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Wahn

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Wahn ist der Name für einen seelischen Zustand, der von starker Ichbezogenheit und falschen Urteilen über die Realität geprägt ist und so zu unkorrigierbaren Überzeugungen führt. Wenn eine solche Privat-Wirklichkeit das Leben der betroffenen Person vollständig bestimmt, kann der Wahn als Krankheit imponieren. In der Medizin wird der Wahn als Symptom von dem Vorkommen eines paranoiden Syndroms unterschieden, das bei verschiedenen Krankheiten auftreten kann und auch als Wahn bezeichnet wird. Darüber hinaus kennt man eine spezifische Krankheit, die ebenfalls mit dem Begriff benannt wird. Wahnsyndrome sind nicht selten, sie treten am häufigsten im Rahmen einer Schizophrenie auf und werden entsprechend den Richtlinien für die Therapie dieser Störung behandelt. Die Wahninhalte sind vielfältig, kulturell geprägt und historisch kontingent. In Kunst und Literatur findet der Wahn nicht selten Erwähnung und ist manchmal das zentrale Thema eines Kunstwerkes.

Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In aktuellen Lehrbüchern wird eine strenge Definition des Wahns häufig vermieden, stattdessen werden nicht selten (wie in der Einleitung) einfache und pragmatische Regeln aufgestellt. Die Begründung dafür ist die eigentümliche Beobachtung, dass der Wahn, wiewohl schwierig zu definieren, dennoch einfach zu erkennen ist. Dies wird manchmal mit dem Tatsache verglichen, dass ein kompetenter Sprecher grammatische Regeln nicht genau kennt, aber trotzdem richtig anwendet. In der Tat ist die Retest-Reliabilität geübter Untersucher im Falle der Diagnose des Wahns recht hoch. Die Problematik bestimmter Definitionen, etwa die "Unmöglichkeit des Inhaltes", das sogenannte "dritte Jaspers'sche Kriterium", werden in den entsprechenden Unterabschnitten behandelt.

Geschichte des Wahns[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Wahn ist nicht nur in allen Kulturen vorhanden, sondern auch historisch weit verbreitet. Das Phänomen kann also für alle Epochen, wo ausreichende Schriftzeugnisse vorhanden sind nachgewiesen werden. Für die Diskussion des wissenschaftlichen Begriffes ist aber eine Beschränkung auf die Zeit seit der Renaissance ausreichend.

Frühe Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Arzt Johann Weyer gilt als einer der frühesten Kritiker der Hexenprozesse. Weyer bestritt nicht die Existenz der Hexerei, sondern unterstellte, dass die betroffenen Personen Opfer eines Blendwerkes, einer Täuschung seien. Er erklärte, dass das Hexenwerk, der sogenannte Schadzauber wirkungslos seien. Dieses Argument zielte darauf, einem Strafverfahren die Grundlage zu entziehen, indem der Tatbestand bestritten wurde. In der Folge der Veröffentlichung seiner Aufklärungsschrift De Praestigiis Daemonum wurden daher erstmals in bestimmten Regionen Tortur und Todesstrafe verboten, die Anzahl der Prozesse sank. In der medizingeschichtlichen Literatur gilt Weyers Argument, "dass selbst die grässlichste Beschwörung niemandem Schaden könne und (die betroffenen) wie von Melancholie geplagt sich nur einbilden allerlei Übel erregt zu haben" als eine frühe Umschreibung dessen, was den Wahn ausmacht - eine wirkungsmächtige Illusion.

Aus Kunst und Literatur kennt man frühmoderne Versuche, die Ursachen des Wahns zu erklären. Verbreitet war die Vorstellung, dass der Wahn Folge der Einbringung eines Fremdkörpers in das Gehirn sei. Diesen sogenannten Narrenstein versuchte man dementsprechend chirurgisch zu entfernen. Schon in der Antike bekannt aber verstärkt durch die Verbreitung blutmystischer Vorstellung wurde als eine Ursache übermäßiger Verliebtheit die Übertragung von Herzblut durch den Blick diskutiert. Dieses sollte dann die krankhafte Anziehung zwischen den Liebenden erklären.

Aufklärung und 19. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Entdeckung des Galvanismus beginnt eine intensive Umformung von Wahninhalten und Wahntheorien. In der Literatur wird - wie in Kleist's Käthchen von Heilbronn - Liebe "elektrisch" übermittelt, Patienten wie Daniel Schreber berichten ausführlich von beeinträchtigenden Strahlen und in der Psychiatrie werden mit John Brown's "Reiz-Erregungstheorie" in Verbindung mit Johann Christian Reil's "Lehre vom Seelenorgan" elektrische Krankheitstheorien populär.

