Itelmenen

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Itelmene

Die Itelmenen sind eine indigene Bevölkerungsgruppe der Paläosibirier, die hauptsächlich im Gebiet Kamtschatka siedelt.

Der Name dieser ethnischen Gruppe bedeutet „hier leben“, sie umfasst 16.209 Menschen (1. Januar 2002) .

Kultur[Bearbeiten]

Historisch[Bearbeiten]

Sie siedelten ursprünglich von der Südspitze (Kap Lopatka) und der Ostküste Kamtschatkas nördlich bis zum Fluss Tigil und westlich bis zur Uka. Die alten Itelmenen-Siedlungen lagen an den Flüssen Kamtschatka (Uykoal'), Jelowka (Kooch), Bolschaja, Bystraja, Awatscha und den Küsten der Awatscha-Bucht (nahe Petropawlowsk-Kamtschatski). Den Wohnplatz der Itelmenen beschreibt man als Ostrog, der zu Beginn aus einer Familie bestand und sich im Laufe der Zeit vergrößerte. Die Art der Behausung war von den Jahreszeiten abhängig und unterschied sich in Winter- und Sommerwohnungen. Die Winterwohnungen wurden Ambaren genannt und bestanden aus halb in die Erde gebauten Hütten. Man verbrachte darin die Zeit von Anfang November bis Anfang April. Die Sommerwohnungen wurden dagegen auf Pfählen errichtet und wurden als Balagane bezeichnet. Aufgrund ihrer Höhe und der guten Belüftung wurden diese Bauten ebenso als Proviantspeicher genutzt.

Im Sommer spielte sich das Leben der Itelmenen am und auf dem Wasser ab. Sie bewegten sich in baumstammähnlichen Kanus fort, hergestellt aus einem Pappelstamm. Sie fischten mit aus Brennnesseln gewebten Netzen, harpunierten oder stellten Reusen auf. Ein Teil der Fische wurde getrocknet, ein anderer in speziellen Löchern aufbewahrt. Der Mangel an Salz erlaubte nur eine kleine Lagerhaltung. Die Jagd zur Pelz- und Fleischgewinnung hatte ebenfalls große wirtschaftliche Bedeutung. Bejagte Tierarten waren Fuchs, Zobel und Schneeschaf; an der Küste Seelöwe, Seehund und Seeotter.

Die Kleidung der Itelmenen wurde aus Zobelfellen, Fuchsfellen, Schnee-Bock oder auch Hundefellen gefertigt. Georg Wilhelm Steller, der Kamtschatka in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts bereiste, schrieb: „Die schönsten Kukhlyankas (Anoraks) sind am Kragen dekoriert, die Ärmel und der Saum mit Hunde-Fell, der Kaftan (kurzer Rentierfell-Overall) ist behängt mit Hunderten von rot angemalten Seehundfell-Quasten, welche bei jeder Bewegung herumbaumeln.“

Die Itelmenen benutzten viel Fisch im Essen, bevorzugt gebacken (chuprik), und Fischkoteletts (tael'no), aßen die Sprossen von Shelamannik (Kamtschatka-Mädesüß), Morkovnik (Filipendium maxim) und Puchka (Heracleum dulce), letzteres bevor es brennende Eigenschaften annimmt. Gegen Skorbut wurden Zedernzapfen und getrockneter Lachs-Kaviar mit etwas Tee genommen. Ihr Essen wurde mit Seehundfett im Geschmack verbessert. Die Itelmenen-Frauen hatten den Brauch, Perücken zu tragen. Wer die größten und schönsten Perücken besaß, wurde am meisten beachtet. Deshalb trugen sie ihr eigenes Haar sehr kurz.

Gegenwart[Bearbeiten]

Die itelmeische Tanzgruppe „Luch“ bei einer Darbietung am „Tag der Fischer“

Die Situation der Itelmenen heute ist: Der Fisch spielt für das Einkommen immer noch eine Rolle. Auch die Führung von (Jagd)-Touristen trägt dazu bei. Grundsätzlich ist das Leben eher ärmlich, Unterstützung durch die Regierung gibt es kaum oder gar nicht.

