Diversifikation (Wirtschaft)

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Der Begriff Diversifikation oder Diversifizierung bezeichnet in der Wirtschaftswissenschaft eine Ausweitung von Wahlmöglichkeiten. Das Gegenteil der Diversifizierung ist die Monostruktur. Ziel einer Diversifikation ist die Erhöhung von Chancen und/oder ein Abbau von Risiken[1]. Diversifikationen ziehen allerdings Aufwand und Kosten nach sich. Diversifiziert werden kann eine ganze Reihe von Parametern:

  • das Sortiment der hergestellten oder angebotenen Waren; es werden neue Produkte hinzugenommen oder vorhandene Produkte auf neuen Märkten angeboten.
  • der Kreis der Geschäftspartner, also im Wesentlichen der Lieferanten für benötigte Vorprodukte oder der Kunden für die abzusetzenden Waren.
  • die Assets im Rahmen der Geldanlage.

Produktdiversifikation[Bearbeiten]

Eine Produktdiversifikation liegt vor, sofern ein Unternehmen ein neues Produkt auf einem neuen Markt einführt. Das Gegenteil ist die Marktdurchdringung. Die Diversifikation ist der riskanteste Bestandteil der Produkt-Markt-Matrix nach Ansoff. Ein mögliches Maß zur Messung der Diversifikation ist der Berry-Index.

Diversifikation kann in drei Formen entstehen:

  • intern: Das Unternehmen wächst aus eigener Kraft und entwickelt das Produkt selbst.
  • Übernahme: Ein anderes Unternehmen wird samt den gewünschten Produkten hinzugekauft.
  • Kooperation: Neue Produkte werden mit einem Partner entwickelt. Kooperationen können verschieden intensiv sein, von losen Joint Ventures bis zu strategischen Allianzen und Netzwerken.

Es werden drei Richtungen unterschieden, in die sich eine Diversifikation ausbreiten kann: Horizontal, vertikal und lateral.

Horizontale Produktdiversifikation[Bearbeiten]

Darunter versteht man die Ausdehnung des bisherigen Produktprogramms auf Produktlinien derselben Wirtschaftsstufe (Branche). Man wendet sich dabei entweder an neue Kunden oder bedient denselben Kundenstamm, löst aber neue Probleme dieser Kunden. Zwischen den neuen und alten Produktlinien besteht dabei ein sachlicher Zusammenhang.

Beispiel: Ein Pkw-Hersteller nimmt Kleinlaster und Wohnmobile in seine Produktpalette auf.

Vertikale Produktdiversifikation[Bearbeiten]

Die vertikale Diversifikation orientiert sich an der Wertschöpfungskette und bezeichnet die Erweiterung des Produktionsprogramms von Produkten aus vor- oder nachgelagerten Wirtschaftsstufen (auch Rückwärts-/Vorwärts-Integration genannt). Die sogenannte Fertigungstiefe wird damit erweitert.

Als Beispiele für vertikale Diversifikation auf vorgelagerten Wirtschaftsstufen wäre ein Restaurant zu nennen, das Landwirtschaft zur Produktion von günstigem Fleisch und Gemüse betreibt, sowie ein Autohersteller, der Reifen oder Autobatterien produziert. Von vertikaler Diversifikation auf nachgelagerte Stufen spricht man hingegen z. B. bei einem Produktionsbetrieb, der eigene Geschäfte eröffnet.

Ein Unterschied zur horizontalen Diversifikation besteht darin, dass diese neuen Produkte für den Markt bestimmt sind und nicht nur für den Eigenbedarf der Firma.

Laterale oder diagonale Produktdiversifikation[Bearbeiten]

Die Erweiterung des Produktionsprogramms um Produkte, die für das Unternehmen völlig neu sind und in keinem technischen oder wirtschaftlichen Zusammenhang mit den bisherigen Produkten stehen wird als laterale Diversifikation bezeichnet. Darunter fällt beispielsweise ein Autohersteller, der Kühlschränke produziert.