Die Entwicklung der Psychiatrie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch eine zunehmende Medikalisierung: Ärzte bemächtigen sich der Asyle und übernehmen die Definitionsgewalt in Fragen psychischer Störungen. In Frankreich ist Esquirol der erste, der eine Professionalisierung der Disziplin fordert, in England führt John Conolly das Non-Restrain-Prinzip ein und schafft damit die voraufklärerischen Strafpraktiken (wie etwa bei Christian Franz Paullini) ab und in Deutschland wird der wissenschaftliche Charakter des Faches durch Wilhelm Griesinger definiert. Die verbreitete Theorie unter Ärzten ist die sogenannte "Einheitstheorie psychiatrischer Erkrankungen" - kurz Lehre von der "Einheitspsychose", die auf Arbeiten von Ernst Albert Zeller und Jospeh Guislain zurück geht.[1] Die vielfältigen Probleme dieses Konzeptes in dessen Rahmen der Wahn eine Folge einer Affektstörung ist führt zu einer tiefgreifenden Kritik, die erstmals von Ludwig Snell formuliert wurde in deren Folge das Konzept zunehmend aufgegeben wurde.

Snell's Kritik an der Einheitspsychose ist der entscheidende Schritt in der Entwicklung der Wahnlehre. Während früher Wahn entweder als ein Stadium in der Entwicklung eines Krankheitsprozesses oder als kuriose Entgleisung normaler Affekte angesehen wurde, nehmen Ärzte nun das Wahnsyndrom als Kernstück bestimmter Störungen wahr. Auf der Grundlage der Arbeiten von Karl Ludwig Kahlbaum zur Katatonie und Ewald Hecker zur Hebephrenie entwirft Emil Kraepelin dann das Konzept der Vereinheitlichung der drei Störungen Paranoia, Hebephrenie und Katatonie zur Dementia Praecox.[2][3] Gleichzeitig grenzt er von dieser vergleichsweise häufigen Störung das sehr seltene Krankheitsbild des isolierten Wahns ab.

20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die jüngere Vergangenheit ist erneut von einem gravierenden Wechsel im Verständnis dessen, was Wahn sei gekennzeichnet. Während in Frankreich und in den USA die psychiatrische Krankheitslehre in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts durch die Arbeiten von Melanie Klein und Jacques Lacan sehr stark von der Psychoanalyse geprägt waren dominierte in den deutschsprachigen Ländern die psychopathologische Forschung in der Folge von Karl Jaspers. Mit der Einführung wirksamer Behandlungsverfahren durch Neuroleptika und der zunehmenden Verbreitung empirisch orientierter Diagnosemanuale werden theoriegeleitete Wahnlehren zunehmend zu einem Randphänomen in der Psychiatrie. Biologisch orientierte Psychiater betrachten heute bisweilen die Psychopathologie als überflüssig und elaborierte Wahntheorien als Ergebnis von Wunschdenken, bei dem neugierige Ärzte auf gelangweilte Patienten hereinfallen. Um sich dem medizinischen Verständnis vom Wahn zu nähern wird man also auf Konzepte aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgreifen müssen, die in heutigen Lehrbüchern häufig als veraltet betrachtet werden.

Die Wahnlehre im 20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Emil Kraepelin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kraepelins Wahntheorie ist nicht einheitlich, sie unterlag Veränderungen im Laufe seines Lebens. Diese können in drei Phasen unterteilt werden. In der ersten Phase, repräsentiert durch die 6. Auflage seines Lehrbuchs von 1899 finden sich Überschneidung mit organisch wirkenden Krankheitsbildern, hier betont Kreapelin Bewußtseinsveränderung im Rahmen der Störung. In der zweiten Phase, repräsentiert durch die 8. Auflage seines Lehrbuches von 1915 beschreibt er die Paranoia als schleichende Entwicklung eines Wahnsystems. In der dritten Phase, in der Schrift Erscheinungsformen des Irreseins von 1920 rezipiert er psychodynamische Überlegungen. Mit großer Wahrscheinlich hat Kraepelin die Diskussion des Themas verfolgt und die zwischen den jeweiligen Auflagen seines Lehrbuchs erfolgenden Erscheinungen bedeutender Veröffentlichungen gekannt und teilweise rezipiert. Zwischen der 6. und 8. Auflage von Kraepelins Lehrbuch liegen die Veröffentlichungen von Jaspers Studie zum Eifersuchtswahn (1910), Karl Bonhoeffer's Arbeit zu den exogenen Psychosen (1910), Freud's Monographie zum Fall Schreber (1911) und Gaupp's Schrift zum Fall Wagner von 1914. Zwischen der 8. Auflage des Lehrbuchs und dem Aufsatz über die „Erscheinungsformen des Irreseins“ liegt die Veröffentlichung von Kretschmers Arbeit Der sensitive Beziehungswahn. (1918).

