Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders

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Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM; englisch für „diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“) ist ein in der Psychiatrie verwendetes Klassifikationssystem. Es spielt eine zentrale Rolle bei der Definition und Diagnostik von psychischen Erkrankungen.

Die DSM-Klassifikation wird von Experten erarbeitet, um psychiatrische Diagnosen reproduzierbar und statistisch verwertbar zu gestalten. Laut Thomas Insel[1] ist das Ziel des DSM, eine gemeinsame Sprache zur Beschreibung der Psychopathologie bereitzustellen. Obwohl das Handbuch oft als „Bibel der Psychiatrie“ bezeichnet wird, ist es in Wirklichkeit bestenfalls ein Wörterbuch. Denn es stellt letztlich eine Sammlungen von Etiketten dar, für welche es eine Definition anbietet. Die Stärke des DSM liegt in seiner hohen Reliabilität, d.h. es stellt sicher, das derselbe Patient möglichst überall dieselbe Diagnose bekommen würde. Seine Schwäche liegt jedoch in seiner geringen Validität.

Das DSM wird seit 1952 von der American Psychiatric Association (APA, deutsch: Amerikanische psychiatrische Gesellschaft) in den USA herausgegeben.[2] Später erschienen auch Ausgaben in anderen Sprachen; 1984 kam mit dem DSM-III erstmals auch eine deutschsprachige Ausgabe heraus.

Heute ist das DSM international in der Forschung und in vielen Kliniken und Instituten gebräuchlich. Die aktuell gültige fünfte Auflage wurde im Mai 2013 in den USA veröffentlicht und löste damit die vierte Auflage ab (DSM-IV von 1994). Seit Dezember 2014 ist eine deutsche Übersetzung des DSM-5 verfügbar.[3]

Bezug zum ICD-10[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das DSM steht in Konkurrenz zur ICD-10, dem internationalen Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation. Das DSM ist ein nationales Klassifikationssystem der USA. Es muss daher nicht die zahlreichen Kompromisse und Ergänzungen der ICD-10 berücksichtigen und enthält z. T. genauere diagnostische Kriterien. Dadurch ist es für die Forschung interessant. Die ICD-10 hingegen setzt ihren Schwerpunkt auf eine interkulturelle Perspektive und eine Anwendbarkeit auch in den Ländern des Globalen Südens.

DSM-IV berücksichtigt im Gegensatz zur ICD-10 geschlechtsspezifische Unterschiede. Es vergibt keine eigenen Klassifikationsschlüssel, sondern eine von der APA ausgewählte Teilmenge jener Nummern, welche im 1979–1997 gültigen ICD-9 zur Klassifikation psychiatrischer Krankheiten vorgesehen waren. Die ICD-10 hat andere Klassifikationsschlüssel, was den Vergleich erschwert.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1840 wurde in den Vereinigten Staaten bei einer Volkszählung eine Kategorie „Schwachsinn/Wahnsinn“ (idiocy/insanity) erhoben. Sie wurde vierzig Jahre später in einer Volkszählung auf sieben Kategorien ausgeweitet. Als nach dem Zweiten Weltkrieg viele Veteranen wegen psychischer Störungen behandelt werden mussten, entwickelten Armee und Veteranenverbände eine deutlich umfassendere Klassifikation. Dem folgte die Weltgesundheitsorganisation in ihrer ICD-6.[2]

1952 übernahm die APA die Ausarbeitung der Klassifikation und veröffentlichte das erste DSM. Die Klassifikationsschlüssel wichen deutlich von der ICD-6 und später auch von der ICD-7 ab. 1968 erschien die zweite Auflage des DSM. Sie hatte noch wenig Einfluss auf psychiatrische Lehre, Forschung und klinische Praxis. Als der bekannte Psychoanalytiker Irving Bieber gefragt wurde: „Hast Du die schrecklichen Neuigkeiten gehört? Sie nehmen Homosexualität aus den zukünftigen Drucken von DSM-II heraus.“ antwortete er „Was ist DSM-II?“.[4]

Erst beim DSM-III (1980) wurden die von der WHO geforderten genauen Definitionen der psychischen Störungen berücksichtigt. Die dritte Ausgabe stellte dabei einen Einschnitt in die bisherige Klassifizierung dar, unter anderem aufgrund der multiaxialen Einteilung (siehe unten) und der weitestgehenden Loslösung von ätiologie- und theoriebezogener Terminologie. Klerman bezeichnete das DSM-III als „Paradigmen-Wechsel“. Die unter Leitung von Robert L. Spitzer erstellte Version wurde die erste weithin angenommene. 1987 folgte eine Revision dieser Auflage (DSM-III-R) und bereits 1994 das DSM-IV unter der Leitung von Allen Frances. Die Textrevision der vierten Auflage (DSM-IV-TR) wurde 2000 veröffentlicht.

1984 lag das DSM-III auch in deutscher Publikation vor, 1989 das DSM-III-R; seit 1996 das DSM-IV. Die deutsche Übersetzung des DSM-IV-TR erschien 2003. Sie hat über zehn Jahre die wissenschaftliche Diagnostik im deutschsprachigen Raum dominiert.

