Qādī

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Kadi)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel beschreibt den Richtertitel; für den Fußballspieler siehe Nayif al-Qadi
Kadi ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Weitere Bedeutungen sind unter Kadi (Begriffsklärung) aufgeführt.
Abū Zayd plädiert vor dem Kadi von Ma'arra

Der Qādī (arabisch ‏القاضي‎ Entscheider, Richter, DMG al-qāḍī), bzw. eingedeutscht Kadi, ist nach der islamischen Staatslehre ein Rechtsgelehrter, der im Auftrag des Kalifen vor allem richterliche Funktionen wahrnimmt und sich dabei nach dem Normensystem der Scharia richtet. Im modernen Arabisch wird der Begriff für jede Art von staatlich eingesetzten Richtern verwendet, auch wenn sich diese bei ihren Entscheidungen nicht auf die Scharia, sondern auf positives Recht stützen.

Die Anfänge des Qādī-Amtes[Bearbeiten]

In der medinensischen Zeit der Prophetie trat Mohammed nicht nur als Verkünder einer neuen Religion auf, sondern verstand sich auch als Gesetzgeber, der in Streitfällen als unbestrittene, höchste Instanz zu konsultieren war. Belege hierfür liefert nicht nur die Sira (die Biographie Mohammeds), sondern auch der Koran, in dem – als göttliche Offenbarung – festgelegt ist, Mohammed in Streitfällen unter den Muslimen als Rechtsinstanz zu konsultieren (siehe Sure 24, Verse 47-56).

Unter den ersten Kalifen erfüllte – den Darstellungen der islamischen Historiographie zufolge – vor allem Umar ibn al-Chattab richterliche Funktionen, die sowohl ritualrechtliche Fragen als auch die allgemeine Legislative erfassten. Die Frage, ob die ersten Kalifen Richter eingesetzt haben, wird von der Forschung verneint, da keine authentischen Quellen über das administrative Leben aus der Frühzeit vorliegen.

Bereits die Umayyaden-Kalifen setzten Qādīs ein, um sich von der Rechtsprechung zu entlasten und griffen daher auf Rechtsgelehrte zurück, die in Fragen der Jurisprudenz und der Auslegung der Rechtsquellen – zunächst Koran und Sunna – bewandert waren. Einstimmigen Berichten zufolge soll Muawiya I., der Begründer der Umayyadendynastie, der erste gewesen sein, der einen Richter einsetzte. Die Qādīs unter den Umayyaden, die als religiöse Gelehrte das Recht stets nach religiösen Normen auslegten, hatten wesentlichen Anteil an der Gestaltung und Entwicklung der Schari'a; ihre Rechtsfindung und Urteile hat man bereits in den ersten Büchern des Fiqh im 9. Jahrhundert verarbeitet. In erster Linie war der Qādī mit Fragen befasst, die bereits im Koran, ferner in der überlieferten Sunna Mohammeds und seiner Nachfolger (sahaba) Erwähnung fanden und somit Teil der Religion darstellten: Ehe- und Scheidungsrecht, allgemeines Familienrecht, Erbrecht, Kauf- und Vertragsrecht und die mit den frommen Stiftungen (waqf) verbundenen Regelungen.

Eine weitere Grundlage der Rechtsprechung war die eigene Rechtsansicht (opinio) des Qādīs: Ra'y und die selbstständige Erforschung und Anwendung bereits vorliegender Quellen (Idschtihād). Im islamischen Rechtswesen ist es indes umstritten, in welchem Maße der Qādī die festgelegten Lehren einer oder mehrerer Rechtsschulen in der Form des Taqlīd anwenden darf.

Unter den Fatimiden und Mameluken waren alle maßgeblichen Rechtsschulen in den Qādī-Ämtern der Provinzen vertreten und übten ihre madhhab-gebundene und an der eigenen Rechtslehre orientierte Gerichtsbarkeit unabhängig aus.