Die erste Phase kann folgendermaßen charakterisiert werden. In der 6. Auflage seines Lehrbuchs 1899 findet sich folgende Definition: Der Wahn sei eine Störung des Denkens, genauer eine Störung von Urteil und Schlussbildung. Zum Wahn gehörten krankhaft verfälschte Vorstellungen, die einer Korrektur durch Beweisgründe nicht zugänglich seien. Die Wahnideen hätten demnach ihren Ursprung nicht in Erfahrung oder Überlegung sondern im Glauben. Der Ursprung des Wahns liege im Ich (nicht im Gegenstandsbewusstsein sondern im Ichbewusstsein). Die Entstehung von Wahnideen sei von Gefühlen begleitet, in der Tat seien Affekte eine wahnbildende Kraft. Das Charakteristikum der Wahnideen sei ihre unzweifelhafte Gewissheit. Der Wahn sei von einer Bewusstseinsveränderung begleitet und dies kennzeichne die „allgemeine krankhafte Veränderung der gesamten Hirnleistung“.[4]

In der zweiten Phase, etwa um 1915, hat Kraepelin seine Wahntheorie völlig umformuliert. „Suchen wir den Begriff der Paranoia zu bestimmen … so würde es sich bei ihr um die aus inneren Ursachen erfolgende schleichende Entwicklung eines dauernden, unerschütterlichen Wahnsystems handeln, das mit vollkommener Erhaltung der Klarheit und Ordnung im Denken, Wollen und Handeln einhergeht. Hierbei pflegt sich jene tiefgreifende Umwandlung der gesamten Lebensanschauung, jene "Verrückung" des Standpunktes gegenüber der Umwelt zu vollziehen, die man mit dem Namen der "Verrücktheit" zu kennzeichnen wünschte.“[5] Kraepelin erklärt dann noch die drei Aufbaufaktoren des Wahns. Dabei handele es sich um "visionäre ekstatische Erlebnisse ", "Erinnerungsfälschungen" und einen sich "kumulativ entwickelnden Beziehungswahn". Diese drei Aufbaufaktoren tragen zur Wahnbildung bei und diese bewege sich zwischen Beeinträchtigungs- und Größenwahn. Es unterscheidet dann noch der Häufigkeit nach folgende Wahnformen: Verfolgungswahn, hypochondrischen Wahn, Eifersuchtswahn und Größenwahn mit seinen Unterformen Erfinderwahn, hohe Abstammung, Prophetenwahn und Erlösungswahn.[6]

In der dritten Phase etwa um 1920 nimmt Kraepelin noch indirekt Bezug auf psychodynamische Aspekte der Krankheitsentstehung. Man könne „seelische Ursachen wenigstens andeutungsweise auffinden.“ und „die Grundlage der paranoiden Denkweise sei … in der persönlichen Färbung der Lebensanschauung zu suchen.“ Diese pathogenetischen Äußerungen Kraepelins standen, so Tölle unter dem Einfluss der Arbeiten von Gaupp.[7] Dabei ist bei Kraepelin der Affekt das wichtigste pathogenetische Moment. Dies werde deutlich an dem "gehobenen Selbstgefühl beim Größenwahn" und der "starken Kränkbarkeit der paranoiden Menschen". Das bedeute, dass die Pathologie des Selbstwertgefühls (Narzissmus) in der Pathogenese der Paranoia eine wichtige Rolle spiele. Die Entwicklung der Paranoia lasse sich dann unter dem Gesichtspunkt des Narzissmus deuten. So jedenfalls Johannes Lange (1927) ein Schüler Kraepelins in der ersten posthum erschienen Auflage von Kraepelins Lehrbuch.[8]

Fasst man die Auffassungen Kraepelin's zusammen, so findet man in der ersten Phase die Bestimmung des paranoiden Syndroms im Rahmen der Schizophrenie (ICD 10, F20) gemäß der heutigen Terminologie und in der zweiten Phase die begriffliche und klinische Abgrenzung des sehr seltenen isolierten Wahns, der anhaltenden wahnhaften Störung (ICD 10, F22) in unserer heutigen Terminologie. Die dritte Phase ist gekennzeichnet durch eine Annäherung an psychoanalytisch orientierte Wahnkonzepte.

