Kraftwerk Tullnau

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Das Maschinenhaus des Kraftwerks Tullnau 1899

Das Kraftwerk Tullnau war das erste Elektrizitätswerk in Nürnberg. Es wurde 1895 eröffnet und bereits 1913 mit der Inbetriebnahme des Großkraftwerks Franken stillgelegt. Teile der Gebäude existieren noch heute.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon 1882 hatte der Nürnberger Elektropionier Sigmund Schuckert am Josephsplatz und in der Kaiserstraße die erste dauerhafte elektrische Straßenbeleuchtung Deutschlands installiert.

Grundriss des Kraftwerks aus dem Konzept Oskar von Millers von 1893. Schon damals waren die späteren Erweiterungen berücksichtigt.

1893 wurde Oskar von Miller mit der Erstellung eines Konzepts für eine öffentliche Stromversorgung beauftragt. Aus mehreren Varianten wählte der Stadtrat im Februar 1894 diejenige in der gerade neu entwickelten Wechselstromtechnik. Diese ermöglichte die Versorgung des gesamten damaligen Stadtgebietes aus einem zentralen Kraftwerk. Am 2. März 1895 erhielt die Firma Schuckert den Auftrag, und bereits im März 1896 ging die Anlage in Betrieb. Die Baukosten betrugen 1,2 Millionen Mark. In den Folgejahren erforderte die sprunghafte Steigerung der Nachfrage wiederholte Erweiterungen bis auf gut die vierfache Leistung.[1]

Gleichzeitig errichtete die Nürnberg-Fürther Straßenbahn ein eigenes Elektrizitätswerk für die Fahrstromversorgung mit Gleichstrom von 500 V. Dieses Kraftwerk wurde von 480 kW bei der Inbetriebnahme 1896 bis auf 1220 kW in 1900 ausgebaut.[2]

Technik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kraftwerk wurde mit Kohle betrieben. Der Standort Tullnau war gut geeignet, weil die Versorgung mit Kohle durch die benachbarten Bahnlinien gewährleistet war, genug Wasser zum Speisen der Dampfkessel zur Verfügung stand und Platz für spätere Erweiterungen war. Das Kraftwerk verfügte anfangs über drei Einphasenwechselstrommaschinen von Schuckert zu je 230 kW, also zusammen 690 kW. Die drei Dampfmaschinen von MAN leisteten je 500 PS. Das Netz wurde mit 2.000 V gespeist.[1]

Schnittmodell im Deutschen Museum

Die Starkstromabteilung des Deutschen Museums in München stellt das Kraftwerk als Beispiel der frühen Wechselstrom-Elektrifizierung heraus. Ein Schnittmodell zeigt den Zustand zur Inbetriebnahme, eine Schautafel seine Geschichte und das Verteilnetz innerhalb Nürnbergs.[3]

Bereits während der Bauzeit wurde ein vierter Maschinensatz bestellt, der die Leistung auf 920 kW steigerte. Ende 1896 waren bereits 1.102 Stromabnehmer angeschlossen, die 26.955 Glühlampen, 545 Bogenlampen und 123 Motoren betrieben. Durch weitere Ausbauten erreichte die Gesamtleistung schließlich 3.050 kW ab 1900.[1]

Stilllegung und Nachnutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entwicklung der Stromabnahme von 1896 bis 1912

Die beiden Nürnberger Kraftwerke konnten den weiter steigenden Bedarf schließlich nicht mehr decken. Deshalb gründeten die Stadt Nürnberg (mit 51 % der Aktien), Fürth (23 %) und die Elektrizitäts-Aktiengesellschaft vormals Schuckert & Co. (26 %) im Jahre 1911 die Großkraftwerk Franken AG. Nach der Inbetriebnahme von deren Kraftwerk in Gebersdorf am 19. April 1913 wurden die beiden Nürnberger Kraftwerke stillgelegt. Das neue Kraftwerk hatte nach der ersten Ausbaustufe 1914 mit über 24.000 kW genug Leistung, um weite Teile Mittelfrankens zentral zu versorgen.[4]

Die Gebäude in der Tullnau wurden weiterhin von den Städtischen Werken Nürnberg für betriebliche Zwecke genutzt. Unter anderem befand sich hier das "Kabelmuseum", eine technikgeschichtliche Sammlung, die mittlerweile an das Museum Industriekultur übergeben wurde.[5]

Heutiger Zustand: Die weißen Wände ersetzen die früheren Innenwände zum Kopfbau und zum Kesselhaus

Im Zuge der Entwicklung des Tullnau-Parks, bei der der benachbarte Milchhof trotz Denkmalschutz abgerissen worden war, hat der Investor Dibag auch das Elektrizitätswerk erworben. Die bis dahin baulich erhalten gebliebene Gesamtanlage eines frühen Elektrizitätswerks steht nicht unter Denkmalschutz. Kesselhaus, Kopfbau, Dynamohalle und Dienstwohngebäude wurden 2011 abgerissen, Nur die Dynamohalle blieb erhalten. Sie wurde saniert und für die heutige Nutzung durch einen Kindergarten und ein Restaurant umgebaut.[6][7][8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Manfred Hahn: 100 Jahre Strom in Franken. wek-Verlag Treuchtlingen, Berlin 2014. ISBN 978-3-934145-94-8. Seite 25 ff.
  • Siegfried Kett: Erhellung und Beschleunigung. Nürnbergs Rolle in der Elektrogeschichte. Schrenk Verlag Röttenbach 2016. ISBN 978-3-924270-83-4. Seite 146 ff.
  • Steven M. Zahlaus: Die Tullnau (Teil II): Mehr Licht! – Das erste Elektrizitätswerk Nürnbergs in städtischer Trägerschaft. in: Norica. Berichte und Themen aus dem Stadtarchiv Nürnberg 12 (2016), ISSN 1861-8847

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Kraftwerk Tullnau – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Manfred Hahn: 100 Jahre Strom in Franken. wek-Verlag Treuchtlingen, Berlin 2014. ISBN 978-3-934145-94-8. Seite 25 ff.
  2. Robert Binder: Der Stadtverkehr in Nürnberg und Fürth von 1881 bis 1981, VAG Verkehrs-Aktiengesellschaft Nürnberg 1986, Seite 34 ff.
  3. Entwicklung der Wechsel- und Drehstromtechnik auf der Website des Deutschen Museums
  4. Manfred Hahn: 100 Jahre Strom in Franken. wek-Verlag Treuchtlingen, Berlin 2014. ISBN 978-3-934145-94-8. Seite 80 ff.
  5. Nürnbergs erstes Elektrizitätswerk auf www.nuernberginfos,de (private Website)
  6. Baubeginn in der Tullnau, Nürnberger Zeitung vom 17. November 2011
  7. Zukunft des E-Werks in der Tullnau ist gesichert, nordbayern.de vom 11. März 2014
  8. Das Spielzeughaus, Artikel des Nürnberger Stadtanzeigers vom 11. März 2017 über den Umbau als PDF mit Fotos auf der Webseite der Architekten Hübsch + Harlé

Koordinaten: 49° 26′ 58,9″ N, 11° 6′ 11,6″ O