Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders

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Das Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM; englisch für „diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen“) ist ein in der Psychiatrie verwendetes Klassifikationssystem. Es spielt eine zentrale Rolle bei der Definition und Diagnostik von psychischen Erkrankungen.

Das DSM wird seit 1952 von der American Psychiatric Association (APA, deutsch: Amerikanische psychiatrische Gesellschaft) in den USA herausgegeben. Heute ist das DSM international in der Forschung und in vielen Kliniken und Instituten gebräuchlich. Das aktuell gültige DSM-5 wurde 2013 veröffentlicht; seit 2014 ist eine deutsche Übersetzung verfügbar.[1]

Die DSM-Klassifikation wird von Experten erarbeitet, um psychiatrische Diagnosen reproduzierbar und statistisch verwertbar zu gestalten. Laut Thomas Insel (Direktor des NIMH) ist das Ziel des DSM, eine gemeinsame Sprache zur Beschreibung der Psychopathologie bereitzustellen. Obwohl das Handbuch oft als „Bibel der Psychiatrie“ bezeichnet wird, ist es in Wirklichkeit bestenfalls ein Wörterbuch. Denn es stellt letztlich eine Sammlung von Symptomgruppen dar, für welche jeweils eine Etikette und Definition festgelegt wurde. Die Stärke des DSM liegt in seiner hohen Reliabilität, d. h., es stellt sicher, dass derselbe Patient möglichst überall dieselbe Diagnose bekommt. Seine Schwäche liegt jedoch in seiner geringen Validität, denn die im DSM beschriebenen Syndrome bilden die tatsächliche klinische Realität bisher nur sehr unzureichend ab. Ebenfalls problematisch ist die rein symptombasierte Diagnostik, bei welcher objektive Labortests und Angaben zu den Ursachen der Symptome keine Rolle spielen.[2]

Bezug zum ICD-10[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das DSM steht in Konkurrenz zu Kapitel V - Psychische und Verhaltensstörungen des ICD-10 (Internationale Klassifikation der Krankheiten). Die ICD wird jedoch von der WHO herausgegeben, während das DSM ein nationales Klassifikationssystem der USA ist. Es muss daher nicht die zahlreichen Kompromisse und Ergänzungen der ICD-10 berücksichtigen und enthält z. T. genauere diagnostische Kriterien. Dadurch ist es für die Forschung besonders interessant. Die ICD-10 hingegen setzt ihren Schwerpunkt auf eine interkulturelle Perspektive und eine Anwendbarkeit auch in den Ländern des Globalen Südens. Sie umfasst außerdem sämtliche medizinische Erkrankungen, nicht nur psychiatrische wie das DSM.

Das DSM-5 berücksichtigt im Gegensatz zur ICD-10 geschlechtsspezifische Unterschiede. Es vergibt keine eigenen Klassifikationsschlüssel, sondern eine von der APA ausgewählte Teilmenge jener Nummern, welche im 1979–1997 gültigen ICD-9 zur Klassifikation psychiatrischer Krankheiten vorgesehen waren. Die ICD-10 hat andere Klassifikationsschlüssel, was den Vergleich erschwert; eine Umkodierung der Diagnosen ist jedoch oft möglich.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1840 wurde in den Vereinigten Staaten bei einer Volkszählung eine Kategorie „Schwachsinn/Wahnsinn“ (idiocy/insanity) erhoben. Sie wurde vierzig Jahre später in einer Volkszählung auf sieben Kategorien ausgeweitet. Als nach dem Zweiten Weltkrieg viele Veteranen wegen psychischer Störungen behandelt werden mussten, entwickelten Armee und Veteranenverbände eine deutlich umfassendere Klassifikation. Dem folgte die Weltgesundheitsorganisation in ihrer ICD-6.[1]

1952 übernahm die American Psychiatric Association die Ausarbeitung der Klassifikation und veröffentlichte die erste Ausgabe. Im DSM-I wichen die Klassifikationsschlüssel deutlich von der ICD-6 und später auch von der ICD-7 ab.