Der Qādī nach der islamischen Staatslehre[Bearbeiten]

Aufgaben des Qādīs[Bearbeiten]

Nach der islamischen Staatslehre, wie sie in den klassischen Handbüchern von al-Māwardī (st. 1058) und Ibn al-Farrā' (st. 1066) entworfen wird, hat der Qādī insgesamt zehn Aufgaben:

  1. die Lösung von Rechtsstreitigkeiten, entweder freiwillig durch Aussöhnung (ṣulḥ) oder zwangsweise durch Urteilsbeschluss (ḥukm bātt).
  2. die Einforderung der geschuldeten Leistung vom Schuldner und Weiterleitung derselben an den Gläubiger, nachdem das Schuldverhältnis entweder durch Anerkenntnis (iqrār) oder durch Beweis (baiyina) festgestellt wurde.
  3. die Einsetzung der Vormundschaft (walāya) für Personen, die wegen Geisteskrankheit (ǧunūn) oder Minderjährigkeit (ṣiġar) geschäftsunfähig sind, und Beschränkung der Geschäftsfähigkeit von Personen, bei denen dies wegen Verschwendung oder Zahlungsunfähigkeit für angemessen erachtet wird, zum Schutz des Vermögens anderer Personen.
  4. die Aufsicht über die frommen Stiftungen durch Bewahrung ihres Stammkapitals (uṣūl) und Steigerung ihrer Zugewinne (furūʿ), durch Einziehung ihres Ertrags und desen Aufwendung für die vorgesehenen Zwecke. Wenn es eine Person gibt, der die Aufsicht übertragen ist, hat er sie zu überwachen. Wenn es eine solche Person nicht gibt, hat er die Aufgabe selbst wahrzunehmen.
  5. die Vollstreckung von Vermächtnissen (waṣāyā) entsprechend dem Willen der Testatoren. Wenn die Begünstigten individuell spezifiziert sind, besteht die Vollstreckung darin, dass er diesen Personen ermöglicht, die vermachte Sache in Besitz zu nehmen. Wenn sie nicht individuell spezifiziert sind, besteht sie darin, dass er nach geeigneten Personen Ausschau hält.
  6. die Verheiratung der Witwen mit ebenbürtigen Ehemännern, wenn sie keinen Heiratsvormund haben, aber ihnen die Ehe angetragen wurde.
  7. die Verhängung der Hadd-Strafen über Personen, die sich eines entsprechenden Vergehens schuldig gemacht haben.
  8. die Aufsicht über die Angelegenheiten seines Distrikts, durch Unterbindung von Übergriffen auf Straßen (ṭuruqāt) und öffentlichen Plätzen (afniya) und Beseitigung störender Anbauten und Gebäude. Er kann hierbei selbst initiativ werden, auch wenn es keinen Kläger gibt.
  9. die Prüfung seiner Zeugen (šuhūd) und Sekretäre (umanāʾ) und Auswahl seiner Stellvertreter.
  10. die Gleichbehandlung von Starken und Schwachen, hochgestellten und niedrigen Personen, ohne seinen Launen zu folgen.[1]

Voraussetzungen für die Übernahme des Qādī-Amtes[Bearbeiten]

Das Qādī-Amt kann nach al-Māwardī nur derjenige übernehmen, der sieben Voraussetzungen erfüllt:

