Kognitive Verzerrung (klinische Psychologie)

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Kognitive Verzerrungen (englisch: cognitive distortion) tragen nach der Theorie von Aaron T. Beck zur Aufrechterhaltung psychischer Störungen wie Depression und Angststörung bei, da durch die verzerrte Wahrnehmung keine korrigierenden Erfahrungen gesammelt werden können, die bisherige Überzeugungen (Schema (Psychologie)) infrage stellen (siehe Becks Depressionsmodell).[1]

Kognitive Verzerrungen sollen zuerst 1967 von A. T. Beck beschrieben worden sein.[2] 1975 habe Beck zehn Arten unterschieden.[3] David D. Burns sei ein Student von Beck gewesen und habe 1980 das Buch Feeling good veröffentlicht.[4] Er habe darin die kognitiven Verzerrungen von Beck umbenannt und zehn Typen unterschieden.[2][5] Burns habe 1980 von "cognitive distortions" gesprochen und J. S. Beck 1995 von "cognitive errors".[6]

Haupttypen kognitiver Verzerrungen im Krankheitsbild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

A. T. Beck (1979) nennt eine Liste von kognitiven Verzerrungen [7] und ergänzte später weitere, die er beobachtet hatte:[1]

  • Willkürliche Schlussfolgerungen - Schlussfolgerung, ohne andere Erklärungsmöglichkeiten zu prüfen.[8]
  • Übergeneralisierung (engl.: „overgeneralisation“[9]) - Eine allgemeine Regel wird wegen einer einzelnen Erfahrung aufgestellt.[7] Die Schwierigkeit, aufgrund von Erfahrungen auf allgemeine Regelmäßigkeiten zu schließen, wird in der Philosophie als Induktionsproblem bezeichnet. Beispielsweise könnte jemand, der dreimal auf eine Bewerbung eine Absage erhielt, sagen: „Ich werde nie eine Zusage bekommen“.[9]
  • Dichotomes Denken („Alles-Oder-Nichts-Denken“) - Es wird nur in zwei (dichotomen) Kategorien unterschieden, d. h.: ohne Zwischenstufen. Beim Schwarz-Weiß-Denken schiebt der Patient neutrale (graue) Informationen in die negative (schwarze) Kategorie.[1]
  • Personalisierung - Dabei sieht man sich selbst als Ursache für Ereignisse, obwohl auch andere Personen oder Umstände verantwortlich sein könnten. Beispielsweise könnte ein Lehrer, weil seine Schüler schlechte Noten schreiben, denken: „Ich bin ein schlechter Lehrer“.[9] Oder ein Kind könnte denken: „Es ist meine Schuld, dass sich meine Eltern streiten.“[10] Bei einer Scheidung könnte man denken: „Es ist meine Schuld, dass unsere Ehe gescheitert ist.“[11] Ereignisse werden auf die eigene Person bezogen.[7][8] Das kann soweit reichen, dass ein Autounfall des Partners, als Strafe für eine eigene unmoralische Tat interpretiert wird.[7][8] In der stärksten Ausprägung könne der Denkfehler in einen Beziehungswahn übergehen.[12] Von einem Wahn spricht man jedoch erst, wenn der Denkfehler durch hinterfragen nicht korrigierbar ist. Der Wahn könne therapeutisch deswegen auch nicht auf dieselbe Art behandelt werden, wie Denkfehler bei einer Depression.[12]
  • Selektive Abstraktion[7] („Selektives Verallgemeinern“[8] auch: „mental filtering“[9]) - Einzelne Erlebnisse in eine Richtung werden erinnert, wobei dem widersprechende Ereignisse selektiv übersehen werden.[7][8]
  • Maximieren und Minimieren - Übertreibung von Ereignissen in eine Richtung und die Untertreibung von Ereignissen in die andere Richtung.
  • Katastrophisieren (auch „Magnifizieren des Negativen“[9][13][14]) - Überbewertung von möglichen Konsequenzen.[7]
  • Emotionale Beweisführung - Das eigene Gefühl wird als Beweis für die Richtigkeit einer Annahme herangezogen.[7] Beispielsweise könnte jemand denken: „Ich fühle mich schlecht, also muss ich etwas falsch gemacht haben“.[15] Oder eine Person mit Anorexia nervosa denkt: „Ich fühle mich dick, also bin ich dick“.[16] Ein Patient mit Zwangsstörung könnte denken: „Wenn ein Gedanke ein so starkes negatives Gefühl auslöst, ist das ein Beweis für die Wichtigkeit des Gedankens“,[17] oder „Wenn ich beunruhigt bin, muss es einen tatsächlichen Anlass dazu geben.“[18] Auch sozial phobische Patienten neigen zum emotionalen Schlussfolgern.[19]
  • Etikettierung - Aus einem Ereignis oder einer Handlung wird ein umfassender Sachverhalt gemacht (siehe auch Etikettierungsansatz). Bei der Etikettierung wird außer Acht gelassen, dass Menschen, die ein gleiches Merkmal haben, sich in anderen Punkten unterscheiden können, beispielsweise verschiedene Charaktere haben.[20]
  • Gedankenlesen - Die Überzeugung zu wissen, was jemand anderes denkt, ohne nachzufragen.
  • Selektive Aufmerksamkeit („Tunnelblick“[1]) - Nur einen bestimmten Aspekt des gegenwärtigens Lebens sehen.[7]
  • Sollte-Sätze („Sollte-Tyranneien“[21], engl.: „should statements“[22][23]) - „Der Klient hat typischerweise Selbstregeln, die ihm hohe und perfektionistische Standards auferlegen.“[1]

