Jean Cocteau

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Jean Cocteau im Jahr 1923

Jean Cocteau (* 5. Juli 1889 in Maisons-Laffitte bei Paris; † 11. Oktober 1963 in Milly-la-Forêt bei Paris) war ein französischer Schriftsteller, Regisseur und Maler.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Amedeo Modigliani: Porträt von Jean Cocteau, Öl auf Leinwand, 1916
Federico de Madrazo de Ochoa: Jean Cocteau, Öl auf Leinwand, um 1910/1912

Jean Cocteau kam am 5. Juli 1889 in der Nähe von Paris zur Welt. Er unternahm mit seiner Mutter ausgedehnte Reisen, wobei seine dichterische Begabung sich schon früh abzeichnete. Jean besuchte das Lyzeum Condorcet. Neben seinem drei Jahre älteren Bruder Jean Luc hatte er keine weiteren Geschwister. Sein Vater, ein erfolgreicher Anwalt, beging Selbstmord, als Jean zehn Jahre alt war. Mit 17 Jahren veröffentlichte er erste Gedichte. Mit 19, im Jahre 1909, erschienen seine ersten Gedichtbände Lampe d’Aladin und Le prince frivol, diese machten ihn bekannt. Weitere wertvolle Anregungen gaben ihm seine literarischen Freundschaften, die er mit Edmond Rostand, Marcel Proust, Catulle Mendès und André Gide schloss. Nebenher versuchte er sich in der Darstellung des Balletts und lernte Igor Strawinski kennen. Seinen ersten Roman Potomac verfasste er 1913.

Nach Beginn des Ersten Weltkrieges meldete sich Cocteau freiwillig zum Dienst in der Armee. Er wurde als frontuntauglich befunden und organisierte daher Verwundetentransporte mit Privatwagen. Wegen illegaler Betätigung wurde er verhaftet und später rehabilitiert. Als er zurückkam, schrieb er 1917 das Libretto für das kubistische Ballett Parade. Das Bühnenbild und die Kostüme schuf Pablo Picasso, die Musik Erik Satie, und die Choreografie war von Léonide Massine. Die Tänzer gehörten zur Truppe der Ballets Russes. Jean Cocteau schrieb außergewöhnliche Theaterstücke wie Orphée (1926; Vorlage für seinen gleichnamigen Film von 1950) und La machine infernale (1932), er verfasste weitere Gedichtbände und wurde als Romanautor bekannt.

Cocteau war als Universalkünstler bekannt und entwickelte sich immer mehr zum maître de plaisir von Paris. Er hatte als Schriftsteller in allen Bereichen seine Begabung, sei es in der Lyrik, beim Aphorismus, bei einer Kurzgeschichte, einer Novelle, einem Roman, Drama oder einem Drehbuch. Dabei gehörte auch das Reich der Malerei zu seinen Begabungen, wie Zeichnen. Alle Stilarten der letzten Jahrzehnte probierte er aus, dabei blieb er immer im Austausch mit Künstlern, dazu zählten auch Picasso und Chaplin.

Titelblatt Parade, Rouart, Lerolle & Cie., Éditions Salalbert, Paris 1917 (Klavierfassung für vier Hände)

Anfang der 1930er Jahre drehte Cocteau seinen ersten Spielfilm, Le sang d’un poéte (dt. Das Blut eines Dichters), und suchte dabei nach neuen Wegen. Diese lösten beim Publikum zuerst Protest aus, doch folgten darauf einige Filme, die alle Filmgeschichte geschrieben haben. Im Laufe der Zeit wirkte er als Regisseur, Drehbuchautor bzw. als Schauspieler bei mehreren Filmen mit. In dem Film Der Zauberlehrling mit dem ins französische Exil geflüchteten, sehr erfolgreichen deutschen Tänzer Jean Weidt entwarf Cocteau die Figur des Zauberlehrlings. Regie führte der ebenfalls ins Exil geflüchtete Max Reichmann 1933. Cocteau war mit Jean Marais befreundet, dem er gerne Rollen auf den Leib schrieb. Daher gilt Cocteau auch als Entdecker von Jean Marais.[1] Bis an sein Lebensende war Cocteau zudem eng mit dem deutschen Bildhauer Arno Breker befreundet. Cocteau und Marais saßen Breker Modell für die Gestaltung von Porträtbüsten. 1947 kauft Cocteau ein großes Landhaus in Milly-la-Forêt[2], das heute als Museum öffentlich zugängig ist[3].

Seine Kostüme und Bühnenbilder entwarf er oft selber. Für Aufsehen sorgten seine monumentalen Decken- und Wandgemälde, zum Beispiel im Trauungssaal des Rathauses von Menton (1958) und in der Kirche Notre Dame de France in London (1956).

