Hermann Detering
Hermann Detering (* 1953 in Oldenburg; † 18. Oktober 2018[1] in Neukirchen (Altmark)) war ein deutscher evangelischer Theologe, der im Anschluss an die Holländische Radikalkritik die Unechtheit aller Paulusbriefe und die These eines Jesus-Mythos vertrat.
Ausbildung und Berufstätigkeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Abitur studierte Detering ab 1972 Germanistik, Altphilologie und evangelische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Berlin. Von 1992 bis Oktober 2009 arbeitete er als Pfarrer in der Melanchthongemeinde in Berlin-Spandau.[2]
1991 promovierte er während seines Pfarrdienstes bei Walter Schmithals mit einer Arbeit über die Holländische Radikalkritik. Sie erschien 1992 unter dem Titel Paulusbriefe ohne Paulus. Die Paulusbriefe in der holländischen Radikalkritik.[3]
Hermann Detering starb am 18. Oktober 2018 und hinterließ Frau und vier Kinder.[4]
Thesen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Unechtheit aller Paulusbriefe und Jesus-Mythos
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bruno Bauer hatte seit 1850 als erster Bibelkritiker die Echtheit aller Paulusbriefe bestritten und sie allesamt zu Pseudepigraphien erklärt. Ab 1874 hatte er zudem vertreten, Jesus von Nazaret sei keine historische Figur, sondern ein nachträglich von Christen historisierter Jesus-Mythos. Ab etwa 1878 waren einige niederländische Neutestamentler Bauers Thesen gefolgt. Bis 1914 hatte diese sogenannte Holländische Radikalkritik ihren Einfluss auf die Neutestamentliche Bibelwissenschaft weitgehend verloren.
In seinen Werken Paulusbriefe ohne Paulus? (1992) und Der gefälschte Paulus (1995) übernahm Detering die Thesen der niederländischen Neutestamentler Abraham Dirk Loman (1823–1897), Willem Christiaan van Manen (1842–1905) und Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga (1874–1957): Alle Paulusbriefe seien erst im 2. Jahrhundert entstanden und somit Paulus nur zugeschrieben worden.[5] Der erste Clemensbrief und die Ignatiusbriefe, die einige Paulusbriefe erwähnen, seien spätere Fälschungen. Eine nur in Notizen einiger Kirchenväter überlieferte Kurzfassung der Paulusbriefe von Marcion (um 150) sei ursprünglich. Die Großkirche habe diese Vorlage durch Textzusätze erweitert. Auf diese verschiedenen Autoren seien innere Widersprüche in den Paulusbriefen zurückzuführen. Die Figur des Paulus sei legendarisch. Simon Magus, den die Kirche zum Urbild der Gnosis und aller Häretiker erklärt habe, sei der historische Ursprung der Paulus-Figur.
Deterings Thesen sind wissenschaftlich nicht anerkannt und wurden von verschiedenen Neutestamentlern zurückgewiesen.[6] Jürgen Becker beurteilt Deterings Identifikation des Paulus mit Simon Magus als „sehr fantasievoll“. Dazu müsse Detering der Apostelgeschichte des Lukas jeden Geschichtswert absprechen. Zudem müsse er den ersten Clemensbrief und die Ignatiusbriefe zu Fälschungen erklären, weil sie Paulusbriefe vor Marcion bezeugten. Dass die Großkirche die angeblichen Marcionprodukte überarbeitet habe, um sie in ihren NT-Kanon aufzunehmen, sei eine „bizarre Vermutung“.[7]
Andere
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In einer weiteren, kaum rezipierten Publikation sah Detering einen Einfluss des frühen Theravada-Buddhismus auf den Gnostiker Basilides.[8] Er fand äußere Parallelen zwischen buddhistischen Orden und der Gemeinschaft der Therapeuten, die der jüdische Philosoph Philo von Alexandria im 1. Jahrhundert beschrieben hatte: etwa die allgemeine Zusammensetzung, getrennt lebende Männer und Frauen sowie Haltung, Kleidung und Rangfolge der Mönche.
Veröffentlichungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Paulusbriefe ohne Paulus? Die Paulusbriefe in der holländischen Radikalkritik. Peter Lang, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-631-44787-6
- Der gefälschte Paulus. Das Urchristentum im Zwielicht. (1995) Patmos, Wuppertal 2012
- Turmel redivivus – Die Ignatianen als marcionitische Pseudepigrapha. Berlin 2007 (PDF; auf radikalkritik.de)
- Falsche Zeugen: Außerchristliche Jesuszeugnisse auf dem Prüfstand. Alibri, 2011, ISBN 978-3-86569-070-8
- Die Lust der Welt und die Kunst der Entsagung. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2013, ISBN 978-3-579-06629-5
- O du lieber Augustin – Falsche Bekenntnisse? Alibri, 2015, ISBN 978-3-86569-181-1
- Christi Brüder. Wie heidnische Mythen das Christusbild prägten. Band 1: Attis, Adonis Tammuz. Eigenverlag, 2017, ISBN 978-1-973278-78-8.
- Die Gegner des Paulus - Judaistenthese 2. Jahrhundert. 2018 (PDF-Download, auf radikalkritik.de)
- Die gnostische Interpretation des Exodus und die Anfänge des Josua-Jesus-Kultes. Buddha, Josua, Jesus und der Weg zum anderen Ufer. Independently published, Leipzig 2018, ISBN 978-1-980796-05-3
- Der „Anstand“ und der Aufstand der Neo-Spießer. Achgut, 20. September 2018
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Portraitaufnahme von Hermann Detering
- Jesus – Mythos und Wahrheit – History Live mit Guido Knopp und Annette Merz, Klaus Wengst und Hermann Detering vom 21. Dezember 2014 auf Phoenix
- Neue Zweifel an der historischen Existenz Jesu. Interview: Martin Bauer mit Hermann Detering, 30. September 2011, Humanistischer Pressedienst
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Kirchliches Amtsblatt der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Jahrgang 2018, Nr. 11, S. 215
- ↑ Rundbrief Evangelische Kirche in Spandau 5/2009, Mitte Oktober bis Mitte Dezember 2009, S. 17
- ↑ Hermann Detering, Theologe und Autor: Vita. 2018
- ↑ Uwe Topper: Nachruf auf Dr. Hermann Detering. Berlin 2020
- ↑ Reimund Bieringer: The Corinthian correspondence. Peeters, Amsterdam 1996, ISBN 90-6831-774-1, S. 428
- ↑ Eduard Lohse: Paulus. Eine Biographie. 2. Auflage. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58584-5, S. 279; Frank Holzbrecher: Paulus und der historische Jesus: Darstellung und Analyse der bisherigen Forschungsgeschichte. A. Francke, 2007, ISBN 978-3-7720-8242-9, S. 70
- ↑ Jürgen Becker: Der Völkerapostel Paulus im Spiegel seiner neuesten Interpreten. In: Theologische Literaturzeitung Nr. 11 / 122. Jahrgang, November 1997, Spalte 977f.
- ↑ Hermann Detering: Spuren indischer Philosophie bei Basilides – 1. Teil: Basilides referiert Sāṃkhya 1. academia.edu (Download)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Detering, Hermann |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher evangelischer Theologe und Buchautor |
| GEBURTSDATUM | 1953 |
| GEBURTSORT | Oldenburg |
| STERBEDATUM | 18. Oktober 2018 |
| STERBEORT | Neukirchen |