Die aussterbende itelmenische Sprache bildet den kamtschadalischen Zweig der tschuktscho-kamtschadalischen Sprachen. Um jedoch ein Aussterben der traditionellen Sprache zu verhindern, wendet man sich heute wieder alten Sitten und Gebräuchen zu. Es findet eine Rückbesinnung auf die ursprünglichen Wurzeln der itelmenischen Kultur statt.

Religion[Bearbeiten]

Bis zur Christianisierung durch die Russisch-Orthodoxe Kirche (Beginn im 17. Jahrhundert, nennenswert jedoch erst ab Ende des 19. Jahrhunderts)[1] war der sogenannte „klassische Schamanismus“ die ethnische Religion der Ilelmenen. Der Ethnologe Klaus E. Müller spricht hier von „Elementarschamanismus“ und meint damit die archaischste Form dieser spirituellen Praxis, die typisch für sibirische Ethnien war, bei denen die Jagd kulturell eine herausragende Rolle spielte.[2] Nach der Religion der Itelmenen wurde ein Rabe als der Schöpfer aller Dinge angesehen, und viele Riten, die ihre Wirtschaft beeinflussen sollten, waren ebenfalls mit Tieren verbunden. Mit den geistigen Wesen stand der Schamane in enger Verbindung. Er konnte Unheil erklären, Krankheiten heilen, Träume deuten und über die Seelen Verstorbener berichten. Wenn Erwachsene starben, setzte man sie den Hunden aus, Kinder dagegen setzte man in hohlen Bäumen bei.[3]

Die Christianisierung hat bei vielen abgelegenen Völkern Sibiriens nur oberflächlich stattgefunden, so dass synkretistische Mischreligionen heute häufig sind.[4] Die Vermischung vieler Itelmenen mit Russen hat hier kulturell zu einer weitgehenden Russifizierung geführt.

Politischer Status[Bearbeiten]

Politisch sind die Itelmenen der Gruppe der indigenen Völker des russischen Nordens, Sibiriens und des russischen Fernen Ostens zugeordnet, die im Dachverband RAIPON organisiert sind. Dieser hat die Aufgabe, die Rechte und Interessen der Urvölker auf internationaler Ebene zu vertreten. Bisher wurden nur mäßige Erfolge erzielt, weshalb ethnische Eigenständigkeit und ein ökologisch intakter Lebensraum keinesfalls gesichert sind. Die ungehinderte Nutzung des Landes als Nahrungs- und Einkommensquelle ist für die Itelmenen von großer Bedeutung, da auf der Halbinsel Kamtschatka die höchsten Lebenshaltungskosten Russlands herrschen.

Die regionale Vereinigung der Itelmenen Kamtschatkas heißt „Tchsanom“ und setzt sich vor allem für die Landrechte der Ureinwohner ein.

Literatur[Bearbeiten]

  • Georg Wilhelm Steller: Beschreibung von dem Lande Kamtschatka. Unveränd. Neudruck der 1774 in Frankfurt, 1793 in St. Petersburg u. 1753 in Halle erstmals erschienenen Werke.
  • Erich Kasten: Lachsfang und Bärentanz: Die Itelmenen 250 Jahre nach ihrer Beschreibung durch Georg Wilhelm Steller. Bonn: Holos-Verlag, 1996. ISBN 3-86097-139-5

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nikolai Fjodorowitsch Katanow: Christianisierung der indigenen Völker Sibiriens. Übersetzung der Veröffentlichung des Ministeriums für Bildung der Khakassky State University auf bildungsmaterialien.com, abgerufen am 30. Juni 2015.
  2. Klaus E. Müller: Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale. 4. Auflage, C. H. Beck, München 2010 (Originalausgabe 1997), ISBN 978-3-406-41872-3. S. 29–33.
  3. Hartmut Motz: Sprachen und Völker der Erde – Linguistisch-ethnographisches Lexikon. 1. Auflage, Band 1, Projekte-Verlag Cornelius, Halle 2007, ISBN 978-3-86634-368-9. S. 420.
  4. Die kleinen Völker des hohen Nordens und fernen Ostens Rußlands. Gesellschaft für bedrohte Völker - Südtirol, Bozen 1998.