1954 wurde er Mitglied der Akademie der Künste in Frankreich und Belgien. 1955 wurde er als Nachfolger von Jérôme Tharaud in die Académie Française aufgenommen und damit im gesamten Land endgültig als geistige und künstlerische Autorität anerkannt.

Mit 70 Jahren wurde Cocteau am 30. Juni 1960 in Forges-les-Eaux zum französischen Dichterfürsten gewählt.

Wegen einer Opiumvergiftung musste Cocteau, der viele Jahre drogenabhängig war, medizinisch behandelt werden. Cocteau war bisexuell und hatte neben Beziehungen zu Männern (u. a. Jean Marais) auch mehrere Beziehungen mit Frauen, darunter Natalia Pawlowna Paley (1905−1981), einer Romanow-Prinzessin. Er veröffentlichte mehrere Werke, in denen er Homophobie scharf kritisierte.

Er starb am 11. Oktober 1963, ein halbes Jahr nach seinem Herzinfarkt im April 1963, und einen Tag nach dem Tod seiner Freundin Édith Piaf, für die er 1940 extra den höchst erfolgreichen Einakter Le Bel Indifférent schrieb und für die er angeblich mehr als nur freundschaftliche Gefühle hegte. Vielfach wurde kolportiert, dass sein Herz versagte, als er die Nachricht von Piafs Tod erhielt, zum Teil wurden die beiden in Schlagzeilen sogar als Brautpaar des Todes bezeichnet. Cocteau starb aber in seinem Landhaus viele Stunden später.[4] Er wurde in der Chapelle Saint-Blaise in Milly-la-Forêt begraben. Zur Trauerfeier wurde das von Breker geschaffene Bronze-Bildnis in der Kapelle aufgestellt. Ein Exemplar des Cocteau-Porträts befindet sich im Museum Europäische Kunst Schloss Nörvenich. Im Jahr 1964 wurden posthum Arbeiten von ihm auf der documenta III in Kassel gezeigt.

Er veranlasste, dass die Herausgabe seines Tagebuchs erst nach seinem Tod erfolgen soll. Daher erschien es zu seinem 100. Geburtstag im Jahre 1989 unter dem Titel Le passé defini.

Künstlerische Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bastion (Musée Jean Cocteau)
Das neu erbaute Cocteau-Museum unweit der Bastion

Trotz seiner Leistungen auf fast allen literarischen und künstlerischen Gebieten bestand Cocteau darauf, in erster Linie ein Dichter zu sein. Er nannte seine sämtlichen Werke Poesie. Eines seiner berühmten Zitate war der Spruch: „Gute Erziehung besteht darin, zu verbergen, wie sehr man sich selbst schätzt und wie wenig die anderen.“

Als führender Surrealist hatte er großen Einfluss auf die Werke anderer, darunter auch einer Gruppe befreundeter Komponisten in Montparnasse, die sich Les Six nannten. Auch wenn das Wort „Surrealismus“ von Guillaume Apollinaire geprägt wurde, bezeichnete André Breton, der selbsternannte Führer der Surrealisten, Cocteau als „notorischen falschen Dichter, einen Versmacher, der alles, was er berührt, entwertet statt aufwertet“ (Breton, 1953).

Ein Cocteau gewidmetes Museum mit zahlreichen Werken als Schenkung des Sammlers Séverin Wunderman befindet sich seit 2011 im südfranzösischen Ort Menton, wo sich Cocteau seit 1955 regelmäßig aufhielt. Der Entwurf stammt von dem französischen Architekten Rudy Ricciotti. Es ergänzt das bereits seit 1966 bestehende Musée Jean Cocteau in der alten Bastion von Menton. Beide Museen stellen zusammen etwa 2000 Werke aus, rund die Hälfte kamen durch Wundermans Schenkung hinzu.[5]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1968: Opium/Ein Tagebuch (Sonderreihe dtv Verlag)

Lyrik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1909: Le Prince frivol
  • 1909: La Lampe d’Aladin
  • 1910: Le Prince frivole
  • 1913: La Danse de Sophocle
  • 1922: Vocabulaire
  • 1925: Cri écrit
  • 1926: L’Ange Heurtebise
  • 1927: Opéra
  • 1934: Mythologie
  • 1939: Énigmes
  • 1941: Allégories
  • 1944: Léone
  • 1946: La Crucifixion
  • 1954: Clair-obscur
  • 1958: Paraprosodies
  • 1962: Le Requiem

Prosa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1919: Le Potomak
  • 1923: Le Grand Écart (Die grosse Kluft)
  • 1923: Thomas l’imposteur (Thomas der Schwindler)
  • 1928: Le Livre blanc (Das Weissbuch)
  • 1929: Les Enfants terribles (Kinder der Nacht)
  • 1940: La Fin du Potomak
  • 2012: La Croisière aux émeraudes (posthum)