Die laterale Diversifikation bedeutet für den Hersteller eine Risikostreuung. Das unternehmerische Risiko wird sowohl auf die Automobil- als auch die Kühlschrankproduktion abgewälzt. Die Erfahrung der Manager kann hier besonders gut genutzt werden.

Zur Unterteilung der lateralen Diversifikation wird häufig auf die konzentrische und die konglomerate Diversifikation rekurriert. Dafür wird als drittes Unterscheidungskriterium neben dem Produkt und dem Markt noch auf ein drittes Kriterium, die Ressource, zurückgegriffen.

Diversifikation der Geschäftspartner[Bearbeiten]

In einem liberalen Marktumfeld bestehen für Unternehmer keine Garantien, beliefert zu werden oder verkaufen zu können. Sich nur von einer Bezugsquelle oder einer Absatzmöglichkeit abhängig zu machen, bedeutet deshalb das Eingehen eines erheblichen Risikos. Der einzige Lieferant oder Kunde könnte ausfallen, etwa insolvent gehen oder von der Konkurrenz übernommen werden. Dieses Risiko wird üblicherweise durch eine Ausweitung der Gruppe der Lieferanten und Kunden kleingehalten. Allerdings ist diese Lieferanten- oder Kundenpflege nicht umsonst, sondern erzeugt Kosten: Die Verwaltung wird durch Vermehrung der Geschäftsbeziehungen aufwendiger und die Transportwege im Durchschnitt länger.

Diversifikation bei Geld- und Kapitalmarktanlagen[Bearbeiten]

Von Diversifikation wird bei Investitionen in Finanzprodukte gesprochen, wenn laufende Spar- oder einmalige Vermögensbeträge nicht vollständig in eine Einzelanlage fließen, sondern auf unterschiedliche Anlageformen (z. B. Wertpapiergattungen wie Aktien, Anleihen, Investmentfonds usw.) sowie auf verschiedene Finanzdienstleister oder Wertpapier-Emittenten – möglicherweise mit Sitz in verschiedenen Ländern – verteilt werden.

Hintergrund dieser verbreiteten Investmentstrategie ist eine Risikodiversifikation, d. h. die Vermeidung eines möglichen Totalverlustes durch gleichzeitiges Investieren von Teilbeträgen in alternative, unterschiedlich riskante Anlageformen, so dass das Gesamtvermögen in diverse Finanztitel gestreut wird. Der gewünschte Effekt der Risikoreduzierung wird dadurch bewirkt, dass zwei oder mehr Wertpapiere, die untereinander eine niedrige Korrelation aufweisen, miteinander in einem Portfolio kombiniert werden. Die so gewonnene Vermögensstruktur hat insgesamt ein geringeres Risiko als die jeweiligen Einzelpapiere. Voraussetzung für diesen Effekt ist, dass die zugrundeliegenden Wertpapiere nicht 100 % positiv korreliert sind; sie besitzen zueinander einen Korrelationskoeffizienten, welcher kleiner als 1 ist.

Beispiel: Ein fixer Anlagebetrag wird nicht ausschließlich in Aktien eines Herstellers von Sonnenschirmen investiert, sondern anteilig auch in Aktien eines Produzenten von Regenschirmen – wie das Wetter auch wird, es wird nicht alles auf eine einzige Karte gesetzt, sondern gewissermaßen auf mehrere Eisen im Feuer vertraut. Jede Firma für sich alleine mag eine gute Rendite produzieren und eigene Risiken haben, doch gemeinsam in einem Portfolio wird die Rendite bei deutlich geringerem Risiko erzeugt.

