Horacker

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Horacker ist ein Roman von Wilhelm Raabe, geschrieben im Jahr 1876, dessen Erfolg beim Publikum weit hinter den Erwartungen seines Autors zurückgeblieben ist. Da Raabe seinen Lebensunterhalt ausschließlich als freier Schriftsteller verdiente, war er zu hoher Produktivität gezwungen.[1] Gleichwohl gilt das Urteil des Raabe-Biografen Hans Oppermann: [Raabes] „... neugewonnene und gefestigte Sicherheit feiert dann ihren ersten Triumph in ‚Horacker‘, einer Erzählung, die Raabe auf der Höhe der Meisterschaft zeigt.“[2]

Historischer Kontext[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman Horacker spielt im Jahre 1867 in dem fiktiven Dorf Gansewinckel[3] in Raabes Weserheimat.[4] Nicht ohne Absicht lässt Raabe die Handlung zwischen dem Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 und dem allgemein als Epochenwende empfundenen Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 spielen. Diese fünf Jahre sind die des Norddeutschen Bundes, einer Zwischenstufe zum neuen Kaiserreich von 1871. Die Erzählung in diese Zwischenzeit zu platzieren, lag nahe, weil Raabe auch zwei Mentalitäten aufeinandertreffen lässt: Die alte Generation mit ihren Vertretern Konrektor Eckerbusch, Pastor Winckler und Staatsanwalt Wedekind, die noch von humanen Traditionen der Aufklärung und der deutschen Klassik geprägt sind, wird abgegrenzt gegen die neue machtorientierte und arrogante Generation von Oberlehrer Dr. Neubauer und Assessor Nagelmann.[5] Dass für Raabe dieser historische Zeitpunkt wichtig war, macht er deutlich an einer kalenderblattartigen Aufzählung wichtiger politischer Ereignisse des Juli 1867: Die Weltausstellung in Paris fand statt, Österreich-Ungarn wurde gegründet, Preußen und Hessen schlossen ein Schutz- und Trutzbündnis, die Dezemberverfassung wurde sanktioniert, das Postmonopol von Thurn und Taxis aufgehoben, König Otto von Griechenland und Maximilian von Österreich starben und Abdülaziz, Sultan der Osmanen, besuchte König Wilhelm zu Koblenz. Doch die Personen in dem Buch interessiert dies alles nicht: „Nun hätte man denken sollen, daß alles dieses und noch vieles andere nicht Aufgezählte vollkommen hingereicht hätte, die eben von uns vom hohen Berg aus überschaute Gegend hinreichend zu beschäftigen; aber – im Gegenteil! […] die Gegend kümmerte sich nur – um Horacker.“ (S. 3)

Erzählstil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Erzählstil im Horacker ist der eines adressatenbezogenen Erzählers. Der Leser wird mehrere Male vom Autor direkt angesprochen und so direkt ins Geschehen mit einbezogen. Raabe wendet sich an den realen Leser, wenn er über die Schwierigkeiten einer sachgerechten Darstellung redet. Diese Einschübe und Kommentare unterstreichen den prozessualen, offenen Charakter des Werkes. Meist stehen solche Bemerkungen zu Beginn eines Kapitels: „Nun wird uns aber unsere Geschichte selber fast zu bunt und sozusagen zu einer auf uns einstürzenden Wand! Die vielfarbigen Mauerstücke poltern über uns her, und fast vergebens arbeiten wir keuchend und lehnen uns mit Buckel und Ellenbogen an, um nicht unter dem flimmernden Schutt begraben zu werden.“ (S. 37)