  1. er muss ein Mann sein, d.h. männlich und mündig sein. Die Notwendigkeit des männlichen Geschlechts wird aus Sure 4:34 abgeleitet.
  2. er muss urteilsfähig (ṣaḥīḥ at-tamyīz), klug (ǧaiyid al-fiṭna) und fern von Zerstreutheit und Unachtsamkeit sein und durch seine Intelligenz das Problematische klären und das Rätselhafte lösen können.
  3. er muss die Freiheit besitzen, d.h. er darf kein Sklave sein.
  4. er muss dem Islam zugehören, d.h. ein Muslim sein. Dies wird aus Sure 4:141 abgeleitet: „Niemals wird Gott den Ungläubigen ein Mittel verschaffen, um über den Gläubigen zu stehen“ (Übers. H. Bobzin).
  5. er muss Unbescholtenheit (ʿadāla) besitzen, d.h. glaubwürdig, keusch und unzweifelhaft sein und seine Emotionen kontrollieren können.
  6. er muss sehen und hören können.
  7. er muss die Normen der Scharia (al-aḥkām aš-šarʿīya) kennen. Diese Kenntnis muss ihre Grundlagen (uṣūl) wie auch ihre rechtspraktischen Anwendungen (furūʿ) einschließen. Zu den Grundlagen, die er kennen muss, gehören vier Dinge: 1.) das Buch Gottes, d.h. der Koran, mit seinen verschiedenen Auslegungsregeln (z.B. Abrogation), 2.) die Sunna des Gottesgesandten, die sich in den Hadithen manifestiert, 3.) die Interpretationen der Altvorderen (salaf) einschließlich der Dinge, in denen sie übereinstimmten bzw. unterschiedlicher Auffassung waren, damit er ihrem Konsens folgen und im Falle ihres Dissenses sich um ein eigenes Urteil bemühen, d.h. Idschtihād betreiben kann, 4.) die Regeln des Analogieschlusses.[2]

Der hanbalitiische Gelehrte Ibn Hubaira (gest. 1165) erklärte, dass mit Ausnahme von Abu Hanifa alle anderen Rechtsschulgründer die Befähigung zum Idschtihād als Voraussetzung für die Übernahme eines Qādī-Amtes ansahen. Dies wollte er für seine Zeit so verstanden wissen, dass der Qādī, wenn er einer Rechtsschule angehört, zumindest die Lehrmeinungen aller anderen Rechtsschulen kennen muss, um sich bei Streitfällen nach der Mehrheitsmeinung richten zu können.[3]

Ober-Qādīs und andere Amtsträger mit Justizaufgaben[Bearbeiten]

Wandfliese im Gerichtssaal von Alhambra in Granada:ولا غالب الا الله (wa-lā ġāliba illā ʾllāh) „es gibt keinen Sieger außer Gott“

Im späten achten Jahrhundert führte der abbasidische Kalif Hārūn ar-Raschīd wahrscheinlich nach sassanidischem Vorbild (so E. Tyan) in Bagdad das neue Amt des Qādī al-qudāt (‏ قاضي القضاة‎ / qāḍī l-quḍāt / „Richter der Richter“) ein, der als eine Art „Oberrichter“ fungierte. Seine Aufgabe bestand vor allem in der Ernennung und Überwachung der Qādīs in den Provinzstädten des islamischen Reiches. Für die Bedeutung des Qādī-Amtes spricht die Tatsache, dass die Verfasser der annalistischen Historiographie die Namen der Richter in jeder Provinz und jeder Stadt Jahr für Jahr angeben. Dieses Hauptamt der Justiz hieß im islamischen Spanien arabisch ‏ قاضي الجماعة ‎, DMG qāḍī ʾl-ǧamāʿa ‚Richter der Gemeinschaft‘, ein Zivilrichter in der Hauptstadt Córdoba. Für bestimmte Aufgaben setzte er Bevollmächtigte mit besonderen Aufgaben ein: den Erbschaftsverwalter, den Verwalter frommer Stiftungen, Testamentvollstrecker usw.

Sowohl im islamischen Osten als auch im islamischen Westen haben die Oberrichter oder die Herrscher – die Kalifen beziehungsweise Emire – neben den Provinz-Qādīs auch Bevollmächtigte eingesetzt, deren Amtsführung entweder der Oberrichter oder der Herrscher selbst überwachte:

sahib al-madina / ‏ صاحب المدينة‎ / ṣāḥibu ʾl-madīna / „der Stadtvogt“: Seine Hauptaufgabe bestand in der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung in der Stadt; er arbeitete mit der Polizei (šurṭa) zusammen. Der Stadtvogt wurde beispielsweise tätig, wenn bei der Aufklärung eines Mordfalls die polizeiliche Untersuchung erforderlich war. In diesen Fällen, und bei anderen Überschreitungen, war er allerdings nicht befugt, die schari'a-rechtlichen Strafen (ḥadd, Pl. ḥudūd) anzuwenden; denn für ihre Vollstreckung waren sowohl die Rechtsansichten der Beraterversammlung, der Schura arabisch ‏ الشورى‎ asch-schura, DMG aš-šūrā als auch das Urteil des Qādīs notwendig.

