Heidenröslein

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Das „Heidenröslein“ (Originaltitel) oder „Heideröslein“ ist eines der bekanntesten und volkstümlichsten Gedichte von Johann Wolfgang von Goethe. Es wird auch als populäres Volkslied gesungen und wurde von vielen Komponisten, darunter Franz Schubert, vertont.

Das -n- in „Heidenröslein“ ist ein Fugen-n.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gedicht basiert auf dem Lied Sie gleicht wohl einem Rosenstock,[1] dessen Text 1602 in der Sammlung Weltlicher züchtiger Lieder und Rheymen des Paul von der Aelst erschienen war.[2][3] Die Ähnlichkeit beschränkt sich jedoch überwiegend auf Formales: In ihm kommen bereits ähnliche Motive vor: Sie blühet wie ein Röselein […]. Der die Röslein wird brechen ab, das wird wohl tun ein junger Knab. Mehrfach findet sich hier auch die Wendung Röslein auf der Heiden. Dass Goethe dieses Lied kannte, ist nicht belegt. Er verfasste seinen Text während seines Studienaufenthaltes in Straßburg um 1770. Zu dieser Zeit hatte der 21-Jährige eine kurze, aber heftige Liebschaft mit der elsässischen Pfarrerstochter Friederike Brion, an die auch das Gedicht gerichtet war. Gemeinsam mit anderen an Friederike gerichteten Gedichten und Liedern (Mailied u.a.) wird das Heidenröslein zur Gruppe der Sesenheimer Lieder gezählt.

Ein vom Motiv her sehr ähnliches Gedicht verfasste Johann Gottfried Herder, den Goethe zur gleichen Zeit in Straßburg kennengelernt hatte. Herders Die Blüthe nutzt die Konstellation Pflanze – Knabe für ein moralisierendes Exempel:

Knabe, Knabe laß es stehn / das Knöspgen süßer Düfte. / Jedoch der wilde Knabe brach / die Blüte von dem Baume, […] Brich nicht o Knabe nicht zu früh / die Hoffnung süßer Blüte. / Denn bald ach bald verwelket sie / und dann siehst du nirgends nie / die Frucht von deiner Blüte. / Traurig, traurig suchst du sie / zu spät, so Frucht als Blüte.[4]

Ein dem „Heidenröslein“ ähnlicheres Gedicht findet sich ebenfalls bei Herder, der es aber nicht selbst gedichtet hat, sondern als Sammler von Volksliedern mit der Bemerkung, es handele sich um „ein kindisches Fabelliedchen“ 1773 in den Blättern von Deutscher Kunst und Art „nur aus dem Gedächtnis“ wiedergibt.[4] Herder nahm das Lied auch 1779 in den zweiten Band seiner Volkslieder (ab der zweiten Ausgabe von 1807 unter dem Titel „Stimmen der Völker in Liedern“ veröffentlicht) auf.[5] Als Quellenhinweis steht im Inhaltsverzeichnis der Vermerk „aus der mündlichen Sage“.[6] Den auffälligsten Unterschied zum späteren Heidenröslein bringt die letzte Strophe, in welcher der Knabe die Oberhand behält:

Das Röslein wehrte sich und stach. / Aber er vergaß darnach / Beim Genuß das Leiden.

Da Goethe sein Gedicht erstmals 1789 veröffentlichte, ist der Bezug zwischen den Fassungen Goethes und Herders unklar.

Liedtext (nach der Ausgabe letzter Hand 1827)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sah’s mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach: „Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden.“
Röslein sprach: „Ich steche dich,
Dass du ewig denkst an mich,
Und ich will’s nicht leiden.“
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Und der wilde Knabe brach
’s Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Musst es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Interpretationsmöglichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Wessen Interpretationen sind das? Sind das nur die Ideen des Autors des Artikels? --77.186.170.69 17:28, 30. Sep. 2012 (CEST)

Oder geht es um typische "Schulgermanistik" (z.B. die Standardaufgabe 'Was will Goethe mit diesem Gedicht aussagen?'), oder entstammt das Ganze einer Universitätsvorlesung (siehe vor allem den letzten Absatz)? Auch dann wäre es nötig Näheres mitzuteilen. Meier99 (Diskussion) 12:40, 22. Mär. 2015 (CET)

Das Gedicht Goethes lässt verschiedene Interpretationsmöglichkeiten zu. Eine Referenz zu der zugehörigen „Standard-Schulfrage“ Was will Goethe mit diesem Gedicht aussagen? wird an dieser Stelle gegeben:

Unter anderem kann man in diesem Gedicht das stürmische Liebesverlangen eines Jünglings zu einem schönen Mädchen erkennen. Er erweckt ihre Gegenliebe, verlässt sie dann jedoch und bricht ihr damit dauerhaft das Herz. Die Zeilen „Röslein sprach: Ich steche dich, dass du ewig denkst an mich.“ und „Röslein wehrte sich und stach“ lassen die Ansicht zu, dass sie sich an ihm gewaltsam für seine Untreue rächt. Ebendiese Zeilen widersprechen auch der einseitigen Deutung einiger Interpreten, die in dem Gedicht nur die verschlüsselte Vergewaltigung[5] eines hilflosen Mädchens durch den Knaben, die jener mit Brachialgewalt („brach“) und gegen ihren Willen vollzieht, zu erkennen meinen.

Eine zweite Interpretation ist eine thematisierte Verführung, interpretiert als Initiation des Weiblichen. Das „Röslein“ steht demnach symbolisch für eine junge Frau (oder ein Mädchen), die sich zunächst gegen die Nachstellung eines jungen Mannes standhaft zur Wehr setzt. Der „wilde Knabe“ bricht jedoch letztendlich die Moral d.h. ihre Jungfräulichkeit. Die junge Frau ist hin- und hergerissen, aber sie ergibt sich schließlich ihrer Leidenschaft – teils mit, teils gegen ihren Willen („Und ich will’s nicht leiden“ interpretiert als „es soll mir nicht leid tun“). Sie emanzipiert sich damit – so diese Interpretation – vom jungen Mädchen zur Frau.

„Leiden“ kann dabei gemäß altem Sprachgebrauch auch als „lieben“ („ich kann Dich leiden“) gedeutet werden, oder aber als das Leid über den Verlust der eigenen Kindheit, oder gar als das Geburtsleiden im Vorgriff auf ihr eigenes Erwachsenenleben als werdende Mutter (das „Weh“ d.h. die Wehen bei zukünftigen Geburten ihrer Kinder) gesehen werden.

Zuletzt: Die sexuelle Metaphorik des Liedes ist bereits in seinem Titel angelegt, der zur Entstehungszeit der Vorlage im 16. Jahrhundert einen Doppelsinn hatte, den Goethe vielleicht noch herausgehört hat, auch wenn er modernen Sprechern der deutschen Sprache nicht mehr offensichtlich ist. Das Heidenröslein ist nämlich eine frühneuhochdeutsche Umformung des mittelhochdeutschen Wortes Heidruose, wie es zum Beispiel bei Wolfram von Eschenbach auftaucht. Heidruose aber hat weder mit Heide noch mit Rose zu tun, sondern heißt so viel wie Hegedrüse, sprich Hoden. Der vergiftete Speer, durch den König Anfortas im Roman Parzival an der Heidruose[6] verletzt wird, entmannt ihn, nimmt ihm die Zeugungskraft. Goethe spielt mit diesem Doppelsinn zugleich auch auf die vom Mittelalter bis zu seiner Zeit gebräuchliche Strafe für Vergewaltigung an, nämlich die Kastration. Insofern legt bereits der Titel eine Interpretation des Geschehens als Vergewaltigung nahe, auch wenn die harmlosere Lesart als freiwilliges Schäferstündchen nicht ausdrücklich ausgeschlossen wird.

Vertonungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Franz Schuberts Komposition zu Goethes Heidenröslein, 1815

Das Heidenröslein hat drei Strophen zu je sieben Versen in vierhebigen Trochäen, wobei sich die letzten beiden Zeilen liedtypisch in jeder Strophe wiederholen. Bei fast allen musikalischen Vertonungen des Gedichts sind Melodie und Begleitung der drei Strophen gleich, weswegen man das vertonte Heidenröslein zu den Strophenliedern zählt.

Der Komponist Franz Schubert komponierte am 19. August 1815 das Kunstlied Heidenröslein D 257.[7] Er hat in seiner Vertonung dieses doppeldeutige Gedicht mit einem kleinen Nachspiel konzipiert; es ist neben dem Lindenbaum das wohl bekannteste Lied von Schubert.

Neben Schuberts Version gibt es sehr viele Melodien anderer Komponisten zu diesem Gedicht. Die populärste und noch heute als Volkslied sehr oft gesungene stammt von Heinrich Werner aus Kirchohmfeld. Am 20. Januar 1829 wurde seine Liedfassung im Konzert der Braunschweiger Liedertafel, die er als Dirigent leitete, zum ersten Mal vorgetragen.

