit der Gründung der Anstalt einen reformpädagogischen Ansatz. Die Jugendlichen sollten gefördert und erzogen und nicht nur weggesperrt und gedrillt werden.[4] Die in diesem Rahmen von Curt Bondy und Walter Herrmann praktizierten reformpädagogischen Experimente gelten bis heute als „bahnbrechend“.[5] Der Architekt Fritz Schumacher entwarf 1926–1929 die ersten Gebäude für die Jugendstrafanstalt, die noch heute für den Strafvollzug genutzt werden.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der reformorientierte Ansatz wieder zurückgedrängt und stattdessen auf einen Strafvollzug mit militärischem Drill zurückgegriffen. Ab 1940 wurden die Gefangenen in andere hamburgische Anstalten verlegt und das Gelände für eine Flak-Einheit zum Schutze der Industrie auf der damaligen Elbinsel Finkenwerder genutzt.

Gleich nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Insel wieder zu einem Gefängnis für Jugendliche und junge Erwachsene. Neu war der offene Vollzug, der auch Privilegien wie Besuche zu Festlichkeiten zuhause zuließ. Vor allem zur Landwirtschaft wurden die Insassen herangezogen, sie hatten aber auch die Möglichkeit der Ausbildung zum Tischler, Maurer und zu anderen handwerklichen Berufen.[6]

Im Jahr 1976 wurde Hahnöfersand im Rahmen von Flutschutzmaßnahmen eingedeicht und mit einem Damm und einer Straße wieder ans Festland angeschlossen.[7] Seitdem ist die mangelhafte Erreichbarkeit der Gefängnisinsel mit öffentlichen Verkehrsmitteln immer wieder Gegenstand von Kritik gewesen, denn es existiert nur eine seltene Busverbindung. Diese spielt nicht nur für Besucher von Strafhäftlingen eine Rolle, sondern auch für die Insassen des Jugendarrests, die während ihres Aufenthaltes dort täglich von der Insel weiterhin zu ihrer regulären Schule, ihrem Ausbildungsbetrieb oder ihrem Arbeitsplatz fahren müssen und dadurch teilweise Fahrtwege von über zwei Stunden zu bewältigen haben. Der damalige Bürgerschaftsabgeordnete Alexander-Martin Sardina thematisierte das Problem mehrfach im Landesparlament und setzte sich, nach Besuchen vor Ort und in Kooperation mit der Anstaltsleitung, für Verbesserungen ein.[8] Im Jahr 1997 kam in zwei eigenen Gebäuden ein geschlossener Vollzug für Frauen zum Gefängniskomplex hinzu.[9] Im Jahr 2002 geriet das Gefängnis wegen seiner unzureichenden Personalausstattung in die Schlagzeilen.[10] Seit 2004 befindet sich außerdem die Jugendarrestanstalt der Freien und Hansestadt Hamburg als gesonderter Neubau innerhalb des Gefängniskomplexes; der vorherige Standort beim Amtsgericht Wandsbek entsprach nicht mehr den Anforderungen an Hygiene, Sicherheit und Unterbringung.[11]

Naturschutzgebiet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Naturschutzgebiet Hahnöfersand
Luftaufnahme von Hahnöfersand

Luftaufnahme von Hahnöfersand

Lage Halbinsel in der Unterelbe im niedersächsischen Landkreis Stade
Fläche 105,0 ha
Kennung NSG LÜ 286
FFH-Gebiet 105 ha
Geographische Lage 53° 33′ N, 9° 43′ O
Hahnöfersand (Hamburg)
Hahnöfersand
Seehöhe von 0 m bis 1 m
Einrichtungsdatum 31. Oktober 2008
Verwaltung NLWKN
f6

Seit 2008 ist Hahnöfersand wegen seiner naturnahen Watten und Marschen ein Naturschutzgebiet. Der Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz formuliert als zuständige Behörde dazu: "Das Gebiet ist besonders geprägt durch Veränderungen aufgrund der dynamischen Prozesse in der Tideelbe wie Gezeiten, Oberwasserabfluss, Sedimentation, Erosion, Sturmfluten und Treibeis sowie durch seine Eigenschaft als Lebensstätte und Lebensraum seltener und gefährdeter Tier- und Pflanzenarten des Elbeästuars. Schutzzweck ist die Erhaltung und Entwicklung der Funktionsfähigkeit der Lebensräume des Elbeästuars mit süßwasserbeeinflussten Watten, Flachwasserzonen, Tide-Röhrichten und Tide-Auwäldern."[12]

Künstliches Watt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Ausgleichsmaßnahme für die teilweise Zuschüttung des Mühlenberger Loches zur Erweiterung des Airbus-Geländes wurden die östlichen und westlichen Teile der Insel künstlich durch Abtragungen in Wattflächen umgewandelt. Diese werden von den Krickenten gut angenommen, nicht aber von den gefährdeten Löffelenten.

