Klimaplastischer Wald

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Mischwald mit mehreren Baumarten

Der Begriff klimaplastischer Wald bezeichnet ein Leitbild für eine zukünftige Waldentwicklung. Ein solches Leitbild soll Waldbesitzern und Förstern bei Entscheidungen helfen, dem Klimawandel und anderen Veränderungen zu begegnen und trotz unsicherer Prognosen zukunftsfähige, nachhaltige Wälder zu entwickeln.

Einführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ansprüche an den Wald und die damit verbundenen Zielkonflikte wachsen nach Meinung des Rates für Nachhaltige Entwicklung ständig.[1] Das wichtigste Waldprodukt, Holz, wird traditionell nicht nur als Rohstoff für die Bau- und Möbelindustrie, sondern auch als Energieträger nachgefragt. Gleichzeitig fordern die Waldgesetze mehr Naturnähe bei seiner Bewirtschaftung, um Lebensräume für seltene Arten, aber auch den Erholungsraum für die Menschen zu erhalten. Für die Waldbesitzer verändern die regional möglichen Folgen des Klimawandels, z. B. Wasserknappheit, aber auch Kostendruck und Marktveränderungen die Bedingungen für eine nachhaltige Entwicklung. Sie müssen Entscheidungen für die Zukunft treffen, die möglichst allen Anforderungen gerecht werden, und dabei den wachsenden Risiken begegnen, die in einer kaum vorhersagbaren Entwicklung liegen. Die Gefahr von Fehlentscheidungen ist daher groß.

Eine mögliche Strategie, Risiken zu senken, wird in der Wirtschaft in der Diversifikation gesehen. Für die Wälder der Zukunft würde das unter anderem bedeuten, nicht monotone Reinbestände mit nur einer Baumart zu begründen, sondern baumarten- und strukturreiche Waldgesellschaften zu entwickeln, die möglichst viele Entwicklungspfade für die Zukunft offenhalten.

Wissenschaftliche Grundlagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hierzu kann man eine besondere Eigenschaft von Waldökosystemen nutzen, die als ökologische Plastizität (Jenssen et al. 2007)[2] bezeichnet wird. Wälder können sich nämlich unter bestimmten Bedingungen an Veränderungen der Umwelt so anpassen, dass funktionale und strukturelle Eigenschaften wie Produktivität und ein geschlossenes Kronendach oder auch das ausgeglichene Mikroklima erhalten bleiben. Wälder erreichen die Anpassung über eine allmähliche Veränderung ihrer Artenzusammensetzung. Die Veränderung ist dabei durch die physiologische Bandbreite der einzelnen Baumarten und deren genetische Diversität begrenzt. Je höher nun die Vielfalt an Arten und Genen, desto besser ist grundsätzlich die Anpassungsfähigkeit eines Baumbestandes. Die Artenzusammensetzung eines Baumbestandes ist immer dann besonders hoch, wenn jede darin vorkommende Baumart eine große ökologische Bandbreite mitbringt, d. h. euryök ist. Ein klimaplastischer Wald sollte also möglichst weite Bereiche wahrscheinlicher Umweltszenarien über eine geeignete Baumartenwahl abdecken (Jenssen 2009).[3]

Grundlagen für die waldbauliche Praxis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die knapp 40 Baumarten, die seit der letzten Eiszeit im nördlichen Mitteleuropa heimisch geworden sind, decken durch ihr breites Spektrum geografischer Herkünfte auch eine große Breite an klimatischen Verhältnissen ab. Vermutlich besteht damit eine ausreichende Menge an Baumarten, um einen klimaplastischen Wald aufzubauen, der die jeweiligen Eigenheiten des Standortes berücksichtigt. Es wird gehofft, dass sich ein solcher Wald an den vorhergesagten Temperaturanstieg mit geringem Aufwand an forstlicher Begleitung anpassen kann.

Tabelle: Wichtige Baumarten des klimaplastischen Waldes

Botanischer Name Wissenschaftlicher Name
Berg-Ahorn Acer pseudoplatanus
Berg-Ulme Ulmus glabra
Eberesche Sorbus aucuparia
Elsbeere Sorbus torminalis
Feld-Ahorn Acer campestre
Flatter-Ulme Ulmus laevis
Gemeine Esche Fraxinus excelsior
Hainbuche Carpinus betulus
Rotbuche Fagus sylvatica
Sand-Birke Betula pendula
Sommer-Linde Tilia platyphyllos
Spitz-Ahorn Acer platanoides
Stechpalme Ilex aquifolium
Stiel-Eiche Quercus robur
Trauben-Eiche Quercus petraea
Vogel-Kirsche Prunus avium
Wald-Kiefer Pinus sylvestris
Weißdorn Crataegus spp.
Wildapfel Malus sylvestris
Wildbirne Pyrus pyraster
Winter-Linde Tilia cordata