Das DSM-5 war seit 1999 in Arbeit und erschien im Mai 2013. Ab 2000 zeichnete Darrel A. Regier als Forschungsdirektor des APA verantwortlich für die Koordination der Vorbereitungsarbeiten, seit 2004 gab es eine eigene Website. Seit 2006 gab es eine Task Force unter Leitung von David J. Kupfer, Darrel A. Regier fungierte als Stellvertreter. Seit 2007 trafen sich regelmäßig Arbeitsgruppen zu den verschiedenen diagnostischen Kategorien. Außerdem werden die Forschungsergebnisse zahlreicher Konferenzen und Kongresse eingearbeitet.[5]

Version Arbeitsbeginn Englisch
(USA)
Seiten[6] Diagnosen[6] Deutsch Französisch
US-Volkszählung 1840 1 - -
US-Volkszählung 1880 7 - -
APA Committee on Statistics 1917 59 - -
DSM-I 1952 130 106 - -
DSM-II 1968 134 182 - -
DSM-III 1974 1980 494 265 1984 1983
DSM-IIIR (Revision) 1987 567 292 1989 1989
DSM-IV 1988 1994 886 297 1996 1997
DSM-IVTR (TextRevision) 2000 943 297 2003 2003
DSM-5 1999 2013 2014

Multiaxiale Einteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das DSM systematisierte psychiatrische Diagnosen in der dritten und vierten Version (DSM-III und DSM-IV) in fünf so genannten Achsen. Seit der Ausgabe des DSM-5 werden keine Achsen mehr verwendet. Damals gehörte zu einer vollständigen Diagnose die Angabe des Zustandes auf jeder dieser fünf Achsen:

Auf einzelnen dieser Achsen konnte die Angabe auch „keine“ oder eine mehrfache sein.[7]

Kategorien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Insgesamt hat das aktuelle DSM folgende diagnostische Kategorien:

  1. Störungen der neuronalen und mentalen Entwicklung
  2. Schizophrenie-Spektrum und andere psychotische Störungen
  3. Bipolare und verwandte Störungen
  4. Depressive Störungen
  5. Angststörungen
  6. Zwangsstörung und verwandte Störungen
  7. Trauma- und belastungsbezogene Störungen
  8. Dissoziative Störungen
  9. Somatische Belastungsstörung und verwandte Störungen
  10. Fütter- und Essstörungen
  11. Ausscheidungsstörungen
  12. Schlaf-Wach-Störungen
  13. Sexuelle Funktionsstörungen
  14. Geschlechtsdysphorie
  15. Disruptive, Impulskontroll- und Sozialverhaltensstörungen
  16. Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen und abhängigen Verhaltensweisen
  17. Neurokognitive Störungen (NCD)
  18. Persönlichkeitsstörungen
  19. Paraphile Störungen
  20. Andere psychische Störungen
  21. Medikamenteninduzierte Bewegungsstörungen und andere unerwünschte Medikamentenwirkungen
  22. Andere klinisch relevante Probleme

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wird kritisiert, dass das DSM symptomorientierte, reduktionistische Fehler aufweise. Außerdem wird moniert, dass die Autoren des DSM nicht unabhängig seien, weil sie finanziell von der Pharmaindustrie unterstützt würden. So stellte sich 2008 heraus, dass mehr als die Hälfte der Autoren zusätzliche Einkünfte von der Pharmaindustrie erhielten, z.B. Vergütungen für Vorträge oder Wirksamkeits­studien. Dies könnte die Objektivität der Wissenschaftler bei der Definition psychiatrischer Erkrankungen getrübt haben. Aus diesem Grund wurden die Autoren des 2013 erschienenen DSM-5 dazu verpflichtet, zusätzliche Einkünfte von Seiten der Pharmaindustrie offenzulegen. Diese durften während der Erstellung des neuen DSM-5 nicht mehr als 10.000 US-Dollar pro Jahr betragen.[8]

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass das Entscheidungsgremium der American Psychiatric Association aus einer Gruppe von 160 Personen bestehe, die lediglich durch ihren Aufstieg in den Gremien der Vereinigung legitimiert sei. Es fehlten Transparenz, wissenschaftliche Kontrolle und Kritik.[9]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thomas Insel: Director’s Blog: Transforming Diagnosis. National Institute of Mental Health, 29. April 2013, abgerufen am 15. Januar 2016 (englisch): „The goal of this new manual, as with all previous editions, is to provide a common language for describing psychopathology. While DSM has been described as a “Bible” for the field, it is, at best, a dictionary, creating a set of labels and defining each. The strength of each of the editions of DSM has been “reliability” – each edition has ensured that clinicians use the same terms in the same ways. The weakness is its lack of validity.“
  2. a b DSM: History of the Manual. American Psychiatric Association, 2014, abgerufen am 3. November 2014 (englisch).
  3. Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen (DSM-5) bei Hogrefe
  4. Robert L. Spitzer: Values and Assumptions in the Development of DSM-III and DSM-III-R: An Insider’s Perspective and a Belated Response to Sadler, Hulgus, and Agich’s “On Values in Recent American Psychiatric Classification” (PDF-Datei; 72 kB), The Journal of Nervous and Mental Disease, Vol. 189, Nr. 6, S. 351
  5. http://www.dsm5.org/Pages/Default.aspx
  6. a b Brutus: The Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) By the Numbers. In: The Carlat Report Psychiatry. 29. März 2011, abgerufen am 2. Januar 2015 (PDF, englisch).
  7. Peter Falkai, Hans-Ulrich Wittchen (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-5. 1. Auflage. Hogrefe, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8017-2599-0.
  8. Psychiatrie: Häufige Interessenkonflikte der DSM-V-Autoren. In: aerzteblatt.de, 7. Mai 2008. Abgerufen am 4. Februar 2016.
  9. Jörg Blech: Die Psychofalle. Wie die Seelenindustrie uns zu Patienten macht, 2014, Fischer, S. 21.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]