Isagoge

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Isagoge (altgriechisch εἰσαγωγή, eisagogé: „Einführung“) ist unter anderem der Titel einer kurzen Einführung zur Kategorien-Schrift des Aristoteles, die der griechische Philosoph Porphyrios im 3. Jahrhundert verfasste und die große Bedeutung für die Philosophie im Mittelalter hatte.

Übersicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Anfang der Isagoge in der Handschrift Venedig, Biblioteca Nazionale Marciana, Gr. IV 53, fol. 1r (13. Jahrhundert)

In der Isagoge erläutert Porphyrios fünf miteinander verbundene philosophische Grundbegriffe, die sogenannten Prädikabilien:

  1. Gattung (griechisch γένος génos, lateinisch genus)
  2. Art (griechisch εἶδος eîdos, lateinisch species)
  3. Differenz (griechisch διαφορά diaphorá, lateinisch differentia)
  4. Proprium (griechisch ἴδιον ídion, lateinisch proprium)
  5. Akzidenz (griechisch συμβεβηκός symbebekós, lateinisch accidens).

Gleich am Anfang der Schrift formuliert Porphyrios bezüglich der Unterscheidung von Arten und Gattungen aus der aristotelischen Topik jene drei Fragen, die den Rahmen des mittelalterlichen Universalienstreits absteckten:

  1. Sind Universalien vom Denken abhängig oder unabhängig?
  2. Falls sie unabhängig sind, existieren sie dann als reale Dinge?
  3. Sind sie von den Sinnen getrennt oder mit ihnen verbunden?

Porphyrios beantwortet diese Fragen jedoch ausdrücklich nicht.

Ihre Diskussion begann erst bei Boëthius, der die Isagoge zweimal ins Lateinische übersetzte und ausführlich kommentierte. Seit dieser und weiteren lateinischen Übertragungen ist die Schrift auch unter dem Titel Quinque voces (lateinisch „Fünf Begriffe“) bekannt. Im abendländischen Mittelalter war die Isagoge in Boëthius‘ Übersetzung das wichtigste einführende Handbuch der logica vetus ("alte", d. h. aristotelische Logik). Eine vergleichbare Wirkung erzielte im arabischsprachigen Raum die arabische Übersetzung, die Abu 'Uthman ad-Dimashqi um 900 anfertigte. Weitere Übersetzungen ins Lateinische, Syrische und Armenische sind bekannt; insgesamt wurde die Schrift mehr als zwanzigmal kommentiert und bis ins 12. Jahrhundert als einführendes Lehrbuch verwendet.

Modell des menschlichen Wissens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Anschluss an die Isagoge wurde im Mittelalter die Metapher der arbor porphyriana geprägt. Die arbor porphyriana stellt die systematische Klassifikation von Gattungen und Arten als rekursiven Baum dar.

Die arbor porphyriana dient auch der Diskussion philosophischer Probleme:

Gleichnamige Werke anderer Autoren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Albinus, ein Philosoph (Platoniker), verfasste im 2. Jahrhundert eine früher als Isagoge bekannte, heute meist Prolog genannte Einführung in die platonische Philosophie.
  • Hunayn ibn Ishaq (genannt Johannitius), ein arabischer christlicher Übersetzer, stellte mit der später nach ihm benannten Isagoge (Iohanicii) (Isagoge des Johannitius; Originaltitel: Kitāb al-mudḫal fi’ṭibb’) eine im Mittelalter verbreitete Einführung in die Medizin mit Erläuterung der Humoralpathologie und -physiologie aus antiken griechischen Quellen, zusammen. Eine erste Übersetzung (Isagoge ad tegni Galeni) ins Lateinische erfolgte durch Constantinus Africanus, einen Benediktiner des 11. Jahrhunderts.[1]
  • Berengario da Carpi verfasste 1522 ein Isagoge betiteltes anatomisches Lehrbuch.[2]
  • Boncompagno da Signa (1194-1243), ein Rhetoriker, schrieb eine Isagoge (auch Ysagoge genannt) (lateinischer Text und englische Übersetzung (Memento vom 7. August 2007 im Internet Archive)).
  • Rudolf Goclenius der Ältere (1547–1628), Marburger Metaphysiker, schrieb 1598 eine Isagoge in Organum Aristotelis.
  • Julius Sperber (um 1540–1616), Alchemist und Rosenkreuzer, schrieb 1608 eine Isagoge als "Einführung in die wahre Kenntnis Gottes und der Natur".
  • Jean-Baptiste Besard verfasste Isagoge in artem testudinariam, ein Lehrwerk für die Laute.

Übersetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Aristoteles, Kategorien. Hermeneutik oder vom sprachlichen Ausdruck (De Interpretatione), beigegeben sind Porphyrios: Einführung in die Kategorien des Aristoteles (Isagoge). Pseudo-Aristoteles: Einteilungen (Divisiones). Pseudo-Platon: Begriffsbestimmungen (Definitiones), herausgegeben, übersetzt, mit Einleitungen und Anmerkungen versehen von H.G. Zekl, griechisch-deutsch, Hamburg: Felix Meiner Verlag 1998
  • Jonathan Barnes: Porphyry: Introduction. Clarendon Press, Oxford 2003, ISBN 0-19-924614-9 (englische Übersetzung der Isagoge mit ausführlichem Kommentar)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christos Evangeliou: The Aristotelianism of Averroes and the Problem of Porphyry's Isagoge. In: Philosophia Nr. 15–16, 1985–86, S. 318–331.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gregor Maurach: Johannicius: Isagoge ad Techne Galieni. In: Sudhoffs Archiv. Band 62, 1978, S. 148–174; Francis Newton: Constantine the African and Monte Cassino. New elements and the text of the Isagoge. In: Charles Burnett, Danielle Jacquart (Hrsg.): Constantine the African and ʿAli ibn al-ʿAbbas al-Mağūsī. The Pantegni and related texts. Leiden/New York/Köln 1994 (= Studies in ancient medicine, 10), S. 16–47.
  2. Karl Fischer: Die Nomina anatomica in den „Isagogae“ des Berengario da Carpi. Ein Beitrag zur anatomischen Nomenklatur vor Vesal. Medizinische Dissertation Leipzig 1943.