1968 erschien mit dem DSM-II die zweite Auflage. Sie hatte noch wenig Einfluss auf psychiatrische Lehre, Forschung und klinische Praxis. Als der bekannte Psychoanalytiker Irving Bieber gefragt wurde: „Hast Du die schrecklichen Neuigkeiten gehört? Sie nehmen Homosexualität aus den zukünftigen Drucken von DSM-II heraus.“ antwortete er „Was ist DSM-II?“.[3]

Erst beim DSM-III (1980) wurden die von der WHO geforderten genauen Definitionen der psychischen Störungen berücksichtigt. Die dritte Ausgabe stellte gerade auch wegen dieser konkreten Kriterien eine Revolution in der bisherige Klassifizierung dar. Weitere Neuerungen waren die multiaxialen Einteilung (siehe unten) und die weitestgehende Loslösung von ursachen- und theoriebezogener Terminologie. Klerman bezeichnete das DSM-III als „Paradigmen-Wechsel“. Die unter Leitung von Robert L. Spitzer erstellte Version wurde die erste weithin angenommene.

Später erschienen mit dem DSM-III auch Übersetzungen in anderen Sprachen; 1984 kam erstmals eine deutschsprachige Ausgabe heraus.

Schon 1987 erschien eine inhaltliche Revision dieser Auflage (DSM-III-R) und bereits 1994 folgte unter der Leitung von Allen Frances das DSM-IV. Die Textrevision der vierten Auflage (DSM-IV-TR) wurde 2000 veröffentlicht. Die deutsche Übersetzung dieser Textüberarbeitung kam dann 2003 heraus. Sie hat über zehn Jahre die wissenschaftliche Diagnostik im deutschsprachigen Raum dominiert.

Das DSM-5 war seit 1999 in Arbeit und erschien schließlich im Mai 2013. Ab 2000 zeichnete Darrel A. Regier als Forschungsdirektor des APA verantwortlich für die Koordination der Vorbereitungsarbeiten, seit 2004 gab es eine eigene Website. Seit 2006 gab es eine Task Force unter Leitung von David J. Kupfer, Darrel A. Regier fungierte als Stellvertreter. Seit 2007 trafen sich regelmäßig Arbeitsgruppen zu den verschiedenen diagnostischen Kategorien. Außerdem wurden die Forschungsergebnisse zahlreicher Konferenzen und Kongresse eingearbeitet.[4]

Version Arbeitsbeginn Englisch
(USA)
Seiten[5] Diagnosen[5][6] Deutsch Französisch
US-Volkszählung 1840 1 - -
US-Volkszählung 1880 7 - -
APA Committee on Statistics 1917 59 - -
DSM-I 1952 130 106 - -
DSM-II 1968 134 182 - -
DSM-III 1974 1980 494 265 1984 1983
DSM-IIIR (Revision) 1987 567 292 1989 1989
DSM-IV 1988 1994 886 297 1996 1997
DSM-IVTR (TextRevision) 2000 943 297 2003 2003
DSM-5 1999 2013 947 374 2014 2015

Alte multiaxiale Einteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das DSM-III und DSM-IV systematisierte psychiatrische Diagnosen in fünf so genannten Achsen. Damals gehörte zu einer vollständigen Diagnose eines Patienten die Angabe des Zustandes auf jeder dieser fünf Achsen:

Auf einzelnen dieser Achsen konnte die Angabe auch „keine“ oder eine mehrfache sein. Im aktuellen DSM-5 werden jedoch keine Achsen mehr verwendet.

Kategorien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Insgesamt hat das aktuelle DSM-5 folgende diagnostische Kategorien:

  1. Störungen der neuronalen und mentalen Entwicklung
  2. Schizophrenie-Spektrum und andere psychotische Störungen
  3. Bipolare und verwandte Störungen
  4. Depressive Störungen
  5. Angststörungen
  6. Zwangsstörung und verwandte Störungen
  7. Trauma- und belastungsbezogene Störungen
  8. Dissoziative Störungen
  9. Somatische Belastungsstörung und verwandte Störungen
  10. Fütter- und Essstörungen
  11. Ausscheidungsstörungen
  12. Schlaf-Wach-Störungen
  13. Sexuelle Funktionsstörungen
  14. Geschlechtsdysphorie
  15. Disruptive, Impulskontroll- und Sozialverhaltensstörungen
  16. Störungen im Zusammenhang mit psychotropen Substanzen und abhängigen Verhaltensweisen
  17. Neurokognitive Störungen (NCD)
  18. Persönlichkeitsstörungen
  19. Paraphile Störungen
  20. Andere psychische Störungen
  21. Medikamenteninduzierte Bewegungsstörungen und andere unerwünschte Medikamentenwirkungen
  22. Andere klinisch relevante Probleme