Robert Schumann komponierte in seinem „Liederjahr“ 1840, in dem rund die Hälfte seines gesamten Liedschaffens entstand, eine Fassung für gemischten Chor op. 67,3.[8][9]

Auch Franz Lehár vertonte den Text in seiner Operette Friederike, die Goethes elsässische Jugendliebschaft zum Thema hat.

Weitere Vertonungen des Gedichtes stammen u. a. von Andreas Romberg (1793), Johann Friedrich Reichardt (1794, später bearbeitet von Johannes Brahms, WoO 31 Nr. 6, 1857), Hans Georg Nägeli (1795), Moritz Hauptmann (1840) und Niels Wilhelm Gade (1889).[10]

Adaptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Dichter Leberecht Dreves schrieb Anfang des 19. Jahrhunderts eine Parodie auf die vormärzlichen Zensurverhältnisse, mit dem Titel Freiheitsbüchlein („Sah ein Fürst ein Büchlein stehen...“), die nach Heinrich Werners Melodie zu Goethes Heidenröslein gesungen wurde.[11]

Die New Yorker Sängerin Helen Schneider sang das Lied 1978 in der Fernsehsendung „Bios Bahnhof“. Aufmerksamkeit erregte sie neben ihrer besonders einfühlsamen Interpretation auch, weil sie ein klassisches deutsches Lied vortrug, obwohl Mitglieder ihrer Familie während des Holocaust in Deutschland ermordet wurden.

Die deutsche Rockband Rammstein thematisiert im Lied Rosenrot das Gedicht Heidenröslein und lehnt sich an manchen Stellen eng an dieses an. Im Unterschied zum Original – so lautet eine der möglichen Interpretationen – genießt die Frau die Hingabe und die Bemühungen des Mannes, während dieser beim Scheitern große Schmerzen erleiden muss.

Die japanische Sängerin Shiina Ringo veröffentlichte das Heideröslein – von ihr auf Deutsch gesungen – auf ihrem Album Utaite Myouri aus dem Jahr 2002.

Eine weitere recht eigenwillige Interpretation im Boogie-Woogie-Stil findet sich auf dem Album ich denke also sing ich – unterwegs von Bodo Wartke.

Der Hamburger Musiker Achim Reichel veröffentlichte 2006 auf seinem Album Volxlieder eine Fassung des Liedes unter dem Titel Röslein auf der Heiden, musikalisch angeregt von Heinrich Werners Vertonung.

Die deutsche Sängerin Cristin Claas veröffentlichte das Lied Röslein auf dem Album In The Shadow Of Your Words im Jahr 2007.

Die deutsche Mittelalter-Metal-Band Rabenschrey schrieb das Lied Röselein, was ebenso an Goethes Gedicht angelehnt ist.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Heidenröslein – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Heidenröslein – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sie gleicht wohl einem Rosenstock bei lieder-archiv.de
  2. Walter Hinck: Stationen der deutschen Lyrik: von Luther bis in die Gegenwart : 100 Gedichte mit Interpretationen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-20810-3, S. 79 ff. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Erich Trunz (Hrsg.): Johann Wolfgang von Goethe. Gedichte. C.H.Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-55248-9, S. 508–511 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. Hermann August Korff: Goethe im Bildwandel seiner Lyrik. Band 1 S. 77 ff. Hanau 1958.
  5. So aber z.B. Ulrike Lembke, Von Heidenröslein bis Herrenwitz; in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 3/2013.
  6. Im Originaltext des Parsifal, in Trevrizents Erzählung, [1], suche man nach der Stelle durch die heidruose sin.
  7. Werner Aderhold et al. (Hrsg.): Franz Schubert: Verzeichnis seiner Werke in chronolog. Folge; [der kleine Deutsch]. Bärenreiter/dtv; Kassel; Basel; Wien/München 1983, ISBN 3-423-03261-8, S. 77.
  8. Dietrich Fischer-Dieskau: Robert Schumann. Das Vokalwerk. dtv, München 1985, ISBN 3-423-10423-6, S. 175.
  9. Robert Schumann: Romanzen und Balladen, op. 67: Noten und Audiodateien im International Music Score Library Project.
  10. Heidenröslein In: The Lied, Art Song, and Choral Texts Archive bei recmusic.org
  11. David Robb, Eckhard John: Sah ein Fürst ein Büchlein stehn (2010). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon des Deutschen Volksliedarchivs