Die Heidelberger Schule: Karl Jaspers - Hans Gruhle - Kurt Schneider[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Wahn ist nach Karl Jaspers eine „subjektive Erscheinung des kranken Seelenlebens.“ Kraepelin sagte sinngemäß, der Wahn sei eine Störung des „Ichbewusstseins“, Jaspers ist dagegen der Meinung, der Wahn sei eine Störung des „Gegenstandsbewusstseins“. Im Gegenstandsbewußtsein haben wir Wahrnehmungen, Vorstellungen und Urteile. Wahnideen seien nun verfälschte Urteile, wenn sie die sog. Jaspers'sche Trias erfüllen:

  • die Patienten zeigten eine außergewöhnliche Überzeugung und eine subjektive Gewissheit,
  • die Urteile seien Unbeeinflussbar
  • und sie hätten einen unmöglichen Inhalt.

Jaspers unterscheidet dann die "wahnhaften Ideen" von den "echten Wahnideen". Erstere seien ableitbar aus Affekten und Erlebnissen, sie seien also verstehbar. Letztere dagegen seien nicht ableitbar und unverständlich, sie würden Griesingers Konzept der "Primordialdelirien" entsprechen und seien etwas unanschauliches und unbegreifliches. Dieser Aspekt der Unverständlichkeit steht im Zusammenhang mit dem Jaspers'sche Theorem, dem Entwurf eines Methodendualismus, der naturwissenschaftliches Erklären und kausales Herleiten von psychologischem Verstehen und Einfühlen abgrenzt.[9][10] Die echten Wahnideen oder primären Wahnerlebnisse gliedern sich dann folgendermaßen: bei einer "Wahnwahrnehmung" hätten die Patienten eine unveränderte sinnliche Wahrnehmung, sie würden dieser Wahrnehmung aber eine unmittelbare besondere Bedeutung geben (Bedeutungswahn und Beziehungswahn), bei einer "Wahnvorstellung" handele es sich um plötzliche Einfälle und bei den "Wahnbewusstheiten" handele es sich um reine abnorme Bewusstheiten ohne sinnliche Wahrnehmung.[11][12]

Hans Gruhle bemühte sich um eine Klärung der „primären Wahnerlebnisse“ (Jaspers nennt sie "echte Wahnideen") die gemäß dem "Jaspers'schen Theorem" durch eine Unverständlichkeit ausgezeichnet seien. Gruhle erklärt nun, die aus einer Wahrnehmung auftauchende Ichbeziehung sei das „primäre unableitbar Krankhafte“. Dabei bezieht er sich auf einen Beitrag von Hagen, der erklärt, dass der Wahnkranke den Sinn (eines Sachverhaltes) in die Wahrnehmung verlege und die Sinneswahrnehmung so eine besondere Beziehung zum Ich erhalten, etwa in Sinne eines Winks, der deutet "Jetzt wird Deine Sache verhandelt!", lateinisch "Tua res agitur".[13]

Bei Kurt Schneider gibt es zwei Gestalten des Wahns, die „Wahnwahrnehmung“ und den „Wahneinfall“. Die „Wahnwahrnehmung“ habe keinen Anlass, sie sei durch eine Eigenbeziehung und eine abnorme Bedeutung gekennzeichnet. Sie erfülle das „Jaspers’sche Theorem“ und sei nicht nachvollziehbar. Als Beispiel nennt er den Bericht eines Patienten: „Der Hund lauerte mir auf, schaut mich ernst an und hob eine Pfote. Das setze mich in die Gewissheit, dass ich es mit einer deutlichen Offenbarung zu tun hatte.“[14] Die „Wahnwahrnehmungen“ haben nach Schneider einen besonderen Status. Sie gehören in unserer heutigen Terminologie zu den Schneider’schen Erstrangsymptomen und für sie gilt: „Wo Wahnwahrnehmungen sind, handelt es sich immer um eine schizophrene Psychose.“[15] Der sogenannte „Wahneinfall“ ist demgegenüber für die Diagnose einer Schizophrenie weniger bedeutsam. Schneider nennt als beispiel besondere Einfälle, wie eine religiöse Berufung. Zum Unterschied von Wahnwahrnehmung und Wahneinfall erklärt Schneider, die Wahnwahrnehmung sei zweigliedrig und der Wahneinfall sei eingliedrig.

