Köthener Straße

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Köthener Straße
Wappen
Straße in Berlin
Köthener Straße
Köthener Straße, Blick Richtung Süden, rechts die Gebäude der Park Kolonnaden
Basisdaten
Ort Berlin
Ortsteil Kreuzberg
Angelegt 1843/1844
Anschluss­straßen Stresemannstraße (nördlich),
Reichpietschufer (südlich)
Querstraßen Bernburger Straße
Plätze Potsdamer Platz,
Hafenplatz
Bauwerke Meistersaal
Nutzung
Nutzergruppen Fußverkehr, Radverkehr, Autoverkehr
Technische Daten
Straßenlänge 550 Meter

Die Köthener Straße ist eine Straße im Berliner Ortsteil Kreuzberg. Sie grenzt direkt an den Potsdamer Platz und erfuhr ebenso wie dieser eine wechselvolle Geschichte im Berliner Kultur- und Vergnügungsviertel Anfang des 20. Jahrhunderts, Niemandsland nach dem Bau der Berliner Mauer und Wiederaufbau nach 1990.

Benannt nach der sachsen-anhaltischen Stadt Köthen, bildete sie ursprünglich die Verbindung zwischen dem Potsdamer Fernbahnhof und dem Potsdamer und Anhalter Güterbahnhof. Heute liegen an der Straße im Westen die Park Kolonnaden und der U-Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park, im Osten eine Wohn- und Geschäftsbebauung aus verschiedenen Zeiten, darunter ein großes Studentenwohnheim.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Konzertsaal der Philharmonie in der Bernburger Straße, Postkarte, um 1900
Meistersaal mit Kassettendecke, 2018

Die Straße wurde in den Jahren 1843/1844 als Verbindung zum Güterbahnhof der Anhalter Bahn – von der Stresemannstraße ausgehend – angelegt. Am 24. Januar 1841 wurde die Straße nach Köthen, dem ersten Endpunkt der in unmittelbarer Nähe beginnenden Anhalter Bahn, benannt. Sie wurde gleichzeitig mit Schelling-, Link- und Eichhornstraße angelegt und Teil des von Peter Joseph Lenné in seinem Tiergartenplan 1832 entworfenen „Geheimratsviertels[1] zwischen Köthener, Bernburger und Dessauer Straße.[2]

In der benachbarten Bernburger Straße 22a/23 befand sich die alte Berliner Philharmonie, eine 1888 von dem Architekten Franz Heinrich Schwechten zum Konzerthaus umgebaute frühere Rollschuhbahn. Um 1898 begann der Saal der Philharmonie zu klein zu werden, und man ließ durch Schwechten im dahinterliegenden Hofbereich (Köthener Straße 32) den Oberlichtsaal und den Beethoven-Saal errichten, um Ausweichflächen zu haben. Diese wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört.[3]

Der Meistersaal in der Köthener Straße 38 kam 1913 hinzu.[4] Neben philharmonischen Konzerten gab es dort zahlreiche weitere Veranstaltungen wie beispielsweise 1919 einen Propagandaabend von Dadaisten und Künstlern des ebenfalls in der Köthener Straße ansässigen Malik-Verlags.[5] Später folgten Tanzveranstaltungen ebenso wie kulturelles, Kurt Tucholsky las regelmäßig im Meistersaal.[6]

Zwischen 1910 und 1912 entstand an der Ecke Köthener-/Stresemannstraße – wiederum von Schwechten geplant – das Haus Potsdam, das nach der Umbenennung in Haus Vaterland eines der bekanntesten Geschäfts- und Amüsierhäuser des Potsdamer Platzes wurde. Ebenfalls im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört, wurde es erst 1976 komplett abgerissen.[3]

Einer der ersten deutschen Tierfilme und prominentes Beispiel eines Kulturfilms entstand 1920 mit Der Hirschkäfer von Ulrich K.T. Schulz in der Waschküche einer Dreizimmerwohnung. In diese war damals kurzfristig die Kulturabteilung der UFA eingezogen.[7]