Drama[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1909: Le Dieu bleu (Ballett)
  • 1917: Parade (Ballett), Musik von Erik Satie, Choreografie von Léonide Massine
  • 1921: Les mariés de la Tour Eiffel
  • 1922: Antigone
  • 1924: Roméo et Juliette
  • 1926: Orphée
  • 1927: Le pauvre matelot, Opernlibretto, Musik von Darius Milhaud
  • 1930: La voix humaine
  • 1934: La Machine infernale
  • 1938: Les Parents terribles
  • 1940: Les Monstres sacrés
  • 1941: La Machine à écrire
  • 1943: Renaud et Armide
  • 1943: L’Aigle à deux têtes
  • 1962: L’Impromptu du Palais-Royal

Buchillustrationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Geneviève Laporte: Sous le manteau de feu, poèmes, illustriert von Jean Cocteau, Vorwort von Armand Lanoux. Éditions d’art J. Foret, Paris 1955
  • Geneviève Laporte: Poèmes, illustriert von Pablo Picasso und Jean Cocteau. Éditions d’art J. Foret, Paris 1956

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Drehbuch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Regie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1925: Jean Cocteau fait du cinéma
  • 1930: Das Blut eines Dichters (Le Sang d’un poète)
  • 1933: Der Zauberlehrling
  • 1946: Es war einmal (La Belle et la Bête)
  • 1948: Der Doppeladler (L’Aigle à deux têtes)
  • 1948: Die schrecklichen Eltern (Les Parents terribles)
  • 1949: Orpheus (Orphée)
  • 1950: Coriolan
  • 1952: La Villa Santo-Sospir[6]
  • 1955: L’Amour sous l’électrode
  • 1957: 8 × 8: A Chess Sonata in 8 Movements[7] – Regie mit Hans Richter und Marcel Duchamp
  • 1960: Das Testament des Orpheus (Le Testament d’Orphée)
  • 1960: Voyage au pays de l’Insolite
  • 1962: Jean Cocteau s’adresse à l’an 2000

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Otto Wirtz: Das poetologische Theater Jean Cocteaus. Droz, Genf 1972.
  • Irena Filipowska: Eléments tragiques dans le théâtre de Jean Cocteau. UAM, Poznan 1976.
  • Cornelia A. Tsakiridou (Hrsg.): Reviewing Orpheus. Essays on the Cinema and Art of Jean Cocteau. Bucknell UP, Lewisburg 1997.
  • Pierre Bergé: Album Cocteau (= Album de la Pléiade). Éditions Gallimard, Paris 2006, ISBN 978-2-07-011808-3 [Biographie].
  • Wolfgang Maier-Preusker (Hrsg.): Cherchez la femme. Katalog der Ausstellung im Stadtmuseum Lindau. 2001 [Darin ein Beitrag zu Cocteaus Zeichnungen].
  • Bernadette Kuwert: [Artikel] Jean Cocteau. In: Thomas Koebner (Hrsg.): Filmregisseure. Biographien, Werkbeschreibungen, Filmographien. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Reclam, Stuttgart 2008 [1. Aufl. 1999], ISBN 978-3-15-010662-4, S. 140–143.
  • C. Arnaud: [Eintrag] Jean Cocteau. In: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Kindlers Literatur Lexikon. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2009, ISBN 978-3-476-04000-8, S. 70–77.
  • Claude Arnaud: Jean Cocteau, Paris : Gallimard, 2003, ISBN 978-2-07-075233-1
  • Jean Cocteau, Der Lebensweg eines Dichters, 1953, Verlag: F. Bruckmann München, ISBN 3028499681

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Jean Cocteau – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Cocteau Marais – Ein mythisches Paar, arte.tv, abgerufen am 17. Oktober 2013
  2. Joseph Hanimann: 17 Jahre lang wachträumen. In: sueddeutsche.de. 24. August 2017, ISSN 0174-4917 (sueddeutsche.de [abgerufen am 25. August 2017]).
  3. Super Utilisateur: Jean Cocteau - Maison cocteau. Abgerufen am 25. August 2017.
  4. Piaf - Sans amour, on n'est rien du tout (dt.: Piaf - Ohne Liebe ist man nichts), Dokumentation von Marianne Lamour für Arte France / France 5, Frankreich 2003
  5. Neues Cocteau-Museum in Südfrankreich eröffnet, welt.de, 6. November 2011, abgerufen am 28. Januar 2017
  6. La Villa Santo-Sospir auf ubu.com, abgerufen am 19. Juni 2015
  7. 8 × 8: A Chess Sonata in 8 Movements auf ubu.com, abgerufen am 19. Juni 2015