Jürgen Baldiga

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Grab von Jürgen Baldiga. [Grabstein mit Gravur nach einer Zeichnung von Jean Cocteau.] Das eingeschweißte Foto zeigt ihn mit Melitta Sundström.

Jürgen Baldiga (* 27. Oktober 1959[1] in Essen; † 4. Dezember 1993 in Berlin) war ein deutscher Künstler und Fotograf.

Leben und Arbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jürgen Baldiga – Sohn eines Bergmanns – wuchs im Ruhrgebiet auf. 1979 zog er nach West-Berlin, wo er als Barmann, Koch, Sexarbeiter und Künstler arbeitete und lebte. Er hatte keine akademische Ausbildung, interessierte sich aber für Bildende Kunst, speziell für Fotografie und Lyrik und wandte sich, nach einem kurzen Ausflug – als Sänger einer Punk-New-Wave-Band – in die Musikwelt und ersten Schreibversuchen und der Veröffentlichung eines Gedichtbandes, ab 1983 verstärkt der Fotografie zu. Er schuf innerhalb weniger Jahre ein beachtliches fotografisches Werk an Schwarz-Weiß-Fotografien und veröffentlichte zu Lebzeiten mehrere Fotobände, die in unterschiedlicher Weise sein Lebensumfeld beleuchten und dokumentieren. Seine Fotos waren und sind immer wieder in diversen Ausstellungen zu sehen.

Baldiga fotografierte anfangs das Leben in Berlins Straßen und Hinterhöfen aus einem sehr persönlichen Blickwinkel. Es folgten Porträts seiner Liebhaber und Freunde, die sich durch einen offenen Umgang mit ihrer Homosexualität auszeichneten. Einen großen Teil seines Werkes widmete er den sogenannten Schwuztunten. Deren Porträts zeigen „Menschen, die sich selbstbewusst als Tunten verstanden und inszenierten, mit Perücken und Modeschmuck aus der Altkleidersammlung und einem Lidschatten und Selbstbewusstsein zum Niederknien“.

Ende 1984 erfuhr Baldiga, dass er sich mit dem – zu diesem Zeitpunkt neuartigen – HI-Virus infiziert hatte, was wegen den noch nicht entwickelten Medikamenten, bei den Infizierten früher oder später zum Ausbruch von AIDS führte und damit einem Todesurteil gleichkam. Ein großer Teil seines Werkes beschäftigt sich mit seiner Auseinandersetzung mit dieser Situation, ohne aber die Lust am Leben zu verleugnen, aber auch mit der von Krankheit schwer gezeichneten Körper. Baldiga gilt als „der große Chronist der HIV-Krise in Berlin“.[2] Sein Werk umfasst über 5.000 Fotos, aber auch Super-8-Filme und Musikaufnahmen sowie über 40 Bände tagebuchartiger Aufzeichnungen, die – in Auszügen auf Twitter veröffentlicht – Einblicke in Baldigas wildes Berliner Leben geben.

Im Dezember 1993 nahm sich Baldiga – von der Krankheit erschöpft – das Leben. Das für seinen Nachruf benutzte Foto zeigt ihn mit blutunterlaufenen Augen und einer Clownsnase mit den Worten: „Ich bin tot.“

Sein Grab befindet sich auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg.

Erinnern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1995 erschien die Porträtserie „Wärme, die nur Feuer uns geben kann“. Aron Neubert – Freund und Nachlassverwalter Baldigas – porträtiert darin mit 27 Fotos die letzten 27 Monate in Baldigas Leben.

1997 fand im Künstlerhaus Bethanien eine retrospektive Werkschau seines fotografischen Werkes statt. Seither werden Baldigas Arbeiten immer wieder in verschiedenen Ausstellungen gezeigt.[3]

Im Dezember 2013 – zu seinem 20. Todestag – wurden Tuntenfotos Baldigas auf dem Titel der schwulen Zeitschrift Siegessäule veröffentlicht.

2019 entstand unter der Regie von Jasco Viefhues ein Dokumentarfilm mit dem Titel Rettet das Feuer, in dem Freundinnen, Freunde und Wegbegleiter Baldigas an ihn und die AIDS-Krise, aber auch das Leben in der schwulen Szene West-Berlins erinnern.

Jürgen Baldigas Nachlass wird vom Schwulen Museum Berlin in dessen Archiv aufbewahrt und archiviert und ist für Forschungszwecke und Leihgaben für Ausstellungen zugänglich.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Jürgen Baldiga – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jürgen Baldiga in der Datenbank von Find a Grave. Abgerufen am 7. Januar 2015 (englisch).
  2. Dokumentarfilm „Rettet das Feuer“ : Eisbecher mit Blowjob. In: taz. 29. April 2020, abgerufen am 1. Mai 2020.
  3. Information zur Retrospektive. Abgerufen am 1. Mai 2020.
  4. Bernd Gaiser „Jürgen Baldiga: Ich bin mein eigener Gott. Ein Interview“, Berliner Schwulen Zeitung Nr. 25, Berlin 1980