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wird kritisiert, dass das DSM symptomorientierte, reduktionistische Fehler aufweise. Außerdem wird moniert, dass die Autoren des DSM nicht unabhängig seien, weil sie finanziell von der Pharmaindustrie unterstützt würden. So stellte sich 2008 heraus, dass mehr als die Hälfte der Autoren zusätzliche Einkünfte von der Pharmaindustrie erhielten, z.B. Vergütungen für Vorträge oder Wirksamkeits­studien. Dies könnte die Objektivität der Wissenschaftler bei der Definition psychiatrischer Erkrankungen getrübt haben. Aus diesem Grund wurden die Autoren des 2013 erschienenen DSM-5 dazu verpflichtet, zusätzliche Einkünfte von Seiten der Pharmaindustrie offenzulegen. Diese durften während der Erstellung des neuen DSM-5 nicht mehr als 10.000 US-Dollar pro Jahr betragen.[7]

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass das Entscheidungsgremium der American Psychiatric Association aus einer Gruppe von 160 Personen bestehe, die lediglich durch ihren Aufstieg in den Gremien der Vereinigung legitimiert sei. Es fehlten Transparenz, wissenschaftliche Kontrolle und Kritik.[8]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutsche Ausgaben des DSM (absteigend):

  • Peter Falkai, Hans-Ulrich Wittchen (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen. DSM-5. Hogrefe, 2015, ISBN 978-3-8017-2599-0.
  • Henning Saß u.a. (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen. Textrevision - DSM-IV-TR. Hogrefe Verlag, 2003, ISBN 978-3-8017-1660-8.
  • Henning Saß, Isabel Houben (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen. DSM-IV. Hogrefe Verlag, Göttingen 1996, ISBN 978-3-8017-0810-8.
  • Hans-Ulrich Wittchen (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen. DSM III-R. Beltz Verlag, Weinheim 1989, ISBN 978-3-407-86108-5.
  • Karl Koehler, Henning Saß (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen. DSM III. Beltz Verlag, Weinheim 1984, ISBN 978-3-407-86104-7.

Falldarstellungen:

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b DSM: History of the Manual. American Psychiatric Association, 2014, abgerufen am 3. November 2014 (englisch).
  2. Thomas Insel: Director’s Blog: Transforming Diagnosis. National Institute of Mental Health, 29. April 2013, abgerufen am März 2017: „The goal of this new manual, as with all previous editions, is to provide a common language for describing psychopathology. While DSM has been described as a “Bible” for the field, it is, at best, a dictionary, creating a set of labels and defining each. The strength of each of the editions of DSM has been “reliability” – each edition has ensured that clinicians use the same terms in the same ways. The weakness is its lack of validity.“
  3. Robert L. Spitzer (2001): Values and Assumptions in the Development of DSM-III and DSM-III-R: An Insider’s Perspective and a Belated Response to Sadler, Hulgus, and Agich’s “On Values in Recent American Psychiatric Classification” (PDF-Datei; 72 kB), The Journal of Nervous and Mental Disease, Vol. 189, Nr. 6, S. 351
  4. http://www.dsm5.org/Pages/Default.aspx
  5. a b Brutus: The Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) By the Numbers. In: The Carlat Report Psychiatry. 29. März 2011, abgerufen am 7. März 2017 (PDF).
  6. James Davies: Cracked: Why Psychiatry is Doing More Harm Than Good. Icon Books, London 2013.
  7. Psychiatrie: Häufige Interessenkonflikte der DSM-V-Autoren. In: aerzteblatt.de, 7. Mai 2008. Abgerufen am 4. Februar 2016.
  8. Jörg Blech: Die Psychofalle. Wie die Seelenindustrie uns zu Patienten macht, 2014, Fischer, S. 21.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]