Kulturleben fand nicht nur in öffentlichen Einrichtungen statt. Kurz nach dem Bau der Straße veranstaltete Bettina von Arnim hier ihre Salons.[8] Ab 1900 ließ Harry Graf Kessler seine gesamte Wohnung als Jugendstilkunstwerk ausstatten, bevor er nach dem Reichstagsbrand vor den Nationalsozialisten ins Ausland flüchtete. Diese beschlagnahmten seine Habe, das Haus fiel ebenfalls dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer.[9]

Die Berliner Verkehrs-AG (BVG) wurde 1938 in Berliner Verkehrs-Betriebe umfirmiert. Als Hauptverwaltung bezogen diese das Gebäude der ehemaligen Hochbahngesellschaft in der Köthener Straße 12, das 1943 bei einem alliierten Luftangriff zerstört wurde. Die BVG siedelte sich nun nicht mehr direkt am Potsdamer Platz an, sondern zog in das Verwaltungsgebäude Potsdamer Straße 188–192.[10]

Nach dem Bau der Mauer im Jahr 1961 geriet die Straße zunehmend ins Abseits. Als einziges Zeugnis der Vorkriegsbebauung konnte sich der Meistersaal in der Köthener Straße 38 halten, der Teil des Hansa-Tonstudios 2 wurde und als Studio by the wall einige Berühmtheit für die Aufnahmen von David Bowie, Iggy Pop, Depeche Mode und U2 erlangte. Im Film spielte die Straße eine Rolle, da eine Schlüsselszene aus Wim Wenders Spielfilm Der Himmel über Berlin daraus besteht, wie ein Protagonist durch die Köthener Straße auf die direkt angrenzende Mauer zuläuft.

Bis Juni 1972 gehörte die westliche Straßenseite – also das Gelände der Potsdamer Bahnhöfe – zum damaligen Stadtbezirk Mitte und damit zur DDR. Durch einen Gebietsaustausch kam dies an West-Berlin und dort zum Verwaltungsbezirk Tiergarten.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Köthener Straße (Berlin-Kreuzberg) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Volker Reitmann: Potsdamer Platz. Fink Wilhelm, 2004, ISBN 3-7705-3708-4, S. 191
  2. Elfie Bendikat: Öffentliche Nahverkehrspolitik in Berlin und Paris 1890–1914: Strukturbedingungen, politische Konzeptionen und Realisierungsprobleme. Walter de Gruyter, 1999, ISBN 3-11-015383-1, S. 507
  3. a b Peer Zietz, Uwe H. Rudenburg: Franz Heinrich Schwechten: Ein Architekt zwischen Historismus und Moderne. Edition Axel Menges 1999, ISBN 3-930698-72-2, S. 50
  4. Michael Bienert, Elke Linda Buchholz: Die zwanziger Jahre in Berlin: Ein Wegweiser durch die Stadt. Berlin Story Verlag 2005, ISBN 3-929829-28-2, S. 188
  5. Hanno Ehrlicher: Die Kunst der Zerstörung: Gewaltphantasien und Manifestationspraktiken europäischer Avantgarden. Akademie Verlag, 2001, ISBN 3-05-003646-X, S. 227
  6. Marika Bent: Real Estate / Meistersaal. In: Berliner Zeitung, 8. Februar 2003
  7. Deutsches Filminstitut: Ulrich K. T. Schulz (Memento des Originals vom 7. Mai 2008 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.deutsches-filminstitut.de
  8. Petra Wilhelmy-Dollinger: Die Berliner Salons Walter De Gruyter 2000, ISBN 3-11-016414-0, S. 410
  9. Ingrid Nowel: Berlin: Die neue Hauptstadt: Architektur und Kunst, Geschichte und Literatur. DuMont 2002, ISBN 3-7701-5577-7, S. 207
  10. Heiko Schützler: Staudämme in U-Bahn-Tunneln – Der Zustand des öffentlichen Personennahverkehrs 1945. In: Berlinische Monatsschrift 10/1998 beim Luisenstädtischen Bildungsverein

Koordinaten: 52° 30′ 25″ N, 13° 22′ 38″ O