Untersuchungen zur Überprüfung des Leitbildes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein wissenschaftliches Konzept ist erst dann als Leitbild geeignet, wenn die Folgen seiner Anwendung abgeschätzt und die Machbarkeit seiner Umsetzung mit den jeweiligen Entscheidungsträgern abgestimmt wurde. Das Leitbild des klimaplastischen Waldes wurde in einem vom BMBF geförderten Verbundprojekt untersucht. Am Beispiel der Region Schorfheide-Chorin wurden die Chancen und Risiken einer konsequent an dem Leitbild orientierten Waldentwicklung unter zwei verschiedenen Klimaszenarien bis zum Jahr 2100 abgeschätzt. Die Computersimulationen für diese Region ergaben deutliche Hinweise auf Vorteile gegenüber der bisherigen Waldbewirtschaftung, unter anderem für den Wasserhaushalt, die Kohlenstoffspeicherung (Jochheim & Puhlmann 2009)[4] und den Schutz wertvoller Habitate. Die Gesamtbilanz an klimaschädlichen Spurengasen ist bei allen Szenarien in etwa gleich, das Aufkommen an Rohholz bis zum Ende des Jahrhunderts würde geringfügig zurückgehen bei einer Verbreiterung des Holzartenspektrums (Ende 2009[5]; Ende et al. 2009[6]).

Weil ein allmählicher Umbau eines Waldes mehrere Jahrzehnte dauert, kämen einige der erwünschten Effekte allerdings erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zur Wirkung. Empfohlen wurde daher sofort mit Anpassungsmaßnahmen zu beginnen. Das Leitbild wurde im Rahmen einer Landschaftswerkstatt (Anders et al. 2007)[7] unter wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Gesichtspunkten mit Interessenvertretern, unter anderem Flächeneigentümern, erörtert und gemeinsam weiterentwickelt.

Um eine Umsetzung des Leitbildes in der Modellregion langfristig abzusichern, wurden begleitende Bildungsmaßnahmen in Schule und Berufsbildung durchgeführt (Aenis et al. 2010).[8]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Förderschwerpunkt "Nachhaltige Waldwirtschaft" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung [1]
  • Das Internetportal Wald & Klima der Thüringer Landesanstalt für Wald [2]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rat für Nachhaltige Entwicklung: Waldwirtschaft als Modell für nachhaltige Entwicklung: ein neuer Schwerpunkt für die nationale Nachhaltigkeitsstrategie. Empfehlungen des Rates für Nachhaltige Entwicklung an die Bundesregierung. In: texte Nr. 10, Juni 2004, Seite 2. URL: PDF (abgerufen am 31. August 2009)
  2. Jenssen M., Hofmann G., Pommer U.: Die natürlichen Vegetationspotentiale Brandenburgs als Grundlage klimaplastischer Zukunftswälder. In: Bouffier V. A. & Gandert K.-D. (Hrsg.): Beiträge zur Gehölzkunde 2007. HDR, Rinteln 2009, ISBN 3-928521-27-5, S. 17–29. Online-Version URL: PDF
  3. Jenssen M.: Der klimaplastische Wald im nordostdeutschen Tiefland. Abschlussbericht zum BMBF-Forschungsvorhaben 0330562H. Waldkunde-Institut Eberswalde, Bad Freienwalde, 2009, 119 S.
  4. Jochheim H., Puhlmann, M.: Nachhaltige Entwicklung von Waldlandschaften im Nordostdeutschen Tiefland – Konsequenzen für die C-Sequestrierung. In: Fachtagung Aktiver Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel - Beiträge der Agrar- und Forstwirtschaft. vTI, Braunschweig 2009, Online-Version URL: PDF, S. 67(abgerufen am 31. August 2009)
  5. Ende H.-P.: Klimaplastische Wälder für Regionen mit Zukunft – der Forschungsverbund NEWAL-NET. In: Forst und Holz. 64, Heft 10, 2009 ISSN 0932-9315, S. 11-13.
  6. Ende H.-P., Aenis T., Anders K., Elsasser P., Gasche R., Heinrich U., Jenssen M., Jochheim H., Klenke R., Natkhin M.: Klimaplastische Wälder im Nordostdeutschen Tiefland. In: Fachtagung Aktiver Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel - Beiträge der Agrar- und Forstwirtschaft. vTI, Braunschweig 2009, Online-Version URL: PDF, S. 82 (abgerufen am 31. August 2009)
  7. Anders K., Fischer L., Jenssen M., Ende H.-P.: Ein Waldtyp der Zukunft in der Landschaftswerkstatt. In: AFZ Der Wald. 62, Heft 22, 2007 ISSN 0002-5860, S. 1206 – 1209.
  8. Aenis, T., Ende, H.-P., Foos, E., Nagel, U. J. (Hrsg.) (2010): Klimaplastische Wälder im nordostdeutschen Tiefland. Leitfaden zur Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. Humboldt-Universität zu Berlin. URN: urn:nbn:de:kobv:11-100174269 Online-Version URL: PDF (abgerufen am 9. September 2010)