Literarisches Genre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raabe spielt in diesem Roman mit verschiedenen Gattungen. Er parodiert bewusst den Räuberroman in der Tradition des Rinaldo Rinaldini. Gleichzeitig bezeichnet er Horacker als eine Idylle; aber die droht zu zerbrechen an der Banalität des Bösen, wie sie von der Dorf- und Stadtbevölkerung verkörpert wird.[6] Nur durch das beherzte Eingreifen der Vertreter der alten Generation kann am Ende doch alles in das Idyll im Pfarrgarten einmünden, das alle Personen vereinigt.[7]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman beschreibt nur einen Tag, den Nachmittag und Abend, mit einer Zeitspanne von weniger als zehn Stunden. Die Geschichte beginnt damit, dass der Autor auf die weltgeschichtlichen Ereignisse dieser Zeit hinweist, um sich ganz davon zu distanzieren und die Ereignisse in Gansewinckel zu erzählen. Der Konrektor Eckerbusch und sein Kollege Windwebel brechen zu einem Spaziergang nach Gansewinckel auf. In einem Wald begegnen sie der Witwe Horacker, die für ihren Sohn, den angeblichen Mörder Cord Horacker, um Essen bittet. Es stellt sich heraus, dass der vermeintliche Straftäter in Wirklichkeit nur einen Topf Schmalz gestohlen hat und dessen schlimmer Ruf erst durch die Gerüchte der Bevölkerung entstanden ist. So wurde Cord Horacker nach seinem Diebstahl in eine Fürsorgeanstalt gebracht, aus der er aufgrund des Gerüchts, dass seine Geliebte Lottchen Achterhang ihn nicht mehr liebe und womöglich einen anderen habe, entflieht. Seitdem streift er ängstlich und hungrig durch die Wälder. Die beiden Lehrer beschließen Horacker mit nach Gansewinckel zu nehmen. Doch aus Angst vor einer Strafe flüchtet Cord weiter in den Wald und Windwebel folgt ihm. Als er ihn schließlich einholt, überredet er ihn mitzukommen. Währenddessen trifft Lottchen, die wegen Horacker zu Fuß aus Berlin hergelaufen ist, im Pfarrhaus ein und wird dort aufgenommen und versorgt. Auch die beiden Frauen der Lehrer brechen mit dem Oberlehrer Neubauer in einer Kutsche nach Gansewinckel auf, da sie das Gerücht gehört haben, dass ihre Männer von Horacker ermordet wurden. Wegen desselben Gerüchts brechen auch Staatsanwalt Wedekind und sein Assistent nach Gansewinckel auf. Schließlich treffen alle am Abend im Haus des Pfarrerehepaars Winckler zusammen, wo Konrektor Eckerbusch durch eine Rede, in der er die Untaten der Bürger von Gansewinckel aufzählt, Horacker und seine Geliebte Lottchen verteidigt. Zuletzt verpflichten sich alle, den beiden jungen Leuten wieder zurück in eine geordnete Existenz zu verhelfen.

Gesellschaftskritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Raabe kritisiert in seinem Werk auf indirekte Weise die Wirkung von Gerüchten auf das Verhalten der Dorfbewohner.[8] Zunächst zeigt er eine „heile“ dörfliche Welt, deren größtes Problem ein angeblicher Schwerverbrecher ist, während andere Themen sie nicht interessieren. Ein Unschuldiger wird durch ein Gerücht zum Mörder, zum Dieb und skrupellosen Menschen gemacht, die beiden Lehrer und deren Frauen werden ebenfalls durch Gerüchte zu ihren Handlungen bewegt.

Die Verdorbenheit der Gesellschaft wird durch das Verhalten der Bürger von Gansewinckel deutlich, die sich gegenseitig berauben, Horacker an allem die Schuld geben und die die Verhaltensnormen der Kirche ignorieren. Bewohner kontrollieren sich gegenseitig und hindern so die Witwe Horacker, ihrem Sohn zu helfen. Auf die Vergehen und die Untaten der Dorfbevölkerung, auf ihre Herzlosigkeit und ihre Sensationslust, die Raabe an eindrucksvollen Szenen zeigt, geht auch Eckerbusch in seiner Verteidigungsrede für Horacker ein.

Eingliederung in den Realismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Thematisieren von sozialen Verhältnissen und speziell auch von Konflikten zwischen Individuum und Gesellschaft stand im Zentrum dieser Epoche. So steht in Raabes Horacker nicht die Masse der Gesellschaft im Vordergrund, sondern eine einzelne Persönlichkeit. An ihr zeigt Raabe die sozialen Umstände des Dorfes Gansewinckel, wo sich eine Gemeinschaft gegen ein Individuum wendet. Diese Masse ist für Raabe stets roh und gefühllos. Gesellschaftskritik, ein zentraler Aspekt des Realismus, übt Raabe, indem er eine konkrete Gesellschaft und ihr Beziehungsgeflecht in einem konkreten Ort beschreibt und durch Überzeichnungen und Überspitzung menschlichen Verhaltens deren Mängel und Versagen sichtbar werden lässt.

