Kleptomanie

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Klassifikation nach ICD-10
F63.2 Pathologisches Stehlen (Kleptomanie)
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Kleptomanie (altgr. κλέπτειν kléptein ‚stehlen‘ und μανία maníā ‚Raserei‘, ‚Wut‘, ‚Wahnsinn‘) ist ein psychiatrisches Symptom aus der Gruppe der Impulskontrollstörungen. Gemeint sind wiederkehrende Diebstähle ohne erkennbaren Nutzen oder Motiv. Weitgehend synonym sind Begriffe der Umgangssprache wie „zwanghaftes Stehlen“, „neurotisches Stehlen“ etc. Der Begriff stammt aus dem 19. Jahrhundert und wird heute von einigen Autoren als veraltet und irreführend abgelehnt.[1]

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff wird André Matthey zugeschrieben (Nouvelles recherches sur les maladies d'esprit, 1816);[2] er wurde von den französischen Psychiatern Charles Chrétien Henry Marc und Jean-Étienne Esquirol um 1830 aufgegriffen und zu der (heute verlassenen) Monomanielehre ausgebaut.[3]

Kennzeichnend ist, dass der Akt des Stehlens selbst den Antrieb bildet, nicht das Diebesgut, welches typischerweise nur geringwertig ist oder sogar nach der Tat weggeworfen wird.[4] Die psychische Spannung ist vor der Tat hoch und sinkt danach ab. Die Prävalenz soll bei 6/1000 Einwohner liegen. Es gibt eine hohe Komorbidität mit Zwangsstörungen und affektiven Störungen.[5]

„Die Störung charakterisiert wiederholtes Versagen Impulsen zu widerstehen, Dinge zu stehlen, die nicht dem persönlichen Gebrauch oder der Bereicherung dienen. Statt dessen werden die Gegenstände weggeworfen, weggegeben oder gehortet. Dieses Verhalten ist meist mit wachsender innerer Spannung vor der Handlung und einem Gefühl von Befriedigung während und sofort nach der Tat verbunden.“

– ICD-10-WHO Version 2016[6]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nur ca. 5 % aller Ladendiebstähle werden durch Kleptomanie verursacht. 3/4 der Betroffenen sind weiblich. Pathologisches Stehlen wird gelegentlich zur Begründung einer verminderten Schuldfähigkeit nach §20 StGB oder auch herabgesetzter Verantwortlichkeit (§3 JGG) herangezogen. Da die im Gesetzestext genannte krankhafte seelische Störung in aller Regel eine der im DSM-IV gelisteten Achse-I-Störungen voraussetzt, kann Kleptomanie ohne Begleiterkrankung höchstens die Merkmale einer schweren anderen seelischen Abartigkeit erfüllen. Dazu ist allerdings die Diagnose "Kleptomanie" keinesfalls ausreichend, vielmehr fordert die Rechtsprechung eine erhebliche antisoziale Persönlichkeitsstörung, die nur im Einzelfall unter Beurteilung der Tatmerkmale, des inneren Erlebens, der Komorbiditäten, Substanzgebrauch, Delinquenzanamnese etc. gutachterlich beurteilt werden kann.[7]

Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Behandlung der Kleptomanie erfolgt psychoanalytisch oder verhaltenstherapeutisch. Die kognitive Verhaltenstherapie setzt Methoden der Verdeckten Konditionierung, Aversionstherapie, und Systematische Desensibilisierung ein.[8] Es gibt auch einen pharmakologischen Ansatz mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern oder Naltrexon, der jedoch bisher nicht evidenzbasiert ist.[9] Weitere Substanzen werden erprobt. Ein neurobiologisches Korrelat, welches sich therapieren liesse, ist bisher nicht gesichert, auch wenn Einzelfallberichte Schädigungen der Leitungsbahnen im Frontalhirn gezeigt haben.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jean-Étienne Esquirol: Allgemeine und specielle Pathologie und Therapie der Seelenstörungen. Hartmann, Leipzig 1827.
  • Jean-Étienne Esquirol: Die Geisteskrankheiten in Beziehung zur Medizin und Staatsarzneikunde. Voß, Berlin 1838 (2 Bde.)
  • André Matthey: Nouvelles recherches sur les maladies de l’esprit précédées considérations sur les difficulté de l’art de guérir. Paschoud, Paris, 1816.
  • Tobias Müller: Störungen der Impulskontrolle – Alter Wein in neuen Schläuchen? In: Rolf Baer u. a. (Hrsg.): Wege psychiatrischer Forschung. Perimed, Erlangen 1991, ISBN 3-88429-390-7
  • Christoph Mundt: Kleptomanie. In: Christian Müller: Lexikon der Psychiatrie. Springer, Berlin 1986, ISBN 3-437-22900-1
  • Susanne Osburg: Psychisch kranke Ladendiebe. Eine Analyse einschlägig erstatteter Gutachten zur Schuldfähigkeit. Kriminalistik-Verlag, Heidelberg 1992, ISBN 978-3-7832-0292-2.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hans-Jürgen Möller, Gerd Laux, Hans-Peter Kapfhammer: Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie: Band 1: Allgemeine Psychiatrie Band 2: Spezielle Psychiatrie.. Springer-Verlag, 3. Juli 2009, ISBN 978-3-642-03637-8, S. 1612.
  2. Uwe Lindemann: Das Warenhaus: Schauplatz der Moderne.. Böhlau Verlag Köln Weimar, 15. Juli 2015, ISBN 978-3-412-22534-6, S. 121.
  3. Thomas Knecht: Pathologische Formen des Stehlens. Schweiz Med Forum 2006;6:694–698
  4. Brigitte Vetter: Psychiatrie: ein systematisches Lehrbuch ; mit 34 Tabellen.. Schattauer Verlag, 2007, ISBN 978-3-7945-2566-9, S. 147.
  5. Marc Allroggen: Praxishandbuch forensische Psychiatrie des Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalters: Grundlagen, Begutachtung und Behandlung.. Med.-Wiss. Verlag-Ges., 2011, ISBN 978-3-941468-25-2, S. 304.
  6. ICD-10-WHO Version 2016: F63.2 Pathologisches Stehlen [Kleptomanie]
  7. Frank Häßler, Norbert Nedopil, Wolfram Kinze: Praxishandbuch Forensische Psychiatrie: Grundlagen, Begutachtung, Interventionen im Erwachsenen-, Jugendlichen- und Kindesalter.. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH & Company KG, 10. März 2015, ISBN 978-3-95466-145-9, S. 109-12.
  8. Mayo Clinic (Nov. 2014): Kleptomania - Treatments and drugs. (abgerufen 1. Februar 2017)
  9. Michael Zaudig, Rolf Dieter Trautmann-Sponsel, Peter Joraschky: Therapielexikon Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie.. Springer-Verlag, 28. März 2006, ISBN 978-3-540-30986-4, S. 391.
  10. John E. Grant: Understanding and treating kleptomania: New models and new treatments Isr J Psychiatry Relat Sci Vol 43 No. 2 (2006) 81–87