sahib asch-schurta wa-s-suq / ‏صاحب الشرطة والسوق ‎ / ṣāḥibu ʾš-šurṭa wa-ʾs-sūq / „Der Marktaufseher, der Marktvogt“, auch muḥtasib genannt, der vom jeweiligen Herrscher und nicht vom Qādī ernannt wurde. Seine Hauptaufgabe bestand darin, für Ordnung und Gerechtigkeit auf den Märkten zu sorgen, Gewichtsmanipulationen der Verkäufer zu unterbinden und den Handel schlechthin in allen Bereichen zu kontrollieren. In dieser Eigenschaft konnte er auch Richtertätigkeiten mit eigenem Urteil in Streitfällen ausüben.

Der Qādī beurteilte die ihm vorgetragenen Streitfälle nicht allein und formulierte seine Urteile nur in seltenen Fällen in eigener Regie; frühe Rechtswerke, die die Qādī-Gerichtsbarkeit schildern, berichten mehrfach über Rechtsgelehrte, die dem Qādī als Berater zur Seite standen. Einen solchen Gelehrten nannte man faqih muschawar / ‏ فقيه مشاور‎ / faqīh mušāwar / „jurisconsulte“. Eine alte Sammlung von Rechtsfällen, die der Forschung erst seit wenigen Jahren vorliegt, dokumentiert, dass der Qādī Ibn Ziyad, Ahmad ibn Mohammed ibn Ziyad al-Lachmi (im Amt bis 925 in der Regierungszeit von Abd ar-Rahman III. in Córdoba) mindestens elf solcher Rechtsberater hatte.

al-mazalim, sahib al-mazalim / ‏المظالم , صاحب المظالم ‎ / al-maẓālim, ṣāḥibu ʾl-maẓālim: Parallel zu den genannten judikativen Organisationen und zum Qādī-Amt existierte eine weitere Gerichtsbarkeit, die so genannten mazalim-Gerichte, die auf der absoluten Gewalt des Herrschers und seiner Gouverneure beruhten. Sie untersuchten Amtsmissbrauch von Behörden gegen die Bürger, Missbräuche bei Steuereinziehungen und übten allgemeine Aufsicht über die Staatsverwaltung aus. Urteile von Qādī-Gerichten konnten von diesen Gerichten erneut verhandelt und rückgängig gemacht werden. Ihre Funktion war mit einem Petitionsgericht vergleichbar. Den Kompetenzen der Qādī-Gerichtsbarkeit sind mit der Entstehung dieses Gerichtes nach und nach strafrechtliche Prozesse entzogen worden.

Die islamische Qādī-Literatur[Bearbeiten]

Die Bedeutung des Richters und des Qādī-Amtes in der islamischen Gesellschaft hat zweifelsfrei der Entstehung einer sowohl von der Historiographie als auch der Rechtsliteratur gepflegten Literatur beigetragen. In der Historiographie und der Lokalgeschichte islamischer Provinzen entstand der eigenständige Zweig der biographischen Literatur, der sich ausschließlich mit dem Wirken der Richter beschäftigte. Man nannte diese Bücher achbār al-qudāt / ‏ أخبار القضاة‎ / aḫbāru ʾl-quḍāt / „Berichte (über) die Richter“; in chronologischer Anordnung ihrer Amtsausübung verzeichnete man neben Anekdoten auch Rechtsurteile, die für den betreffenden Qādī signifikant oder für vergleichbare Fälle später sogar maßgebend gewesen sind. Das älteste Werk dieser Gattung stammt von dem Historiker und Juristen Wakīʿ (†918 in Bagdad), der selbst Qādī gewesen ist. Eine Generation später verfasste der aus Kairouan nach Andalusien ausgewanderte al-Chuschanī (†971) sein biographisches Werk über die Qādīs von Córdoba. Um die gleiche Zeit entstand auch das Werk des ägyptischen Lokalhistorikers al-Kindī (†971), der sowohl die Statthalter als auch die Richter Ägyptens bis in seine Zeit hinein biographisch beschrieb.