Fasst man die Beiträge der Heidelberger Schule zur Wahnlehre zusammen so ergibt sich folgendes Schema:

  • die "Jaspers'sche Trias" und das "Jaspers'sche Theorem"
  • das Konzept der besonderen "Ichbezogenheit" bei Gruhle
  • und das Konzept der "Wahnwahrnehmung als Erstrangsymptom" bei Schneider

Wichtig ist hier, dass die Jaspers'schen Konzepte von Gruhle und Schneider erweitert werden. Das auf dem Methodendualismus aufbauende und vielfach kritisierte "Unverständlichkeits-Theorem" ergänzt Gruhle durch das Konzept der "Ichbezogenheit" und das problematische dritte "Jasspers'sche Wahnkriterium" vom unmöglichen Inhalt erweitert Schneider durch die "Wahnwahrnehmung" als einem inhaltsunabhängigen Kriterium, denn gemäß Schneider unterscheidet es sich von anderen "Gestalten des Wahns" durch seine Struktur, einem zweigliedrigen Vorgang.

Wahn als eigenständiges Krankheitsbild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im ICD-10 wird unter F22.0 auch eine isolierte Wahnstörung beschrieben (englisch delusional disorder). Dabei handelt es sich um eine womöglich seltene, eher jedoch stark unterdiagnostizierte psychische Störung mit dem Leitsymptom des isolierten Wahns. Anders als im Falle der Schizophrenie haben rein an Wahn Erkrankte eher nicht-bizarre Wahnthemen, keine Halluzinationen, weniger Störungen der Stimmungsbildung und kein Abflachen des Affekts.[16]

Die Wahnvorstellungen im Rahmen einer isolierten Wahnstörung nach ICD-10 F22.0 haben Ähnlichkeit mit überwertigen Ideen, die sachlich stets einen Realitätsbezug haben und auf den ersten Blick plausibel erscheinen. Jedoch sind die Gedankenstrukturen im Rahmen der wahnhaften Störung noch stärker emotional besetzt und ich-syntoner als überwertige Ideen.[17] Abgesehen von ihren Wahnthemen funktionieren Patienten mit wahnhafter Störung im Alltagsleben in der Regel gut, solange keine weiteren Symptome (z. B. depressive oder zwanghafte Strukturen) hinzukommen. Allerdings können die Wahngedanken zu Konflikten in Partnerschaft, Freundeskreis und Sozialleben führen.[18] Eine Diagnose der wahnhaften Störung ist selten, da die Wahngedanken sachlich nicht bizarr erscheinen und daher erst aus dem Kontext als unangemessen und krankhaft erkannt werden können.[19][20]

Beispiele von Wahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Außenstehende nehmen Wahnüberzeugungen teilweise als ausgefeilte und umfassende „Wahngebäude“ wahr, in die Betroffene ihr alltägliches Erleben einbeziehen und umdeuten (z. B. „das parkende Auto da draußen dient nur dazu, eine Abhöranlage zu tarnen“). Psychiater sprechen dann auch von systematisiertem Wahn. Manchmal beschränkt sich die Wahnsymptomatik aber auch auf ein einziges und scharf umgrenztes Gebiet („Frau X ist ein böser Schlangendämon“), und Außenstehende empfinden die Betroffenen von diesem einen Punkt abgesehen als durchaus realitätsbezogen.

Für Schizophrenien sind im Allgemeinen solche Wahninhalte typisch, die von anderen als den Betroffenen als besonders bizarr und unlogisch empfunden werden. Man spricht bei Schizophrenien auch von einem „Erklärungswahn“, also einer wahnhaften Überzeugung, welche andere, belastende Symptome der Schizophrenie (wie akustische Halluzinationen) für den Betroffenen erklärbar machen soll. Typisch und differentialdiagnostisch relevant ist der sogenannte „Zeiger der Schuld“, der beim Schizophrenen nach außen (mit ihm als Zentrum), beim Depressiven nach innen, d. h. zu sich selbst „zeigt“.

Wenn der Wahninhalt als mit der psychischen Grundstimmung der Betroffenen übereinstimmend erlebt wird, spricht man in der Psychiatrie von einem synthymen Wahn. Von parathymen Wahneinfällen wird dagegen gesprochen, wenn Psychiater die psychische Gestimmtheit der Betroffenen nicht als mit dem Wahninhalt übereinstimmend empfinden.

