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István Bethlen (Politiker)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
István Bethlen (1930)

István Graf Bethlen von Bethlen [ˈiʃtvaːn ˈbɛtlɛn] (* 8. Oktober 1874 in Gernyeszeg, Österreich-Ungarn; † vermutlich am 5. Oktober 1946 in Moskau) war ein ungarischer Politiker und von 1921 bis 1931 Ministerpräsident.

István Bethlen stammte aus einer alten Adelsfamilie aus Siebenbürgen. Nach Besuch des Wiener Theresianums studierte Bethlen Staats- und Rechtswissenschaften in Budapest und kümmerte sich anschließend um die Bewirtschaftung der Familiengüter in Siebenbürgen.

Bei der Parlamentswahl 1901 in der ungarischen Reichshälfte wurde er als Liberaler für den Wahlkreis Marosvásárhely (Komitat Maros-Torda) erstmals in den ungarischen Reichstag gewählt und blieb mit einer kurzen Unterbrechung (1919 bis 1920) bis 1939 Parlamentsabgeordneter. Anschließend wurde er am 6. Mai 1939 von Reichsverweser Miklós Horthy zum Mitglied des Oberhauses auf Lebenszeit ernannt.

Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie 1918 und Ausrufung der Ungarischen Räterepublik floh Bethlen nach Wien und wurde am 12. April 1919 Mitbegründer des Antibolschewistischen Komitees (Antibolsevista Comité). In der Folgezeit beteiligte er sich an der Konstituierung einer Gegenregierung in Szeged und wurde enger Vertrauter von Miklós Horthy, Pál Teleki und Gyula Gömbös. Nach Wiederherstellung des Königreichs Ungarn beteiligte er sich als Fachmann für Siebenbürgen an den Verhandlungen zum Vertrag von Trianon und war Mitglied der ungarischen Delegation. Kurz nach dem gescheiterten ersten Restaurationsversuch König Karls IV. ernannte ihn Reichsverweser Miklós Horthy im April 1921 zum Ministerpräsidenten. Seine Regierung blieb bis 1931 bestehen. Gestützt auf die 1922 gegründete Einheitspartei (Egységes Párt) regierte Bethlen autoritär. Er bemühte sich um die wirtschaftliche Konsolidierung Ungarns. Durch ein 1927 geschlossenes Bündnis mit Italien konnte er ein Gegengewicht gegen die Kleine Entente schaffen und die nach 1918 eingetretene Isolierung Ungarns durchbrechen.[1]

Mit der deutschen Besetzung Ungarns im Mai 1944 ging Bethlen in den Untergrund und versteckte sich nach der Machtübernahme der Pfeilkreuzler in Transdanubien. Am 3. Dezember 1944 stellte er sich einer sowjetischen Kommandantur und wurde in Pécs unter Hausarrest gestellt. Im April 1945 verschleppte man ihn nach Moskau, wo er laut eines sowjetischen Obduktionsberichts am 5. Oktober 1946 gestorben sein soll.[2]

Am 4. Juni 1994 wurde seine Asche von einem Massengrab des Kriegsgefangenenlagers Krasnogorsk auf dem Kerepesi temető in Budapest beigesetzt und eine Gedenktafel aufgestellt.

  • Franz Sz. Horváth: Bethlen, István, in: Handbuch des Antisemitismus, Band 2/1, 2009, S. 77f.
  • Edgar von Schmidt-Pauli: Graf Stefan Bethlen; ein Abschnitt ungarischer Geschichte, Berlin, R. Hobbing, 1931
  • Thomas Lorman: Counter-revolutionary Hungary, 1920–1925 : István Bethlen and the politics of consolidation, New York : Columbia University Press, 2006
  • Denis Silagi: Bethlen von Bethlen, István Graf, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 1. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1974, S. 194–198
  • Péter Sipos: Bethlen István. In: Magyarország a második világháborúban • Lexikon A-ZS. PETIT REAL Könyvkiadó, Budapest 1997 (arcanum.com).
  • Ágnes Kenyeres et al.: Bethlen István, bethleni, gróf. In: Magyar életrajzi lexikon. Akadémiai Kiadó, Budapest 1967 (arcanum.com).
Commons: István Bethlen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. Gianluca Volpi: Roma sul Danubio. La politica italiana verso l’Europa danubiana osservata dagli ungheresi (1921–1939). In: Maddalena Guiotto, Wolfgang Wohnout (Hrsg.): Italien und Österreich im Mitteleuropa der Zwischenkriegszeit / Italia e Austria nella Mitteleuropa tra le due guerre mondiali. Böhlau, Wien 2018, ISBN 978-3-205-20269-1, S. 124.
  2. 75 éve hunyt el gróf Bethlen István | Országgyűlési Könyvtár. Abgerufen am 16. Mai 2022.