Instrumente[Bearbeiten]

Je nach Anlagezielen (Laufzeit, Ertrags- und Risikopräferenzen) stehen verschiedenste direkte Investments in Aktien, Rentenpapiere, Immobilien, Optionen und Futures oder indirekte Investments in Wertpapierfonds zur Auswahl. Dabei gibt es selbst erhebliche Unterschiede innerhalb der einzelnen Assetklassen. Zum Beispiel können Rentenpapiere mündelsichere Anlagen sein wie Bundesanleihen und Pfandbriefe, aber auch riskantere Formen wie Unternehmensanleihen, Auslandsanleihen (zum Beispiel in US-Dollar oder beispielsweise ukrainische Währung). Das Anlagerisiko unterscheidet sich dabei erheblich.

Die Anlageziele können grundsätzlich auf zwei Arten realisiert werden:

  1. Renditemaximierung: Das Ziel der Diversifikation ist es, durch geeignete Mischung der Assets eine möglichst hohe Rendite bei gleich bleibendem, kalkuliertem Risiko zu erreichen.
  2. Risikominimierung: Das Ziel der Diversifikation ist die Begrenzung des Verlustrisikos bei einer vorgegebenen Renditeerwartung (zum Beispiel 9 % pro Jahr).

Die Risikodiversifikation in Abhängigkeit vom Korrelationskoeffizienten[Bearbeiten]

Rendite und Risiko stehen statistisch in wechselseitiger Abhängigkeit zueinander. Dieser Zusammenhang wird häufig Chance/Risiko-Verhältnis genannt. Vereinfachend kann es als Aktien/Renten-Verhältnis in einem Depot bezeichnet werden. Als Risiko gilt die Varianz bzw. die Standardabweichung der Wertpapiere bzw. des Portfolios. Ein varianzminimales Portfolio lässt sich in Abhängigkeit vom Korrelationskoeffizienten herleiten. Wenn alle Wertpapiere im Portfolio zu 100 Prozent korreliert sind, gewichtet man das Wertpapier mit dem kleineren Risiko stärker.

Risiko der Anlagen[Bearbeiten]

Ein gebräuchliches Maß für das Kursrisiko eines börsennotierten Wertpapiers ist seine Volatilität ausgedrückt als Standardabweichung (2. Moment). Da die Standardabweichung auf der Annahme der Normalverteilung basiert, kommen auch Risikomaße "höheren Momentes" zum Tragen. Die Schiefe (engl. Skewness) misst die Abweichung vom Mittel der Normalverteilung (3. Moment). Man unterscheidet zwischen Rechts- und Linksschiefe. Darüber hinaus existiert die Kurtosis (4. Moment). Sie misst die Werte am jeweiligen Ende der Normalverteilungskurve. Mit dem Auftreten von Hedge-Fonds gewinnen Risikomaße höherer Momente an Bedeutung, da "Hedge-Fonds" meist Renditeverteilungen haben, die nicht mit traditionellen Risikomaßen messbar sind.

Am verbreitetsten ist aber das Risikomaß der Volatilität. Auf ihr basiert auch das sog. „Short-fall“-Risiko, welches die Gewinn- bzw. Verlustwahrscheinlichkeit angibt. In ausgeprägten Haussephasen oder bei Marktanomalien werden diese Größen oft verfehlt, d. h. es gibt keinen Gewinn. Es können sogar erhebliche Verluste entstehen, da dieses Risikomaß zu kurz greift.

Aufgabe eines erfahrenen Anlageberaters ist es, dem Kunden gemäß seiner objektiven oder subjektiven Risikoeinschätzung die richtige Mischung verschiedener Assetklassen anzubieten und damit langfristig eine adäquate Wertentwicklung des investierten Kapitals zu erzielen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Daniel Dumke: Strategische Ansätze zur Risikoreduktion im Supply-Chain-Netzwerkdesign. Köln 2013.
  • Heiko Staroßom: Finanzierung in den Lebensphasen einer Unternehmung (= Corporate Finance. Teil 2), Wiesbaden 2012.

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Diversifikation – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Heiko Staroßom: Finanzierung in den Lebensphasen einer Unternehmung (=Corporate Finance Teil 2), Wiesbaden 2012, S. 53.