Bei einer anhaltenden wahnhaften Störung treten in der Regel Wahninhalte auf, die Außenstehende als in sich relativ schlüssig und nicht bizarr empfinden. Reale Ereignisse werden dabei in den Wahninhalt einbezogen. Eine anhaltende wahnhafte Störung gilt als chronisch und kaum behandelbar.[21]

Komplexe, in sich geschlossene „Wahnsysteme“ nennt man auch Paranoia. In diesem Fall wird nicht zwangsläufig von einer schizophrenen Psychose gesprochen, da bei den Betroffenen nicht immer eine Schizophrenie bestehen muss, vor allem beim Fehlen von typischen Symptomen wie Ich-Störungen, formalen Denkstörungen, Halluzinationen. Als typisch paranoisch gilt z. B. eine Überzeugung, dass andere Menschen sich gegen die betroffene Person verschwören, hinter dem Rücken über sie reden und Komplotte schmieden. Dies alles wird mit Argumenten ausgebaut, die nicht auf den ersten Blick irrational erscheinen, jedoch im Kontext erkennbar unangemessen erscheinen.[22]

Umgang mit Wahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Umgang mit Wahn ist teilweise von beträchtlichen Ängsten geprägt, denn das Verhalten als „wahnsinnig“ empfundener Menschen erscheint häufig als unkalkulierbar. Nach wie vor ist das Krankheitssymptom Wahn ein Stigma, so dass Angehörige von Erkrankten und Betroffene (sofern sie ein ausreichendes Maß an Krankheitseinsicht haben) Wahnsymptome verschweigen, dies bisweilen auch im Kontakt mit behandelnden Ärzten. Dies kann zu Unter- oder Fehlbehandlungen führen.

Es ist zudem für Außenstehende aussichtslos, einen Betroffenen mit logischen Argumenten von seiner wahnhaften Überzeugung abbringen zu wollen. Für den Erkrankten besteht innerhalb seines Wahngebäudes eine innere Logik, dadurch eine „Wahngewissheit“, die auch durch Gegenargumente nicht zu erschüttern ist. Gegenbeweise werden entweder ignoriert oder in den Wahn eingefügt.[23]

Medizinische Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Behandlung von Wahnsymptomen richtet sich nach der sie verursachenden Grunderkrankung. Eine Behandlung ist aufgrund der in der Regel fehlenden Krankheitseinsicht nicht immer einfach (Therapieresistenz). Gelegentlich kann ein Patient durch Angehörige oder den Arzt trotz Uneinsichtigkeit dennoch zur Behandlung motiviert werden.[24]

Wenn eine Eigen- oder Fremdgefährdung besteht (dies ist bei weitem nicht immer der Fall) und keine Einwilligung zur Behandlung vorliegt, kann diese zwangsweise erfolgen. Die psychiatrische Behandlung ist je nach diagnostizierter zugrunde liegender Erkrankung (z. B. Schizophrenie, Depression, Manie) unterschiedlich. Von großer Wichtigkeit ist daher die genaue Abklärung der Diagnose mit Differenzialdiagnose.[25]

Prinzipiell kommen in der Psychiatrie bei Wahn unterschiedlicher Art Neuroleptika auf Grund ihrer antipsychotischen Wirkung in Frage. Bei Erkrankungen wie Manie oder Depression erfolgt dies dann meist zusätzlich zur antimanischen oder antidepressiven Medikation. Mit Hilfe von Neuroleptika lässt sich oft eine rasche Besserung der Wahnsymptomatik erzielen. Bestimmte Wahnformen, wie z. B. Wahn im Rahmen einer anhaltenden wahnhaften Störung, können aber auch weitgehend unheilbar sein.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lehrbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Borwin Bandelow, Oliver Gruber und Peter Falkai (Hrsg.): Kurzlehrbuch Psychiatrie. Steinkopff Verlag, Göttingen 2008. ISBN 978-3-642-29894-3
  • Matthias Berger (Hrsg.): Psychische Erkrankungen. Urban & Fischer Verlag, München 2009. ISBN 978-3-437-22481-2
  • Gerd Huber: Psychiatrie. Lehrbuch für Studium und Weiterbildung. Schattauer Verlag, Stuttgart 1999 (1. Auflage 1974). ISBN 3-7945-1857-8
  • Christian Scharfetter: Allgemeine Psychopathologie. Eine Einführung. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2010 (1. Auflage 1976). ISBN 3-13-531504-5
  • Kurt Schneider: Klinische Psychopathologie. Georg Thieme Verlag, 2007 (1. Auflage 1946). ISBN 978-3-13-398215-3