Ein Stilmittel des Realismus ist der Humor. Ziel war es, damit mit der Unzulänglichkeit sowie Tristesse der Existenz fertigzuwerden oder ihr entgegenzuwirken. In Raabes Horacker entsteht häufig Situationskomik, wenn z. B. die unglaublichsten Geschichten über Horacker erzählt werden oder wenn der Autor seine Personen charakterisiert: „Daß der Konrektor Eckerbusch mit dem Talent begabt war, allerlei menschliche und tierische Kreaturen nachzuahmen und sie in Leid und Freude zur Darstellung zu bringen, ist uns gleicherweise bekannt: einem krähenden Hahn hatte er noch nie so sehr geglichen als jetzt in diesem spannungsvollen Moment.“ (S. 65)

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sigrid Thielking: Raabe- Rapporte. Literaturwissenschaftliche und literaturdidaktische Zugänge zum Werk Wilhelm Raabes. Dt. Univ.-Verlag, Wiesbaden 2002, ISBN 3-8244-4476-3.
  • Brigitte Dörrlamm: Gasthäuser und Gerüchte. Zu integrativer Polyphonie im Werk Wilhelm Raabes. Lang, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-631-50825-5.
  • Franz von Kutschera: Ästhetik. de Gruyter, Berlin 1998, ISBN 3-11-016277-6.
  • Walter Jens: Kindler Literaturlexikon. Komet, Frechen 2001, ISBN 3-89836-214-0.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. „für’s Erste noch schreibe ich meine Horacker etc. für’s tägliche Brod“, aus: Wilhelm Raabe. Sämtliche Werke. BAE 2, S. 188.
  2. Hans Oppermann: Wilhelm Raabe. Reinbek bei Hamburg, 1970, S. 98.
  3. Vorbild ist das Dorf Boffzen bei Holzminden, das später in Raabes letzter von ihm selbst veröffentlichter Erzählung Hastenbeck unter dem wirklichen Ortsnamen noch einmal auftaucht. Raabes Schwager Tappe war dort evangelischer Pfarrer.
  4. Wilhelm Raabe, Sämtliche Werke. BA Band 12, S. 294: „Ein Fluß, der auch in Schillers Xenien seine Stelle gefunden hat, schlängelte sich in mannigfachen Windungen hindurch“; Hans Oppermann: Wilhelm Raabe. 1970, S. 99: „Deutlich hat Raabes Weserheimat – Holzminden, der Solling und Boffzen – Modell gestanden.“
  5. Hans Oppermann: Wilhelm Raabe. 1970, S. 99 f.: „Dabei erscheint auch hier das helfende, sich bewährende Menschentum in der Gestalt des Philisters, ja, es muß sich gegen Gefahren des Philistertums in sich selbst durchsetzen. Paradoxerweise ist die Gegenwelt dieses Philistertums, die sich ihm ironisch überlegen fühlt, verkörpert in dem Oberlehrer Dr. Neubauer, dem alle humanen Züge fehlen. Dieser Gegensatz erscheint zugleich als Gegensatz zwischen alter und neuer Zeit, als Gegensatz zweier Generationen“.
  6. Wilhelm Raabe, Sämtliche Werke. BA Band 12, S. 415: „Fast zu viele Fermente in dem episch-tragischen Sude, zu viele Errata in der Idylle, und doch, doch, welch eine Idylle!“
  7. Hans Oppermann: Wilhelm Raabe. 1970, S. 99: „An die überkommenen Formen der Idylle und des Räuberromans anknüpfend, beide parodierend und in der Parodie aufhebend, gründet Raabe die Erzählung tief auf das echte Wesen des Menschen, sein immer wiederkehrendes Leiden und seine Bewährung in der Hilfe für den Leidenden. So schafft er aus Parodie, Ironie und Humor, aus Tragödie und Komödie in der anti-idyllischen Gegenwart, die er als gesellschaftlich negativ durchschaut, noch einmal eine Möglichkeit der Idylle. Sie gipfelt in dem Zauber der Sommernacht im Pfarrhausgarten, der am Schluß alle handelnden Personen vereint, während die Leidenden sicher im Pfarrhaus sind, Horacker und sein Lottchen schlafend, von Horackers Mutter bewacht.“
  8. Brigitte Dörrlamm: Gasthäuser und Gerüchte. Zu integrativer Polyphonie im Werk Wilhelm Raabes. Lang, Frankfurt am Main. 2003, ISBN 3-631-50825-5, S. 109–129.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]