Ferner finden sich noch folgende Verzerrungen in der Literatur:

  • Disqualifizierung des Positiven („disqualifying the positive“[22]) - Positives wird zurückgewiesen, weil es aus irgendeinem Grund nicht zählen soll.[23]
  • voreilige Schlüsse
    • Gedankenlesen (engl.: „mind reading“[15])
    • Wahrsagen (engl.: „fortune telling“[9])
  • Schuldzuweisung (engl.: „blaming“[24]) - Anderen die Schuld dafür geben, dass man sich schlecht fühlt, was dazu beiträgt, dass man das eigene Verhalten nicht ändern muss.[11]
  • Irrtum des Wandels (engl.: „fallacy of change“[3]) - Ergänzt von Gilson und Freeman (1999) sowie Leahy (1996). McKay, Rogers und McKay hätten zwischen 4 „Shoulds“ und 4 „blamers“ unterschieden und hätten den Irrtum des Wandels folgendermaßen beschrieben: Leute sollten sich für uns ändern, wenn wir Druck ausüben.[25]
  • der Glaube, immer im Recht zu sein (engl.: „always being right“[10])

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Frank Wills: Kognitive Therapie nach Aaron T. Beck. Therapeutische Skills kompakt. Junferman, Paderborn 2014, ISBN 978-3-87387-950-8, S. 47–48 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. a b Carrie L. Yurica and Robert A. DiTomasso: Cognitive Distortions. In: Stephanie Felgoise, Arthur M. Nezu, Christine M. Nezu, Mark A. Reinecke (Hrsg.): Encyclopedia of Cognitive Behavior Therapy. S. 177 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. a b Bruce S. Zahn, David L. Zehrung, Laura Russo-Innamorato: Cognitive interventions in primary care. In: Robert A. DiTomasso, Barbara A. Golden, Harry J. Morris (Hrsg.): Handbook of Cognitive Behavioral Approaches in Primary Care. Springer, New York 2010, ISBN 978-0-8261-0384-0, S. 239 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. Cognitive therapy. In: Windy Dryden (Hrsg.): Developments in Psychotherapy: Historical Perspectives. S. 199 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. Lawrence D. Needleman: Cognitive Case Conceptualization. A Guidebook for Practitioners. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  6. Robert D. Friedberg, Angela A. Gorman, Laura Hollar Wilt, Adam Biuckians, Michael Murray: Cognitive bahavioral therapy for the busy child psychiatrist and other mental health professionals. Rubrics ans rurdiments. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. a b c d e f g h i Peer Arndt, Nathali Klingen: Memorix Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, 2010, ISBN 978-3-13-162211-2, S. 214 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  8. a b c d e Beate Wilken: Methoden der Kognitiven Umstrukturierung. Ein Leitfaden für die psychotherapeutische Praxis. 5. Auflage. Kolhammer, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-021324-1, S. 26–27.
  9. a b c d e f Koushiki Choudhury: Managing Workplace Stress. The Cognitive Behavioural Way. S. 20 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  10. a b Erica Ives: Eating disorders. Decode The Controlled Chaos. Your Knowledge May Just Save A Life. S. 79 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  11. a b Robert L. Leahy, Stephen J. F. Holland: Treatment Plans and Interventions for Depression and Anxiety Disorders. 2. Auflage. S. 441 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  12. a b Hazel E. Nelson: Kognitiv-behaviorale Therapie bei Wahn und Halluzinationen. S. 17 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  13. M. Hautzinger: Kognitive Verhaltenstherapie. In: Michael Bauer,Anne Berghöfer,Mazda Adli (Hrsg.): Akute und therapieresistente Depressionen. Pharmakotherapie - Psychotherapie - Innovationen. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  14. Jürgen Margraf: Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Band 2 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  15. a b Michel Hersen, Alan M. Gross: Handbook of Clinical Psychology, Adults. S. 573 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  16. Gerd Lehmkuhl, Fritz Poustka, Martin Holtmann, Hans Steiner: Lehrbuch der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Hogrefe, 2013, ISBN 978-3-8409-1871-1, S. 821 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  17. Gunilla Wewetzer, Christoph Wewetzer: Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen: Ein Therapiemanual. Hogrefe, 2011, ISBN 978-3-8409-2343-2, S. 72 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  18. Hansruedi Ambühl, Barbara Meier: Zwang verstehen und behandeln: ein kognitiv-verhaltenstherapeutischer Zugang. Pfeiffer bei Klett-Cotta, 2003, ISBN 978-3-608-89711-1, S. 119 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  19. Hansruedi Ambühl, Barbara Meier, Ulrike Willutzki: Soziale Angst verstehen und behandeln: Ein kognitiv-verhaltenstherapeutischer Zugang. Pfeiffer bei Klett-Cotta, 2006, ISBN 978-3-608-89025-9, S. 95 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  20. Stirling Moorey, Steven Greer: Kognitive Verhaltenstherapie bei Krebspatienten. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  21. M. Hautzinger: Kognitive Verhaltenstherapie bei chronifizierten Depressionen. In: Michael Bauer,Anne Berghöfer (Hrsg.): Therapieresistente Depressionen. Aktueller Wissensstand und Leitlinien für die Behandlung in Klinik und Praxis. S. 227 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  22. a b John F. Gunn, David Lester: Theories of suicide. Past, Present and Future. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  23. a b Jill H. Rathus, Alec L. Miller: DBT Skills Manual for Adolescents. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  24. Stephen Briers: Brilliant Cognitive Behavioural Therapy. How to use CBT to improve your mind and your life. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  25. Thomas Bien, Beverly Bien: Finding the Center Within. The Healing Way of Mindfulness Meditation. (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).