Geschichte der Psychiatrie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Cornelia Brink: Grenzen der Anstalt. Psychiatrie und Gesellschaft in Deutschland 1860-1980. Wallstein Verlag, Göttingen 2010. ISBN 978-3-8353-0623-3
  • Hans-Walter Schmuhl und Volker Roelcke (Hrsg.): Heroische Therapien. Die deutsche Psychiatrie im internationalen Vergleich 1918-1945. Wallstein Verlag, Göttingen 2013. ISBN 978-3-8353-1299-9
  • Heinz Schott, Rainer Tölle: Geschichte der Psychiatrie. Krankheitslehren, Irrwege, Behandlungsformen. C. H. Beck Verlag, München 2006. ISBN 978-3-406-53555-0

Monographien und Aufsatzsammlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus Conrad: Die beginnende Schizophrenie. Versuch einer Gestaltanalyse des Wahns. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2013 (1. Auflage 1959). ISBN 978-3-88414-525-8
  • Heinz Häfner: Das Rätsel Schizophrenie. Eine Krankheit wird entschlüsselt. C. H. Beck Verlag, München 2005. ISBN 3-406-52458-3
  • Gerd Huber und Gisela Groß: Wahn. Eine deskriptiv-phänomenologische Untersuchung schizophrenen Wahns. Enke Verlag, Stuttgart 1977. ISBN 3-432-89061-3
  • Wolfgang P. Kaschka und Eberhard Lungershausen (Hrsg.): Paranoide Störungen. Springer-Verlag, Berlin 1992. ISBN 978-3-540-55479-0
  • Matthias Lammel u. a. (Hrsg.): Wahn und Schizophrenie. Psychopathologie und forensische Relevanz. Medizinische Verlagsgesellschaft, Berlin 2011. ISBN 978-3-941468-20-7
  • Manfred Spitzer: Was ist Wahn? Untersuchungen zum Wahnproblem. Springer Verlag, Berlin 1989. ISBN 978-3-540-51072-7
  • Thomas Stompe (Hrsg.): Wahnanalysen. Medizinische Verlagsgesellschaft, Berlin 2012. ISBN 978-3-941468-41-2
  • Rainer Tölle: Wahn. Seelische Krankheiten, Geschichtliche Vorkommnisse, Literarische Themen. Schattauer Verlag, Stuttgart 2008. ISBN 978-3-7945-2389-4

Manuale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Horst Dilling und H. Freyberger (Übersetzer und Hrsg.): Taschenführer zur ICD-10. Klassifikation psychischer Störungen. Verlag Hans Huber, Bern 2006. ISBN 3-456-84255-4
  • Wolfgang Trabert und Rolf-Dieter Stieglitz (Hrsg.): Das AMPD-System. Manual zur Dokumentation psychiatrischer Befunde. Hofgrefe Verlag, Göttingen 2007. ISBN 978-3-8017-1925-8