Staatsrechtlicher Status der Haftanstalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Haftanstalt liegt auf niedersächsischem Hoheitsgebiet (in der Gemarkung Borstel der Gemeinde Jork). Hamburg ist lediglich zivilrechtlicher Eigentümer des Geländes, sodass auf dem Gelände grundsätzlich das Landesrecht von Niedersachsen gilt. Hiervon abweichend haben Hamburg und Niedersachsen in einem Verwaltungsabkommen vom 12./14. Januar 2010 vereinbart, dass Hamburgische Justizvollzugsbedienstete berechtigt sind, die erforderlichen Amtshandlungen auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand vorzunehmen und auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand die hamburgischen Vorschriften zum Justizvollzug sowie das Hamburgische Passivraucherschutzgesetz gelten.[13] Das Abkommen ist am 1. August 2010 in Kraft getreten. Sofern die Insassen volljährig sind, sind sie wahlberechtigt bei den betreffenden Gemeinde-, Kreis- und Landtagswahlen in Niedersachsen, da der Sitz der Haftanstalt melderechtlich als Erstwohnsitz gilt.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das nicht öffentlich zugängliche Museum auf Hahnöfersand
Der „Schädel von Hahnöfersand“

Die Insel besitzt einen Friedhof, auf dem auch die verstorbenen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs liegen. Zudem gibt es ein Museum, das durch seine Lage innerhalb der Gefängnisanlage der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.[14]

Der auf der Insel gefundene Schädel von Hahnöfersand wurde durch Reiner Protsch auf ein Alter von 36.000 Jahren datiert und zeitlich den Neandertalern zugesprochen. Als sich herausstellte, dass eine Vielzahl von Datierungen des von ihm seit 1973 geleiteten Datierungslabors völlig fehlerhaft waren, wurde eine unabhängige Neudatierung erforderlich. Überprüfungen in einem C-14-Labor in Oxford ergaben jedoch lediglich ein Alter von höchstens 7500 Jahren.[15]

Siegfried Lenz hat für seinen Roman Deutschstunde die Insel als einen der Schauplätze der Rahmenhandlung gewählt. Der Roman gibt einen Eindruck vom Leben in der Strafvollzugsanstalt nach Ende des Krieges.

Die JVA ist auch kurz Schauplatz in Hark Bohms Film Nordsee ist Mordsee von 1976. Die beiden jugendlichen Protagonisten Uwe und Dschingis fliehen mit einem Segelboot von zu Hause und legen versehentlich auf der Insel an.

Der Fernsehfilm Bittere Wahrheiten aus der ZDF-Reihe Stubbe – Von Fall zu Fall spielt überwiegend in der Haftanstalt Hahnöfersand (Erstsendung: 22. Dezember 2007).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Walter Herrmann: Das hamburgische Jugendgefängnis Hahnöfersand: ein Bericht über Erziehungsarbeit im Strafvollzug. In Zusammenarbeit mit Curt Bondy, Mannheim 1926 (2. Auflage), Neuausgabe mit einem Vorwort von Klaus Eyferth und einem Nachtrag von Jörg Ziegenspeck. Lüneburg 1997 (Schriften-Studien-Dokumente zur Erlebnispädagogik, Bd. 17)
  • Karlheinz Ohle (Manuskript und Bilder): Hahnöfersand. Geschichte und Information zum Jugendvollzug. Justizbehörde Hamburg in Zusammenarbeit mit der staatlichen Pressestalle Hamburg (Hrsg.), Hamburg 1989.
  • Kurt Stypmann: Hahnöfersand – Die Insel im Wandel der Zeit.
  • Straftat Nummer 69. In:Die Zeit, Nr. 29/1998.
  • Landkreis Stade, Naturschutzamt (Hrsg.): Hahnöfersand – geschütztes Reich für Löffelente und Co.?. In: Umwelt im Kreis. 2009, S. 4–5 (PDF-Datei, 1,7 MB).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Hahnöfersand – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ohle: Hahnöfersand, S. 3.
  2. Ohle: Hahnöfersand, S. 4
  3. Raritäten im Museum auf Hahnöfersand. In: Die Welt, 7. August 2001
  4. Ohle: Hahnöfersand, S. 6
  5. Christine Dörner: Erziehung durch Strafe. Die Geschichte des Jugendstrafvollzugsvon 1871–1945. Weinheim und München 1991, S. 93; vgl. auch Ohle: Hahnöfersand, S. 10
  6. Ohle: Hahnöfersand, S. 10.
  7. Ohle: Hahnöfersand, S. 3
  8. Drucksache 18/7307 der Hamburgischen Bürgerschaft: Antrag Erreichbarkeit der Hamburger Justizvollzugsanstalten und des Jugendarrestes auf Hahnöfersand mit öffentlichen Verkehrsmitteln optimieren vom 7. November 2007 des Abgeordneten Alexander-Martin Sardina und Fraktion. Einstimmig von der Hamburgischen Bürgerschaft in der Plenarsitzung am 21. November 2007 angenommen (vgl. Plenarprotokoll 18/94, Seite 5009C).
  9. Raritäten im Museum auf Hahnöfersand, welt.de vom 7. August 2001.
  10. Hahnöfersand - Die Endstation für kriminelle Jugendliche in Hamburg, welt.de vom 17. Dezember 2002, abgerufen am 12. September 2012.
  11. Bericht im nachgang zur Drucksache 17/909 der Hamburgischen Bürgerschaft.
  12. Naturschutzgebiet „Hahnöfersand“ in der Datenbank des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN)
  13. Abkommen zwischen dem Land Niedersachsen und der Freien und Hansestadt Hamburg über die Befugnisse der mit den Aufgaben der Justizvollzugs beauftragten Bediensteten der Freien und Hansestadt Hamburg in der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand und das dort anzuwendende Recht v. 12./14. Januar 2010, HmbGVBl. 2010 S. 378 und Nds. GVBl. 2010 S. 230
  14. Raritäten im Museum auf Hahnöfersand, welt.de vom 7. August 2001.
  15. Matthias Schulz: Die Regeln mache ich. In: Der Spiegel. Nr. 34, 2004, S. 128 ff. (online).