In der Rechtsliteratur waren es wiederum die islamischen Juristen (fuqahāʾ), die die Verhaltensregeln des Qādī, seinen Umgang mit Klägern, Beklagten und Zeugen bereits im späten 8. Jahrhundert definiert haben. Um das 10. Jahrhundert entwickelte sich in der Rechtsliteratur die schriftlich fixierte, allerdings nicht für alle Rechtsschulen einheitlich formulierte und geltende Gattung der adab al-qādī-Literatur ‏أدب القاضي‎ / adab al-qāḍī / „Verhaltensregeln des Richters“.

Das älteste als Druck erhaltene Werk in diesem Genre geht auf den im Jahre 888 verstorbenen Haitham ibn Sulaimān al-Qaisī ‏هيثم بن سليمان القيسي‎, einen Vertreter der hanafitischen Rechtsschule in Nordafrika Ifriqiya zurück und ist nach einem Unikat auf Pergament im Jahre 1970 publiziert worden. Es trägt den Titel adab al-qādī wal-qadāʾ / ‏ أدب القاضي والقضاء‎ / adabu ʾl-qāḍī wa-ʾl-qaḍāʾ / „Verhaltensregeln des Richters und der Gerichtsbarkeit“. Neben den Regelungen der Prozessordnung enthält die Adab-al-Qādī-Literatur moralische und ethische Anweisungen, nach denen sich ein Qādī bei der Ausübung seine Amtes zu richten hat. Hierbei haben nach islamischer Auffassung der Koran und die überlieferte Rechtspraxis des Propheten selbstverständlich normativen Charakter.

Ein Schüler des Abu Hanifa, der in Bagdad im Jahre 798 verstorbene Abu Yusuf, der unter dem Kalifat von al-Hadi (785-786) das Richteramt von Bagdad übernahm und es bis zu seinem Tode ausübte, soll der erste gewesen sein, der eine Abhandlung unter dem Titel Adab al-Qādī verfasst hat.

Unter den Osmanen entstanden schriftlich festgelegte Strafrechts-Sammlungen, nach denen die Richter sich zu orientierten hatten.

Der Qādī-Stand im Jemen[Bearbeiten]

Im nördlichen Jemen erhielt der Begriff "Qādī" in der frühen Neuzeit eine besondere Bedeutung. Er bezeichnete hier nicht nur Personen, die selbst eine religionsrechtliche Ausbildung erhalten hatten und richterliche Funktionen wahrnahmen, sondern auch einen eigenen sozialen Stand, der unterhalb der Sayyids angesiedelt war. Bei den jemenitischen Qādīs war der Qādī-Status also nicht unbedingt an ein Amt gekoppelt, sondern konnte auch die Abstammung von einer Qādī-Familie, die in einem Näheverhältnis zum zaiditischen Imam stand, anzeigen. Während sich die Sayyids als Nachfahren des Propheten Mohammed betrachteten, beanspruchten die Qādīs, Nachfahren südarabischer Stämme zu sein, die auf Qahtan zurückgehen. Anders als die Sayyids konnten sie nicht selbst Imam werden, jedoch ministerielle, richterliche und administrative Ämter wahrnehmen. Zusammen mit den Sayyids lebten sie in geschützten Enklaven auf Stammesterritorium, die als "Hidschar" (hiǧar, Singular hiǧra) bezeichnet wurden.[4]

Rezeption des Qādī-Begriffs in Europa[Bearbeiten]