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikiquote: Wahn – Zitate
 Wiktionary: Wahn – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. G.E. Berrios, D. Beer: The notion of unitary psychosis: a conceptual history., in History of Psychiatry, Volume: 5 issue: 17, page(s): 013-36.[1]
  2. Abdullah Kraam: On the Origin of the Clinical Standpoint in Psychiatry: By Dr Ewald Hecker in Görlitz. History of Psychiatry, Volume: 15 issue: 3, page(s): 345-360.[2]
  3. Abdullah Kraam, Paula Phillips: Hebephrenia: a conceptual history., in: History of Psychiatry, Volume: 23 issue: 4, page(s): 387-403.[3]
  4. Wolfram Schmitt: Der Wahn in der Sicht von Karl Jaspers im problemgeschichtlichen Kontext. In: Lammel (Hrsg.) Wahn und Schizophrenie, S. 17-33. Zitate aus: Emil Kraepelin: Psychiatrie. Lehrbuch für Studirende und Ärzte. 6. Auflage 1899. S. 159-168.
  5. Schott-Tölle: Geschichte der Psychiatrie S. 388, Zitiert wird: Emil Kraepelin: Psychiatrie. 8. Auflage 1915, S. 1713.
  6. Michael Schmidt-Degenhardt: Die Paranoiafrage – Problemgeschichtliche und psychopathologische Überlegungen., in: Lammel (Hrsg.) Wahn und Schizophrenie, S. 33- 46. Zitiert wird: Emil Kraepelin. Psychiatrie. 8. Auflage 1915, S. 1715-1721.
  7. Emil Kraepelin: Erscheinungsformen des Irreseins. in: Z. Ges. Neurol. Psychiat. Nr. 62 S. 1-29. 1920.
  8. Michael Schmidt-Degenhardt: Die Paranoiafrage – Problemgeschichtliche und psychopathologische Überlegungen. In: Lammel (Hrsg.): Wahn und Schizophrenie, S. 33- 46. Zitiert wird: Emil Kraepelin. Psychiatrie. 8. Auflage 1915 S. 1715-1721.
  9. Karl Jaspers: Eifersuchtswahn. Ein Beitrag zur Frage: "Entwicklung einer Persönlichkeit" oder "Prozeß"?. (1910), in K. Jaspers, Gesammelte Schriften zur Psychopathologie (S. 85-141). Springer-Verlag, Berlin 1963.
  10. In einem Briefwechsel zwischen Gruhle und Max Weber schreibt Weber: „das spezifische der verstehenden Psychologie … liegt darin, dass (im Symptom) eine sinnhafte Bezogenheit des psychischen Geschehens vorliegt, das Symptom etwas inhaltliches Bedeutet: (dies sei) ein Grundgegensatz gegen alle eigentlich naturwissenschaftliche Begriffsbildung.“ Dies ist eine Kritik von Weber am Jaspers'schen Theorem, die dann von der Tübinger Schule aufgegriffen wird. Vgl.: J. Frommer und S. Frommer: Max Webers Bedeutung für den Verstehensbegriff in der Psychiatrie, in: Nervenarzt 1990, 61, 397-401.
  11. Burkhart Brückner: Geschichtlichkeit und Aktualität der Theorie des Wahns in der Allgemeinen Psychopathologie von Karl Jaspers. Journal für Philosophie und Psychiatrie 2 2009.
  12. Wolfram Schmitt: Der Wahn in der Sicht von Karl Jaspers im problemgeschichtlichen Kontext., in: Lammel (Hrsg.); Wahn und Schizophrenie., Berlin 2011.
  13. Hans W. Gruhle: Die Psychopathologie., in: O. Bumke (Hrsg.) Handbuch der Geisteskrankheiten. Bd. 9, Spez. Teil 5: die Schizophrenie. S. 135-210. Springer Berlin 1932. Zitiert nach: Lammel (Hrsg.): Wahn und Schizophrenie S. 22f.
  14. Demgegenüber steht eine nachvollziehbare Befürchtung: „Jemand lebt in Angst verhaftet zu werden und vermutet bei jedem Geräusch die Kriminalpolizei.“
  15. Kurt Schneider: Klinische Psychopathologie. 15. Auflage 1967 S. 50-55.
  16. David Semple: Oxford handbook of psychiatry. Oxford University Press, 2005, ISBN 0-19-852783-7, S. 230.
  17. E. Hales, J. A. Yudofsky: The American Psychiatric Press Textbook of Psychiatry. In: American Psychiatric Publishing. Washington DC 2003.
  18. George Winokur: Comprehensive Psychiatry-Delusional Disorder. In: American Psychiatric Association. 1977, S. 513.
  19. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders. 4. Auflage. In: American Psychiatric Association. Washington DC 2000.
  20. G. Winokur: Delusional Disorder (Paranoia). In: Comprehensive Psychiatry. 1977; 18(6), 511. Retrieved March 17, 2012. [4]
  21. M. Lammel, S. Sutarski u. a. (Hrsg.): Wahn und Schizophrenie. Psychopathologie und forensische Relevanz. Berlin 2011, ISBN 978-3-941468-20-7.
  22. D. Freeman, P. A. Garety: Paranoia: The Psychology of Persecutory Delusions. Psychology Press, Hove 2004.
  23. Eugen Bleuler: Lehrbuch der Psychiatrie. Berlin 1983.
  24. Brigitte Vetter: Psychiatrie: Ein systematisches Lehrbuch. Stuttgart 2007.
  25. Steffen Moritz; Tania Lincoln: Wahn – Psychologie. In: T. Kircher, S. Gauggel: Neuropsychologie der Schizophrenie. Springer, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-71146-9, S. 456–467.
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