Hermann Detering

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Hermann Detering (* 1953 in Oldenburg; † 18. Oktober 2018[1] in Neukirchen (Altmark)) war ein deutscher evangelischer Theologe und Buchautor. Er vertrat die These, alle Paulusbriefe seien Pseudepigraphen und Jesus von Nazaret sei keine historische Figur, sondern ein nachträglich von Christen historisierter Jesus-Mythos.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abitur studierte Detering Germanistik, Altphilologie und evangelische Theologie in Berlin. Von 1982 bis 2009 arbeitete er dort als Pfarrer. 1991 promovierte er bei Walter Schmithals mit einer Arbeit über die niederländische Radikalkritik.[2]

In seinen Werken Paulusbriefe ohne Paulus? (1992) und Der gefälschte Paulus (1995) übernahm Detering die Thesen von deren Hauptvertretern Abraham Dirk Loman (1823–1897), Willem Christiaan van Manen (1842–1905) und Gustaaf Adolf van den Bergh van Eysinga (1874–1957): Alle Paulusbriefe seien erst im 2. Jahrhundert entstanden und somit Paulus nur zugeschrieben worden.[3] Der erste Clemensbrief und die Ignatiusbriefe, die einige Paulusbriefe erwähnen, seien ihrerseits spätere Fälschungen. Eine nur in Notizen einiger Kirchenväter überlieferte Kurzfassung der Paulusbriefe von Marcion (um 150) sei ursprünglich. Die Großkirche habe diese Vorlage durch Textzusätze erweitert. Auf diese verschiedenen Autoren seien innere Widersprüche in den Paulusbriefen zurückzuführen. Die Figur des Paulus sei legendarisch. Simon Magus, den die Kirche zum Urbild der Gnosis und aller Häretiker erklärt habe, sei der historische Ursprung der Paulus-Figur.

Deterings Thesen sind in der wissenschaftlich-theologischen Diskussion umstritten. Die Mehrzahl der Neutestamentler weist sie zurück.[4] Jürgen Becker betrachtet Deterings Umgang mit den Quellen hinsichtlich seiner Identifikation des Paulus mit Simon Magus als „sehr fantasievoll“. Detering müsse der Apostelgeschichte des Lukas jeden Geschichtswert absprechen. Außerdem müsse er den ersten Clemensbrief und die Ignatiusbriefe zu Fälschungen erklären, weil sie Paulusbriefe vor Marcion bezeugten. Dass die Großkirche die angeblichen Marcionprodukte überarbeitet habe, um sie in ihren NT-Kanon aufzunehmen, sei eine „bizarre Vermutung“.[5] Matthias Klinghardt schreibt, es gebe Anzeichen dafür, dass die 10-Briefe-Sammlung Marcions ein vorkanonisches Überlieferungsstadium der kanonischen Paulusbriefe darstellt, und spricht sich für eine weitere Analyse der marcionitischen Paulusbriefe aus.[6]

In einer weiteren wissenschaftlichen Untersuchung sah Detering den Einfluss des frühen Theravada-Buddhismus auf den Gnostiker Basilides.[7] Er listet einige Parallelen zwischen dem Buddhismus und der Gemeinschaft der Therapeutae auf, wie sie von Philo von Alexandria beschrieben worden waren. So fand Detering spezifische äußerliche Merkmale wie die allgemeine Zusammensetzung eines buddhistischen Ordens, etwa getrennt lebende Männer und Frauen, sowie die Haltung, Kleidung und Rangfolge der Mönche. Schon zur Zeit des interkulturellen Austausches (bedingt durch König Ashoka) hatten in dieser Phase des Buddhismus die Orden (Sangha) einen hohen Organisationsgrad und ein festgelegtes Protokoll erreicht.

In seinem Werk Falsche Zeugen (2011) bestritt Detering die Aussagekraft außerchristlicher antiker Erwähnungen Jesu.

Hermann Detering starb am 18. Oktober 2018 nach schwerer Krankheit (Malignom) und hinterlässt Frau und vier Kinder.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Paulusbriefe ohne Paulus? Die Paulusbriefe in der holländischen Radikalkritik. 1992.
  • Der gefälschte Paulus. Das Urchristentum im Zwielicht. (1995) Patmos, Wuppertal 2012
    • Englische Ausgabe: Darrell J. Doughty (Übersetzer und Hrsg.): The Falsified Paul: Early Christianity in the Twilight. In: The Journal of Higher Criticism 10/Nr. 2 (2003), S. 2–199
  • Falsche Zeugen: Außerchristliche Jesuszeugnisse auf dem Prüfstand. 2011.
  • Die Lust der Welt und die Kunst der Entsagung. 2013.
  • O du lieber Augustin – Falsche Bekenntnisse? 2014.
  • Turmel redivivus – Die Ignatianen als marcionitische Pseudepigrapha. Berlin 2007 PDF; 616 kB, 54 Seiten auf radikalkritik.de
  • Die Gegner des Paulus - Judaistenthese 2. Jahrhundert. 4. Juli, 2018 [2]
  • Die gnostische Interpretation des Exodus und die Anfänge des Josua-Jesus-Kultes. Buddha, Josua, Jesus und der Weg zum anderen Ufer. Independently published, Leipzig 2018, ISDN 978-1-980-79605-3.
  • Spuren indischer Philosophie bei Basilides 1. Teil: Basilides referiert Sāṃkhya 1 ([3] auf academia.edu)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kirchliches Amtsblatt der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Jahrgang 2018, Nr. 11, S. 215
  2. hermann-detering.de: Vita
  3. Reimund Bieringer: The Corinthian correspondence. Peeters, 1996, ISBN 90-6831-774-1, S. 428.
  4. Eduard Lohse: Paulus. Eine Biographie. 2. Auflage. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58584-5, S. 279; Frank Holzbrecher: Paulus und der historische Jesus: Darstellung und Analyse der bisherigen Forschungsgeschichte. A. Francke, 2007, ISBN 978-3-7720-8242-9, S. 70.
  5. Jürgen Becker: Der Völkerapostel Paulus im Spiegel seiner neuesten Interpreten. In: Theologische Literaturzeitung Nr. 11 / 122. Jahrgang, November 1997, Spalte 977–978.
  6. Matthias Klinghardt: Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien. Band I: Untersuchung, Francke, 2015, ISBN 978-3-7720-8549-9, S. 373–374.
  7. Hermann Detering: Spuren indischer Philosophie bei Basilides 1. Teil: Basilides referiert Sāṃkhya 1 ([1] auf academia.edu)