Das Wort „Qādī“ wurde Ende des 17. Jahrhunderts aus der Märchensammlung Tausendundeine Nacht entlehnt. Es steht umgangssprachlich für Richter (Redewendung „vor den Kadi ziehen/gehen/zerren“). Das spanische Wort Alcalde („Bürgermeister“) leitet sich ebenfalls vom arabischen Qādī ab.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • Paul Dannhauer: Untersuchungen zur frühen Geschichte des Qāḍī-Amtes. Diss. Bonn 1975
  • Reinhart Dozy: Supplément aux dictionnaires arabes. 3. Auflage. Brill, Leiden, G. P. Maisonneuve et Larose, Paris 1967. Bd. 1, S. 801:faqīh mušāwar
  • G. E. von Gruenebaum: Der Islam im Mittelalter. Kapitel 5: Die politische Gemeinschaft: Gesetz und Staat. Die Bibliothek des Morgenlandes im Artemis Verlag. Zürich, Stuttgart 1963.
  • Raif Georges Khoury: Zur Ernennung von Richtern im Islam vom Anfang bis zum Aufkommen der Abbasiden. In: H. R. Roemer und A. Noth (Hrsg.): Studien zur Geschichte und Kultur des Vorderen Orients. Festschrift für Bertold Spuler zum siebzigsten Geburtstag. Brill, Leiden 1981, S. 19ff.
  • Christian Müller: Gerichtspraxis im Stadtstaat Córdoba. Zum Recht der Gesellschaft in einer mālikitisch-islamischen Rechtstradition des 5/11. Jahrhunderts. Studies in Islamic Law and Society. Ed. by Ruud Peters and Bernard Weiss. Vol. 10. Brill, Leiden 1999
  • Miklos Muranyi: Das Kitāb Aḥkām Ibn Ziyād. In: ZDMG (Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft) 148 (1998) 241-260
  • Annemarie Schimmel: Kalif und Kadi im spätmittelalterlichen Ägypten. Leipzig 1943.
  • Irene Schneider: Das Bild des Richters in der „Adab al-Qādī“ Literatur.(Islam und Abendland), Frankfurt 1990
  • Fuat Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. Kap. Fiqh. Bd.I.S.391ff. Brill, Leiden 1967
  • E. Tyan: Histoire de l'organisation judiciaire en pays d'Islam 2. Auflage. Leiden 1960.
  • E. Tyan: Art. „Ḳāḍī“ in The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. IV, S. 373b-374b.

Belege[Bearbeiten]

  1. Vgl. al-Māwardī: al-Aḥkām as-sulṭānīya. Ed. Aḥmad Mubārak al-Baġdādī. Dār Ibn Qutaiba, Kuweit, 1989. S. 94-95. Digitalisat und die engl. Übers. von Asadullah Yate Digitalisat sowie Abū Yaʿlā Ibn al-Farrāʾ: Al-Aḥkām as-Sulṭānīya. Ed. Muḥammad Ḥāmid al-Faqī. 2. Aufl. Maktab al-Iʿlām al-Islāmī, Kairo, 1985. S. 65, wörtlich wiedergegeben auch bei Muḥammad ʿAbd al-Qādir Abū Fāris: al-Qāḍī Abū Yaʿlā al-Farrāʾ wa-kitābu-hū al-Aḥkām as-Sulṭānīya. 2. Aufl. Mu’assasat ar-Risāla, Beirut, 1983. S. 373f. Digitalisat
  2. Vgl. al-Māwardī: al-Aḥkām as-sulṭānīya. Ed. Aḥmad Mubārak al-Baġdādī. Dār Ibn Qutaiba, Kuweit, 1989. S. 88-90 Digitalisat und die engl. Übersetzung von A. Yate Digitalisat
  3. Vgl. Yaḥyā ibn Muḥammad Ibn Hubayra: al-Ifṣāḥ ʿan maʿānī ṣ-ṣiḥāḥ. Ed. Abū-ʿAbdallāh Muḥammad Ḥasan Muḥammad Ḥasan Ismāʿīl aš-Šāfiʿī. 2 Bde. Beirut: Dār al-Kutub al-ʿilmiyya 1417/1996. Bd. II, S. 279.
  4. Vgl. Bernard Haykel: Revival and Reform in Islam. The Legacy of Muhammad al-Shawkani. Cambridge 2003. S. 4.
  5. Eintrag alcalde in: Real Academia Española: Diccionario de la lengua española, 22. Auflage, Madrid: Espasa-Calpe, 2001, ISBN 84-239-6813-8, online-Version.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Kadi – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen